Zur Geschichte der Meister Eckhart-Ausgabe


Prolog
1932
1933 - Eckhart-Kommission
1934 - MEOL, Rosenberg
1935 - Prospekt, Kindt, Tagung, Meiner, Vermischtes
1936 - Kohlhammer
1937 - Remarques
1938 - Pahncke, Fabeck / Kolbenheyer / Nishitani
1939
Hs. Brügge, Sonstiges - 1940 - 1943
Epilog
Errata

Allgemein

Manchmal bin ich schon erstaunt, daß ein Projekt, das einmal aus dem Impuls heraus entstanden war, die neuen HTML-Möglichkeiten auszutesten, solange andauert. Jedenfalls hätte ich mir im Herbst des Jahres 1999 nicht träumen lassen, ein Vierteljahrhundert später immer noch damit beschäftigt zu sein.

Ich kann mir vorstellen, daß es den Mitgliedern der "Eckhart-Kommission" ähnlich ging, als sie sich bzgl. "der lateinischen Schriften" am 30. Oktober 1933 das Ziel setzten, die Ausgabe "in höchstens 2 Jahren abzuschließen" [E-Ausgabe, S. 48]. Im Dezember 1938, nachdem bereits neun Lieferungen erfolgt waren (3 der deutschen und 6 der lateinischen Werke), zeigte sich Benz optimistisch, "in zwei bis drei Jahren (..) die fertige Gesamtausgabe (..) überreichen zu können" [E-Ausgabe, S. 192] und noch 1953, nachdem weitere 5 Lieferungen erfolgt waren und noch kein einziger der ursprünglich veranschlagten 8 Bände (6 lateinische, 2 deutsche) fertig vorlag, glaubte Weiß, die Textedition der lateinischen Texte würde "im Jahre 1959" abgeschlossen sein [E-Ausgabe, S. 250]).

Es ist ja nicht so, daß eine lange Editionslaufzeit von hier 88 Jahren (1936-2024) etwas Besonderes darstellt. Als ein Beispiel aus der langen Liste der schon seit Ewigkeiten laufenden und noch lange nicht abgeschlossenen Editionen sei nur die Leibniz-Ausgabe genannt, deren erster Band 1914 erschien und deren Dauer noch bis mindestens 2050 veranschlagt wird (Stand 2007).
  Es hatte mich quasi von Anfang an interessiert, wie es denn zu der Eckhart-Ausgabe gekommen war und wollte das im Kontext der Wirkung darstellen. Da mir aber damals (Juni 2001) nur die Angaben von Degenhardt und Schaller sowie die spärlichen Aussagen in einigen Vorworten der DLW zur Verfügung standen, verschob ich das auf später.
  Dabei hätte mir allerdings auffallen können, daß, wenn Weiß in seinem Artikel "Die Seelenmetaphysik des Meister Eckhart" im 4. Heft der ZKG 52 von 1933 auf die "unlängst gegründete 'Meister-Eckart-Kommission'" hinweist und als Datum "Abgeschlossen am 10. Oktober 1933" setzt, die Behauptungen von Koch ("Sitzung der Notgemeinschaft", LW IV, 1956, S. VII) und Quint ("Inangriffnahme", DW I, 1958, S. VII), die Gründung hätte 1934 stattgefunden, nicht zutreffen konnten [E-Ausgabe, S. 252]. Tatsächlich wird das Datum 18. Juli 1933 m.W. erstmals in dem Band "Meister Eckharts Rezeption im Nationalsozialismus. Studien zur ideologischen Ambivalenz der ‚deutschen‘ Mystik " von Maxime Mauriège und Martina Roesner aus dem Jahre 2022 genannt.

Jedenfalls sollte es 24 Jahre dauern, bis das Thema plötzlich wieder aktuell wurde (mehr dazu im Vor- und Nachwort des Buches). Mit der hier vorliegenden Seite möchte ich einige der Themen ansprechen und dazu teils zusätzliche Informationen zur Verfügung stellen sowie auf die Auseinandersetzungen der beiden Konfessionen mit der "Deutschen Glaubensbewegung " eingehen (Tagung, Hjelde), die im Buch keine Rolle spielen. Außerdem kann ich so die wohl leider immer notwendigen Errata nachreichen.

Berlin, den 16. Juni 2026

Prolog

 

Der Band beginnt - passenderweise, wie ich finde - mit einem Zitat von Loris Sturlese, dem Herausgeber der lateinischen Werke in der Nachfolge Josef Kochs, das erste nachweisliche Lebenszeichen Eckharts betreffend. Natürlich kam mir die Idee erst nach Abschluß der Arbeit, weshalb sich prompt zwei Fehler einschlichen (s. Errata).

Es folgt eine Liste der lateinischen Handschriften, die zu Beginn der Edition bekannt waren, und der Drucke, die für die Ausgabe der deutschen Werke relevant sind. Auf die Liste der deutschen Hss. habe ich verzichtet. Dann stelle ich die wichtigsten Arbeiten vor, die den Ruf nach einer verbindlichen Gesamtausgabe im Laufe der Zeit immer häufiger erschallen ließen. Als da wären: Pfeiffer (1857 - deutsche Texte), Denifle (1886 - lateinische Texte), Büttner (1903, 1909 - Übersetzung), Daniels (1923) und Théry (1926) - Responsio, Grabmann (1926) und Longpré (1927) - Quaestionen, Karrer (1927 - Üb. der Responsio), Théry (1928/29 - Ed. des Sapientiakommentars) und schließlich Rosenberg (1930). Letzterer trägt zwar inhaltlich nichts bei, sorgt aber durch die zunehmende Verbreitung seines "Blut-und-Ehre-Eckharts" (Auflagen: 2. 1931, 3. 1932, 5.-16. Tsd. 1933, 27.-36. 1934 usw.) dafür, daß der Name "Meister Eckehart" in der Öffentlichkeit bekannter wird als jemals zuvor und wahrscheinlich auch danach.

In dieser kurzen Autorenliste bleiben natürlich etliche Arbeiten außen vor, die vor allem für die deutschen Werke wichtig waren wie Sievers Ausgabe des "Paradisus anime" (1872) nach der Hs. O, Jundts Ausgabe nach Str3 (1875) oder die von Jostes nach N1 (1895). Auch hätte ich hier noch Spamer nennen können (1909) oder Pahncke mit seinen diversen Arbeiten zur Echtheit der Predigten sowie die weiteren Übersetzungen von Bernhart (1914), Lehmann (1919) oder Schulze-Maizier (1927) usw. usf. Allein im 19. Jahrhundert sind knapp 350 Titel erschienen, in den Eckhart von der bloßen Erwähnung bis zur alleinigen Beschäftigung mit ihm eine Rolle spielt. Und in den ersten drei Jahrhzehnten des 20. Jahrhunderts bis zur Arbeitsaufnahme der "Eckhart-Kommission" sollten weitere 400 hinzukommen.

Erwähnung finden sollte vielleicht noch Otto Karrers "Meister Eckehart. Das System seiner religiösen Lehre und Lebensweisheit" aus dem Jahr 1926, das für viele Diskussionen sorgte. Karrer stellte darin aus den deutschen und lateinischen Quellen übersetzte Zitate bzw. Textauszüge zu von ihm vorgegebenen Themen zusammen und erstellte damit quasi eine "Blütenlese". Das Ergebnis wurde unterschiedlich aufgenommen. Die Reaktionen reichten von überwiegender Zustimmung bis zur überwiegender Ablehnung.

Einer seiner schärfsten Kritiker war Josef Koch, der ihm in mehreren Beiträgen u.a. Ungenauigkeiten bzw. falsche Übersetzungen nachwies. Karrer reagierte auf alle Kritiken reichlich verschnupft und hielt sich auch mit persönlichen Animositäten nicht zurück. So beendete er eine Antwort auf Koch mit dem Satz: "Man wird nun verstehen und billigen, daß ich künftig einem solchen Kritiker überhaupt nicht mehr antworte" (Theologie und Glaube 20,3 (1928), S. 397), was Koch im gleichen Heft mit "Gewiß, Herr Karrer, man wird das verstehen und billigen" parierte (S. 401). Dem Vernehmen nach soll Karrer sehr daran interessiert gewesen sein, an der Edition mitzuarbeiten. Das er nicht dazu eingeladen wurde, nimmt nach diesem Vorspiel nicht wunder.

1932

 

Ab diesem Jahr bzw. auch schon für die Jahre 1930 und 1931 (Prolog) versuche ich, den Ablauf der Ereignisse zu rekonstruieren. Dazu bin ich auf die Aussagen der Zeitzeugen angewiesen, die die Geschehnisse jedoch erst später notiert haben: Meiner hauptsächlich 1935, Klibansky über ein halbes Jahrhundert später (in der Darstellung von Calogero, der seine Informationen wahrscheinlich von ihm bezog, von Ende 1934) und Seeberg im Wesentlichen in seinem Artikel von 1937. Inwieweit ihre Aussagen den Tatsachen entsprechen, kann ich nicht überprüfen. Vielleicht helfen da ja die Archive von Koch, Quint und Weiß weiter, die mir nicht zur Verfügung standen.

Ich vermute, daß sich hinter dem Autorenkürzel "G. C.", dessen Beitrag vom Nov./Dez. 1934 ich ausführlich zitiere, der Antifaschist und Briefpartner Klibanskys, Guido Calogero , verbirgt. Gestützt wird diese Vermutung auch von Maria Teresa Morreale, die in ihrem Artikel "Per la storia della filologia eckhartiana" (1960, S. 171 n. 75) den Beitrag als von G. Calogero stammend referenziert.
  Ein "G. C." veröffentlichte 1927 beide Bände Büttners in italienischer Übersetzung, dessen Qualität von Théry so beurteilt wurde: "La traduction italienne de quelques sermons d'Eckhart, ne nous donne plus l'impression de vivacité et de force qu'on éprouve en lisant l'original allemand ; la langue a perdu tout relief ; la construction grammaticale qui nous heurte dans sa forme primitive, et qui, en nous heurtant, force notre attention, est devenue, en italien, une construction régulière et normale. Les phrases se développent, dans cette traduction, monotones et sans vie. Un Eckhart en italien est presque inconcevable !" (RSPT 19,3 (1930), 597).

Das Jahr 1932 ist ab dem Herbst (bis zum Frühjahr 1933) vor allem geprägt von der Auseinandersetzung um die Ausgabe der lateinischen Werke zwischen der Heidelberger Akademie der Wissenschaften (die bereits die Cusanus-Ausgabe herausbrachte), vertreten durch Ernst Hoffmann und Raymond Klibansky auf der einen und den Herren Seeberg (Vater und Sohn) und Konrad Weiß (Berlin) sowie Bernhard Geyer und Josef Quint (Bonn) auf der anderen Seite.

Am 13. August 1932 eröffnet Karl Hüllweck (Eckehart als Künder der Religion des Blutes? Zu Rosenbergs "Mythus des 20. Jahrhunderts" ) in der Zeitschrift "Die Christliche Welt" (Nr. 46 Heft 16, Sp. 731-735) die Auseinandersetzung mit Rosenberg aus protestantischer Sicht. Er beschließt den kleinen Beitrag mit den Worten: "Es brauchte keine Feder um dieser Arbeit willen gerührt zu werden, wenn Rosenberg nicht einen immensen Einfluß - als Vorsitzender des Kampfbundes für deutsche Kultur - gerade auf die heutige Jugend hätte. Um ihretwillen muß die Auseinandersetzung (..) geführt werden. Allerdings - wird man überhaupt noch hören wollen?"

1933

 
Eckhart-Kommission
Die Machtübernahme der Nationalsozialisten ändert die Lage grundlegend. Auf zwei Reisen nach Rom im März und Juni kommt Klibansky in Kontakt mit Gabriel Théry O.P., der dort das Historische Institut der Santa Sabina leitet. Dieser offeriert ihm den Plan einer lateinischen Edition unter Federführung des Instituts. Verlegt werden soll die Ausgabe von Felix Meiner in Leipzig, der bereits die Cusanus-Ausgabe herausbrachte.

Am 7. April werden Klibansky und 14 weiteren Heidelberger Professoren die Vorlesungserlaubnis entzogen. Im gleichen Monat trifft er mit Heinrich Rickert , dem "Nestor der Philosophen" zusammen und zeigt sich entsetzt über dessen Rückgratlosigkeit gegenüber den Nationalsozialisten (Raymond Klibansky, Aus dem Heidelberger Geistesleben. Autobiographische Anmerkungen, in: Elmar Mittler (Hg.), Heidelberg. Geschichte und Gestalt, Heidelberg, Winter, 1996, S. 270-282, hier: 279).
  Auf die Frage von Rickert "Was hätte denn ein solcher Widerspruch genützt?" erwiedert Klibansky: "Herr Professor, wir haben in Ihren Vorlesungen gelesen, daß für die deutsche Philosophie das Postulat kennzeichnend ist, eine Sache um ihres inneren Wertes willen zu tun und nicht aufgrund ihres Nutzens, und daß sie sich eben dadurch vom französischen Rationalismus, vom englischen Utilitarismus und vom amerikanischen Pragmatismus unterscheidet. Sollte etwa in dieser kritischen Situation die Frage nach dem Nutzen für das Handeln ausschlaggebend sein?' Diese Episode ist ein Beispiel dafür, wie sehr sich bei den meisten akademischen Lehrern die Ideale, die sie in ihren Vorlesungen und ihren Schriften verkündeten, von ihrem persönlichen Verhalten unterschieden, das Mut erforderte. In der Theorie hatte man die Autonomie des Individuums und seine Freiheit in den höchsten Tönen gepriesen; in der Praxis jedoch beherrschte der Wille desjenigen, der die Macht innehatte, das Verhalten und in nicht wenigen besonders charakteristischen Fällen die Überzeugungen."

Man beachte in diesem Kontext die Situation an den amerikanischen Universitäten nach Trumps "Machtübernahme".

Nachdem Ernst Hoffmann der NDW (Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft) am 20. Juni mitgeteilt hatte, daß Klibansky als Herausgeber der von der Heidelberger Akademie (immer noch) eher gedachten als geplanten Gesamtausgabe nicht mehr in Frage kommt, findet in Berlin am 14. Juli die konstituierende Sitzung der "Meister-Eckhart-Kommission" statt [E-Ausgabe, S. 39-41 und Anhang I]. Hier das Exemplar aus Quints Ordner (BA 73/13757).

Die Akten der NDW bzw. DFG (Deutsche Forschungsgemeinschaft) enthalten auch die Unterlagung über die Stipendien, also wer wann für wie lange Beihilfen erhielt. Dieser lag im Durchschnitt bei 200 RM. Nimmt man das Kaufkraftäquivalent von 5,5 Euro für eine Reichsmark (Berechnung der Bundesbank Jan. 2025), dann entspricht das 1.100 Euro. Dafür kann man heute nicht mal mehr die Miete bezahlen. In Anbetracht der Arbeit, die die meisten Beteiligten in die Edition investierten, kann man nur von einem Taschengeld sprechen.

Im August flieht Klibansky aus Deutschland. Im Oktober erscheint nebenstehende Anzeige in den "Dissertationes Historicae" (Fasc. II), herausgegeben vom Institutum Historicum Fratrum Praedicatorum Romae ad S. Sabinae.

Damit ist der "Streit um die Eckhart-Ausgaben" offiziell eröffnet [Seeberg, 19.11.33; Meiner, 18.2.35; E-Ausgabe, S. 49. 79 ff.]. Die Nachricht verbreitet sich schnell in den Zeitungen und Zeitschriften des In- und Auslandes und wird z.B. von Hans Barth in der NZZ vom 14. Oktober 1933 aufgegriffen.

Die Antwort der Kommission erfolgt am 19. November in der deutschen Literaturzeitung als anonyme "Notiz". Darin heißt es u.a. unter Verweis auf den Artikel von Barth: "Hiernach mußte der Eindruck entstehen, als ob die in Deutschland geleisteten Vorarbeiten für die Herausgabe des Deutschen Eckhart durch die auf Grund des Ariergesetzes erfolgte Übersiedlung des Heidelberger Privatdozenten Klibansky nach Paris der deutschen Wissenschaft verloren und in die Hände des französischen Dominikaners Théry übergegangen seien. In Wahrheit waren jedoch Vorarbeiten schon seit längerer Zeit in Berlin, Breslau und Bonn geleistet worden" (54,47, Sp. 2253) [E-Ausgabe, S. 49-51]. Auch diese Nachricht wird mehrfach teils gekürzt in unterschiedlichen Zeitungen und Zeitschriften abgedruckt.

Ebenfalls im August veröffentlicht Yoshiitsu Miyagawa (宮川 義逸) in der Stadt Hirosaki privat eine 36-seitige Studie "Über die Seele bei Eckhart" (エックハルトに於ける「たましひ」について). Es ist dies die zweite japanische Arbeit nach Kiyoshi Takemuras (竹村 清), dessen Beitrag über "Eckhart und die deutsche Mystik" (エックハルト及獨逸神秘主義) zwei Jahre zuor in Tokio bei Shinseido erschienen war.


Niederschrift vom 14. Juli 1933


Ankündigung der MEOL

1934

 
Rosenberg
MEOL
Für den Eckhart-Rezeptionisten sind es vor allem zwei Dinge, die in diesem Jahr besonders hervorstechen. Das eine ist natürlich das Erscheinen des ersten Heftchens der Magistri Eckardi Opera Latina, das von Meiner am 11. Juni stolz im Börsenblatt verkündet wird: "Bei mir beginnen zu erscheinen" und nach den angekündigten 14 Tagen tatsächlich am 25. Juni ausgegeben wird.
  Obwohl es sich nur um ein schmales Faszikel von knapp 30 Seiten (13 S. Prefatio und 17 S. Edition des Pater noster "Super oratione dominica") im Format 15,5 mal 24 cm handelt, wird das Erscheinen im In- und Ausland mit nahezu einhelliger Zustimmung begrüßt und übertrifft mit über 30 Besprechungen sogar die erste Ausgabe einer Übersetzung von Büttner 1903, was nicht zuletzt darauf zurückzuführen ist, das eine Edition der lateinischen Schriften seit Jahren, wenn nicht seit Jahrzehnten sehnlichst erwartet wird.
  Auffallend, wer die Ausgabe nicht bespricht: Die Mitglieder der Eckhart-Kommission bis auf Seeberg. Und auch er hat Schwierigkeiten, etwas negatives zu finden.

Im Herbst erscheinen mehrere Publikationen, in denen auf die kommende "deutsche" Eckhart-Ausgabe verwiesen wird, angeführt von Erich Seeberg mit seinem "Meister Eckhart"-Vortrag, den er vor der Deutschen Philosophischen Gesellschaft gehalten hatte und den Weiß kurz skizziert: "S. handelt über Eckharts Lehren vom Sein, von Gott (Trinität), von der Seele, von der Erkenntnis, von der Gnade, von der Wiedergeburt und über Eckharts Ethik (..) S. gibt allem eine neue Prägung, indem er alle diese Lehren neuplatonisch versteht" (DLZ 56,2 (13.1.1935), 49-52, hier: 50). Seeberg selbst fasst seine Thesen in zwei kürzeren Artikeln (in "Das Evangelische Deutschland" vom 18. Nov. und "Forschungen und Fortschritte" vom 10./20. Dez.) zusammen, wobei er insbesondere gegen den "Pantheismus Eckharts" vorgeht, der von der Deutschen Glaubensbewegung vertreten wird. Sein Vortrag wird später nochmal Thema werden, da dieser auf teils heftige Kritik stößt.
  Begleitet wird er von Konrad Weiß, der ihm im "Berliner Tageblatt" am 18. Nov. zur Seite steht und in einem Artikel in "Christentum und Wissenschaft" im November, in dem er den Stand der Eckhartforschung referiert und einen Überblick über die Literatur dazu gibt.
  Ungleich umfangreicher mit ausführlichen bibliographischen Angaben unternimmt das auch Adolf Spamer in einem wissenschaftlich einwandfreien Beitrag auf fast 50 Seiten ("Die Mystik" in der Festschrift für Otto Behaghel, Heidelberg, Winters, 1934), der noch heute sehr lesenswert ist. Von ihm (Kürzel: A. S.) stammt wohl auch der Artikel in der "Germania" vom 16. Dez. "Meister Eckhart aus seinen Werken. Von der Arbeit an der großen Gesamtausgabe" über einen Vortrag Josef Kochs vor der Vereinigung katholischer Akademiker, der von internen Kenntnissen aus der Eckhart-Kommission zeugt.
  Am 5. November kündigt die "Reichsstelle zur Förderung des deutschen Schrifttums" die "Deutsche Gesamtausgabe der Werke Meister Eckarts" an. [E-Ausgabe, S. 62-64]


Anzeige Meiner

Rosenberg

Ebenfalls im Herbst nimmt das zweite große Thema Gestalt an: Die Auseinandersetzung mit Rosenberg von evangelischer wie katholischer Seite. Bereits im Juni beschäftigte sich der ev. Pfarrer Heinrich Hüffmeier im Kapitel "Blut und Ehre" mit der einschlägigen Stelle bei Rosenberg: "Und an anderer Stelle sagt dann Eckehart (über Matthäus 10,28): 'Das Edelste, was am Menschen ist, ist das Blut – wenn es recht will. Aber auch das Ärgste, was am Menschen ist, ist das Blut – wenn es übel will.' Damit ist das letzte ergänzende Wort ausgesprochen worden. Neben dem Mythus von der ewigen freien Seele steht der Mythus, die Religion des Blutes. Das eine entspricht dem anderen, ohne daß wir wissen, ob hier Ursache und Wirkung vorliegen. Rasse und Ich, Blut und Seele stehen im engsten Zusammenhange, für einen Bastard taugt Meister Eckeharts Lehre nicht, ebensowenig fur jene fremdartige Rassenmischung, die von Osten in das Herz Europas eingesickert ist und das untertänigste Element Roms ausmacht" (Mythus, S. 257f. - Kopfzeilen: "Eckehart an unsere Zeit / Die Religion des Blutes").
  Nach den einleitenden Worten: "Die Stunde der Auseinandersetzung ist gekommen. Der Kampf um die höchsten Werte und ihre Geltung hat begonnen" (S. 42) führt Hüffmeier aus: "Zudem hat Eckehart gerade diejenigen Gedanken, die Rosenberg und dessen Freunde entzücken, keineswegs etwa aus den Tiefen seines deutschen Blutes geschöpft. Im Gegenteil! Ausgerechnet von s e m i t i s c h e n Lehrmeistern, einem Averroes, einem Ibn Gabriol, einem Moses Maimonides hat er sie weithin wörtlich entnommen (..). Es ist nichts mit der Behauptung, daß die Mystik typisch deutsch sei. Ihren Zauber hat sie längst vorher im Orient ausgebreitet" (Evangelische Antwort auf Rosenbergs Mythus des 20. Jahrhunderts , Berlin, Kranz, 1934, S. 44)

Endlich - nachdem durch Kardinalsbeschluß vom 9. Februar der "Mythus" verdammt und auf den Index der verbotenen Bücher gestellt worden war (spöttisch kommentiert in "Deutscher Glaube", Februar 1935 , S. 47: "Übrigens haben fromme und kluge Katholiken längst einen Weg zur Umgehung dieses Leseverbotes gefunden: Sie lassen sich das Rosenbergsche Buch vorlesen. Sich vorlesen lassen ist dann nämlich keine Sünde mehr.") - bezieht auch die Katholische Kirche offiziell Stellung. Mit Datum vom 23. Oktober erscheinen die "Studien zum Mythus des XX. Jahrhunderts" in Berlin (in Seitenzahl unterschiedl. Aufl.) sowie im November in den Bistümer Köln und Münster (herausgegeben von dem Erzbischöflichen Generalvikariat). Bereits im Dezember erscheint eine zweite "verbesserte Ausgabe", bestehend aus drei Teilen: I. Zur Geschichte der Kirche, II. Zur Heiligen Schrift und III. Zum Eckehart-Problem - ohne Nennung der Autoren, aber mit dem Hinweis: "Deutsche Fachgelehte (..) geben Aufklärung". Seine Auseinandersetzung mit der "Religion des Blutes" beginnt der Verfasser des III. Teils (wahrscheinlich Bernhard Lakebrink ) mit einem Zitat:
  "In seiner Verteidigungsschrift spricht der Meister von den 'vielen Broten, die auf den verschiedenen Altären gewandelt werden in den wahren einzigen Leib des Herren selbst, der empfangen und geboren aus Maria der Jungfrau, gelitten unter Pontius Pilatus. Mögen zurückbleiben auch die geeinzelten Gestalten, unser Geist wird angenommen in Gnade, und wir werden geeint dem wahren Sohne Gottes, wir werden Glied des einzigen Hauptes der Kirche, das da ist Christus‘" (Berliner Ausgabe [BA], S. 99 bzw. 100; Verb. ND Köln, S. 133) und fährt fort: "Das ist Meister Eckehart! Und hier ist er unser. Wer könnte daran zweifeln? Kann man wirklich diesem Manne noch eine „Religion des Blutes“ zusprechen? Soll nicht alles das, was Eckehart uns bisher zu sagen hatte, eitel Lüge sein, so ist eine solche Inanspruchnahme ein völliges Unding. Wer noch irgend Sinn für ein Ganzheits- bzw, Gestalterfassen in geistesgeschichtlichen Dingen hat, für den ist so etwas aber auch ganz und gar unmöglich" (BA 99/100, Köln 134). Nach etlichen Erklärungen schließt er:
  "Ist so das Blut jenem Eckehartschen Bedingungssatz (wenn es gut will!) gerecht geworden, dann ist es der edelste Lebensträger in der Hierarchie der vitalen Kräfte.
  Aber... (und diese Antithese steht gleichgeordnet daneben, so daß man sie doch keineswegs übersehen darf!) eben dieses selbe Blut ist sofort das „ärgste“, wenn es in Auflehnung wider den Geist steht, und andererseits das Fleisch in Verkehrung und Unordnung wider das Blut revoltiert, „das Fleisch dem Blute obsiegt“. Denn das Wesen aller Sünde ist die Aufhebung des geordneten Spannungsausgleichs innerhalb der vital-geistigen Hierarchie. Sünde ist nach Eckehart und der gesamten Scholastik Perversion, Unordnung im vitalen und geistigen Bereich, denn das eine ist im anderen ihm organisch eingefügt. So will Meister Eckehart verstanden sein; denn nur dann kommen alle seine Sätze zur Geltung und brauchen nicht erst mit Sperrdruck und schamhaft-verschwiegenen Elisionen Prokrusteskuren durchzumachen, ehe sie sich willig für Gobineau und Chamberlain mißbrauchen lassen.
  Es ist im Grunde aber der radikale Stilgegensatz zwischen dem christlichen Denken und dem mechanistisch-evolutionistischen der Moderne überhaupt, der hier aufbricht. Das letztere möchte denn auch unsern Meister Eckehart für sich reklamieren
" (BA 101/102, Köln 136). Zu Beginn des 2. Abschnittes "Beziehung von Gott und Mensch" beschäftigt Lakebrink der wohl berühmteste Abschnitt aus Pf. Pr. 87, zu dem Quint anmerkte: "Völlig sinnlos sind die Übersetzungen von Büttner und Lehmann, die den Unsinn ihrer Übertragungen durch Sperrungen noch verschlimmern" (1932, S. 789) und aus dem Rosenberg wesentliche Teile seiner (Fehl)-Interpretationen bezog. Er erstellt einen durch Quints Textbesserungen saubereren mhdt. Text und eine Übersetzung davon (BA 84/85 ff., Köln 117 ff.).

Internet Archive

Auch der Paderborner Domprobst Paul Simon äußert sich im Oktober zur "Religion des Blutes": "Daß das Mittelalter vom Blut nicht im Sinne des biologischen Phänomens redet, ist für jeden, der das Mittelalter kennt, absolut klar. Wenn Eckehart sagt: 'Kein Gefäß kann zweierlei Trank in sich bergen: soll es Wein enthalten, so muß man das Wasser ausgießen, daß auch nicht mehr ein Tropfen bleibt', so kann nur jemand, der vom Mittelalter nicht die mindeste Ahnung hat, behaupten, dieses Wort beziehe sich auf Blut und Rasse" (Mythos oder Religion , Paderborn, 1934, S. 68).

Schließlich ist da noch die Aussage Rosenbergs: "Eckeharts Erklärung wurde ganz folgerichtig von den frommen Inquisitoren als 'leichtfertig' zurückgewiesen. Ehe er aber zum Papst fahren konnte, starb er. Ob eines natürlichen Todes, oder durch Nachhilfe mit einem Pülverchen, ist unbekannt geblieben" (Mythus, S. 254).
  Dazu merkt Lakebrink an: "Wenn R., ohne die Spur eines historischen Anhaltspunktes 'von Nachhilfe mit einem Pülverchen' (..) spricht, so mag das den Grad der Objektivität beleuchten, mit der er in diesen Dingen zu sehen gewohnt ist" (BA 103/104, Köln 138) oder, wie es ein "Odtt." in den "Neue Zürcher Nachrichten" am 13. November formuliert: "In der ganzen Literatur findet sich nicht die leiseste Andeutung oder Vermutung eines gewaltsamen Todes. Es blieb dem Haß Rosenbergs vorbehalten, den hochgeehrten in seinem Kloster in Köln Verstorbenen mit einem Giftmord in Verbindung zu bringen" (Rosenbergs Kirche des Mittelalters II. , Nr. 308).

Odtt. dürfen wir auch getrost das Schlußwort zum Thema Rosenberg überlassen: "Rosenberg biegt Geschichte nach Belieben um, oft in naivster Weise, nur im Gesichtswinkel seiner Tendenz. Seine Kronzeugen sind meist nicht ernsthafte Historiker-, sondern Hintertreppen-Chronisten und Sensationsmacher. Quellenmäßige Arbeit kann man ja von ihm schon gar nicht verlangen. So wird ihm schlagend nachgewiesen, daß seine Behauptung von nationalkirchlichen Tendenzen unter Otto I. historisch absolut unrichtig und der Konflikt zwischen den deutschen Bischöfen und dem 'volkslosen römischen Zentralismus' ein Hirngespinst ist. - Schon dieses Exzerpt mag genügend erweisen, daß Rosenberg kein Historiker, sondern eher ein Hysteriker, ein Hysteriker des Hasses und des Fanatismus ist, den die deutsche Geschichtswissenschaft allermindestens in großem Bogen umgeht, wenn sie ihn schon nicht als Falschmünzer anprangern darf."

Eine skurrile Anekdote kann man dem "Fränkischen Kurier" Nr. 83 vom 25. März 1935, mitgeteilt in "Der Evangelist" 86,15 (14.4.1935), S. 13, entnehmen:
"Die Polizeidirektion Nürnberg-Fürth gibt bekannt: Die vor einigen Tagen erfolgte Mitteilung einer hiesigen Tageszeitung über ein Eingreifen der bayerischen Staatspolizei gegen die aufreizende Behandlung des Rosenberg-Werkes 'Mythus des 20. Jahrhunderts' hat zu zahlreichen Anfragen bei der Polizeidirektion Nürnberg-Fürth geführt. In Beantwortung dieser Anfragen wird mitgeteilt, daß künftighin sowohl in öffentlichen wie in geschlossenen Versammlungen jeder Angriff gegen das Rosenberg-Werk 'Mythus des 20. Jahrhunderts' zu unterbleiben hat, da durch die Behandlung in der bisher gepflogenen Art Gefährdung der öffentlichen Ruhe und Sicherheit bereits eingetreten sind."

Nachdem Rosenberg zum "Beauftragten des Führers für die Überwachung der gesamten geistigen und weltanschaulichen Schulung und Erziehung der NSDAP" ernannt wurde, wird im "Amt Rosenberg " am 16. Dezember "eine Akte zu Meister Eckhart angelegt (Sign. IX 5). Gesammelt werden hauptsächlich Zeitungsartikel (teilweise abgetippt). Daneben enthält sie vereinzelte maschinenschriftliche Seiten, Karteikarten und Photokopien von Drucken und Vorabdrucken. Der letzte abgetippte Zeitungsartikel datiert auf den 23. April 1939. Bis dahin wird mehrfach versucht, die Sammlung durchzunummerieren, und zuletzt nach dem 23. April durchgestempelt vom obersten Blatt (23.4.39 = Nr. 1) bis zum ersten (16.12.34 = Nr. 117). Zwei Blatt erhalten dabei keinen Stempel und die Nr. 103 wird nicht vergeben. Das Bundesarchiv erstellt insgesamt 147 Scans, das Deckblatt inklusive" [E-Ausgabe, S. 68].
  Das Digitalisat der Akte ist im Bundesarchiv online abrufbar . Unter der Archivsignatur NS 15/599 kann man sich das "Digitalisat anzeigen" lassen.

Am 28. Dezember beginnt mit einem Schreiben der NDW (i.V. Wildhagen) an den Herrn Präsidenten der Reichsschrifttumskammer eine Kampagne gegen Meiner, der dieser letzten Endes unterliegen wird. Unter dem Vorwand, dieser hätte die "Auffassung verbreitet, die von der Forschungsgemeinschaft vorbereitete Ausgabe sei ein unnötiges Doppel- und Konkurrenzunternehmen", fordert sie: "Wenn schon das in der Hand von französischen und jüdischen Gelehrten liegende Konkurrenzwerk in einem deutschen Verlage erscheint, so muß verhindert werden, daß dafür eine der deutschen Ausgabe und dem deutschen Ansehen schädliche Propaganda entfaltet wird. Unseres Erachtens kann die weitere Verbreitung der im Verlag Meiner erscheinenden Dominikaner-Ausgabe nur dann gestattet werden, wenn der Verlag darauf hinwirkt, daß im Zusammenhang mit dieser Ausgabe alle mittelbaren und unmittelbaren Angriffe auf die Forschungsgemeinschaft unterbleiben" [E-Ausgabe, S. 69f.].

1935

 
Kindt    Tagung    Meiner    Vermischtes   

Prospekt
Am 22. Januar erscheint im Börsenblatt eine Anzeige und parallel dazu ein: "10-seitiger Prospekt des Kohlhammer Verlages mit dem Titel: „Einladung zur Subskription“. Im Einleitungstext „Eckhart von Hochheim“ schreibt Seeberg: „Nun ist im Verlage Meiner eine Ausgabe der lateinischen Schriften des Meister Eckhart von R. Klibansky und G. Théry O.P. angekündigt, deren erster Faszikel soeben erschienen ist. Wenn wir hier mit einer Gesamtausgabe an die Öffentlichkeit treten, die ebenfalls die lateinischen Schriften umfaßt, so bedarf das eines Wortes der Rechtfertigung. Die Ausgabe der lateinischen Schriften Meister Eckharts ist von französischen Dominikanern in Verbindung mit Klibansky unternommen worden, wobei man von den deutschen Vorbereitungen für eine Eckhart-Ausgabe wußte, die in der Eckhart-Kommission der Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft zusammengefaßt wurden. Die deutsche Wissenschaft kann sich von der von ihr vorbereiteten Ausgabe nicht dadurch abhalten lassen, daß durch das Erscheinen jenes ersten Faszikels, der den hundertundzwanzigsten Teil des Ganzen darstellt, die fertige Tatsache der Priorität geschaffen werden soll" [E-Ausgabe, S. 72f. mit dem Faksimile des Prospekts im Anhang].
  Eine Woche später erhält Meiner den Prospekt zu Gesicht und wendet sich noch am gleichen Tag (31. Januar) in einem dreiseitigen Schreiben an den Präsidenten der Reichsschrifttumskammer , in dem er gegen die Formulierungen protestiert: "Ich bitte Sie nachdrücklichst, die Notgemeinschaft veranlassen zu wollen, dass sie diesen Prospekt sofort aus dem Verkehr zurückzieht" [E-Ausgabe, S. 74].
  Nach einigen Schriftwechseln und auch internationaler Kritik kommt es am 19. Februar zu einem Treffen in den Räumen der Reichsschrifttumskammer unter dem Vorsitz von Prof. Suchenwirth , der nach einem Streitgespräch zwischen Dr. Fehling (DFG) und Dr. Meiner unter Vermittlung von Prof. Holtzmann schließlich anerkennt, "dass das Ausland wohl ein besonderes Interesse an der Angelegenheit habe, weil Prof. Klibansky Jude sei, und man habe naturgemäss die Pflicht alles zu vermeiden, um einen Skandal heraufzubeschwören. Die Reichsschrifttumskammer habe das Recht, einem Verlag aufzuerlegen, seine Prospekte und Werke zu ändern. Sie habe nie daran gedacht, der Deutschen Forschungsgemeinschaft eine solche Auflage zu geben. Die Forschungsgemeinschaft verliere gar nichts, wenn sie einen ganz neuen Prospekt herausgebe, der auch äusserlich eine neue Gestalt erhalte" [E-Ausgabe, S. 81f. mit dem Protokoll im Anhang, hier: 277].

Anzeige Kohlhammer
Kindt
Im Märzheft der "ausgesprochen literaten- und judenfeindlich[en]" Zeitschrift "Die neue Literatur" (Mauriège, S. 106 Anm. 27; s.o.) erscheint der Aufsatz "Meister Eckhart und das junge Deutschland" von Karl Kindt (S. 125-143). Der "Verfasser, ein deutschchristlicher Theologe evangelischer Konfession, der zu den Propagandisten eines arischen Jesus gehörte" (106), übt erstmals seit Denifle Kritik an Rosenbergs Nationalheiligem. Allerdings stört ihn nicht der in der Scholastik verhaftete, mittelmäßige und unklare Denker, sondern: "Unsere Abneigung steigert sich zu bedingungsloser Ablehnung, wenn wir hören, daß Eckhart aufs Tiefste vom Geiste des Judentums beeinflußt ist (..) er hat sich nicht gescheut, seinen eigenen Geist an jüdisches Denken und jüdische Philosophie zu versklaven" (137). "Seine Lehre weist nicht nur eine erdrückende Fülle von Berührungspunkten mit dem Judentum auf, sondern ist, gerade soweit sie eigenwüchsig-eckhartisch ist (und nicht scholastisch), eine schlecht verhüllte Neuauflage der Philosophie des synkretistischen Judentums und als solche eine ungeheure Gefahr für das junge rassen- und artbewußte Deutschland" (142).

Das sorgte erwartungsgemäß für Reaktionen: "...; kommentieren kann man es nicht, man braucht es auch nicht zu tun, die Ausführungen sind so absurd, daß sie sich selbst richten" (Barth, NZZ vom 21. März ), am 30. Juni schreibt die "Junge Front ": "Kindts Aufsatz ist eine Anmaßung - das Organ der Hitlerjugend 'Wille und Macht' sah sich zur Feststellung gezwungen, daß er nicht befugt sei, als Sprecher der deutschen Jugend aufzutreten" und Schulze-Maizier meint (unter dem Zwischentitel: "Eckehart ein falscher Prophet?"): "Kindts Angriff, so einseitig und als Ganzes unhaltbar er sein mag, hat wenigstens das eine Gute: Er gibt uns Anlaß, die Frage aufzuwerfen, ob es denn wirklich so ohne weiteres angeht, Eckehart zum Propheten einer reinen Deutschreligion zu erklären und ihn aus dem christlichen Gesamtzusammenhang herauszulösen" (Die Tat, Augustheft, S. 351).

Der "ostpreußische Heimatdichter" Fritz Kudnig sieht sich bemüßigt, Rosenberg vor Kindt in Schutz zu nehmen und veröffentlicht in der Hauspostille der Deutschen Glaubensbewegung, Deutscher Glaube, der "Zeitschrift für arteigene Lebensgestaltung Weltschau und Frömmigkeit", im Oktoberheft 1936 "Eine Verteidigung", in der er u.a. schreibt: "Dieser hemmungslose Angriff auf einen der größten deutschen Menschen aller Zeiten" (gemeint ist Eckhart, nicht Rosenberg, obwohl er den auch so titulieren könnte) "ist wohl das Ungeheuerlichste, was gegen die Mystik und Meister Eckehart im besonderen seit langem geschrieben worden ist" (S. 453).

Hermann Schwarz hingegen bescheidet sich damit, Kindt den Rat zu geben, "das Maul zu halten" (Die Sonne, S. 189).

Zu dem ganzen, mit Kindt verknüpften Komplex Maxime Mauriège , „Meister Eckhart – ein falscher Prophet?“ .


1. Seite Kindt
Tagung
Anfang April kommt es zu einer denkwürdigen Veranstaltung. Die "Gesellschaft für germanische Ur- und Vorgeschichte", ein deutschgläubiger Verein im Rahmen der "Deutschen Glaubensbewegung " lädt zu einer "Religionswissenschaftlichen Tagung", die in Zusammenarbeit mit der Lessing-Hochschule im Bachsaal, Berlin W 35, Lützowstr. 76 von Freitag, den 5. bis Sonntag, den 7. April unter dem Motto "Anerkennung für den Väterglauben" stattfinden soll.

Laut dem im "Reichswart" am 31. März angekündigten Programm ist vorgesehen, auf einen Vortrag eines Deutschgläubigen den eines Vertreters des Christentums erfolgen zu lassen. Von christlicher Seite sind u.a. eingeladen Konrad Weiß und Josef Koch.


Berichte von der Tagung


Protokoll der Tagung

Programm der Tagung:
  • Freitag: Eröffnung nachm. 4 Uhr Georg Grützmacher
    • 4.30-5.30 Siegfried Kadner , "Karl der Welsche" (abgedruckt in "Nordische Welt")
    • 5.45-6.45 Ludwig A. Winterswyl , "Karl, der Diener deutscher Berufung"
    • 7-8 Imbißpause
    • 8-9 Ernst Bergmann , "Meister Eckhart ein Christ oder ein Deutscher?" (abgedruckt in "Nordische Welt")
    • 9.15-10.15 Konrad Weiß , "Meister Eckhart Christ und Deutscher"
  • Samstag: 5 Uhr Sondervortrag Christian Leden , "Die Christianisierung der Nordgermanen und der Naturvölker"
    Nach diesem Vortrag können fachliche Fragen beantwortet werden.
  • 7-8 Imbißpause
    • 8-9 Hermann Mandel "Arische Gottschau in ihrer Eigenart" (Nach den ältesten Quellen)
    • 9.15-10.15 Werner Gruehn "Arische Gottschau und deutsches Christentum" (durch Krankheit verhindert)
  • Sonntag:
  • In den Pausen von 7 bis 8 Uhr Beisammensein im Vorraum des Bachsaals, wo für einfachen Imbiß Sorge getragen ist. Nach den Abendvorträgen Beisammensein im Flugverbandshaus, Blumeshof 17.
Zu dieser Veranstaltung erscheint von deutschgläubiger bzw. deutschreligiöser Seite neben den Abdrucken der Vorträge von Bergmann und Kadner in der Zeitschrift "Nordische Welt" der Gesellschaft ein "Protokoll" mit Vorstellung aller gehaltenen Vorträge in der Mai-Ausgabe der Zs. von einem Dr. F. Ost sowie ein diesen Ideen nahestehender Bericht im "Völkischen Beobachter" 48,101 (11.4.1935), Ausgabe A, S. 7 von einem "H. M." (in der nebenstehenden PDF eingereiht unter den nachfolgenden Beiträgen).
  Berichte von christlicher Seite beider Konfessionen finden sich in Tageszeitungen und Wochenzeitschriften.

Neben den online einsehbaren enthält die PDF auch einen Bericht in "Das Evangelische Deutschland" vom 14. April unter dem Titel "Ein Gespräch mit Deutschgläubigen. Der mißdeutete Eckhart. - Um die Naturmythologien. - Offenbarung und Naturreligion" von F. Schönfeld.

Online (in chronologischer Reihenfolge; M. = Morgenausgabe):

Daraus möchte ich hier nur eine Passage zitieren, in der es um die Auseinandersetzung zwischen Bergmann und Weiß geht, woraus letzterer nach Ansicht von Theunissen eindeutig als Sieger hervorging: Weiß "schöpfte aus tiefer Sachkenntnis, vermied jede Theatralik und vollendete die Niederlage Bergmanns. Mit begeisterten Zurufen und lange andauerndem Händeklatschen dankten selbst die antichristlichen Zuhörer dem Redner. Nach ihm ergriff Bergmann nochmals das Wort, nachdem er noch während der Rede Weiß’ in sichtlicher Erregung auf die Bühne lief, dann aber sich zurückzog. Das Nachwort Bergmanns vermochte an der Entscheidung nichts mehr zu ändern. Der Versuch des nachträglichen Grenzeverwischens wurde wohl nicht nur vom Referenten als peinlich empfunden" (Berichte-PDF, S. 12).
  Davon findet sich im "Protokoll" von Ost nichts, der aber hinzufügt: "Nach einem Schlußwort Prof. Bergmanns erklärte Lic. Weiß noch, daß auch er dem Ziele der Versöhnung und Duldung, die die Losung dieser Tagung ist, zustimme, und wies darauf hin, daß auch dieser Abend beweise, daß man noch immer und viel über Jesus sprechen müsse" (Protokoll-PDF, S. 4).
  Der Vortrag von Leden, der von Ost ausführlich vorgestellt wird, findet in den Berichten nur zweimal negative Erwähnung, was insoweit verständlich ist, als die christliche Mission darin von ihrer schlimmsten Seite gezeigt wird. Außerdem zeigt sich Leden als ein Rassist übelster Sorte. Hängengeblieben ist bei mir jedoch der Satz: "Als die Missionare kamen, hatten wir das Land und sie das Evangelium. Jetzt haben wir das Evangelium und sie das Land", den er einem Südseeinsulaner zuschreibt.
  Ich habe alle Berichte mit den ebenfalls online angebotenen Textdaten zusammengefasst und gegengelesen, so das sie jetzt in einer sauberen PDF zur Verfügung stehen. Den Text von Ost habe ich mit einer Tesseract Trainingsdatei der UB Mannheim erkennen lassen und ebenfalls korrigiert. Die PDF enthält außerdem ein Bild der Tagungsankündigung im "Reichswart".

Damit ist aber auch gut mit den Deutsch-Gläubigen. Das letzte Wort dazu möchte ich Engelbert Krebs überlassen: "Ich habe mich manchesmal über Denifles ehrlichen Zorn gefreut, mit dem er vor 50 Jahren die Halbwisser und Nichtswisser auf dem Gebiete der mittelalterlichen Mystikforschung in die Schranken gewiesen hat (...) Ich möchte unserer Zeit Denifles Zorn und Feder zurückwünschen, damit er heute, ein halbes Jahrhundert nach seinen bahnbrechenden Forschungen, die Walstatt von den Leuten säubere, die aus den Trümmern einer vor Jahrzehnten geschlagenen Geistesschlacht uns einen gefälschten, nach eigener Phantasie herausgeputzten Popanz als Meister Eckehart und als künftigen Führer der Deutschreligion hinstellen wollen" (Die christlich germanische Frömmigkeit in der deutschen Mystik unter besonderer Berücksichtigung des Meisters Eckehart, in: Oberrheinisches Pastoralblatt 37 (1935), S. 1-15, 41-49, hier: 48).

Meiner
Ebenfalls im April veröffentlicht Meiner (nach dem Erscheinen des 2. Faszikels mit der Edition Bascours der Prologi zum Opus tripartitum): "Zehn Punkte zur Eckhart-Ausgabe" (Bundesarchiv via "Digitalisat online", Nrr. 83-84, Scan 100-102), in denen er darlegt, wer der Herausgeber der ausschließlich lateinischen Ausgabe ist (1., 2.), das noch ein Index und eine Biographie Eckharts folgen werden (3., 4.), das die ersten beiden Hefte vorliegen und weitere in Arbeit resp. im Druck seien (5., 6.), welche Apparate angelegt sind (7., 8.), das er stolz darauf ist, die Ausgabe zu verlegen (9.) und warum keine deutsche Übersetzung geplant ist (10.).
  Am 26. April schreibt ihm Suchenwirth: "Nach den hier vorliegenden Vorgängen darf ich annehmen, dass die Angelegenheit Eckhart-Ausgabe nun eine endgültige Erledigung gefunden hat und keine wie immer geartete Polemik weder seitens Ihres Verlages noch seitens der Deutschen Forschungsgemeinschaft stattfindet" [E-Ausgabe, S. 89].
  Damit schien der Streit beendet zu sein, bis am 18. Juli ein Text in der "Times Literary Supplement" (no. 1746, S. 463) erscheint, der mit "To the editor of the Times" überschrieben ist. Absender ist der Präsident der Royal Historical Society, F. M. Powicke . In diesem Schreiben referiert er u.a. den Streit der Eckhart-Ausgaben ganz im Sinne Klibanskys und Meiners: "No doubt some of your readers received a few months ago a prospectus of another edition of Eckhart's works, to be edited by Professor Seeberg, of Berlin, under the auspices of the official 'Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft.' If they read it they will find that the Santa Sabina edition is attacked as an intruder, and that reflections are cast on Father Théry's scholarship. Some of Dr. Seeberg's collaborators are German scholars whose help the editors of the Santa Sabina edition had tried and helped to secure. If the Santa Sabina edition is praised in a German periodical, the editor of the periodical may be called upon to remind his subscribers that an edition of Eckhart by 'learned Germans' is in course of preparation. Difficulties have been placed in the way of Father Théry's collaborators, and efforts have been made to secure the withdrawal of the Rome edition. Dr. Seeberg, while he pays compliments to Herr Rosenberg, has no words too bad to use against Father Théry. This unnecessary duplication of a learned work, which, we would think, lies far outside the region of social and political controversy, could easily have been avoided. The editors of the Rome edition did their best to prevent it. But Eckhart is a national hero, Théry is a French Dominican, and Klibansky is a Jew" [E-Ausgabe, S. 92 ff.].
  Zu dieser Zeit befindet sich Klibansky wie der Verfasser in Oxford. Es ist also nicht ganz unwahrscheinlich, daß er der Initiator des Schreibens war. Allerdings erweist er damit dem Verlag eher einen Bärendienst. Bereits am 27. Juli schreibt Wildhagen (DFG) an Suchenwirth "mit dem Hinweis, in der Times sei „ein von falschen Angaben und gehässigen Angriffen erfüllter Artikel gegen die Eckhart-Ausgabe“ erschienen. Die DFG stellt fest, daß „hier offenbar von einer Seite, die der im Verlag Felix Meiner erscheinenden Dominikaner-Ausgabe nahe steht“ das Übereinkommen vom 19.2. verletzt wurde „und muß sich ihrerseits nunmehr volle Handlungsfreiheit vorbehalten.“ Sie ersucht die RSK, „darauf hinzuwirken, daß der Verlag nicht in der deutschen Öffentlichkeit seinerseits eine neue Polemik entfaltet" [E-Ausgabe, S. 94].
  Am 26. August wendet sich der Leiter der Abt. VIII der Reichsschrifttumskammer, Wismann , an Suchenwirth: "Durch Zufall habe ich vor kurzem erfahren, daß der Verlag Felix Meiner den Plan zu einer Eckhart-Ausgabe, für die der früher in Heidelberg als Privatdozent tätige und jetzt emigrierte Jude Klibansky verantwortlich zeichnen soll, noch immer nicht aufgegeben hat. Ich bitte Sie daher, sich mit dem Verlag in Verbindung zu setzen und ihm zu erklären, daß das Erscheinen dieser Ausgabe von vornherein als unerwünscht zu bezeichnen ist. Zur Illustrierung, wie der Jude Klibansky seine Aufgabe ansieht, lege ich einen im Lichtdruckverfahren reproduzierten Artikel der Times bei, in dem - natürlich auf Betreiben Klibanskys - für die Meinersche und gegen die Ausgabe der Akademie der Wissenschaft Stimmung gemacht wird". Am 10. September treffen sich Meiner und Wismann. Suchenwirth notiert: "Meiner wird mitgeteilt, daß die Herausgabe der Eckard-Schriften durch Kl. unerwünscht" [E-Ausgabe, S. 95f.].

Powicke, 18. Juli 1935

Vermischtes

Am 5. Juli erschien im Sächsischen Kirchenblatt Heft 27 (Sp. 413-421) der Aufsatz eines stud. theol. Sobotta mit dem Titel "Die deutschen Schriften Meister Eckharts nach Ueberlieferung, Bestand, Echtheit und Richtigkeit", den der Verfasser als Referat im kirchengeschichtlichen Seminar der Universität Breslau über "Deutsche Mystik" bei Prof. D. Lother gehalten hatte. Darin untersucht Sobotta die Frage der Echtheit der deutschen Texte vor allem anhand der Pfeifferschen Ausgabe und schätzt, dass von ca. 170 bekannten Predigten etwa 120 als echt angesehen werden können (419). Damit liegt er ziemlich genau bei der Anzahl der Predigten der 2024 abgeschlossenen Edition mit 117 gezählten bzw. 123 Predigten, wenn man die "doppelten" (5a/b, 13/13a, 16a/b, 20a/b, 36a/b und 54a/b) hinzunimmt.

Inzwischen waren die Arbeiten an der deutschen Edition soweit gediehen, daß die Ausgabe der ersten Lieferungen sowohl der deutschen als auch der lateinischen Werke "noch vor Weihnachten" erfolgen soll. Da Quint auf seinen bisherigen Bibliotheksreisen etwa 80 bisher unbekannte Handschriften aufgefunden hat, schlägt er am 18. November vor, die Fundberichte in Form von Sonder- oder Beiheften herauszugeben. Außerdem ist er eifersüchtig darauf bedacht, das seine erste Lieferung der deutschen Predigten mindestens gleichzeitig mit der ersten lateinischen Lieferung herauskommt und auf keinen Fall danach.

Aufgrund der offenkundig relativ beliebigen Schreibweise regt Franz Pelster in seiner Besprechung der ersten beiden Faszikel der MEOL an: "Erwünscht wäre auch eine Untersuchung über den Namen und die tatsächlich vorkommenden Schreibweisen. Soll man Eckhard, Eckhart, Eckehart schreiben? Im Lateinischen kommen Ekardus, Eckardus, Aychardus vor. Ekardus dürfte aus sprachlichen Gründen den Vorzug verdienen" (Gregorianum 16,2 (1935), S. 286). Er wird 1936 nochmal darauf zurückkommen. Aber anscheinend ist er der einzige, den das interessiert.

In diesem Jahr erscheinen über 80 Veröffentlichungen zu Meister Eckhart. Diese Anzahl wird erst 1986 wieder erreicht werden und dauerhaft überschritten erst ab 1994 (s. Bibliographie ).

1936

 
Kohlhammer
Am Montag, dem 27. Januar 1936 (einen Tag vor Eckharts vermutetem 608. Todestag) wird von Kohlhammer die erste Lieferung des dritten Bandes der lateinischen Abteilung ausgegeben und trotz Quints Bemühungen erscheint seine erste Lieferung erst einen Monat später am 27. Februar. Ebenfalls im Februar veröffentlicht Meiner die dritte Lieferung seiner Ausgabe (Faszikel XIII), die Quaestiones Parisienses in der Edition von Antoine Dondaine . Es ist gleichzeitig das letzte Heft. Am 21. Februar muß er Klibansky mitteilen, er habe "ein Verkaufsangebot an den Schweizer Wissenschaftsverlag Paul Haupt gerichtet" [E-Ausgabe, S. 110].
  Mit der Edition der "deutschen und lateinischen Werke" startet damit ein durchaus ambitioniertes Unternehmen, dessen Schwierigkeiten und Dauer allen Beteiligten offensichtlich nicht bewußt ist (s. Wirkung). Der letzte Band der Gesamtedition wird erst im Jahr 2024 erscheinen.

Zunächst aber geht es darum, die Trommel für den Start zu rühren oder, mit Quints Worten, mit der "Propaganda" zu beginnen. Am 6. Februar schreibt W. Kohlhammer an die DFG, in der er eine "Pressebesprechung" für den 20. oder 21. Februar vorschlägt und eine Liste der Zeitschriften beilegt, die ein Besprechungsexemplar erhalten sollen (s. nebenstehende PDF): "Inwieweit die einzelnen Tageszeitungen mit Besprechungsstücken versehen werden sollen, möchte ich der Entscheidung der Forschungsgemeinschaft anheimstellen". Am 24. Februar teilt er mit, er möchte mit der Werbung bei den 45 deutschen Zs. beginnen: "Über die Belieferung der Tagespresse und der ausländischen Zeitschriften könnte ja dann möglicherweise Verständigung herbeigeführt werden, wenn die geplante Pressebesprechung in Berlin stattfinden soll". Ob diese Pressebesprechung jemals stattfand, weiß ich nicht, denn am 26. März schreibt Kohlhammer an die DFG: "Da die geplante Pressebesprechung nicht mehr vor Ostern stattfinden wird, wollen sie mit den Werbemaßnahmen direkt beginnen (..)" [E-Ausgabe, S. 112] und danach findet sich das Thema nicht mehr in den Schreiben des Verlags an die Forschungsgemeinschaft.

Bevor die eher schleppende Werbekampagne anläuft, erscheinen zwei Besprechungen der lateinischen Lieferung von Dietrich Seckel zuerst in der Wochenzeitung "Deutsche Zukunft" am 8. März und dann in der Tageszeitung "Deutsche Allgemeine Zeitung" am 18. März. Letztere wird auch im ganzen Jahr die einzige Besprechung in der Tagespresse bleiben (soweit mir bekannt). Tatsächlich finden sich die einzigen Anzeigen, die ich dort gefunden habe, am 20. Februar in der Katholischen Kirchenzeitung 76,8 aus Salzburg und am 5. April in der Kölnischen Zeitung Nr. 177 [zu letzterer E-Ausgabe, S. 115].
  Nicht ganz zu unrecht beschwert sich Quint am 12. März bei der DFG: "Vom Verlag erfuhr ich, dass meine erste Lieferung bereits seit längerem ausgegeben worden sei. Ich habe indessen hier in Bonn bisher in keiner Buchhandlung ein Exemplar zu Gesicht bekommen können, während die Lieferungen der Meinerschen Ausgabe in den Auslagen liegen" [E-Ausgabe, S. 112].
  Alle weiteren Besprechungen erscheinen in der zweiten Jahreshälfte und die Hälfte sogar erst im 4. Quartal. Darunter befindet sich nur eine ausländische Zeitschrift, "Angelicum" aus Rom. In dem von Bascour, Dondaine u.a. hauptsächlich genutzten "Bulletin de Théologie ancienne et médiévale" wird bis zum Ende des zweiten Weltkrieges kein Hinweis auf die Edition erscheinen.


Zeitschriftenliste Kohlhammer

Am 1. April feiert der Verlag Meiner sein 25jähriges Bestehen und ein Schreiben Meiners vom 20. Juni schließt seine Akte bei der Reichsschrifttumskammer (Bundesrachiv R 9361-V/41450). Darin weist er darauf hin, daß die Bedingungen von Haupt (s.o.) unannehmbar ("recht ungünstig") sind, listet seine bisherigen Investionen in die Ausgabe und hofft "dass meinem finanziellen Interesse von Seiten der Reichsschrifttumskammer Rechnung getragen wird". Ob dem so war, läßt sich nicht mehr ermitteln, da das Archiv des Verlages am 4. Dezember 1943 vollständig vernichtet wurde [E-Ausgabe, S. 118].

Im September erscheinen die ersten beiden Lieferungen des fünften Bandes der lateinischen Werke, die auch 99 Prozent der Edition des Tractatus super oratione dominica enthalten. Auf die noch fehlenden letzten vier Zeilen Text wird das interessierte Publikum 52 Jahre warten müssen. Keiner der Beteiligten von 1936 wird das mehr erleben. Aber zum Glück steht ja die Edition von Klibansky zur Verfügung.
  Im Dezember-Heft der Zs. "Theologische Blätter" vermerkt der Rezensent der bisherigen Lieferungen, Otto Piper , ganz zum Schluß in einer Anmerkung: "Der Streit zwischen den beiden Eckhart-Ausgaben geht inzwischen weiter. Joseph Koch hat in der Zeitschr. f. Kirchengesch. Heft I/II, 1936, S. 264—285 „Kritische Bemerkungen zu Hildebrand Bascours neuer Ausgabe der E.-Prologe“ (vgl. meine Besprechung in den ThBl 1935/7. 8. Sp. 175ff.) gemacht. Er behauptet, daß B.s Edition den kritischen Anforderungen nicht genüge; die beiden Hauptfehler seien die Vermengung zweier Redaktionen in demselben Texte und die mangelhafte Benützung der von E. benützten Quellen, insbesondere der Uebersetzungen aus dem Griechischen (S. 285). Der erste Vorwurf scheint mir trotz der vielen von Koch angebrachten Einzelheiten unbegründet. Denn Kochs Versuch, die beiden Redaktionen wiederherzustellen, beruht genau so auf hypotetischen Möglichkeiten wie Bascours Text. Die handschriftliche Ueberlieferung scheint mir vorläufig nur den Schluß zuzulassen, daß die vorliegenden Texte überarbeitet sind. Dagegen wird es sich auf grund des bisher vorliegenden Materials nur in ganz geringem Umfange mit Sicherheit sagen lassen, was in den zur Verfügung stehenden Texten auf Kosten E.s und was auf Kosten der Abschreiber oder etwaigen Redaktoren zu setzen ist. Das gilt von Kochs Ausführungen genau so wie den entsprechenden Bascours in seinem Artikel „La double rédaction du premier commentaire de Maître Eckhart sur la Genèse“ (Recherches de Theologie ancienne et medievale, juillet 1935, p. 294—320). Was Koch zur Begründung seines zweiten Vorwurfes anführt, berührt nebensächliche Punkte und hat auf die Textgestaltung keinen Einfluß. Dom Bascour hat seinerseits in einem Rundschreiben die Herausgeber der Berliner Ausgabe angegriffen. Auf Einzelheiten in Kochs Artikel geht er nicht ein, pariert vielmehr dessen Angriff auf den Wert der Sabina-Ausgabe mit dem Vorwurfe, die Herausgeber der lateinischen Schriften in der Berliner Ausgabe hätten in weitem Umfange Forschungsergebnisse der anderen Ausgabe verwertet, ohne ihre Abhängigkeit kenntlich zu machen. Man kann nach diesen wenig erquicklichen Auseinandersetzungen nur wiederholen, wie bedauerlich es im Interesse der Wissenschaft ist, daß die beiden E.-Kommissionen die gleiche Arbeit zweimal tun und gegen —, statt miteinander arbeiten."

Ebenfalls im Dezember kommt Pelster (s.o.) bei der Besprechung Dondaines nochmal auf das Thema "Eckhart" zu sprechen: "K. führt eine grosse Anzahl von Schreibweisen an. Ayerdus in Vat. 1086 kommt nicht in Betracht, da es offenbar ein Verschreiben aus Aycardus ist. Eckehard selbst schrieb Ekehard, die lateinische Form Aychardus ist nach dem hochdeutschen Aychart (Eichhart) gebildet, ebenso wie Ekardus nach dem niederdeutschen Ekhard. Wie sollen wir schreiben? Die hier verwandte Form Eccardus scheint mir recht unglücklich, da sie den Ursprung völlig verwischt. Eichhart ist zu ungewohnt, Eckhart wieder eine wenig glückliche Mischung. Ich würde der rein niederdeutschen Schreibweise des Mannes selbst Ekehard (vgl. Bernhard) den Vorzug geben oder falls dies zu ungewohnt, auch mit Eckehard vorlieb nehmen, aber Eckard und Eckhart unbedingt ablehnen" (Gregorianum 17,4 (1936), S. 621f.) [E-Ausgabe, S. 125].

1937

 
Remarques

Remarques, S. 1-4

Anfang Februar erhält Koch eine Kopie des von Piper angesprochenen Rundschreibens, das jedoch keine Unterschrift trägt. In den Akten des Bundesarchivs befindet sich eine neunseitige Abschrift Kochs, die ich als Anhang V in Transkription beigefügt habe [E-Ausgabe, S. 283-292]. Anbei die ersten vier Seiten als PDF.

Der Titel lautet: "Remarques sur la méthode employée par l’édition des oeuvres de Maître Eckhart sous le patronage de la 'Forschungsgemeinschaft'" und weist folgende Gliederung auf:

I. M. J. Koch
A. Jourdain de Quedlinburg (Unterpunkte 1., 2., 3.)
B. L'Expositio orationis dominicae d’Eichstätt 145 (1., 2.)
C. Double rédaction (1., 2.)
II. M. B. Geyer
A. Ordre des “Quaestiones Parisienses" (1., 2., 3.)
B. Les "Quaestiones spuriae" de Vat.lat.1086 (1., 2., 3., 4.)
C. Les conjectures du P.Dondaine
III. M. E. Seeberg
A. Remarque générale
B. Quelques détails
1. Origine du Cod.cusanus. 21
2. Jean Stam, possesseur du Cod. cus.125
3. Le "Super oratione dominica", "oeuvre de jeunesse"
4. La "Catena aurea" de S.Thomas, source d’Eckhart
5. Le style du traité et son genre de composition
6. L'originalité du traité
7. Les sources du traité
8. Le texte, Conjectures textuelles

Die "Remarques" sind der Vorwurf des Plagiats seitens der Messieurs Koch, Geyer und insbesondere Seeberg. Begründet wird dies u.a. mit gleichlautenden bzw. ähnlichen Stellen aus beiden Editionen. Am 16. Februar wendet sich Koch in dieser Sache an die DFG und legt sein Schreiben an O. Lottin vom 13. Februar bei, in dem er zu einem Teil der Vorwürfe Stellung nimmt (s. PDF).
  Nachdem Koch weitere Antworten (u.a. von Lottin und Meersseman - zu letzterem s. Epilog) erhalten hat, stellt er in einem weiteren Schreiben vom 22. Februar fest: "Zusammenfassend läßt sich sagen: Das Rundschreiben ist Klibanskys Werk; P. Théry und H. Bascour sind mitverantwortlich, während A. Dondaine es erst nachträglich kennen gelernt hat und durchaus ablehnt. Das Historische Institut der Dominikaner 'Santa Sabina' hat mit der Sache überhaupt nichts zu tun" und schließt: "Nachdem die Verantwortlichkeiten klar gestellt sind, geht mein Vorschlag dahin, keine Erklärungen unserseits zu veröffentlichen, sondern Klibansky in England wegen Beleidigung zu belangen. Das dürfte wirksamer sein".
  Darauf antwortet Griewank von der DFG am 25. Februar, die geeignete Antwort seien wohl einzelne Artikel, wobei es wichtig sei, sie so zu platzieren, daß "sie im Ausland voll beachtet" würden. Außerdem stellt er fest: "Dem Gedanken eines in England anzustrengenden Prozesses möchte die Deutsche Forschungsgemeinschaft vorerst noch nicht näher treten. Abgesehen davon, daß ein solcher Schritt erst nach genauer Unterrichtung über die rechtlichen Aussichten und Möglichkeiten in England unternommen werden kann, wird er in jedem Falle einen Aufwand von Devisen erfordern, der nicht beantragt werden kann, bevor die anderen Möglichkeiten der Abwehr ausgeschöpft sind" [E-Ausgabe, S. 127-133].
  Damit war die Sache für die deutsche Seite mehr oder weniger erledigt. Mir ist jedenfalls kein Artikel bekannt, weder von den Beteiligten selbst noch von anderer Stelle, in dem auf das "Rundschreiben" noch einmal konkreter eingegangen worden wäre. Nur Koch, den die Vorwürfe gegen ihn wohl zutiefst gekränkt hatten, kommt in einem Schreiben vom 19. Mai an Griewank im Zusammenhang mit seiner Veröffentlichung der "Cusanus-Texte. I. Predigten. 2/5. Vier Predigten im Geiste Eckharts" noch einmal darauf zu sprechen: "Gerade im Hinblick auf jenes Rundschreiben ist das Erscheinen meiner Abhdlg sehr wichtig. Unsere verehrlichen Konkurrenten müßten wirklich mit Blindheit geschlagen sein, wenn sie jetzt noch behaupten wollten, ich verdanke meine Kenntnis der Beziehungen zwischen Eckhart-Jordanus und Cusanus Herrn Klibansky" sowie ein letztes Mal in einem Schreiben vom 27. Juni [E-Ausgabe, S. 146 und 149].
  Anders auf der gegnerischen Seite. J. G. Sikes, "sometime Scholar of Jesus Coll., Cambridge", der als Editor der Sermones der Opera Latina vorgesehen war (so Meiner in den Zehn Punkten), veröffentlicht in der April-Ausgabe des "Journal of Theological Studies" eine Rezension der ersten beiden Lieferungen der Lateinischen Werke, in der er einige Vorwürfe anspricht: "There are surprising signs of a tacit dependence of the German edition upon that of Klibansky and Théry. Thus, Seeberg's short preface to the Commentary on the Lord's Prayer seems to be very largely a resume of the elaborate introduction given in Klibansky's edition (..) In his edition of the Quaestiones Geyer does indeed refer frequently to Fr Dondaine's preface and text, although there are some sure indications that the latter's conjectures have sometimes been tacitly adopted. Further, in his introduction to the Commentary on St John, Dr Koch refers to the plagiarisms of that work by Jordan of Quedlinburg, a fact which was first pointed out by Dr Klibansky ..." usw. (38,150 (1937), 202-204). Das scheint aber eher die Ausnahme gewesen zu sein.

Schreiben von Koch

Am 7. September erhält Rosenberg als "Erster unter den Lebenden" und einer von fünf Preisträgern den Deutschen Nationalpreis für Kunst und Wissenschaft . Rosenberg war selbst vorschlagsberechtigt. Der Preis war erst am 30. Januar von Hitler gestiftet worden. Natürlich war die Verleihung der Aufmacher aller Tageszeitungen ab dem 8. September. Als Beispiel hier das Stuttgarter Neues Tagesblatt .

Der Preis wurde nur noch einmal 1938 verliehen. Dann war Krieg.

In diesem Jahr erfolgen zwei weitere Lieferungen der lateinischen Werke (im Januar Band I und im Oktober Band IV) und die zweite der deutschen Werke (im Februar). Für letztere wurden einige Bibliotheksreisen von Quint und Pahncke geplant bzw. unternommen.

1938

 
Pahncke    Fabeck / Kolbenheyer / Nishitani

Auch in diesem Jahr erscheinen drei Lieferungen: Im März die dritte der DW und die zweite des dritten Bandes der LW sowie im September die zweite des ersten Bandes.

Am Sonntag, dem 10. April (Jahrgang 14, Nr. 134), liest man in der Tageszeitung "Westdeutscher Beobachter ", Untertitel "Amtliches Organ der NSDAP. und sämtlicher Behörden" in der Ausgabe Köln (Stadt) den Artikel "Die Meister-Eckehart-Forschung an der Universität Bonn", den der Verfasser, ein "Prof. Dr. Quint (Bonn)" mit den Worten eröffnet: "Den überragenden Führer der deutschen Mystik des Mittelalters, Meister Eckehart, bezeichnet Alfred Rosenberg als das größte religiöse Genie der Deutschen, als den größten Apostel des nordischen Abendlandes - des Meisters Tod im Jahre 1327 erscheint ihm als eine der größten Schicksalsstunden Europas, und in der Persönlichkeit des Meisters von Paris sieht er alle unsere späteren Grossen gebettet.“ Nach dieser Huldigung des "Ersten unter den Lebenden" preist er den begabten Übersetzer Büttner und seine eigene Arbeit und fährt fort: "Es blieb dem nationalsozialistischen Staat und seinen führenden Männern vorbehalten, wie auf so vielen anderen Gebieten, so auch auf dem der Eckehartforschung, mit dem vollen Einsatz aller verfügbaren Mittel und Kräfte die Lösung einer großen kulturellen Aufgabe und die Einlösung einer Ehrenschuld des deutschen Volkes gegenüber einem seiner großen Männer der Vergangenheit begeistert zu unternehmen. Nachdem die weittragende Stimme Alfred Rosenbergs allen Kreisen des deutschen Volkes die überragende Größe Meister Eckeharts eindringlich vor Augen geführt und mit allem Nachdruck die Schaffung einer neuen Ausgabe der Werke Eckeharts gefordert hatte, ergriff die 'Deutsche Forschungsgemeinschaft' in Berlin 1933 energisch die Jnitiative .... Es folgt weiteres Eigenlob. Der vollständige Artikel befindet sich in der "Akte Rosenberg" (Nr. 41) im Bundesarchiv (NS 15/599: Digitalisat anzeigen: Scans Nrr. 42 und 43) [E-Ausgabe, S. 167-169].

Artikel Quint
Pahncke
Im August kommt ein schon lange schwelender Streit zwischen Quint und Pahncke zu einem eruptiven Ausbruch. Nachdem es am 29. April bei einem Treffen der Eckhart-Kommission in Berlin zu einer heftigen Auseinandersetzung zwischen den beiden gekommen war, entzündet er sich diesmal an der Bearbeitung und der Kommentierung Quints der Predigt 15 "Homo quidam nobilis", die von Pahncke bereits 1908 in der ZfdA 49 aus dem St. Gallener Cod. Sang. 972a in Textabschrift vorgestellt worden war.
  Im Bundesarchiv (Berlin-Lichterfelde) befindet sich ein Ordner der DFG mit der Aufschrift "Eckhart-Ausgabe. Differenzen Quint-Pahncke", der später die Nr. "R 73/10818" bekam, der u.a. die Durchschläge der Briefe Pahnckes enthält. Dieser verschickte in den ersten Wochen des Augusts seine Stellungnahmen zu Predigt 15 an Koch, Spamer, Griewank und Seeberg (ab 12.8.). Wenn man davon ausgeht, das er eine Kopie für sich selbst behielt, dann enthält der Ordner den 3., 4. oder 5. Durchschlag. Davon erstellte das BA einen Mikrofilm, von dem ich wiederum die Scans anfertigte. Entsprechend schlecht ist die Qualität. Ich habe versucht, die Bildqualität noch etwas zu verbessern, aber das Ergebnis hält sich in Grenzen (s. PDF). Eine bessere Kopie sollte sich im Nachlaß von Koch befinden (Meister-Eckhart-Archiv ).

Pahncke vs. Quint

Die Briefe Pahnckes:
  • 2. August: "Bemerkungen zum Quintschen Textabdruck der Predigt Homo nobilis u.s.w." (5 S.) mit Anschreiben an Koch vom 4. August
  • 7. August: "Nachtrag zum Quintschen Text der Predigt Homo nobilis abiit u.s.w." (5 S.)
  • 8. August: Allgemeine Stellungnahme (3 S.); Anschreiben selbst fehlt
  • 12. August: "Kritische Anmerkungen zu dem Quintschen Abdruck des Nürnberger Homo nobilis abiit - textes Nr. 15 a" (14 S. - mit zusätzlicher Kopie an Seeberg)
  • 15. August: "Besserungen zum Text der Eckhartpredigt Homo quidam nobilis abiit etc." (8 S.) mit Anschreiben an Koch
  • 18. August: Fortsetzung der Ausführungen vom 15. mit Anschreiben an Koch vom 21. August und der Bitte, die alte S. 8 gegen eine neue S. 8 zu tauschen und die insgesamt 14 S. Quint zukommen zu lassen (7 S.)
  • (Insgesamt 45 Seiten)
Pahncke beläßt es nicht bei textkritischen Anmerkungen zur Quintschen Textgestalt (und dessen Anmerkungen) zu "seiner" Predigt (die er in Teilen als verletzend empfindet). Insbesondere in seiner Stellungnahme vom 8. August geht er Quint auch direkt an. Einige Beispiele: "Die geringschätzige und anmassende Art , in der Quint mich im April 1938 in Berlin in einer Sitzung der Eckhartkommission behandeln zu dürfen glaubte ( die in einer anschliessenden Aussprache zwischen Quint und mir praktisch noch schärfere Formen annahm und - was kaum zu glauben aber wahr ist - theoretisch in der Forderung , mich a priori seiner höheren Einsicht zu unterwerfen, gipfelte )..", "wie wenig Grund Quint hat , an den Leistungen anderer unfreundlich herumzukritteln , und dass auch er trotz all seiner voluminösen Hülfsmittel bei seiner Eckhartarbeit in genau denselben Masse und genau denselben Fehlern und Irrtümern unterworfen ist wie andere an diesen Dingen arbeitende gewöhnliche Sterbliche auch" oder "..wie verzeihlich das Irren auf diesem trügerischen Boden und in solchen Labyrinthen ist und wie daher hier jeder Mitarbeiter dem anderen freundlich helfen sollte (..) anstatt sich auf einen Sinai wie auf ein Monopol zu setzen und zu zürnen und mit den kleinen Geschöpfen zu seinen Füssen unfreundlich um mehr oder weniger grosse Dinge unfreundlich zu rechten , wie der Gott des alten Testaments".
  Die Angelegenheit endet damit, daß Quint seinen Text überarbeitet: "Wir haben im einzelnen vereinbart, daß die Charakteristik Ihrer früheren Publikationen auf Seite 242 oben gestrichen wird und daß die Charakterisierungen Ihrer Textfassungen mit 'fälschlich', 'irreführend' 'nicht erkannt' usw. durchweg in Fortfall kommen. Aus der von Ihnen gefundenen Nürnberger Handschrift wird im Anschluss an Predigt 15 nur der Teil gebracht, der als Paralleltext zu dieser Predigt zu gelten hat. (..) Die Einleitung des abzudruckenden Stückes wird neu gefasst; sie stellt Quints Mitteilungen über die Zusammensetzung des Textes und über sein Verhältnis zur Predigt 15 in den Vordergrund, sodaß dem Ganzen nicht mehr der Charakter einer polemischen Auseinandersetzung mit Ihnen zugesprochen werden kann. Die Stellen, die nur allgemeinen Auseinandersetzungen mit Ihnen gelten, werden gestrichen, ebenso die Charakterisierungen Ihrer Vorschläge in den Anmerkungen Seite 255 und 256" (Griwank an Pahncke am 26. August) und Pahncke sich bei Quint entschuldigt, was dann auch geschieht. Quint sieht keinerlei Fehlverhalten seinerseits, ändert aber im Interesse der Kommission (vgl. sein Schreiben vom 20. September). Die Lieferung wird aber erst im Jahr 1948 erscheinen. Die ursprünglichen Seiten dürften sich noch im Nachlaß von Quint befinden. Soweit die geraffte Darstellung. Ausführlich im Buch, S. 175-188.

Fabeck / Kolbenheyer / Nishitani
Der Herbst sieht zwei Romane, in denen Meister Eckhart auftritt. Der erste stammt von einer Dorothea von Fabeck, von der man seltsamerweise nicht einmal die Lebensdaten kennt und von der auch nur zwei Veröffentlichungen im WorldCat verzeichnet sind.
  Ihr Roman "Der Sänger der Rothenburg. Ein Kyffhäuserbuch" wird vom 11. Oktober bis zum 11. November in täglichen Fortsetzungen vollständig in der Tageszeitung "Hallische Nachrichten " (Di.-Fr. auf S. 11, Sa. auf S. 23 und Mo. auf S. 13 folgend) abgedruckt. Die einzige Ausnahme bildet Freitag, der 28. Oktober , wo der Text auf den S. 15 und 16 erscheint. Just hier beginnt das 9. Kapitel (Gottesminne), in dem Eckhart seinen Auftritt hat (S. 16).
  Der andere Roman "Das gottgelobte Herz" von dem ungleich bekannteren Erwin Guido Kolbenheyer , der ebenfalls Anfang Oktober erscheint, findet größte Aufmerksamkeit und Widerhall in den Tageszeitungen mit vielfachen Besprechungen und teilweisen Auszügen daraus. Als Beispiele einmal der Beitrag von Missenharter in: Stuttgarter Neues Tageblatt vom 15. Oktober mit dem Auszug "Papst Johann und Meister Eckhart" und der Rezension von Meckler in der Velberter Zeitung vom 3. November mit einem Auszug "Die Verheißung des Meisters Eckhardt".
  Der Roman erfährt allein im Jahr 1938 vier Auflagen mit 45.000 verkauften Exemplaren.

Während seines Studiums bei Heidegger in Freiburg verfaßt Keiji Nishitani (西谷 啓治) einen Text mit dem Titel "Nietzsches Zarathustra und Meister Eckhart" in deutscher Sprache. Das Original ist anscheinend verschollen; es existiert aber eine japanische Übersetzung, die zuerst 1940 in einer japanischen Publikation und 1986 in den gesammelten Werken erschien.

1939

 

1. September
"Seit 5.45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen und von jetzt ab wird Bombe mit Bombe vergolten."

13. September
Aus einem Rundschreiben Griewanks an die Mitglieder der Eckhart-Kommission:
  "Die radikalen Einschränkungsmaßnahmen, zu denen die deutsche Forschungsgemeinschaft durch Ihre notwendige Umstellung auf die im engeren Sinne kriegswichtigen Forschungen gezwungen ist, können leider auch vor der Eckhart-Ausgabe nicht Halt machen (..) Es ist somit nicht zu vermeiden, daß die Ausgabe, soweit die finan-zielle Beteiligung der Deutschen Forschungsgemeinschaft in Betracht kommt, bis auf weiteres im Hinblick auf den Kriegszustand ruht. Die Bedeutung des Unternehmens an sich soll durch diese Maßnahmen nicht in Frage gestellt werden. Soweit an der Ausgabe, an der Bear-beitung wie an der Übersetzung der Werke ohne Kosten weiter-gearbeitet werden kann, wird dies sehr zu begrüssen sein, und es ist zu hoffen, daß die Ausgabe wieder voll in Gang kommt, sobald die Umstände es gestatten (..) Diejenigen Mitarbeiter, die zur Wehrmacht eingezogen werden oder sich aus anderen Gründen von der Arbeit zunächst ganz zurück-ziehen müssen, werden gebeten, dafür Sorge zu tragen, daß die zur Eckhart-Ausgabe gehörigen Materialien gut verpackt und sicher aufbewahrt werden (..)" [E-Ausgabe, S. 202f.].

15. September
Aus der Reaktion von Ernst Benz (Schreiben an Griewank):
  "Die Meister-Eckhart-Ausgabe der Deutschen Forschungsgemeinschaft ist unter Umständen gestartet,die sie zu einem internationalen Streitfall gemacht haben,bei dem es um nicht mehr und nicht weniger ging als um die Ehre der deutschen Wissenschaft.Die jüdische Clique,die die Gegenausgabe gegen die deutsche Eckhart-Edition ins Leben gerufen hat,hat durch Mittel, die der Deutschen Forschungsgemeinschaft aus den zahlreichen Akten bekannt sind,versucht,die deutsche Forschung aufs Schwerste zu schädigen und zu beschimpfen.Durch die vereinte gründlichste und gewissenhafteste Arbeits-leistung der an der deutschen Eckhart-Edition beteiligten deutschen Gelehrten sind die Versuche dieser jüdischen Clique,das Ansehen deutschen Wissenschaft in der ganzen Welt zu komprimittieren,zum Scheitern gebracht worden:anstatt zu hetzen und zu stänkern,haben wir die Edition vorwärtsgebracht und haben eine Leistung vorgelegt,die sich sehen lassen kann und an der alle die Vorwürfe,die man im Voraus für die deutsche Edition zurechtlegte,apprallen müssen (..) Der Abbruch unserer Arbeiten wäre ein gar zu billiger Triumph für die Kliganskij-Leute, die ja nur auf irgend ein Schwäche-Zeichen der deutschen Edition warten,um ins grosse Horn zu blasen und das Debacle der deutschen Wissenschaft zu verkündigen.
  Ich erlaube mir daher,trotz der gegenwärtigen Situation aufs dringendste eine Weiterführung und eine finanzielle Weiterunterstützung der Meister-Eckhart-Edition zu befürworten
" [E-Ausgabe, S. 203-205].

18. September
Aus der Reaktion von Erich Seeberg (Schreiben an den Präs. der DFG, Mentzel ):
  "Mir als altem Frontsoldaten ist klar,dass der totale Krieg eine totale Umstellung des Lebens bedingt (..)"
  "1) Die Eckhart-Ausgabe ist in scharfem Kampf gegen ein von einem in Oxford lebenden emigrierten Juden geleitetes Parallelunternehmen durchgeführt worden,und hat jenes Parallelunternehmen,an dem inner-und ausserdeutsche Feinde lebhaftes Interesse bezeigten,zum Erlöschen gebracht. Es ist kein Zweifel,dass falls die deutsche Eckhart-Ausgabe jetzt angehalten wird,die jüdisch-französich-englischen Elemente das Gegenunternehmen wieder aufbringen werden,und dass die feindliche Propaganda aus dem Einstellen des deutschen Unternehmens kräftig Kapital schlagen wird. Ich darf daran erinnern,dass die deutsche Eckhart-Ausgabe in der gesamten ausländischen Presse, bis in die Times hinein, seinerzeit erörtert und besprochen worden ist. Nach meinem Empfinden gewinnt also die Frage der Eckhart-Ausgabe ein aussenpolitisches Gewicht,das nicht übersehen werden darf (..)"
  "3) Mein Vorschlag: Ich empfehle,die Stipendien und sonstigen Unterstützungen an der Eckhart-Ausgabe zu streichen,die Ausgabe aber als solche weiter fortgehen zu lassen,und den Vertrag mit dem Verlag nicht zu lösen (..)" [E-Ausgabe, S. 205].

1. Oktober
Aus der Reaktion von Josef Koch (Schreiben an Griewank):
  "Gestern erhielt ich einen Brief von Herrn Kollegen Seeberg, in dem er mir mitteilte, daß er sich mit Erfolg bei der DFG darum bemüht hat, daß die Eckhart-Ausgabe - wenn auch in beschränktem Maße weitergeführt und von der DFG unterstützt wird. Ich habe mich natürlich sehr darüber gefreut; denn wenn jetzt alles bis nach dem Krieg liegen bliebe, hätten wir alles vergessen und könnten von vorne anfangen. - Für mich handelt es sich natürlich in erster Linie darum, ob ich noch ein Gehalt oder eine Beihilfe für meine Assistentin, Frl. Bauch, erhalte. Ich habe ihr zwar pflichtgemäß gekündigt, werde aber doch den Vertrag mit ihr erneuern und sie - wenn auch mit persönlichen Opfern - weiter beschäftigen und bezahlen. Denn jetzt ist sie eingearbeitet; entlasse ich sie und arbeitet sie denn in irgend einem Betrieb als Stenotypistin, so vergißt sie alles, was sie jetzt kann, und ist dann eine wenig brauchbare Kraft" [E-Ausgabe, S. 208].

4. Oktober
Aus einem Schreiben von Griewank an Koch und Josef Quint:
  "Die Haltung der Deutschen Forschungsgemeinschaft zur Meister Eckhart-Ausgabe ist nicht so zu verstehen, als ob sie beabsichtigte, die von ihr organisierte und bisher von ihr getragene Ausgabe fallen zu lassen. Die Forschungsgemeinschaft würdigt vielmehr die nationale Bedeutung des Unternehmens und wünscht die Ausgabe mit größtmöglicher Intensität weiterzuführen (..)
  "Dagegen begrüsst die Forschungsgemeinschaft es, wenn die nicht zum Kriegsdienst einberufenen Mitarbeiter, solange sie nicht anderweitig verwendet werden, die Arbeit weiterführen. Sie nimmt an, daß sich ein Weg findet, um Ihrem Vorschlag entsprechend in dem verlangsamten Tempo, das sich hieraus ergibt, den Druck der in Arbeit befindlichen Lieferungen sicherzustellen. Von einer Einstellung der Ausgabe durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft kann hiernach nicht gesprochen werden" [E-Ausgabe, S. 209].

Als einzige (achte) Lieferung erscheint im Oktober die zweite Lfg. des vierten Bandes der LW.

1940 - 1943

 
Sonstiges
Hs. Brügge

Auch in diesem Jahr erscheint nur eine Lieferung, die dritte des dritten Bandes der LW im Mai. Nach Aussagen von Koch hat er sie mehr oder weniger allein gestemmt, da sein Mitherausgeber Karl Christ verhindert war.

Den Sommer über sitzt Koch über den Leica-Aufnahmen eines Sentenzenkommentars in der Hs. 491 aus Brügge, "und nun besteht für mich kein Zweifel,daß wir hier die Sentenzenvorlesung Eckharts in der Nachschrift eines intelligenten Studenten vor uns haben. Das Wesentliche ist dies, daß der Name da steht, wo die eigenen Stellungnahmen des Verfassers erscheinen. Zudem begegnet man auf Schritt und Tritt denselben Meinungen wie in den Schriftkommentaren (..) Darum ist es für mich unbedingt erforderlich, daß ich die Handschrift selbst untersuche."


Koch ist so überzeugt von der Autorschaft Eckharts, daß er den Plan der Edition umgestalten will:

"Aus dem Fund ergeben sich folgende Aufgaben:
  1) Ich selbst habe zunächst zu beweisen, daß das Werk wirklich Eckhart zum Verfasser hat. (..)
  2) Für den Kommentar muß jetzt natürlich Platz in unserer Edition geschaffen werden. Es gibt zwei Möglichkeiten:
  a) Der sechste Band, der bisher für die Indices reserviert war, wird für den Sentenzenkommentar verwendet. Die Indices müssen dann in einem siebten Band gebracht werden.
  b) Idealer wäre die folgende Lösung: Die Doppellieferung von Bd V wird zurückgezogen und Bd. V für die Pariser Schriften Eckharts reserviert. Anordnung:
  I. Collatio in Libros Sententiarum.
 II. Lectura super IV libros Sententiarum (der neue Fund).
III. Quaestiones Parisienses.
IV. Sermo die b. Augustini Parisius habitus.

Der 'Tractatus super Oratione Dominica' wird an den Schluß von Bd. II gesetzt. Dort ist er richtiger am Platz, weil er ja wohl ein Stück von dem verlorenen Matthäus-Kommentar Eckharts ist.
  Die "Acta et regesta vitam magistri Echardi illustrantia" und der "Processus contra magistrum Echardum" würden dann mit dem Bd.VI verbunden und an dessen Anfang gestellt.
  Diese "idealere" Lösung ist aber wohl deshalb praktisch nicht mehr möglich, weil wir in andern Bänden nicht nur die Bandnummer der Texte aus Bd V zitieren, sondern auch die Seite, ja Zeile. Herr Quint verweist sogar gewöhnlich nur auf Bd nebst Seite und Zeile. Infolgedessen wird wohl praktisch nur die Lösung a) in Betracht kommen" (Schreiben an die DFG vom 15. November) [E-Ausgabe, S. 219f.].

26. Juli 1941
Koch an Griewank: "Von den Mitarbeitern an der Abt. Lateinische Werke sind bekanntlich die meisten im Felde, nur Herr Prof. Christ und ich sind in der Lage, uns der Edition zu widmen (..) Die Arbeiten konnten bisher nicht zum Abschluß gebracht werden, da der von mir gefundene Sentenzenkommentar Eckharts in den Apparat eingebaut werden soll. Meine Tätigkeit und die meiner Assistentin erstreckt sich daher vornehmlich auf diesen Sentenzenkommentar. Meine Assistentin kopiert seit Monaten das umfangreiche erste Buch; eine mühesame Arbeit, da wir bisher die Brügger Handschrift nicht bekommen konnten. Infolgedessen sind wir auf Photos angewiesen, die die schon an und für sich schwer lesbare Handschrift nur unvollkommen wiedergeben. Trotzdem ist bereits etwa die Hälfte des ersten Buches kopiert. Ich selbst arbeite an der Untersuchung der Echtheit dieses Werkes, die ja bewiesen werden muß, weil es anonym erscheint und bisher als gegen Eckhart gerichtet angesehen wurde. Etwa ein Drittel dieser Untersuchung ist fertig. Ich hoffe in den Ferien, die wir jetzt zum ersten Mal seit zwei Jahren haben, ein gutes Stück voranzukommen" [E-Ausgabe, S. 224].

11. Oktober 1941
Koch an die DFG: "Nun habe ich mich bereits im vorigen Jahr bemüht, die Handschrift nach Breslau entliehen zu bekommen. Der zuständige Kriegsverwaltungsrat Dr. Schreiber (Brüssel, 12 Wetstraat) schrieb mir am 6. Dezember 1940, daß eine Entleihung noch nicht möglich sei. 'Die Handschriften der Stadtbibliothek Brügge sind durchweg in Kisten verpackt und in Sicherheit gebracht. Der Bibliothekar de Poorter ist vor kurzem gestorben; an seiner Stelle ist noch niemand vorhanden, der sich in dem Depot zurechtfindet, da Listen über die Verteilung in den Kisten nicht bestehen' (..) Ich wäre der DFG sehr dankbar, wenn sie meiner Bitte entsprechen wollte. Denn die Arbeit an den Photos ist äußerst mühsam; ich bin sehr besorgt, daß meine Assistentin sich daran die Augen verdirbt. Mit der Handschrift selbst ließe sich naturgemäß leichter arbeiten. Was mit dem natürlichen Augenlicht nicht zu lesen ist, läßt sich auf jeden Fall mit der Quarzlampe entziffern" [E-Ausgabe, S. 226].

8. Februar 1942
Koch an Griewank: "Verbindlichsten Dank für Ihre freundlichen Bemühungen um die Entleihung der Brügger Handschrift 491 (..) Seit einem Jahr liegt das ganze Kapitel über den Echtheitsnachweis von Buch II-IV fertig im Manuskript vor. Seitdem arbeiten wir am ersten Buch, d.h. meine Assistentin hat die Hauptarbeit der Kopie, ich selbst habe aber auch einen Teil übernommen. Schätzungsweise wird die Kopie in einem Monat fertig sein. Selbstverständlich habe ich mir schon während dieser Arbeit ein Urteil über den Charakter des 1. Buches gebildet. Ich halte es in seinem wesentlichen Bestand ebenfalls für das Werk Eckharts, habe aber den wissenschaftlichen Beweis dafür noch nicht in Händen (..) Die Einsichtnahme in die Hs. hat folgende Bedeutung: Man kann keine Edition nach Photogrammen machen, sondern muß die Hs. gesehen haben. Dadurch,daß wir nun die Hs. zu Gesicht bekommen, nachdem wir sie bereits ganz kopiert haben, also bis in alle Einzelheiten kennen, wird die Benutzung der Hs. selbst nur kurze Zeit in Anspruch nehmen" [E-Ausgabe, S. 230].

10. Januar 1943
Der Artikel "Ein neuer Eckhart-Fund: der Sentenzenkommentar" von Josef Koch erscheint in der Zeitschrift "Forschungen und Fortschritte 19,1/2 (1943), S. 20-23" (s. PDF). Daraus hier nur einige seiner Schlußfolgerungen: "Die große Bedeutung des Fundes dürfte für jeden, der sich überhaupt mit Meister Eckhart befaßt hat, klar sein. Wir besitzen nunmehr das erste systematische Werk des großen deutschen Denkers. Ich halte es jetzt nicht mehr für unmöglich, den wichtigsten Teil des Opus tripartitum, nämlich das Opus quaestionum, wiederzufinden. Denn da er selbst sagt, er habe darin die Qq. in der Ordnung dargelegt, in der sie in der Summa des frater Thomas stehen, so verbirgt es sich vielleicht unter den Abbreviationes der Summa, über die M. Grabmann wiederholt gehandelt hat. Jedenfalls haben wir jetzt genügend Vergleichsmaterial, um jenes Opus identifizieren zu können. (..) Ohne auf Einzelheiten einzugehen, läßt sich jetzt schon folgendes behaupten: (..) 3. Die uns erhaltenen Reste des Opus tripartitum haben starke Beziehungen zum Sentenzenkommentar, wie sich aus den vielen Parallelen ergibt. Vor allem ist das Weltbild völlig identisch" [E-Ausgabe, S. 237].
  Besprochen wird der Artikel u.a. in: Kölnische Zeitung 154 (25.3.1943), 2. M., S. 4 und in: Die Zeit. Sudentendeutsches Tagblatt 9,255 (15.9.1943), S. 3 .

12. November 1943
Koch an die DFG: "1) Wie steht es mit dem von mir gefundenen Sentenzenkom-mentar Meister Eckharts? Die Kopie des Werkes ist in fünf Exemplaren hergestellt. Ich habe den Herrn Kollegen Quint bereits ein Exemplar zur Verfügung gestellt (..) Damit der Sentenzenkommentar wirklich benutzt werden kann, bedürfen wir eines Wortverzeichnisses, wie wir es für die übrigen Werke hergestellt haben, über dessen großen Wert wir alle nur einer Meinung sind. Meine Assistentin hat etwa die Hälfte des Kommentars verzettelt; über den Abschluß der Arbeit kann ich noch keine Angaben machen. Jedoch wird mit Hochdruck daran gearbeitet (..) Das Manuskript für das von mir vorgesehene Beiheft über den Sentenzenkommentar (Echtheitsnachweis usw.) ist zum Teil fertig. Da ich aber in der Korrespondenz mit befreundeten Forschern und einem meiner Schüler auf neue Probleme und Schwierigkeiten gestoßen bin, kann ich auch da keinen Termin für die Fertigstellung dieser Arbeit angeben" [E-Ausgabe, S. 240f.].


Koch, 1943
Sonstiges
Das "Stuttgarter Neues Tagblatt " veröffentlicht vom 12. Oktober bis zum 15. Februar 1941 eine 18-teilige Serie mit dem Titel "Zeugen deutschen Geistes". Darin erscheint am 9. November als Folge V ein Artikel von Eberhard Teufel, "Deutsche Mystik. Meister Eckhart / Johann Tauler / Heinrich Seuse. Deutsche künden deutsch von ihrem Glauben ", der sich eng an die biographischen Vorgaben hält.

In dem von ihm verantworteten - "geleiteten" - Band "Durchbruch Deutscher Glaubenskräfte" publiziert Josef Quint den Beitrag "Meister Eckehart" (Kohlhammer, 1941, S. 3-44), der über weite Strecken identisch ist mit dem Vorwort zur Hanser-Ausgabe 1955 (die bis heute immer wieder neu aufgelegt und in viele Sprachen übersetzt wird, s. Bibliographie ), nur das dort die Lobhudelei auf Rosenberg und Büttner sowie die Betonung des "Deutschen" fehlen.

Am 8. Januar 1942 erreicht die DFG ein Brief mit Anhang, den Ernst Reffke bereits am 19. September 1941 in Ahrenshoop, dem vorwiegenden Aufenthaltsort von Seeberg an der Ostsee, geschrieben hatte: "In der Anlage übersende ich Ihnen die erbetene Zusammenstellung der neueren Eckhart-Literatur. In diese ist wohl alles aufgenommen, was seit 1934 an größeren Arbeiten erschienen ist .." (s. Abb.). Seine Liste umfasst 18 Titel, davon vier vor 1934 (Otto, Grabmann, Geyer, Quint) und sieben Artikel, die in der ZKG erschienen sind, also sieben "größere Arbeiten".
  Ich weiß nicht, wo ich anfangen soll, aber bei den gut 350 Publikationen (Rezensionen nicht mitgezählt), in denen Eckhart zwischen 1934 und 1941 eine Rolle spielt, scheinen mir sieben Arbeiten - auch wenn man alle kleineren Artikel und die Tagespresse (insbesondere in 1935) mal außen vor läßt - doch leicht untertrieben.

Im März '42 erschien auch die vorerst letzte Lieferung der lateinischen Werke (bis 1953), diesmal die dritte des vierten Bandes. Laut Deckblatt besteht es aus den üblichen 5 Bogen (S. 161-240). Die 4. und 5. Lieferung von 1955 enthält aber die Seiten 225-352. Und tatsächlich ist das z.B. in dem Exemplar der Staatsbibliothek Berlin (Sign. 4" Cs 3450/8-2,4) zu erkennen an der deutlich schlechteren Papierqualität der Lieferung von 1955. Andererseits kenne ich eine Lieferung, die die Seiten 161-240 enthält. Auch Karrer muß die vollständige Lfg. vorgelegen haben, da er in seiner Besprechung (Theol. Revue 41,11/12 (1942), Sp. 262-264) in Spalte 263 aus Seite 236 zitiert. Es scheint also nur einen Teil der Auflage betroffen zu haben.


Reffke, 1941

Epilog

 
Am 25. Februar 1944 bewilligt der Präs. der DFG 10.000 RM "für sachliche Ausgaben, Druckkosten und Honorarzahlungen". Angesichts der Tatsache, daß eigentlich nur noch Koch (unterstützt von Fischer) mit der Arbeit an der Eckhart-Ausgabe beschäftigt ist (s. sein Bericht an die DFG vom 15. November, E-Ausgabe S. 245-247), verwundert dieser Betrag doch ein wenig.

Im Epilog gebe ich einen kurzen Überblick über die Entwicklung bis 2024, einzelne Stationen, Handschriftenfunde zur lateinischen Edition u. a. sowie ein Sterberegister der beteiligten Personen. Eröffnet wird dies von Erich Seeberg, der am 26. Februar 1945 an einem Gehirnschlag stirbt [E-Ausgabe, S. 247], was sogar seinen Niederschlag im Tageblatt für Frankenberg und Hainichen 104,21 vom 24./25.3.1945 findet.

Im ersten Heft der "Norsk Teologisk Tidsskrift" 1946 beschäftigt sich Oddmund Hjelde mit "Mester Eckhart og den nazistiske tolkning av ham" (ME und die Nazi-Interpretation von ihm), der sich ausführlich mit Rosenberg, Hauer und der "Deutschen Glaubensbewegung" auseinandersetzt. Eigentlich kommt der Beitrag zehn Jahre zu spät, ist aber dennoch ein sehr aussagekräftiges Zeitdokument, weshalb ich mir die Mühe gemacht habe, den Text aus einer schlechten PDF wiederzugeben und mit einer parallelen deutschen Übersetzung zu versehen (bearbeitet nach Google und Deepl).
  Er schließt nahtlos an die oben ausführlich vorgestellte Tagung von 1935 an. Ob Rosenberg das noch mitbekommen hat, wage ich zu bezweifeln. Aber es hätte ihn wahrscheinlich auch nicht interessiert. Er wird am 16. Oktober 1946 im Alter von 53 Jahren hingerichtet.


Hjelde, 1946

1948 lehnt Gillis Meersseman in seinem Aufsatz "De Sententiёnkommentaar (Cod. Brugen. 491) van de Gentse lektor Philips O.P. (1302-4)" die These Kochs von der Autorschaft Eckharts ab: "De auteur van de kommentaar is niet Eckhart, maar een baccalaureus, die onder zijn invloed stond, en die in 1302 met de verklaring van boek I begon" [E-Ausgabe, S. 249]. Das sollte nicht die letzte Stellungnahme bleiben. Zuletzt äußerte sich Ludwig Hödl zum Thema (s. Bibliographie ). Auch wenn Koch 1955 dabei bleibt: "Selbst wenn M. [Meersseman] recht hätte (was ich bezweifele), müßte das Werk in unsere Ausgabe aufgenommen werden, weil es soviel enthält, was unmittelbar auf E. zurückgeht und nicht aus gemeinsamer Quelle stammen kann, daß wir auf jeden Fall weitgehend Aufschluß über die Sentenzenvorlesung Es. (um 1300) erhalten" (Verfasserlexikon V, Sp. 167) [E-Ausgabe, S. 251], hat der Text keine Aufnahme in die Edition gefunden.
  Auch die Auseinandersetzungen zwischen Pahncke und Quint gehen weiter: 1959, 1961 und 1963 (E-Ausgabe S. 253-255) und endet auch von Seiten Quints mit dem Tod Pahnckes 1969 nicht (vgl. Max Pahncke).

Nachdem das Buch mit einem Zitat des Herausgebers der lateinischen Werke begann, überlasse ich Georg Steer (der am 1. Januar 2025 nach Abschluß der Edition als Herausgeber der deutschen Werke verstarb), das Schlußwort: "Es war die Entdeckung Kurt Ruhs (..), daß es eine „Gruppe geistlicher und mystischer Texte“ gibt, die zur Gattung der „mündig gewordenen deutschen Scholastik“ gehört, und die als Spezifikum eckhartisches Textgut transportieren. Die Zahl solcher indirekten EckhartTexte ist groß, ca. 50 sind bekannt. Diese sind fast gänzlich unediert und somit ein wirkliches Desiderat für künftige Editionsbände. Die Predigt 117 nötigt Franz Jostes das Geständnis ab: „So ist es in manchen Fällen schwierig geworden, das Eigentum Eckharts überall reinlich auszuscheiden“. Die flexiblen Editionsmethoden, die die Stuttgarter Eckhart-Ausgabe praktiziert, werden – dies muß man vermuten – noch viel Neues zu Eckhart ans Licht bringen" [E-Ausgabe, S. 260].

Errata und Ergänzungen

 
S. Datum  
13
16
16
18
19
19
30
43
46
52
53
55
64
66
66
72
74
86
1294
1857, Juli 5
1880, Aug. 27
1926
1928
1930
1933, März 16
1933, Aug. 1
1933, Okt. 14
1933, Nov. 11
1934, April 8
1934, Juni 18
1934, Nov. 18
1934, Nov./Dez.
1934, Dez.
1934, Jan. 22
1935, Jan. 31
1935, März 13
Lies "Loris Sturlese" für "Loris, Sturlese", "S. 5)" für "S. 5))"
Kursiv "(Franz Pfeiffer ... S. LIII)"
Ergänze "; 19.3.35" nach "(s. 1305"
Lies "Abhandlungen" für "Ab-handlungen"
Kursiv "(Schaller, S. 403)"
Ergänze " (Degenhardt, S. 264)" nach 'nordischen Rasse."'
Lies "NZZ 154,471, Abendausg., Bl. 6" für "NZZ Nr. 470, Ausgabe 3"
Lies "FM" für "Fk [?]" - FM = Fördermitglied
Lies "154,1856, Morgenausg., Bl. 3" für "Nr. 1854 morgens"
Lies "63,326, 5. Beibl., S. 51f." für "Nr. 326, 5. Beiblatt"
Lies "155,615, 2. Sonntagsausg., Bl. 6" für "Nr. 615, 2. Sonntagsausgabe, Blatt 6"
Lies "155,1098, Abendausg., Bl. 7" für "Nr. 1097, Ausgabe 3"
Lies "Tageblatt 63,546" für "Tageblatt, Nr. 546"
Lies "19.11.33" für "18.11.33"; "1934 (Sept.)" für "1934"; "(Note E Notizie, S. 472-475)" für "(S. 472-475)"
Lies "etwa; 1935, April" für "etwa; s. 1935, April"
Lies "1935, Januar 22"
Ergänze ", Anhang II" nach ", 7.2.35"
Ergänze "(s. 7.3.35)" nach dem Datum
87 1935, März 19 Neuer Eintrag: (s. 7.8.1880)
Reffke erhält in der Staatsbibliothek Berlin Einsicht in die Hs. Ms. lat. fol. 410 von 1492 und notiert dort: "Prima editio operis Trithemii De eccl. script. Reffke, 19. III. 1935".
99
107
115
153
167
169
176
186
211
213
220
232
247
260

277
283
287
298
302
1935, Okt. 24
1936, Feb.
1936, April 1
1937, Sept. 8
1938, April 10
1938, April 10
1938, Aug. 7
1938, Sept. 20
1939, Dez. 10
1940, Jan. 1
1940, Nov. 15
1942, März
1945, Mai
2025, Januar 1

Anhang III
Anhang V
Anhang V
Register
Nachwort
Lies "Koch" für "Josef Koch"
Lies "l'édition" für "lédition"
Lies "NZZ 157,554, Morgenausg., Bl. 2" für "NZZ Nr. 553"
Lies "1937, September 7"
Lies "religiöse" für "Religiöse"
Ergänze "(WDB 14,180, S. 2; " vor "AR, Nr. 41)"
Lies "Quint Nr. 15" für "Quint Nur. 15"
Lies "Stellungnahme" für "Stellung-nahme"
Lies "Übersetzung" für "Übersetz-ung"
Lies "Vikariat" für "Vikaraiat"
Lies "Processus" für "Processug"
Zu den fehlenden 16 Seiten der 3. Lfg. Bd. IV LW s. oben Sonstiges, letzter Eintrag
Der Punkt am Satzende fehlt
Neuer Eintrag:
Georg Steer stirbt im Alter von 90 Jahren . (Siehe dazu die Grabrede von Freimut Löser am 15. Januar 2025 )
Lies "heraufzubeschwören" für "herauszubeschwören" (Fehler im Original)
Lies "célèbre" für "oélèbre"
Lies "21." für "21:" (unterstrichen)
Ergänze Sturlese, 1294 sowie Steer, 2024 und 1.1.2025
Lies 'der "großen"' für 'der"großen"'