Sta in porta domus domini et loquere verbum 1
(Pr. Quint 19)

p19

Text (mhdt. - nhdt.)
Anmerkungen

Textbestand-Diagramm
Hss.-Chronologie
Bearbeitung
Beschreibung
Datierung

meister Eckart bewisit an disin wortin wi di sele geschickit sal sin di Got lobin sal, und bewisit daz mit der schrift und mit glichnissen der creature [Strauch, S. 2].

Zum mittelhochdeutschen Text der Strauchschen Edition bei Nils Gülberg im Internet.

  Unser herre sprichet: in der porte des goteshûses stant und sprich ûz daz wort und brinc vür daz wort! Der himelische vater sprichet ein wort und sprichet daz êwiclîche, und in dem worte verzert er alle sîne maht und sprichet sîne götlîche natûre alzemâle in dem worte und alle crêatûren. Daz wort liget in der sêle verborgenlîche, daz man ez niht enweiz noch niht enhúret, im enwerde denne gerûmet in dem grunde des húrennes, ê enwirt ez niht gehúret; mêr, alle stimme und alle lûte die müezen abe und muoz ein lûter stilnisse dâ sîn, ein stilleswîgen. Von dem sinne enspriche ich niht mê.

  Unser Herr spricht: 'In der Pforte des Gotteshauses steh und sprich aus das Wort und bring das Wort vor!' (Jer. 7,2). Der himmlische Vater spricht ein Wort und spricht es ewiglich, und in diesem Worte verzehrt er alle seine Macht, und er spricht in diesem Worte seine ganze göttliche Natur und alle Kreaturen aus. Das Wort liegt in der Seele verborgen, so daß man es nicht weiß noch hört, dafern ihm nicht in der Tiefe Gehör verschafft wird; vorher wird es nicht gehört; vielmehr müssen alle Stimmen und alle Laute hinweg, und es muß eine lautere Stille da sein, ein Stillschweigen. Über diesen Sinn will ich jetzt nicht weiter sprechen.

  Nû stant in der porte. Swer dâ stât, des lide sint geordent. Er wil sprechen, daz daz oberste teil der sêle sol stân ûfgerihtet stæticlîche. Allez, daz geordent ist, daz muoz geordent sîn under daz, daz über im ist. Alle crêatûren die engevallent gote niht, daz natiurlîche lieht der sêle überschîne sie, in dem sie ir wesen nement, und des engels lieht überschîne daz lieht der sêle und bereite und vüege sie, daz daz götlîche lieht dar inne gewürken müge; wan got enwürket niht in lîplîchen dingen, er würket in êwicheit. Dar umbe muoz diu sêle gesament sîn und ûfgezogen und muoz ein geist sîn. Dâ würket got, dâ behagent alliu werk gote. Niemer kein werk engevellet gote wol, ez enwerde dâ geworht.

  Nun: 'Steh in der Pforte!' Wer da steht, dessen Glieder sind geordnet. Er will sagen, daß das oberste Teil der Seele fest ausgerichtet stehen soll. Alles, was geordnet ist, das muß geordnet sein unter das, das über ihm ist. Alle Kreaturen gefallen Gott nicht, wenn das natürliche Licht der Seele sie nicht überglänzt, in dem sie ihr Sein empfangen, und wenn des Engels Licht das Licht der Seele nicht überglänzt und sie bereitet und füglich macht, daß das göttliche Licht darin wirken könne [1]; denn Gott wirkt nicht in körperlichen Dingen, er wirkt (vielmehr nur) in der Ewigkeit. Darum muß die Seele gesammelt und emporgezogen sein und muß ein Geist sein. Dort wirkt Gott, dort behagen Gott alle Werke. Nimmer ist Gott irgendein Werk wohlgefällig, es werde denn dort gewirkt.

  Nû stant in der porte in dem hûse gotes. Daz hûs gotes ist diu einicheit sînes wesens! Daz ein ist, daz heltet sich aller beste al ein. Dar umbe diu einicheit stât bî gote und heltet got zesamen und enleget niht zuo. Dâ sitzet er in sînem næhsten, in sînem esse, allez in im, niergen ûz im. Aber, dâ er smelzende ist, dâ smilzet er ûz. Sîn ûzsmelzen daz ist sîn güete, als ich nû sprach von bekantnisse und minne. Diu bekantnisse diu lúset abe, wan diu bekantnisse ist bezzer dan diu minne. Aber zwei sint bezzer dan ein, wan diu bekantnisse treget die minne in ir. Diu minne vertúret und behanget in der güete, und in der minne sô behange ich in der porte, und diu minne wære blint, enwære bekantnisse niht. Ein stein hât ouch minne, und des minne suochet den grunt. Behange ich in der güete, in dem êrsten smelzenne, und nime in, dâ er guot ist, sô nime ich die porte, ich ennime got niht. Dar umbe ist diu bekantnisse bezzer, wan si leitet die minne. Aber minne wil begerunge, meinunge. Einen einigen gedank enleget diu bekantnisse niht zuo, mêr: si lúset abe und scheidet sich abe und loufet vor und rüeret got blôz und begrîfet in eine in sînem wesene.

  Nun: 'Steh in der Pforte im Hause Gottes!' (1) Das 'Haus Gottes' ist die Einheit seines Seins! Was Eins ist, das hält sich am allerbesten ganz für sich allein. Darum steht die Einheit bei Gott und hält zusammen und legt nichts hinzu. Dort sitzt er in seinem Eigensten, in seinem esse, ganz in sich, nirgends außerhalb seiner. Aber da, wo er schmilzt, da schmilzt er aus. Sein Ausschmelzen ist seine Gutheit, wie ich kürzlich im Zusammenhang des Themas Erkennen und Liebe sagte (2). Das Erkennen löst ab, denn das Erkennen ist besser als die Liebe. Aber zwei sind besser als eins, denn das Erkennen trägt die Liebe in sich. Die Liebe vernarrt sich und hängt sich fest in die Gutheit, und in der Liebe bleibe ich (denn also) 'in der Pforte' hängen, und die Liebe wäre blind, wenn es kein Erkennen gäbe. Ein Stein hat auch Liebe, und dessen Liebe sucht den (Erd-)Grund. Bleibe ich in der Gutheit hängen, im ersten Ausschmelzen, und nehme Gott, sofern er gut ist, so nehme ich die 'Pforte', nicht aber nehme ich Gott. Darum ist das Erkennen besser, denn es leitet die Liebe. Die Liebe aber weckt das Begehren, das Verlangen. Das Erkennen hingegen fügt keinen einzigen Gedanken hinzu, vielmehr löst es ab und trennt. sich ab und läuft vor und berührt Gott, wie er bloß ist, und erfaßt ihn einzig in seinem Sein.

  Herre, ez zimet wol dînem hûse, daz ez heilic sî, dâ man dich inne lobet, und daz ez sî ein betehûs in der lenge der tage. Ich enmeine niht die tage hie: swenne ich spriche lenge âne lenge, daz ist ein lenge; ein breite âne breite, daz ist ein breite. Swenne ich spriche alle zît, sô meine ich oben zît, mêr: allez hie oben, als ich nû sprach, dâ weder hie noch nû enist.

  'Herr, es ziemt wohl deinem Hause', darin man dich lobt, 'daß es heilig sei' und daß es ein Bethaus sei 'in der Länge der Tage' (Ps. 92,5). Ich meine nicht die Tage hier (= die irdischen Tage): Wenn ich sage "Länge ohne Länge", so ist das (wahre) Länge; "eine Breite ohne Breite", das ist (wahre) Breite. Wenn ich sage "alle Zeit", so meine ich: oberhalb der Zeit, mehr noch: ganz oberhalb des Hier, wie ich oben sagte, dort, wo es weder Hier noch Nun gibt [2].

  Ein vrouwe vrâgete unsern herren, wâ man beten solde. Dô sprach unser herre: diu zît sol komen und ist ieze, daz die wâren anbetære suln beten in dem geiste und in der wârheit. Wan got ist ein geist, dar umbe sol man beten in dem geiste und in der wârheit. Daz diu wârheit selber ist, des ensîn wir niht, mêr: wir sîn wol wâr, dâ bî ist etwaz unwâr. Alsô enist ez in gote niht. Mêr: in dem êrsten ûzbruche, dâ diu wârheit ûzbrichet und entspringet, in der porte des goteshûses, sol diu sêle stân und sol ûzsprechen und vürbringen daz wort. Allez, daz in der sêle ist, sol sprechen und loben, und die stimme ensol nieman húren. In der stille und in der ruowe - als ich nû sprach von den engeln, die dâ sitzent bî gote in dem kôre der wîsheit und des brandes - dâ sprichet got in die sêle und sprichet sich alzemâle in die sêle. Dâ gebirt der vater sînen sun und hât sô grôzen lust in dem worte und im ist sô gar liep dar zuo, daz er niemer ûfgehúret, er enspreche alle zît daz wort, daz ist über zît. Ez kumet wol ze unsern worten, daz wir sprechen: Dînem hûse zimet wol heilicheit und lop und daz niht anders dar inne ensî dan daz dich lobet.

  Eine Frau fragte unsern Herrn, wo man beten sollte. Da sprach unser Herr: 'Die Zeit wird kommen und ist schon jetzt da, da die wahren Anbeter beten werden im Geiste und in der Wahrheit. Weil Gott ein Geist ist, darum soll man im Geiste und in der Wahrheit beten' (Joh. 4,23/24). Was die Wahrheit selbst ist, das sind wir nicht; zwar sind wir (auch) wahr, aber es ist ein Teil Unwahres dabei. So aber ist es in Gott nicht. Vielmehr soll die Seele im ersten Ausbruch, wo die (reine, volle) Wahrheit ausbricht und entspringt, in der 'Pforte des Gotteshauses' stehen und soll das Wort aussprechen und vorbringen. Alles, was in der Seele ist, soll sprechen und loben, und die Stimme soll niemand hören. In der Stille und in der Ruhe - wie ich kürzlich von jenen Engeln sagte, die da sitzen bei Gott im Chor der Weisheit und des Brandes [3] -ā dort spricht Gott in die Seele und spricht sich ganz in die Seele. Dort gebiert der Vater seinen Sohn und hat so große Lust an dem Worte [4], und er hat so große Liebe dazu, daß er niemals aufhört, das Wort zu sprechen alle Zeit, das heißt: über der Zeit. Es paßt gut zu unsern Ausführungen, daß wir sagen: 'Deinem Hause ziemt wohl Heiligkeit' und Lob und daß nichts anderes darin sei, als was dich lobt.

  Ez sprechent unser meister: waz lobet got? Daz tuot glîcheit. Alsô allez, daz glîch ist gote, daz in der sêle ist, daz lobet got; swaz iht ist unglîch gote, daz enlobet got niht; als ein bilde lobet sînen meister, der im îngedrücket hât alle die kunst, die er in sînem herzen hât und ez im sô gar glîch gemachet hât. Diu glîcheit des bildes lobet sînen meister âne wort. Daz man mit worten loben mac, daz ist ein kleine dinc, oder mit dem munde betet. Wan unser herre sprach ze einem mâle: ir betet, ir enwizzet aber niht, waz ir betet. Ez koment noch wâre betære, die betent mînen vater ane im geiste und in der wârheit. Waz ist gebet? Dionysius sprichet: ein vernünftic ûfklimmen in got, daz ist gebet. Ein heiden sprichet: wâ geist ist und einicheit und êwicheit, dâ wil got würken. Wâ vleisch ist wider geiste, wâ zerstúrunge ist wider einicheit, wâ zît ist wider êwicheit, dâ enwürket got niht; er enkan dâ mite niht. Mêr: alle lust und genüegede und vröude und welde, die man hie gehaben mac, daz muoz allez abe. Der got loben wil, der muoz heilic sîn und gesament sîn und ein geist sîn und niergen ûz sîn, mêr: allez glîch ûfgetragen in die êwige êwicheit hin ûf über alliu dinc. Ich enmeine niht alle crêatûren, die geschaffen sîn, mêr: allez, daz er vermöhte, ob er wolte, dar über sol diu sêle komen. Die wîle iht ob der sêle ist und die wîle iht vor gote ist, daz got niht enist, sô enkumet si in den grunt niht in der lenge der tage.

  Unsere Meister sagen (3): Was lobt Gott? - Das tut die Gleichheit. So denn lobt alles Gott, was in der Seele Gott gleich ist; was irgend Gott ungleich ist, das lobt Gott nicht; so wie ein Bild seinen Meister lobt, der ihm eingeprägt hat die ganze Kunst, die er in seinem Herzen birgt, und der es (= das Bild) sich so ganz gleich gemacht hat. Diese Gleichheit des Bildes lobt seinen Meister wortlos. Was man mit Worten zu loben vermag oder mit dem Munde betet, das ist etwas Geringwertiges. Denn unser Herr sprach einstmals: 'Ihr betet, wißt aber nicht, was ihr betet. Es werden (jedoch) noch wahre Beter kommen, die meinen Vater im Geiste und in der Wahrheit anbeten' (Joh. 4,22/23). Was ist (das) Gebet? Dionysius (4) sagt: Ein Aufklimmen zu Gott in der Vernunft, das ist (das) Gebet. Ein Heide sagt: Wo Geist ist und Einheit und Ewigkeit, da will Gott wirken. Wo Fleisch ist wider Geist, wo Zerstreuung ist wider Einheit, wo Zeit ist wider Ewigkeit, da wirkt Gott nicht; er verträgt sich nicht damit. Vielmehr muß alle Lust und alles Genügen und Freude und Wohlbehagen, die man hier (auf Erden) haben kann, - das alles muß weg. Wer Gott loben will, der muß heilig und gesammelt sein und ein Geist sein und nirgends draußen sein, vielmehr muß er ganz "gleich" emporgetragen sein in die Ewigkeit hinauf über alle Dinge. Ich meine nicht (nur) alle Kreaturen, die geschaffen sind, sondern (zudem) alles, was er vermöchte, wenn er wollte; darüber muß die Seele hinauskommen. Solange (noch) irgend etwas über der Seele ist und solange (noch) irgend etwas vor Gott ist, was nicht Gott ist, so lange kommt sie nicht in den Grund 'in der Länge der Tage.'

  Nû sprichet sant Augustînus: swenne daz lieht der sêle überschînet die crêatûren, dar inne sie ir wesen nement, daz heizet er einen morgen. Als des engels lieht überschînet daz lieht der sêle und daz in sich sliuzet, daz heizet er einen mittenmorgen. Dâvît sprichet: des rehten menschen stîc wehset und nimet zuo in einen vollen mittentac. Der stîc ist schúne und behegelich und lustlich und heimlich. Mêr: als daz götlîche lieht überschînet des engels lieht und daz lieht der sêle und des engels lieht sich sliezent in daz götlîche lieht, daz heizet er den mittentac. Danne ist der tac in dem húhsten und in dem lengesten und in dem volkomensten, als diu sunne stât in dem húhsten und giuzet irn schîn in die sternen und die sternen giezent irn schîn in den mânen, daz ez geordent wirt under die sunnen. Alsô hât daz götlîche lieht des engels lieht und der sêle lieht in sich beslozzen, daz ez allez geordent und ûfgerihtet stât, und dâ sô lobet ez alzemâle got. Dâ enist niht mê, daz got niht enlobe, und stât allez gote glîch, ie mê glîch, ie voller gotes, und lobet alzemâle got. Unser herre sprach: ich sol mit iu wonen in iuwerm hûse. Wir biten des unsern lieben herren got, daz er mit uns wone hie, daz wir mit im êwiclîche wonen müezen; des helfe uns got. âmen.

  Nun sagt Sankt Augustinus: Wenn das Licht der Seele, in dem die Kreaturen ihr Sein empfangen, die Kreaturen überglänzt, so nennt er das einen Morgen. Wenn des Engels Licht das Licht der Seele überglänzt und es in sich schließt, so nennt er das einen Mittmorgen. David spricht: 'Des gerechten Menschen Steig wächst und steigt an bis in den vollen Mittag' (Spr. 4,18). Der Steig ist schön und gefällig und lustvoll und traulich. Weiterhin: wenn (nun) das göttliche Licht des Engels Licht überglänzt und das Licht der Seele und des Engels Licht sich in das göttliche Licht schließen, so nennt man das den Mittag. Dann ist der Tag im Höchsten und im Längsten und im Vollkommensten, wenn die Sonne am höchsten steht und ihren Schein auf die Sterne gießt und die Sterne ihren Schein auf den Mond gießen, so daß es alles unter die Sonne geordnet wird. Ganz so hat das göttliche Licht des Engels Licht und der Seele Licht in sich beschlossen, so daß es alles geordnet und aufgerichtet steht, und sodann lobt es allzumal Gott. Da ist nichts mehr, was Gott nicht lobte, und steht alles Gott gleich, je gleicher, um so voller Gottes, und lobt Gott allzumal. Unser Herr sprach: 'Ich werde mit euch wohnen in eurem Hause' (Jer. 7,3/7). Wir bitten Gott, unsern lieben Herrn, daß er hier mit uns wohne, auf daß wir ewiglich mit ihm wohnen mögen; dazu helfe uns Gott. Amen.

Anmerkungen Quint
1 Auf diese Stelle und die anschließenden Ausführungen bezieht sich der Rv. von Pr. 18 (S. 301,6 und Anm. 3; 499): Ich sprach niuwelîche von der porte, dâ got ûzsmilzet, daz ist güete - Ich sagte neulich von der Pforte, aus der Gott ausschmilzt, dies sei die Gutheit [S. 314, Anm. 1].
2 Auf welche Predigt und Textstelle sich der Rv. als ich nû sprach genauerhin bezieht und was mit gemeint ist, weiß ich nicht mit Sicherheit zu sagen. Über das Verhältnis von bekantnisse und minne ist an einer Reihe von Stellen gehandelt, vgl: Pf. S. 106,30ff. (= Q 45, S. 363,9 ff.); 108,13ff. (= Q 45, S. 371,1 ff.); 110,6ff. (= Q 37, S. 216,1 ff.); 130,37ff. (= Q 36a, S. 191,7 ff.); 144,5ff. (= Q 69, S. 174,6ff.); 144,32ff. (= Q 69, S. 178,3ff.); oben S. 122,5ff. (= Pr. 7); 152,9ff. (= Pr. 9); Jundt S. 265,19ff. (= Q 59, S. 635,5 ff.); vgl. auch oben S. 52,9ff. (= Q 3) und dort Anm. 3; Pahncke Diss. S. 38 [S. 314, Anm. 3].
3 Welche Meister Eckhart im Auge hat, weiß ich nicht [S. 318, Anm. 2].
4 Nicht Dionysius, sondern Johannes Damascenus De fide orthodoxa III c. 24 [S. 318, Anm. 4].

Eigene
1 In dieser Textstelle sieht Quint einen möglichen Rückverweis aus Q 45: Alsô sölte diu oberste kraft der sêle, diu daz houbet ist, glîche erhaben sîn under den zein götlîches liehtes, daz daz götlich lieht dar în geschînen möhte, von dem ich mê gesprochen hân - So (also) sollte die oberste Kraft der Seele, die das Haupt ist, gleichmäßig erhoben sein unter den Strahl göttlichen Lichtes, so daß das göttliche Licht hinein scheinen könnte, von dem ich (schon) öfters gesprochen habe [DW 2, S. 369,1-3 und Anm. 2; 704]. Alternativ denkt er auch an die Stelle 319,12 ff.
2 Glaubte Quint hier noch, 'oben' würde sich auf die tage hie beziehen (S. 316,2; Anm. 2), denkt er in Q 37 vielmehr an eine Stelle dort (s. Pr. 37 und dort Anm. 8).
3 Bezog Quint hier den Rv. noch 'vielleicht' auf Q 37 (S. 317,4f.; Anm. 2), so war er sich bei der Edition der Pr. 37 inzwischen 'ziemlich sicher' (s. dort Anm. 7).
4 Nach Löser lautet der Beginn des Satzes "in einer Straßburger Handschrift": "Dâ gebirt der vater sînen sun , als ich nû sprach, und hât sô grôzen lust und bezieht den Rv. auf Pr. 51 "Er hat so große Lust im Sohne, daß er sonst nichts bedarf, als seinen Sohn zu gebähren" (DW 2, S. 469,4; 724). Leider sagt Löser nicht, in welcher Straßburger Hs. sich dieser Zusatz als ich nû sprach befindet und in der Edition findet sich auf S. 317 ebenfalls kein Hinweis darauf [Löser, Pr. 19, LE 1, S. 144].

  1 Der mittelhochdeutsche Text und die Anmerkungen Quints (in runden Klammern) entsprechen dem Abdruck in: "Meister Eckhart, Die deutschen und lateinischen Werke, Die deutschen Werke 1, Kohlhammer Stuttgart 1958, S. 312-321", ergänzt um die Nachträge S. 597f. und 607.
  Die Anmerkungen sind fortlaufend beziffert. Im Original wird auf jeder Seite neu gezählt. Hier ist nur ein Bruchteil der Anmerkungen wiedergegeben. Eigene Anmerkungen sind durch eckige Klammern gekennzeichnet.
  Der nhdt. Text ist dem Band "Meister Eckehart. Deutsche Predigten und Traktate, München, Hanser, 5.1978, S. 237-240" entnommen, die mit der Übersetzung in DW 1, S. 502-504 übereinstimmt, aber zusätzlich Zeilenangaben aufweist. Die Texteinschübe und Verweise auf Bibelstellen Quints in Klammern sind etwas (eingerückt) und die dort kursiv gesetzten Stellen werden hier in Farbe dargestellt (s. Hilfe).

Bearbeitung
Textausgabe: Pfeiffer, Nr. XXXV S. 120-123.
Textausgabe: Strauch, Nr. 20 S. 48-50.
Edition: Quint, DW I, S. 308-321.
Übersetzung: Quint, S. 237-240.
Literatur: s. Predigten.

Textbestand-Diagramm (chronologisch)
  Das Diagramm zeigt die Verteilung der Textmengen in den Hss. Die obere Zahlenreihe entspricht den Seiten 312 bis 321 der DW-Edition mit der jeweiligen Anzahl der Zeilen (addiert; in der Ed. wird auf jeder Seite neu gezählt).


Maßstab: 4 : 1 (4 Pixel = 1 Zeile)

Handschriften (chronologisch)

Hs.DatumMundartHerkunftTextbestand
Ba2Mitte 14.südalem.Vb. Basel, Kartäuser 318,1 Dînem - 9 dinc + 12 Waz - 319,11 lenge | 1
Ka1Mitte 14.alem.vermutl. Raum Straßburg, Dominikaner 312,3 Der - 8 gehoeret + 313,6 wan - 10 geworht + 318,4 Ez - 9 dinc + 318,12 Waz - 319,4 niht | 2
Ka2Mitte 14.nd.alem. (md. u. hochalem. Einfl.)vermutl. Raum Straßburg, Dominikaner 3
O(Mitte) 14.md. mit rheinfränk. EinschlagMainz, Kartäuser vollständig
H2Mitte / 2. H. 14.westmd.-rheinfränk.Ort? Katharinenkloster ? vollständig
Ba12. H. 14.alem.Basel, Kartäuser 312,3 Der - 4 maht (s. Z2)
N12. H. 14.bairischNürnberg, Dominikanerinnen vollständig | 4
Str22. H. 14.bairisch? vollständig
Str114.vermutl. alem.-elsäss.? vollständig (s. W1) | 5
G914./15. (um 1400)oberalem. (bair. Einfl.)St. Gallen, Dominikanerinnen 314,1-5 + 314,8-315,4 | 6
Lo2frühes 15.rheinfränk.? fragm.
Z4frühes 15.alem.vermutl. Töß, Dominikanerinnen 314,8-315,4 | 6
Kla1421bair.? 318,12 Dionysius - 319,1 gebet
S11441elsäss. (niederalem.)Lahr bei Offenburg ~ 313,2ff., 317,4ff., 319,1ff. + 319,1 Ein - 4 niht | 7
B91. H. 15.ostalem.Buxheim, Kartause 318,8 Daz - 319,5 abe
M51. H. 15.bair.-österr.? vollständig
Me31440-55bair.Melk, Benediktiner 312,5 Daz - 6f. enhoeret + 8f. + 313,2 (ähnlich) + 2 Allez - 5 nement
Me2um 1450bair.Melk, Benediktiner ~ 312,2-9 (abweichend)
M7Mitte 15.oberalem.St. Gallen, Dominikanerinnen 314,1-5 + 314,8-315,4 | 6
S3Mitte 15.bair.-österr.Salzburg, Benediktinerinnen 312,3 Der - 9 stilleswîgen + 313,2 daz oberste - 10 geworht + 314,3 einicheit - 315,7 + 319,1 wâ geist - 321,2 stât (stark abweichend)
Do11457-60schwäb.Buxheim, Kartäuser ? 318,12 Dionysius - 319,4 niht + 12 - 321,4 gotes (s. Str9)
Str915. (1458?)schwäb.Buxheim, Kartäuser 318,12 Dionysius - 319,4 niht + 12 - 321,4 gotes (s. Do1)
Bra32. D. 15.alem.-schwäb.weltl. Werkst. Konstanz od. Ravensburg? 318,8 Daz - 12 wârheit + 319,1 Ein - 4 niht
Z215.hochalem.? 312,3 Der - 4 maht (s. Ba1)
M57um 1500ostschwäb.Medingen, Dominikanerinnen ? 314,8-315,4 | 6
W11840-55Fr. PfeifferWien vollständig (s. Str1) | 5

1 Ba2 enthält 2 Fragmente (251rb-va = 318,1-9 + 319,5-7; 209vb = 318,12-319,11)
2 Ka1 enthält 11 Fragmente: 312,3-8 (abc); 313,6-10 (d); 313,7-8 (efh); 313,7-9 (g); 318,4-7 (i); 318,12-319,1 (k); 319,1-4 (l)
3 Ka2 (nicht in DW) enthält 8 Fragmente (1r, 20v, 22r, 61v, 77r, 85v-86r, 170r-v und 172r), deren Zuordnung zum Text mir nicht bekannt ist
4 Zwei Teile: 1. Anfang bis 315,7 wesene; 2. 316,1 Herre bis Schluß. Bei Jostes die Nrr. 16 und 17
5 Str1 ist verbrannt, W1 enthält eine Textabschrift aus Str1 von Franz Pfeiffer
6 Die Hss. G9-M7-Z4 und M57 enthalten die Fragmente der Compilatio Mystica. M57 ist in DW 1 nicht berücksichtigt, entspricht aber in den Fragmenten hier Z4 (vgl. Tabelle). Die Hss. H4 und Kon, die in den DW ebenfalls nicht berücksichtigt werden, habe ich nicht mit aufgeführt
7 S1 enthält 2 Fragmente, deren Text stark abweicht

Beschreibung
  Die Predigt ist in den Paradisus-Hss. O und H2 sowie in M5, N1, Str1 (gemäß der Textabschrift in W1) und Str2 vollständig und in 18 Hss. fragmentarisch überliefert (S3 mit der größten Textmenge), wobei vier Hss. die Compilatio mystica tradieren. Ka2 wird von Quint nicht erwähnt, obwohl ihm die Hs. (die laut Spamer im ganzen den besseren Text bietet) durchaus bekannt war. Durch die Paradisus-Hss. und Str1 ist die Predigt für Meister Eckhart bezeugt.
  In der geschichtlichen Reihenfolge erscheinen vollständige Predigt-Abschriften erst in O und H2.

Datierung
  Löser stellt in seiner Besprechung der Predigt aufgrund der Rückverweise und inneren Zusammenhänge fest, dass die Prr. 37, 51, 19 und 26 innerhalb einer Woche (nach dem dritten Fastensonntag) anhand der Datierung von Quint und Koch von Pr. 51 auf die Jahre zwischen 1322 und 1326 in Köln gehalten wurden und als innere Einheit gelesen werden können (LE 1, S. 146 ff.).
  Theisen stellte Q 19 in eine zehn Predigten umfassende Fastenpredigtreihe (s. Liste) und datierte sie auf den 27. Februar 1326, wobei er sich ebenfalls auf den angegeben Rahmen 1322-26 für Pr. 51 bezog: "Die anderen möglichen Termine [für Pr. 51] sind: 17. März 1322; 2. März 1323; 21. März 1324; 13. März 1325. Im Jahr 1324 kann die Predigt nicht gehalten worden sein, da auf den 21. März das Simplex-Fest des heiligen Benedikt fällt. Die drei anderen Termine sind zeitlich zu weit entfernt vom Fest des heiligen Matthias, als daß dessen Meßtexte noch einen Einfluß auf die Predigt hätten ausüben können. Dies gilt auch für den 2. März 1323. In diesem Jahr lag zwischen dem Termin der Predigt 51 und dem Fest des hl. Matthias ein Sonntag; dadurch wäre der zeitliche Abstand qualitativ vergrößert" [Theisen, S. 94 Anm. 26].
  Während Löser in einer Anm. nur lapidar darauf hinweist, dass Theisens Datierung "nicht allgemein anerkannt ist" (S. 148 Anm. 73), geht Steer in seiner Besprechung der Pr. 51 (LE 3, S. 51-91) mit keiner Silbe auf dessen Überlegungen ein.