In hoc apparuit caritas dei in nobis 1
(Prr. Quint 5a / 5b)

p5ab
Text (mhdt. - nhdt.)
Anmerkungen
Fragment der Hs. Fl
Stemma Pr. 5a / Filiation Pr. 5b
Textbestand-Diagramm Pr. 5b
Hss.-Chronologie Pr. 5a / Pr. 5b
Bearbeitung
Beschreibung
Datierung


Göttingen, Georg-August-Universität, Diplomatischer Apparat,
10 E IX Nr. 18, Bll. 1r (links) und 1v (rechts), Pr. 5b, DW I, S. 85,2-91,2
[Abb. mit freundlicher Genehmigung des Diplomatischen Apparats]

In hoc apparuit caritas dei in nobis, quoniam filium suum unigenitum misit deus in mundum ut vivamus per eum. In hoc apparuit caritas dei in nobis
(1 Joh. 4,9)

Aufbau der Predigt:

1. quoniam filium suum unigenitum misit deus in mundum
2. misit deus in mundum
3. misit deus in mundum
4. ut vivamus per eum
1. Wie ein Meister sagt ...
2. Zum zweiten mußt du reinen Herzens sein ...
3. "Gott hat seinen eingeborenen Sohn in die Welt gesandt"
4. Dieser Mensch lebt mit dem Sohn und er ist das Leben selbst
Quint, ZfdPh 60, S. 179-181

  Sant Johannes spricht: 'Doran ist unns gottes liebe geoffenbart, daz er sînen sun hatt gesant in die wellt, daz wir lebend durch in' und mit im. und also ist unser menschlich natur unmessiklichen erhöhet von dem, daz der oberst kommen ist und an sich hat genommen die menscheit.

  'In dem ist uns erzeiget und erschinen gotes minne an uns, wan got hât gesant sînen einbornen sun in die werlt, daz wir leben mit dem sune und in dem sune und durch den sun'; wan alle, die dâ niht lebent durch den sun, den ist wærlîche unreht.

  Sankt Johannes spricht: 'Darin ist uns Gottes Liebe geoffenbart, daß er seinen Sohn in die Welt gesandt hat, auf daß wir durch ihn und mit ihm leben', und so ist unsere menschliche Natur unermeßlich erhöht dadurch, daß der Höchste gekommen ist und die Menschennatur an sich genommen hat.

  'Darin ist uns Gottes Liebe erzeigt und in uns sichtbar geworden, daß Gott seinen eingeborenen Sohn in die Welt gesandt hat, auf daß wir leben mit dem Sohne und in dem Sohne und durch den Sohn'; denn alle, die da nicht durch den Sohn leben, die sind wahrlich nicht recht daran.

  Ein meister spricht: wann ich an daz gedenck, daz unser natur ist erhaben úber creaturen und sitzt in dem himel ob den engeln und wirt angebetten von in, so mu°oz ich mich allzemol fröwen in minem hertzen, wann Jhs Chrs, min lieber herr, hat mir alles daz eygen gemacht, daz er an im hat. Er spricht ouch, { daz der vatter an allem dem, daz er sinem sun Jesum Chrm ye gegab in menschlicher natur, so hat er mich ee angesehen und mich mer liebgehebt dann in und gab mir es ee dann im: als wie? Er gab im durch mich, wann es waz mir not. dorum, was er im gab, do meinet er mich mit und gab mirs als wol als im; ich nim nút úsz weder eynung noch heilikeit der gottheit noch nútzend nit. alles daz er im in menschlicher natur ye gegab, daz enist mir nit frömbder noch verrer dann im }. { wann got enkan nit wenig geben; entweders er mu°oz zemol geben oder gar nút geben. Sin gab ist zemol einfaltig und volkomen on teilen } [1] { und nit in zyt, alles in der ewikeit } und sint des gewúsz als ich leb: söllend wir also von im empfahen, wir müssend sin in ewikeit erhaben über die zyt. Jn der ewikeit sint alle ding gegenwirtig. daz, das ob mir ist, daz ist mir also nach und also gegenwirtig alsz daz, daz hie bei mir ist; und do söllend wir nemmen, waz wir von got söllend haben.
  (78,6) {Got der erkennet ouch nùtz usser im, sunder sin oug ist allein in sich selber gekert. waz er sicht, daz sicht er alles in im. dorum sicht unns got nitt, so wir sind in súnden. dorum also vil wir sygent in im, also vil bekennet unns got, daz ist: so vil wir on súnd sygen. } { und alle die werck, die unnszer herr ye gewúrkt, die hat er mir als eygen gegeben, das sie mir nit minder lonbar sind dann mine werk, die ich wúrke. }

  (78,11) sider uns allen nun glich eygen und glich noch ist, mir als im, all sin edelkeit, warum ennemment wir dan nit glych? Ach, daz verstand! wer zu° diser spend kommen wil, daz er disz gu°t glych empfoch und gemeine und menschlich natur allen menschen glych noche, also als in menschlich natur nút frömbdes noch verrers noch nehers nit ist, also mu°sz es ouch von not sin, daz du gelich syest in menschlicher gemeinsamkeit, dir selber nit neher denn einem andern. Du solt alle menschen dir gelich liebhaben und gelich achten und halten; waz einem andern geschicht, es sy bösz oder gu°t, daz sol dir sin, als ob es dir geschehe. (vgl. 87,1-88,5)

  Swâ nû wære ein rîcher künic, der dâ hæte eine schne tohter, gæbe er die eines armen mannes sune, alle die ze dem geslehte hôrten, die würden dâ von erhhet und gewirdiget. Nû sprichet ein meister: got ist mensche worden, dâ von ist erhhet und gewirdiget allez menschlich künne. Des mügen wir uns wol vröuwen, daz Kristus, unser bruoder, ist gevarn von eigener kraft über alle kre der engel und sitzet ze der rehten hant des vaters. Dirre meister hât wol gesprochen; aber wærlîche, ich gæbe niht vil dar umbe. Waz hülfe mich, hæte ich einen bruoder, der dâ wære ein rîcher man und wære ich dâ bî ein armer man? Waz hülfe mich, hâete ich einen bruoder, der dâ wære ein wîser man, und wære ich dâ bî ein tôre?
  (86,8) Ich spriche ein anderz und spriche ein næherz: got ist niht aleine mensche worden, mêr er hât menschlîche natûre an sich genomen.
  (86,10) Ez sprechent die meister gemeinlîche, daz alle menschen sint glîch edele in der natûre. Aber ich spriche wærlîche: allez daz guot, daz alle heiligen besezzen hânt und Marîâ, gotes muoter, und Kristus nâch sîner menscheit, daz ist mîn eigen in dirre natûre.

  (87,1) Nû möhtet ir mich vrâgen: sît ich in dirre natûre hân allez, daz Kristus nâch sîner menscheit geleisten mac, wâ von ist danne, daz wir Kristum hhen und wirdigen als unsern herren und unsern got? Daz ist dâ von, wan er ist gewesen ein bote von gote ze uns und hât uns zuo getragen unser sælicheit. Diu sælicheit, die er uns zuo truoc, diu was unser. Dâ der vater sînen sun gebirt in dem innersten grunde, dâ hât ein însweben disiu natûre. Disiu natûre ist ein und einvaltic. Hie mac wol etwaz ûzluogen und iht zuohangen, daz ist diz eine niht.
  Ich spriche ein anderz und spriche ein swærerz: swer in der blôzheit dirre natûre âne mittel sol bestân, der muoz aller persônen ûzgegangen sîn, alsô daz er dem menschen, der jensît mers ist, den er mit ougen nie gesach, daz er dem alsô wol guotes günne als dem menschen, der bî im ist und sîn heimlich vriunt ist. Al die wîle dû dîner persônen mêr guotes ganst dan dem menschen, den dû nie gesæhe, sô ist dir wærlîche unreht noch dû geluogtest nie in disen einvaltigen grunt einen ougenblik. Dû hâst aber wol gesehen in einem abgezogenen bilde die wârheit in einem glîchnisse: ez was aber daz beste niht. (vgl. 78,11-79,8)

  Ein Meister sagt: Wenn ich daran denke, daß unsere Natur über die Kreaturen erhoben worden ist und im Himmel über den Engeln sitzt und von ihnen angebetet wird, so muß ich mich aus tiefstem Herzensgrunde freuen, denn Jesus Christus, mein lieber Herr, hat mir alles das zu eigen gemacht, was er in sich besitzt. Er (der Meister) sagt auch, { daß der Vater es in allem dem, was er seinem Sohn Jesus Christus je in der menschlichen Natur verlieh, eher auf mich abgesehen und mich mehr geliebt hat als ihn und es mir eher verlieh als ihm. Wieso denn? Er gab es ihm um meinetwillen, denn mir tat es not. Darum, was immer er ihm gab, damit zielte er auf mich und gab mir's recht so wie ihm; ich nehme da nichts aus, weder Einigung noch Heiligkeit der Gottheit noch irgend etwas. Alles, was er ihm je in der menschlichen Natur gab, das ist mir nicht fremder noch ferner als ihm } [vgl. Bulle Art. 11, Votum Art. 21; Proc. col. I n. 61; II Art. 24 und II Art. 25], { denn Gott kann nicht (nur) weniges geben; entweder muß er alles oder gar nichts geben. Seine Gabe ist völlig einfach und vollkommen ohne Teilung } [vgl. Proc. col. II Art. 26] { und nicht in der Zeit, immerzu (nur) in der Ewigkeit } [vgl. Proc. col. II Art. 27]; und seid dessen so gewiß, wie ich lebe: Wenn wir so von ihm empfangen sollen, so müssen wir in der Ewigkeit sein, erhaben über die Zeit. In der Ewigkeit sind alle Dinge gegenwärtig. Das, was über mir ist, das ist mir so nahe und so gegenwärtig wie das, was hier bei mir ist; und dort werden wir von Gott empfangen, was wir von Gott haben sollen.
  { Gott erkennt auch nichts außerhalb seiner, sondern sein Auge ist nur auf ihn selbst gerichtet. Was er sieht, das sieht er alles in sich. Darum sieht uns Gott nicht, wenn wir in Sünden sind. Drum: soweit wir in ihm sind, soweit erkennt uns Gott, das heißt: soweit wir ohne Sünde sind. } [vgl. Proc. col. II Art. 28] { Und alle die Werke, die unser Herr je wirkte, die hat er mir so zu eigen gegeben, daß sie für mich nicht weniger lohnwürdig sind als meine eigenen Werke, die ich wirke. } [vgl. Proc. col. II Art. 29]

  Da nun uns allen sein ganzer Adel gleich eigen und gleich nahe ist, mir wie ihm, weshalb empfangen wir denn nicht Gleiches? Ach, das müßt ihr verstehen! Wenn einer zu dieser Spende kommen will, daß er dieses Gut gleicherweise und die allgemeine und allen Menschen gleich nahe menschliche Natur empfange, dann ist es dazu nötig, daß, so wie es in menschlicher Natur nichts Fremdes noch Ferneres noch Näheres gibt, du in der menschlichen Gesellschaft gleich stehest, dir selbst nicht näher als einem andern. Du sollst alle Menschen gleich wie dich lieben und gleich achten und halten; was einem andern geschieht, sei's bös oder gut, das soll für dich so sein, als ob es dir geschehe.

  Wenn nun irgendwo ein reicher König wäre, der eine schöne Tochter hätte: gäbe er die dem Sohne eines armen Mannes, so würden alle, die zu dem Geschlecht gehörten, dadurch erhöht und geadelt.
  Nun sagt ein Meister: Gott ist Mensch geworden, dadurch ist erhöht und geadelt das ganze Menschengeschlecht. Dessen mögen wir uns wohl freuen, daß Christus, unser Bruder, aus eigener Kraft aufgefahren ist über alle Chöre der Engel und sitzt zur rechten Hand des Vaters. Dieser Meister hat recht gesprochen; aber wahrlich, ich gäbe nicht viel darum. Was hülfe es mir, wenn ich einen Bruder hätte, der da ein reicher Mann wäre und ich wäre dabei ein armer Mann? Was hülfe es mir, hätte ich einen Bruder, der da ein weiser Mann wäre, und ich wäre dabei ein Tor?
  Ich sage etwas anderes und Eindringenderes: Gott ist nicht nur Mensch geworden, vielmehr: er hat die menschliche Natur angenommen.
  Die Meister sagen gemeinhin, alle Menschen seien in ihrer Natur gleich edel. Ich aber sage wahrheitsgemäß: All das Gute, das alle Heiligen besessen haben und Maria, Gottes Mutter, und Christus nach seiner Menschheit, das ist mein Eigen in dieser Natur.

  Nun könntet ihr mich fragen: Da ich in dieser Natur alles habe, was Christus nach seiner Menschheit zu bieten vermag, woher kommt es dann, daß wir Christum erhöhen und als unsern Herrn und unsern Gott verehren? Das kommt daher, weil er ein Bote von Gott zu uns gewesen ist und uns unsere Seligkeit zugetragen hat. Die Seligkeit, die er uns zutrug, die war unser. Dort, wo der Vater im innersten Grunde seinen Sohn gebiert, da schwebt diese (Menschen-) Natur mit ein. Diese Natur ist Eines und einfaltig. Es mag hier wohl etwas herauslugen und etwas anhangen, aber das ist dieses Eine nicht.
  Ich sage ein Weiteres und sage ein Schwereres: Wer unmittelbar in der Bloßheit dieser Natur stehen will, der muß allem Personhaften entgangen sein, so daß er dem Menschen, der jenseits des Meeres ist, den er mit Augen nie gesehen hat, ebensowohl Gutes gönne wie dem Menschen, der bei ihm ist und sein vertrauter Freund ist. Solange du deiner Person mehr Gutes gönnst als dem Menschen, den du nie gesehen hast, so steht es wahrlich unrecht mit dir, und du hast noch nie nur einen Augenblick lang in diesen einfaltigen Grund gelugt. Du magst aber wohl in einem abgezogenen Bilde die Wahrheit wie in einem Gleichnis gesehen haben: das Beste aber war es nicht.

  Nun (vgl. 90,3 ff.) disz ist der ander sin: 'Er sant in in die wellt'. Nun sollend wir verstón die grosse wellt, do die engel insehend. Wie söllend wir sin? wir sollend mit aller unser liebe und mit aller unser begerung do sin, als S. Augustinus spricht: waz der mensch liebhat, daz wirt er in der liebe. sollend wir nun sprechen: hatt der mensch gott lieb, daz er dann got werde? daz hilt, als ob es ungloub syg.
  (80,1) die liebe, die ein mensch gibt, do ensind nit zwey, me eyn und eynung, und in der liebe bin ich me got, dann ich in mir selber bin (vgl. 93,7f.). Der prophet spricht: 'Ich hab gesprochen, ir sind gött und kinder des aller höchsten'. daz hellt wunderlich, daz der mensch also mag got werden in der liebe; doch so ist es in der ewigen warheit war. unnser herr Jesus xps hatt es (1).

  

  Nun ist dies der zweite Sinn: 'Er sandte ihn in die Welt'. Nun wollen wir (darunter) die große Welt verstehen, in die die Engel schauen. Wie sollen wir sein? Wir sollen mit unserer ganzen Liebe und mit unserem ganzen Verlangen dort sein, wie Sankt Augustinus sagt: Was der Mensch liebt, das wird er in der Liebe. Sollen wir nun sagen: wenn der Mensch Gott liebt, daß er dann Gott werde? Das klingt, wie wenn es Unglaube sei.
  In der Liebe, die ein Mensch schenkt, gibt es keine Zwei, sondern (nur) Eins und Einung, und in der Liebe bin ich mehr Gott, als daß ich in mir selbst bin. Der Prophet spricht: 'Ich habe gesagt, ihr seid Götter und Kinder des Allerhöchsten' (Ps. 81,6). Das klingt verwunderlich, daß der Mensch in solcher Weise Gott zu werden vermag in der Liebe; jedoch ist es wahr in der ewigen Wahrheit. Unser Herr Jesus Christus beweist es.

  

  'Er sant inn in die wellt'. 'Mundum' betútet in ein wys 'rein'. Merckend! Got enhat kein eygner statt dann ein rein hertz und ein reine sel; do gebirt der vatter sinen sun, als er inn in der ewikeit gebirt weder meer noch minder [2]. waz ist ein rein hercz? daz ist rein, daz von allen creaturen ist gesúndert und gescheiden, wann alle creaturen machen flecken, wann sie nútzend sind; wann nútzt daz ist gebresten und beflecket die sel. { alle creaturen sind ein luter nicht; weder engel noch creaturen sind útz } (vgl. 94,4-7). sy hand all in all und beflecken, wann sy sind von nicht gemacht; si sind und waren nicht. waz allen creaturen widerzem ist und unlust macht, daz ist nútzt.
  (80,15) Leit ich ein glüyende kolen in min hand, es tet mir wee. daz ist allein durch nútz, und werend wir des nichten ledig, so werend wir nit unrein (vgl. 88,10 ff.).

  Ze dem andern mâle solt dû reines herzen sîn, wan daz herze ist aleine reine, daz alle geschaffenheit vernihtet hât (vgl. 80,7 ff). Ze dem dritten mâle solt dû nihtes blôz stân. Ez ist ein vrâge, waz in der helle brinne? Die meister sprechent gemeinlîche: daz tuot eigener wille. Aber ich spriche wærlîche, daz niht in der helle brinnet.
  (88,10) Nû nim ein glîchnisse (88,10-90,2 vgl. 80,15-17)! Man neme einen brinnenden koln und lege in ûf mîne hant. Spræche ich, daz der kol mîne hant brante, sô tæte ich im gar unreht. Sol aber ich eigenlîche sprechen, waz mich brenne: daz tuot daz niht, wan der kol etwaz in im hât, des mîn hant niht enhât. Sehet, daz selbe niht brennet mich. Hæte aber mîn hant allez daz in ir, daz der kol ist und geleisten mac, sô hæte si viures natûre zemâle. Der danne næme allez daz viur, daz ie gebrante, und schutte ez ûf mîne hant, daz möhte mich niht gepînigen. Ze glîcher wîse alsô spriche ich: wan got und alle die, die in dem angesihte gotes sint, nâch rehter sælicheit etwaz inne hânt, daz die niht hânt, die von gote gesundert sint, daz niht aleine pîniget die sêlen mê, die in der helle sint, dan eigener wille oder kein viur. Ich spriche wærlîche: als vil dir niht zuo haftet, als verre bist dû unvolkomen. Her umbe wellet ir volkomen sîn, sô sult ir nihtes blôz sîn.

  'Er sandte ihn in die Welt.' "Mundum" besagt in einer Bedeutung "rein". Merkt auf! Gott hat keine eigentlichere Stätte als ein reines Herz und eine reine Seele; dort gebiert der Vater seinen Sohn, wie er ihn in der Ewigkeit gebiert, nicht mehr und nicht weniger. Was ist ein reines Herz? Das ist rein, was von allen Kreaturen abgesondert und geschieden ist, denn alle Kreaturen beflecken, weil sie ein Nichts sind; denn das Nichts ist Mangel und befleckt die Seele. { Alle Kreaturen sind ein reines Nichts; weder die Engel noch die Kreaturen sind ein Etwas. } [vgl. Bulle Art. 26, Votum Art. 6, Proc. col. II Art. 30] Sie haben ... (2) und beflecken, denn sie sind aus Nichts gemacht; sie sind und waren Nichts. Was allen Kreaturen zuwider ist und Unlust schafft, das ist das Nichts. Legte ich eine glühende Kohle in meine Hand, so täte mir das weh. Das kommt allein vom "Nicht", und wären wir frei vom "Nicht", so wären wir nicht unrein.

  Zum andern mußt du reines Herzens sein, denn das Herz ist allein rein, das alle Geschaffenheit zunichte gemacht hat. Zum dritten mußt du frei sein vom Nicht. Man stellt die Frage, was in der Hölle brenne? Die Meister sagen allgemein: das tut der Eigenwille. Ich aber sage wahrheitsgemäß, daß das Nicht in der Hölle brennt. Vernimm denn nun ein Gleichnis! Man nehme eine brennende Kohle und lege sie auf meine Hand. Wollte ich nun sagen, die Kohle brenne meine Hand, so täte ich ihr gar unrecht, Soll ich aber zutreffend sagen, was mich brennt: das "Nicht" tut's, denn die Kohle hat etwas in sich, was meine Hand nicht hat. Seht, eben dieses "Nicht" brennt mich. Hätte aber meine Hand alles das in sich, was die Kohle ist und zu leisten vermag, so hätte sie ganz und gar Feuersnatur. Nähme einer dann alles Feuer, das je brannte, und schüttete es auf meine Hand, so könnte es mich nicht schmerzen, In gleicher Weise sage ich: Da Gott und alle die, die in der Anschauung Gottes sind, in der rechten Seligkeit etwas in sich haben, was die nicht haben, die von Gott getrennt sind, so peinigt dieses "Nicht" die Seelen, die in der Hölle sind, mehr als Eigenwille oder irgendein Feuer. Ich sage fürwahr: Soviel dir vom "Nicht" anhaftet, soweit bist du unvollkommen. Hierum, wollt ihr vollkommen sein, so müßt ihr frei sein vom "Nicht".

  Nun (vgl. 91,8 ff.); 'wir leben in im' mit im. Es ist nút, daz man als vast beger als des lebens. waz is min leben? daz von innen bewegt wirt von im selber. daz enlept nit, daz von ussen wirt bewegt [3]. lebend wir denn mit im, so mu[e]ssend wir ouch mittwúrken von innen in im, { also daz wir von ussnen nit enwúrkent; sunder wir söllend dannen ussz beweget werden, dannen ussz wir leben, daz ist: durch in } [4]
  (80,23) Wir mugen und müssen uss unserm aigen wúrken uon innan. Súllen wir denn leben in im oder durch in, so sol er unser aigen sin und súllen wir uss unserm aigen wúrken; das er ist in uns.

  Her umbe sprichet daz wörtelîn, daz ich vür geleit hân: got hât gesant sînen einbornen sun in die werlt; daz sult ir niht verstân vür die ûzwendige werlt, als er mit uns az und trank: ir sult ez verstân vür die inner werlt (Z. 3-5 vgl. 79,9 ff.). Als wærlîche der vater in sîner einvaltigen natûre gebirt sînen sun natiurlîche, als gewærlîche gebirt er in in des geistes innigestez, und diz ist diu inner werlt. Hie ist gotes grunt mîn grunt und mîn grunt gotes grunt.

  (90,8) Hie lebe ich ûzer mînem eigen, als got lebet ûzer sînem eigen (vgl. 80,23-81,4).

  Und nun: 'Wir leben in ihm' mit ihm. Es gibt nichts, was man so sehr begehrt wie das Leben. Was ist mein Leben?' Was von innen her aus sich selbst bewegt wird. Das (aber) lebt nicht, was von außen bewegt wird. Leben wir denn also mit ihm, so müssen wir auch von innen her mit ihm mitwirken, { so daß wir nicht von außen her wirken; wir sollen vielmehr daraus bewegt werden, woraus wir leben, das heißt: durch ihn } (vgl. Proc. col. II Art. 31).
  Wir können und müssen (aber nun) aus unserm Eigenen von innen her wirken. Sollen wir also denn in ihm oder durch ihn leben, so muß er unser Eigen sein und müssen wir aus unserm Eigenen wirken; so wie Gott alle Dinge aus seinem Eigenen und durch sich selbst wirkt, so müssen (auch) wir aus dem Eigenen wirken, das er in uns ist.

  Hierum sagt das Wörtlein, das ich euch vorgelegt habe: 'Gott hat seinen eingeborenen Sohn in die Welt gesandt'; das dürft ihr nicht im Hinblick auf die äußere Welt verstehen, wie er mit uns aß und trank: ihr müßt es verstehen mit bezug auf die innere Welt. So wahr der Vater in seiner einfaltigen Natur seinen Sohn natürlich gebiert, so wahr gebiert er ihn in des Geistes Innigstes, und dies ist die innere Welt. Hier ist Gottes Grund mein Grund und mein Grund Gottes Grund.

  Hier lebe ich aus meinem Eigenen, wie Gott aus seinem Eigenen lebt.

  Er ist all zumaul unser aygen, und alle ding sind unser aigen in im. Allez, das all engel und all hailgen hond und unser frow, das <ist> mir aigen in im und enist mir nit fremder noch verrer denn, das ich selber hon. Alle ding sind mir glich aygen in im; und súllen wir komen in das aigen, das allw ding unser aigen syen, so müssen wir in glich nieman in allen dingen, in ainem nit mer denn in demm andern, wann er ist in allen dingen glich.
  (81,11) { Man findet lútt den schmacket got wol in ainer wyse und nit in der andern und wellent got wber ain hon in ainer andaucht und in der ander nit. ich lausz es gu°t sin, aber im ist zumaul unrecht. Wer got rechte niemen sol, der sol in in allen dingen glich niemen }, in hertikeit als in befindlichait, in waynen als in fröden, alles sol er dir glich sîn. wenest du umb das du nit andaucht haust noch ernst und du es nit beschult haust mit töttlichen bresten, als du gern andacht und ernst hettest, das du dar umb nit gottes enhabist, das du nit andacht und ernst haust, ist dir laid, das selb ist yetzent andacht und ernst. Dar umb súllent ir úch nit an kain wys legen, wenn got enist nit in kainer wyse, disz noch das. Dar umb die da got also niement, die tu°nd im unrecht. Sy niement wys und nit got. Dar umb behaltent disz wort, das ir got lutterlichen mainent und su°chent. was wysen denn gevelt, der sind gantz ze fryd. wann wer maynung sol luter got sin und anders nit. was ir <dann> gern oder ungern hond, so ist im recht, und wyssend, das im anders zemaul unrecht ist (vgl. 91,3 ff.).
  (82,10) si stossend got under ain banck, die also vil wysen wellen hon. Es sy waynen oder súnftzen, und desz glich vil, es enist alles got nit (vgl. 91,5-7).

  Swer in disen grunt ie geluogete einen ougenblik, dem menschen sint tûsent mark rôtes geslagenen goldes als ein valscher haller. ûzer disem innersten grunde solt dû würken alliu dîniu werk sunder warumbe. Ich spriche wærlîche: al die wîle dû dîniu werk würkest umbe himelrîche oder umbe got oder umbe dîn êwige sælicheit von ûzen zuo, sô ist dir wærlîche unreht. Man mac dich aber wol lîden, doch ist ez daz beste niht.
  (91,3) Wan wærlîche, swer gotes mê wænet bekomen in innerkeit, in andâht, in süezicheit und in sunderlîcher zuovüegunge dan bî dem viure oder in dem stalle, sô tuost dû niht anders dan ob dû got næmest und wündest im einen mantel umbe daz houbet und stiezest in under einen bank (vgl. 81,11-82,10). Wan swer got suochet in wîse, der nimet die wîse und lât got, der in der wîse verborgen ist.

  Er ist ganz und gar unser Eigen, und alle Dinge sind unser Eigen in ihm. Alles, was alle Engel und alle Heiligen und Unsere Frau haben, das ist mir in ihm eigen und ist mir nicht fremder noch ferner als das, was ich selber habe. Alle Dinge sind mir gleich eigen in ihm; und wenn wir zu diesem Eigenen kommen sollen, daß alle Dinge unser Eigen seien, so müssen wir ihn gleicherweise in allen Dingen nehmen, in einem nicht mehr als in dem andern, denn er ist in allen Dingen gleich.
  { Man findet Leute, denen schmeckt Gott wohl in einer Weise, nicht aber in der andern, und sie wollen Gott durchaus (nur) in einer Weise des Sichversenkens besitzen und in der andern nicht. Ich lasse es gut sein, aber es ist völlig verkehrt. Wer Gott in rechter Weise nehmen soll, der muß ihn in allen Dingen gleicherweise nehmen } (vgl. Proc. col. II Art. 32), in der Bedrängnis wie im Wohlbefinden, im Weinen wie in Freuden; überall soll er dir gleich sein. Glaubst du, daß, weil du, ohne es durch Todsünde verschuldet zu haben, weder Andacht noch Ernst hast, du deshalb eben, weil du keine Andacht und keinen Ernst hast, (auch) Gott nicht hast, und ist dir das dann leid, so ist dies eben jetzt (deine) Andacht und (dein) Ernst. Darum sollt ihr euch nicht auf irgendeine Weise verlegen, denn Gott ist in keiner Weise weder dies noch das. Darum tun die, die Gott in solcher Weise nehmen, ihm unrecht. Sie nehmen die Weise, nicht aber Gott. Darum behaltet dieses Wort: daß ihr rein nur Gott im Auge habt und sucht, Welche Weisen dann anfallen, mit denen seid ganz zufrieden. Denn euer Absehen soll rein nur auf Gott gerichtet sein und auf sonst nichts. Was ihr dann gern oder ungern habt, das ist dann recht, und wisset, daß es sonst völlig verkehrt ist.
   Sie schieben Gott unter eine Bank, die so viele Weisen haben wollen. Sei's nun Weinen oder Seufzen und dergleichen vieles: das alles ist nicht Gott.

  Wer in diesen Grund je nur einen Augenblick lang lugte, dem Menschen sind tausend Mark roten, geprägten Goldes (soviel) wie ein falscher Heller. Aus diesem innersten Grunde sollst du alle deine Werke wirken ohne Warum. Ich sage fürwahr: Solange du deine Werke wirkst um des Himmelreiches oder um Gottes oder um deiner ewigen Seligkeit willen, (also) von außen her, so ist es wahrlich nicht recht um dich bestellt. Man mag dich zwar wohl hinnehmen, aber das Beste ist es doch nicht.
  Denn wahrlich, wenn einer wähnt, in Innerlichkeit, Andacht, süßer Verzücktheit und in besonderer Begnadung Gottes mehr zu bekommen als beim Herdfeuer oder im Stalle, so tust du nicht anders, als ob du Gott nähmest, wändest ihm einen Mantel um das Haupt und schöbest ihn unter eine Bank. Denn wer Gott in einer (bestimmten) Weise sucht, der nimmt die Weise und verfehlt Gott, der in der Weise verborgen ist.

  gevellet es, so niement es und sind zufrid; geschicht das nit, so sind aber zufrid und niemant, was wch got zu° der zit geben wil, und blibent allzit in demütiger vernúthait und verworffenhait, und wch sol allzit dunken, das ir unwirdig sind kaines gu°tes, das wch got getu°n möchte, ob er welte. Also ist denn betúttet das wort, das sant johans schribt: 'Dar an ist uns gottes mynne geoffenbaret worden'; wären wir also, so wirt disz gu°t in uns geoffenbart. das uns das verborgen ist, desz enist kain ander sach denn wir. wir sind sachen aller unser hindernúsz. Hütt dich vor dir selb, so hest du wol gehütt. und sin sach, das wir nit nemen wellen, er hett uns hier zu° erwelt; nement wir es nit, es mu°sz uns gerúwen, und es sol uns ser verwyssen werden. das wir nit dar kummen da disz gu°t genummen wirt, das gebrist nit an im, sunder an uns (3) [5].

  Aber swer got suochet âne wîse, der nimet in, als er in im selber ist; und der mensche lebet mit dem sune, und er ist daz leben selbe. Swer daz leben vrâgete tûsent jâr: war umbe lebest dû? solte ez antwürten, ez spræche niht anders wan: ich lebe dar umbe, daz ich lebe. Daz ist dâ von, wan leben lebet ûzer sînem eigenen grunde und quillet ûzer sînem eigene; dar umbe lebet ez âne warumbe in dem, daz ez sich selber lebet [6]. Swer nû vrâgete einen wârhaften menschen, der dâ würket ûz eigenem grunde: war umbe würkest dû dîniu werk? solte er rehte antwürten, er spræche niht anders dan: ich würke dar umbe, daz ich würke (vgl. 80,18 ff.).
  Dâ diu crêatûre endet, dâ beginnet got ze sînne. Nû begert got niht mê von dir, wan daz dû dîn selbes ûzgangest in crêatiurlîcher wîse und lâzest got got in dir sîn (vgl. 80,23 ff.).

  Fällt es an, nun so nehmt es hin und seid zufrieden; stellt es sich nicht ein, so seid abermals zufrieden und nehmt das, was euch Gott zu dem Zeitpunkt geben will, und bleibt allzeit in demütiger Vernichtung und Selbsterniedrigung, und es soll euch allzeit dünken, daß ihr unwürdig seid irgendeines Guten, das euch Gott antun könnte, wenn er wollte. So ist denn das Wort ausgelegt, das Sankt Johannes schreibt: 'Darin ist uns Gottes Liebe geoffenbart worden'; wären wir so, so würde dieses Gute in uns geoffenbart. Daß es uns verborgen ist, daran trägt nichts anderes die Schuld als wir. Wir sind die Ursache aller unserer Hindernisse, Hüte dich vor dir selbst, so hast du wohl gehütet. Und ist es so, daß wir's nicht nehmen wollen, so hat er uns (doch) dazu erwählt; nehmen wir's nicht, so wird es uns gereuen müssen, und es wird uns sehr verwiesen werden. Daß wir nicht dahin gelangen., wo dieses Gut empfangen wird, das liegt nicht an ihm, sondern an uns.

  Wer aber Gott ohne Weise sucht, der erfaßt ihn, wie er in sich selbst ist; und ein solcher Mensch lebt mit dem Sohne, und er ist das Leben selbst. Wer das Leben fragte tausend Jahre lang: "Warum lebst du?" - könnte es antworten, es spräche nichts anderes als: "Ich lebe darum, daß ich lebe." Das kommt daher, weil das Leben aus seinem eigenen Grunde lebt und aus seinem Eigenen quillt; darum lebt es ohne Warum eben darin, daß es (für) sich selbst lebt. Wer nun einen wahrhaftigen Menschen, der aus seinem eigenen Grunde wirkt, fragte: "Warum wirkst du deine Werke?" - sollte er recht antworten, er spräche nichts anderes als: "Ich wirke darum, daß ich wirke."
  Wo die Kreatur endet, da beginnt Gott zu sein. Nun begehrt Gott nichts mehr von dir, als daß du aus dir selbst ausgehest deiner kreatürlichen Seinsweise nach und Gott Gott in dir sein läßt.

  

  Daz minneste crêatiurlîche bilde, daz sich iemer in dir erbildet, daz ist als grôz, als got grôz ist. War umbe? Dâ hindert ez dich eines ganzen gotes. Rehte dâ daz bilde îngât, dâ muoz got wîchen und alliu sîn gotheit. Aber dâ daz bilde ûzgât, dâ gât got în. Got begert des alsô sêre, daz dû dîn selbes ûzgangest in crêatiurlîcher wîse, als ob alliu sîn sælicheit dar an lige. Eyâ, lieber mensche, waz schadet dir, daz dû gote günnest, daz got got in dir sî? Ganc dîn selbes alzemâle ûz durch got, sô gât got alzemâle sîn selbes ûz durch dich.
  (93,7) Dâ disiu zwei ûzgânt, swaz dâ blîbet, daz ist ein einvaltigez ein (vgl. 80,1 ff.). In disem ein gebirt der vater sînen sun in dem innersten gequelle. Dâ blüejet ûz der heilige geist, und dâ entspringet in gote ein wille, der behret der sêle zuo. Die wîle der wille stât unberüeret von allen crêatûren und von aller geschaffenheit, sô ist der wille vrî. Kristus sprichet: nieman kumet ze dem himel, wan der von dem himel komen ist. Alliu dinc sint geschaffen von nihte; dar umbe ist ir rehter ursprunc niht (ab Alliu vgl. 80,12f.), und als verre sich dirre edel wille neiget ûf die crêatûren, sô vervliuzet er mit den crêatûren ze ir nihte.
  (94,8) Nû ist ein vrâge, ob dirre edel wille alsô vervlieze, daz er niemer müge widerkomen? Die meister sprechent gemeinlîche, daz er niemer widerkome, als verre er mit der zît vervlozzen ist. Aber ich spriche: swenne sich dirre wille kêret von im selber und von aller geschaffenheit einen ougenblik wider in sînen êrsten ursprunc, dâ stât der wille in sîner rehten vrîen art und ist vrî, und in disem ougenblicke wirt alliu verlorne zît widerbrâht (4).
  (95,4) Die liute sprechent dicke ze mir: bitet vür mich. Sô gedenke ich: war umbe gât ir ûz? war umbe blîbet ir niht in iu selben und grîfet in iuwer eigen guot? ir traget doch alle wârheit wesenlich in iu.
  (96,1) Daz wir alsô wærlîche inne müezen blîben, daz wir alle wârheit müezen besitzen âne mittel und âne underscheit in rehter sælicheit, des helfe uns got. âmen.

  

  Das geringste kreatürliche Bild, das sich je in dich einbildet, das ist so groß, wie Gott groß ist. Warum? Weil es dich an einem ganzen Gotte hindert. Eben da, wo dieses Bild (in dich) eingeht, da muß Gott weichen und seine ganze Gottheit. Wo aber dieses Bild ausgeht, da geht Gott ein. Gott begehrt so sehr danach, daß du deiner kreatürlichen Seinsweise nach aus dir selber ausgehest, als ob seine ganze Seligkeit daran läge. Nun denn, lieber Mensch, was schadet es dir, wenn du Gott vergönnst, daß Gott Gott in dir sei? Geh' völlig aus dir selbst heraus um Gottes willen, so geht Gott völlig aus sich selbst heraus um deinetwillen.
  Wenn diese beiden herausgehen, so ist das, was da bleibt, ein einfaltiges Eins. In diesem Einen gebiert der Vater seinen Sohn im innersten Quell. Dort blüht aus der Heilige Geist, und dort entspringt in Gott ein Wille, der gehört der Seele zu. Solange der Wille unberührt steht von allen Kreaturen und von aller Geschaffenheit, ist der Wille frei. Christus spricht: 'Niemand kommt zum Himmel, als wer vom Himmel gekommen ist' (Joh. 3,13). Alle Dinge sind geschaffen aus nichts; darum ist ihr wahrer Ursprung das Nichts, und soweit sich dieser edle Wille den Kreaturen zuneigt, verfließt er mit den Kreaturen in ihr Nichts.
  Nun stellt man die Frage, ob dieser edle Wille soweit verfließe, daß er nie wieder zurückkommen könne? Die Meister sagen gemeinhin, er komme nie wieder zurück, soweit er mit der Zeit verflossen sei. Ich aber sage: Wenn immer sich dieser Wille von sich selbst und aller Geschaffenheit (nur) einen Augenblick zurück in seinen ersten Ursprung kehrt, so steht der Wille (wieder) in seiner rechten freien Art und ist frei; und in diesem Augenblick wird alle verlorene Zeit wieder eingebracht.
  Die Leute sagen oft zu mir: "Bittet für mich!" Dann denke ich: "Warum geht ihr aus? Warum bleibt ihr nicht in euch selbst und greift in euer eigenes Gut? Ihr tragt doch alle Wahrheit wesenhaft. in euch."
  Daß wir in solcher Weise wahrhaft drinnen bleiben mögen, daß wir alle Wahrheit unmittelbar und ohne Unterschiedenheit in rechter Seligkeit besitzen, dazu helfe uns Gott! Amen.

Anmerkungen Quint
1 es d.h. die Vereinigung von Gottheit und Menschheit. Der Ausdruck ist stark elliptisch und dürfte wohl nicht ursprünglich sein [S. 80, Anm. 2].
2 all in all verstehe ich nicht. muß wohl verderbt sein? [S. 447, Anm. 1].
3 Der Text von B12 wird am Schluß fragmentarisch sein, da er eine regelrechte Schlußwendung vermissen läßt. Ich vermute, daß die Predigt mit einem Schlußsatz ausklang ähnlich dem, mit dem die Parallelfassung .. S. 95,5 ff. schließt. An weitere Einbuße des B12-Textes möchte ich nicht glauben, da m. E. der Prediger mit der Wiederholung des Schriftwortes oben Z. 16 den nahen Schluß seiner Predigt ankündigt und mir zudem das Thema am Schluß des B12-Textes erschöpfend behandelt zu sein scheint. Theoretisch ist allerdings mit der Möglichkeit zu rechnen, daß der Schluß der Predigt die gleichen oder ähnliche Ausführungen über den Willen enthalten hat, wie sie .. S. 94,8 ff. in der Parallelfassung zu lesen sind. Ich halte diese Ausführungen jedoch für ursprünglich nicht in den Zusammenhang weder der vorliegenden noch der Parallelfassung der Predigt In hoc apparuit gehörig (sieh unten S. 95 Anm. 1). [S. 82, Anm. 4].
4 Die in 94,895,3 behandelte Frage steht in engster Beziehung zu dem in Predigt Pf. Nr. 15 (= S 105) gestellten Thema, das die Frage auf wirft, ob die im Zustande der Gnadenlosigkeit gewirkten guten Werke verloren sind oder nicht, resp. ob die Frucht dieser Werke nach Wiedererlangung des Gnadenstandes wieder wirksam wird oder nicht. Ich habe ZfdPh 60 S. 183 dargelegt, daß und weshalb ich vermute, daß unser Stück ursprünglich nicht in den Zusammenhang der vorliegenden Predigt gehörte (...). [S. 95, Anm. 1].

Eigene
1 (5a) Neben anderen Parallelstellen verweist Quint auch auf den Sermo XLV n. 455 und n. 456 [S. 78, Anm. 1].
2 (5a) Quint sieht einen möglichen Rückverweis von Pr. 52 [DW 2, S. 513, Anm. 44], Steer einen von Pr. 102 [DW 4,1, S. 407 Anm. 2].
3 (5a) Möglicherweise Rückverweis von Pr. 52 (s. Anm. 6) [DW 2, S. 494,4, Anm. 27].
4 (5a) Vgl. den Rv. in Q 6 (1, 113,1-6) [DW 1, S. 113, Anm. 1]; möglicherweise bezieht sich der Rv. in Q 4 (1, 66,3-5) auf diesen Absatz.
5 (5a) "Vgl. die weitgehende Parallelität dieser Stelle (Also ist denn betúttet das wort bis Ende - 82,15-22), wie schon 82,6-8 mit der 20. 'rede der unterscheidunge', besonders was deren Inhaltsstruktur als Artikulation und Diskussion von menschlichen Hindernissen für den Kommunionsempfang betrifft: (5, 264,9-10 Nû - gân; 266,9-10 Nû - gân; 267,8 Eyâ - gebüezen!)" [Theisen, S. 175, Anm. 16].
6 (5b) s. Anm. 3 [DW 2, S. 494,4, Anm. 27].

Das Fragment der Hs. Fl
Überschrift: Von den aigenwilligen leuten |
  E(Initiale)Z sint etlich leu(e)t den smechet got wol in | ainer weiz an der andern nicht vnd wellent got | vberainë (!) in einer andacht vnd in ainer wiz vnd in | der ander nicht Ich lazz iz wol gu(e)t sein aber im it ze|ma(e)l vnrecht wer got recht mainen wil der sol | in in allen dingen gleich mainen In wainen als | in vreuden In hlichait (statt hertichait) als in senftichait oder waic-|heit ez sol di(e)r als gelich sein Du solt got in alln | dingen gelich nemen Mainest du vmb daz daz | du nicht also vil andacht macht gehaben als | du gewonet hast wenestu dar vmb daz du nicht | got enhabest vnd ist di(e)r daz lait also balde so | hast du andacht vmb daz di(e)rs lait ist vnd dar | vmb soldest mit nichte also chain wissen ligen | weli(e)ch got also nement di tu(e)nt im vnrecht | si nement mi(e)r wi(e)se den got als ich dick ge(63r)sprochen han Si vindent nicht got di in also se-|hent mit wise den (statt Si infolge von Hom., d korr. zu S) vindent mer wi(e)se den got | Dar vmb behaltet dicz wo(e)rt daz i(e)r got luterlich | su(e)chet waz wi(e)se mi(e)r wize denne geuellet di sal | auch gar danchëni (?) sein vnd sol auch gro(e)zz vred | sein wenne ew(e)r mainung sol lauter got sein vnd | nicht i(e)r ger(e)n oder vnger(e)n wellet so ist im recht | vnd wisset daz im anders al zemal vnrecht ist Si stozzet got recht als vnder ain panch di | also wellet Di ain weil wellen wainen oder lachen | lu(e)chten oder winnen iz ist als got nicht wer ez | daz iz also gevile so nemet ez Geschiet ez | nicht so lat euch genu(e)gen vnd lobet got vnd | nemet daz euch nu gibt vnd also ist daz wort | bedutet
  Das e in Klammern befindet sich im Abdruck auf dem vorhergehenden Buchstaben; die beiden e mit Doppelpunkt bezeichnen einen Oberstrich auf den e.

S. 81,11 Man findet lútt - 82,15 wort. Der Text von Fl, der von vielen Fehlern durchsetzt ist, gehört wohl enger zu B12 (als zu Ba3S1), wie etwa folgende Übereinstimmungen zeigen: 81,12 und wellent - nit. B12Fl fehlt Ba3S1; 13 Wer - 14 sol in B12(Fl) Wan man sol got Ba3S1; 15 alles - sin. B12(Fl) fehlt Ba3S1; 82,9 und - 10 ist. B12Fl fehlt Ba3S1.
(Quint, Unters. II, S. 73f.)

  1 Der mittelhochdeutsche Text (für Pr. 5a nach den Hss. Ba3 und B12) und die Anmerkungen Quints (in runden Klammern) entsprechen dem Abdruck in "Meister Eckhart, Die deutschen und lateinischen Werke, Die deutschen Werke 1, Kohlhammer Stuttgart 1958, S. 77-82 (5a) und 85-96 (5b)".
  Die Anmerkungen sind fortlaufend beziffert. Im Original wird auf jeder Seite neu gezählt. Hier ist nur ein Bruchteil der Anmerkungen wiedergegeben; sofern sie sich auf die jeweils andere Fassung beziehen, wurden sie in den Text integriert. Eigene Anmerkungen sind durch eckige Klammern gekennzeichnet.
  Der nhdt. Text ist dem Band "Meister Eckehart. Deutsche Predigten und Traktate, München, Hanser, 5.1978, S. 174-181" entnommen, die mit der Übersetzung in DW I, S. 446-451 übereinstimmt, aber zusätzlich Zeilenangaben aufweist. Die Texteinschübe und Verweise auf Bibelstellen Quints in Klammern sind etwas (eingerückt) und die dort kursiv gesetzten Stellen werden hier in Farbe dargestellt (s. Hilfe).

Bearbeitung
Textausgabe (5b): Pfeiffer, Nr. XIII, S. 64,13-67,21.
Textausgabe (5a): Quint, ZfdPh 60, S. 185-191
Editionen: Quint, DW I, S. s.o.
Übersetzungen (5b): Büttner I, S. 97 ff., 2.1934 S. 100 ff.; Lehmann, S. 185 ff.; Schulze-Maizier, S. 179 ff.; Quint (DW 1), S. s.o. - (vgl. Bibliographie).
Literatur: s. Predigten.

Stemma Pr. 5a
  "Ba3 und S1 stehen eng zusammen gegen B12; jedoch ist der verwandtschaftliche Abstand zwischen B12 einerseits und Ba3S1 andererseits nicht groß. Die textlichen Unterschiede zwischen den drei Hss. sind im ganzen unbedeutend" (DW I, S. 75). Zusammen mit den Angaben Quints zu Fl (s.o.) sowie den Stemmata von Steer/Vogl zu Pr. 2 und von Steer zu Pr. 95 B ergibt sich zwangslos das Abhängigkeitsverhältnis der vier Hss., dass zudem mit der Hss.-Chronologie korrespondiert.

S/V 2S 95 B5a
Ausschnitt aus Steer/Vogl, S. 218 (s. Q 2) Ausschnitt aus dem Stemma in DW 4,1, S. 172 Resultat aus den o.g. Angaben

Handschriften Pr. 5a (chronologisch)

Hs.St.DatumMundartHerkunftTextbestand
Flx Ende 14. mittelbair. m. st. mtdt. Ein. ? 81,11 Man - 82,15 wort
B12x1 15. (1470/73) 1 westschwäb. Güterstein, Kartäuser 80,22-Ende
S1y1 1441 elsäss. (niederalem.) Lahr bei Offenburg 77 Anfang - 82,15 möchte
Ba3y3 1. Zehntel 16. alem. Basel, Kartäuser 77 Anfang - 82,15 möchte

1 B12 und S1 können datumsmäßig auch die Plätze tauschen. Der bezeugte Besitz von B12 in der Bibliothek der Gütersteiner Kartäuser 1473 bedeutet nicht, dass die Hs. nicht auch vor 1441 entstanden sein könnte.

Filiation Pr. 5b
  "E2-BT-Ba2 bilden eine Gruppe gegenüber Bra2-Mai5-Str3-Mai1-Bra3-M2, innerhalb deren sich Bra3 und M2 wieder enger aneinanderschließen (..). Die übrigen Texte N2 Br4 und S1 vermitteln zwischen den beiden Gruppen, deren Gegensatz übrigens nicht scharf ausgeprägt ist. Dabei stehen B1-P1 und M4 näher bei E2-BT-Ba2, während N2-Br4-S1 im ganzen enger zur Gegengruppe gehören. Die verwandtschaftliche Stellung der kurzen M8 (?)-Fragmente läßt sich nicht bestimmen. Was die neu gefundenen Texte angeht, so ist Mai1 wieder am engsten mit Str3, Mai5 am engsten mit Bra2 (..) und Mai1 (..) verwandt. S1 scheint wie Br4 am nächsten bei N2 zu stehen" (DW I, S. 83). Und zu U1: "Was die Filiation betrifft, so stellt der Text sich sehr zur α-Gruppe Str3-Mai1-Bra2-Mai5-Bra3-M2, genauerhin zu Bra3-M2, und ist wohl am engsten mit Bra3 verwandt ..." (Quint, PBB 82, S. 358).
  Aufgrund dieser sparsamen Angaben läßt sich an dieser Stelle kein Stemma erstellen, auch wenn von Steer einige Hss. bzgl. anderer Predigten in DW IV eingeordnet wurden und manche im Stemma von Steer/Vogl zu Pr. 2 erscheinen, aber zu 13 Hss. liegen keine Vergleichsmöglichkeiten vor.
  Interessant erscheinen mir auch die Fragmenthss., die in unterschiedlicher Länge das ab S. 92,7 beginnende Exzerpt überliefern, also die "Buch der Vollkommenheit"-Hss. und die drei mnld. Hss. sowie Ba2 und S1, deren Abhängigkeitsverhältnis hier jedoch leider nicht geklärt werden kann.

Textbestand-Diagramm Pr. 5b (chronologisch)
  Das Diagramm zeigt die Verteilung der Textmengen in den Hss. Die obere Zahlenreihe entspricht den Seiten 85 bis 96 der DW-Edition mit der jeweiligen Anzahl der Zeilen (addiert; in der Ed. wird auf jeder Seite neu gezählt). Für Ba2 sind die beiden Fragmente a und b (s.u.) durch die dünnere Linie angezeigt.


Maßstab: 4 : 1 (4 Pixel = 1 Zeile)

Handschriften Pr. 5b (chronologisch; BT eingereiht)

Hs.DatumMundartHerkunftTextbestand
Gö3 1 1. V. 14.mitteldt.? 85,2 erzeiget - 91,2 sô ist
He3 2./3. V. 14.ostfränk. 2Ostfranken / Thüringen 3
M30 Mitte / 3. V. 14.ostfränk.Ebrach? (Franken) 3
M44 Mitte 14.(nord)alem.Vb. von Hirshorn 3
Ba2 Mitte 14.südalem.Vb. Basel, Kartäuser a: 92,7 - 93,5 lige;
b: 85,2 'In dem - 94,3 vrî (88,4-92,6 fehlt)
E22. H. 14.Basler SchreibspracheEinsiedeln, Waldschwestern vollständig
B114. (1345?)elsäss.Hagenau, Reuerinnen 90,6 Als - 94,3 vri (vgl. P1)
Br4Ende 14./15. 4mnld.Köln ? 92,7 - 95,3 widerbrâht.
M3 Anfang 15.nordbair.Vb. Tegernsee, Benediktiner 3
Kla 1421bair.? 90,3-91,10; 92,7-93,4+Ps+4-94,2; 94,8-95,3 5
Ka11 3. Jz. 15.nordbair.Vb. Villingen, Benediktiner 6
Bra2 1435ostalem.Buxheim, Kartäuser vollständig
M4 1436ostschwäb.Augsburg 91,10 - 94,7 nihte. 7
Str3 1440ostschwäb.vermutl. Augsburg vollständig
S1 1441elsäss. (niederalem.)Lahr bei Offenburg 88,2-8; 89,7-90,1; 90,6-91,9; 92,7-93,2;
93,6-94,7; 94,10-95,2 und 90,12-92,6
Mai1 1450ostschwäb.Kirchheim/Ries, Zisterzienserinnen vollständig
N2 1461nürnberg.Nürnberg, Dominikanerinnen vollständig
M2 1464mittelbair.Tegernsee, Benediktiner vollständig
Bra3 2. D. 15.alem.-schwäb.weltl. Werkst. Konstanz od. Ravensburg? vollständig
P1 15. (1467/68?)(alem.)-elsäss.Straßburg, Dominikanerinnen 90,6 Als - 94,3 vri (vgl. B1)
P3 15. (1471)mnld.? 92,7 - 93,2?; ~ 95,1-3 widerbrâht. 8
Mai5 1460-75alem.Jacob Kurcz vollständig
Mai2 4. V. 15.ostschwäb. m. st. bair. Ein.Kirchheim/Ries, Zisterzienserinnen 3
U1 15.schwäb.Vb. Buxheim, Kartäuser vollständig 9
N14 15.mnld.niedersächs. Frauenkloster? 92,9 Daz - 93,2 gotes + 3 Aber - în 10
BT1521/22oberrhein.Basel vollständig
Em1588mnld.? 92,7 - 9 bilde; 93,1 hindert - 3 în

1 Nicht in DW; erst 2010 entdeckt; die ersten 4 Worte fehlen, endet 91,2 bei sô ist
2 mit zahlreichen ostmitteldt. Formen
3 Nicht in DW; mehrere Fragmente aus dem "Buch der Vollkommenheit" des Ps.-Engelhart von Ebrach. In der Edition von K. Schneider die Nrr. 134 (S. 92,7-9), 139 (S. 87,9-10; 88,6-7; 88,10-89,4; 89,9-10) und 142 (S. 91,3-5)
4 "um 1340" nach Lücker, Devotio Moderna, S. 157
5 DW 1, Nachträge S. 605; vgl. Quint, Unters. II, S. 29, 32 ff.
6 in DW aus dieser Hs.: Nr. 139 (86,11-87,4; 92,9-93,2), Nr. 142 (91,7f.; 92,7; 93,3)
7 Die Fragmente aus dem "Buch der Vollkommenheit" sind in DW 1 nicht aufgeführt
8 DW 1, Nachträge S. 594; vgl. Quint, Unters. I, , S. 274
9 Quint, PBB 82, S. 357f.
10 DW 1, Nachträge S. 593f. Das kurze Fragment ist in die Erfurter Reden eingeschoben
[30.5.12]

Beschreibung
  Für Pr. 5a ist die Echtheit gesichert durch die Responsio, für Pr. 5b ist sie fraglich. 5a erhält keine Zuweisung; 5b wird hsl. in Bra3 einem "Eberhart" zugesprochen und nur in B1 als "sermo Eghart" genannt. Bei 5b "handelt [es] sich möglicherweise um eine Bearbeitung der (...) Predigt 5 a auf den gleichen Schrifttext. Der gedankliche Aufbau ist in beiden Predigten der gleiche (...). Die Bearbeitung scheint im wesentlichen den Zweck verfolgt zu haben, die inkriminierten Stellen der ursprünglichen Predigt auszumerzen oder doch abschwächend umzuformulieren [z.B.: 'wenn der Satz II 31: omnes creature sunt unum purum nichil; nulla creatura est que aliquid sit im deutschen Text von Ba3 noch etwas schärfer und kühner formuliert lautet: alle Creaturen sind ein luter nicht; weder engel noch Creaturen sind útz, so liest man an entsprechender Stelle im Pfeifferschen Text (S. 67,6 f. - s. oben) einen völlig harmlosen und unanfechtbaren Satz: Alliu dinc sint geschaffen von nihte: dar umbe ist ir reht ursprunc niht' (Quint, ZfdPh 60, S. 182f.)]. Die Textfolge scheint mir nicht überall ursprünglich zu sein (...), sie abzuändern fühlte ich mich bei der Gleichförmigkeit der hsl. Überlieferung nicht berechtigt" (DW I, S. 84).
  "Nach alledem möchte ich also annehmen, daß die Predigt Pf. Nr. 13 (= 5b), die zwar in einer Reihe von Hss. überliefert (...) ist (...) - eine Umarbeitung der Originalpredigt ist und daher schwerlich von Eckehart selbst stammen wird" (Quint, ZfdPh 60, S. 184).

Datierung
  Die Schreibsprache des ältesten Predigt 5a-Exzerpts vom Ende des 14. Jh.s gibt Kurt Ruh als "mittelbairisch mit starken mitteldeutschen Einschlägen" an (u.a. in ²VL 10, Sp. 493). Die Schreibsprache des Pr. 5b-Fragments (die ersten 64 von 109 Zeilen der DW 1-Edition) aus dem 1. Viertel des 14. Jh.s - also noch zu Lebzeiten Eckharts entstanden - wurde bereits 1939 von Marie-Luise Dittrich als "mitteldeutsch" identifiziert (s. Handschriftenarchiv ).
  Sollte es sich, wie von Quint vermutet, bei Pr. 5b um eine Bearbeitung von Pr. 5a aufgrund der inkriminierten Stellen handeln (s.o.), die nicht von Eckhart selbst stammt, dann steht zu vermuten, dass diese Bearbeitung im Köllnischen Dialekt (ripuarisch) oder auf elsässisch (alemannisch) erfolgte. Die Identifizierung eines (ursprünglich wahrscheinlich vollständigen) mitteldeutschen Textes stellt nun zumindest eine der beiden Überlegungen in Frage. Entweder wurde die Predigt bereits in der Erfurter Zeit gehalten (vgl. das Predigtfragm. in den 'Reden' in Hs. N14) oder es handelt sich um eine Überarbeitung aus Eckharts eigener Feder (sofern nicht ein Schreiber mitteldeutscher Mundart sie z.B. in Köln anfertigte). Was eine mögliche Herkunft aus Erfurt betrifft, so ist die Hss.-Lage leider nicht eindeutig, da nahezu zeitgleich Exzerpte in Ostfranken (Herkunft Erfurt?) und am Oberrhein (Herkunft Straßburg/Köln) erscheinen.
  Gestützt werden die Thesen natürlich durch die nur 4 Hss. umfassende und ausschließlich fragmentarische Überlieferung der Pr. 5a, die zudem erst mit dem Ende des 14. Jh.s einsetzt. Aber auch hier besteht die Möglichkeit einer mitteldeutschen Hs. als Vorlage (x) für Fl. Es lässt sich jedoch anhand der hds. Überlieferung nicht feststellen, ob die Predigten nun ursprünglich in Erfurt oder in Köln gehalten wurden und auch inhaltlich ergibt sich keine eindeutige Präferenz für einen der beiden Orte. Vielleicht lassen sich konkretere Aussagen treffen, wenn der neue Text von Gö3 eingehend im Bezug auf die weitere Überlieferung untersucht worden ist.
  Hinzuweisen bzgl. Pr. 5a wäre noch auf die möglichen Rückverweise aus den Prr. Q 4, Q 6 und S 102, die der Erfurter Zeit zuzurechnen sind sowie den Text-Parallelen zum Sermo XLV (vermutlich Böhmen) und den Erfurter Reden (vgl. Eig. Anm. 2, 4 und 5).