Quasi stella matutina in medio nebulae 1
et quasi luna plena in diebus suis lucet et quasi sol refulgens, sic iste refulsit in templo dei
(Pr. Quint 9)

p9

Text (mhdt. - nhdt.)
Anmerkungen
Filiation
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Hss.-Chronologie
Bearbeitung
Beschreibung
Datierung

meister Eckart wisit hi sine meisterschaft, wi Got ist ubir wesin und wirkit uber wesin, und wi Got ist ubir allis daz man gesprechin oder gedenkin mac, und bewisit daz bit gleichnissen alse bi der sele und bi dem nu der ewekeit, und lerit ouch wi di sele sal bi dem ewigin worte sin eyn biwort [Strauch, S. 4].

Zum mittelhochdeutschen Text der Strauchschen Edition bei Nils Gülberg im Internet.

  Als ein morgensterne miten in dem nebel und als ein voller mâne in sinen tagen und als ein widerschînendiu sunne alsô hât dirre geliuhtet in dem tempel gotes.

  Wie ein Morgenstern mitten im Nebel und wie ein voller Mond in seinen Tagen und wie eine strahlende Sonne, so hat dieser geleuchtet im Tempel Gottes (Jes. Sir. 50,6/7).

  Nû nime ich daz leste wort: tempel gotes. Waz ist got und waz ist tempel gotes?
  Vierundzweinzic meister kâmen zesamen und wolten sprechen, waz got wære. Sie kâmen ze rehter zît und ir ieglîcher brâhte sîn wort, der nime ich nû zwei oder drî. Der eine sprach: got ist etwaz, gegen dem alliu wandelbæriu und zîtlîchiu dinc niht ensint, und allez, daz wesen hât, daz ist vor im kleine. Der ander sprach: got ist etwaz, daz dâ ist über wesene von nôt, daz in im selber niemannes bedarf und des alliu dinc bedürfen. Der dritte sprach: »got ist ein vernünfticheit, diu dâ lebet in sîn aleines bekantnisse«.

  Nun nehme ich das letzte Wort: 'Tempel Gottes'. Was ist "Gott", und was ist 'Tempel Gottes'?
  Vierundzwanzig Meister (1) kamen zusammen und wollten besprechen, was Gott wäre. Sie kamen zu bestimmter Zeit (zusammen), und jeder von ihnen brachte sein Wort vor; von denen greife ich nun zwei oder drei heraus. Der eine sagte: Gott ist etwas, dem gegenüber alle wandelbaren und zeitlichen Dinge nichts sind, und alles, was Sein hat, das ist vor ihm gering. Der zweite sprach: Gott ist etwas, das notwendig über dem Sein ist, das in sich selbst niemandes bedarf und dessen doch alle Dinge bedürfen. Der dritte sprach: »Gott ist eine Vernunft, die da lebt in der Erkenntnis einzig ihrer selbst« [1].

  Ich lâze daz êrste und daz leste und spriche von dem andern, daz got etwaz ist, daz von nôt über wesene sîn muoz. Waz wesen hât, zît oder stat, daz enrüeret ze gote niht, er ist dar über. Got ist in allen crêatûren, als sie wesen hânt, und ist doch dar über. Daz selbe, daz er ist in allen crêatûren, daz ist er doch dar über; waz dâ in vil dingen ein ist, daz muoz von nôt über diu dinc sin. Etlîche meister wolten, daz diu sêle aleine in dem herzen wære. Des enist niht, und dâ hânt grôze meister an geirret. Diu sêle ist ganz und ungeteilet alzemâle in dem vuoze und alzemâle in dem ougen und in ieglîchem glide. Nime ich ein stücke von der zît, sô enist ez weder der tac hiute noch der tac gester. Nime ich aber nû, daz begrîfet in im alle zît. Daz nû, dâ got die werlt inne machete, daz ist als nâhe dirre zît als daz nû, dâ ich iezuo inne spriche, und der jüngeste tac ist als nâhe disem nû als der tac, der gester was.

  Ich lasse das erste und das letzte Wort beiseite und spreche von dem zweiten: daß Gott etwas ist, das notwendig über dem Sein sein muß. Was Sein hat, Zeit oder Statt, das rührt nicht an Gott; er ist darüber. Gott ist (zwar) in allen Kreaturen, sofern sie Sein haben, und ist doch darüber. Mit eben dem, was er in allen Kreaturen ist, ist er doch darüber; was da in vielen Dingen Eins ist, das muß notwendig über den Dingen sein. Etliche Meister meinten, daß die Seele nur im Herzen sei. Dem ist nicht so, und darin haben große Meister geirrt. Die Seele ist ganz und ungeteilt vollständig im Fuße und vollständig im Auge und in jedem Gliede. Nehme ich ein Stück Zeit, so ist das weder der heutige Tag noch der gestrige Tag. Nehme ich aber das Nun, so begreift das alle Zeit in sich. Das Nun, in dem Gott die Welt erschuf, das ist dieser Zeit so nahe wie das Nun, in dem ich jetzt spreche, und der jüngste Tag ist diesem Nun so nahe wie der Tag, der gestern war.

  Ein meister sprichet: got ist etwaz, daz dâ würket in êwicheit ungeteilet in im selber, daz niemannes hilfe noch gezouwes bedarf und in im selber blîbende ist, daz nihtes bedarf und des alliu dinc bedürfen und dâ alliu dinc înkriegent als in ir lestez ende. Diz ende enhât keine wîse, ez entwehset der wîse und gât in die breite. Sant Bernhart sprichet: got ze minnenne daz ist wîse âne wîse. Ein arzât, der einen siechen gesunt wil machen, der enhât niht wîse der gesuntheit, wie gesunt er den siechen welle machen; er hât wol wîse, wâ mite er in gesunt welle machen, aber wie gesunt er in welle machen, daz ist âne wîse; als gesunt, als er iemer mac. Wie liep wir got suln hân, daz enhât niht wîse; als liep, als wir iemer mugen, daz ist âne wîse.

  Ein Meister sagt: Gott ist etwas, das da wirkt in Ewigkeit ungeteilt in sich selbst, das niemandes Hilfe noch eines Werkzeuges bedarf und in sich selbst verharrt, das nichts bedarf, dessen aber alle Dinge bedürfen und zu dem alle Dinge hindrängen als zu ihrem letzten Ziel [2]. Dieses Endziel hat keine bestimmte Weise, es entwächst der Weise und geht in die Breite. Sankt Bernhard sagt: (Die Weise) Gott zu lieben, das ist Weise ohne Weise. Ein Arzt, der einen Kranken gesund machen will, der hat keine (bestimmte) Weise der Gesundheit, wie gesund er den Kranken machen wolle; er hat wohl eine Weise, womit er ihn gesund machen will; wie gesund aber er ihn machen will, das ist ohne (bestimmte) Weise: so gesund, wie er nur immer vermag. Wie lieb wir Gott haben sollen, dafür gibt es keine (bestimmte) Weise: so lieb, wie wir nur immer vermögen, das ist ohne Weise.

  Ein ieglich dinc würket in wesene, kein dinc enmac würken über sîn wesen. Daz viur enmac niht würken dan in dem holze. Got würket über wesene in der wîte, dâ er sich geregen mac, er würket in unwesene; ê denne wesen wære, dô worhte got; er worhte wesen, dô niht wesen enwas. Grobe meister sprechent, got sî ein lûter wesen; er ist als hôch über wesene, als der oberste engel ist über einer mücken. Ich spræche als unrehte, als ich got hieze ein wesen, als ob ich die sunnen hieze bleich oder swarz. Got enist weder diz noch daz. Und sprichet ein meister: swer dâ wænet, daz er got bekant habe, und bekante er iht, sô enbekante er got niht. Daz ich aber gesprochen hân, got ensî niht ein wesen und sî über wesene, hie mite enhân ich im niht wesen abegesprochen, mêr: ich hân ez in im gehhet. Nime ich kupfer in dem golde, sô ist ez dâ und ist dâ in einer hhern wîse, dan ez ist an im selber. Sant Augustînus sprichet: got ist wîse âne wîsheit, guot âne güete, gewaltic âne gewalt.

  Ein jedes Ding wirkt in (seinem) Sein; kein Ding kann über sein Sein hinaus wirken. Das Feuer vermag nirgends als im Holze zu wirken. Gott wirkt oberhalb des Seins in der Weite, wo er sich regen kann; er wirkt im Nichtsein. Ehe es noch Sein gab, wirkte Gott; er wirkte Sein, als es Sein noch nicht gab [3]. Grobsinnige Meister sagen, Gott sei ein lauteres Sein; er ist so hoch über dem Sein, wie es der oberste Engel über einer Mücke ist. Ich würde etwas ebenso Unrichtiges sagen, wenn ich Gott ein Sein nennte, wie wenn ich die Sonne bleich oder schwarz nennen wollte. Gott ist weder dies noch das. Und ein Meister sagt: Wer da glaubt, daß er Gott erkannt habe, und dabei irgend etwas erkennen würde, der erkennte Gott nicht. Wenn ich aber gesagt habe, Gott sei kein Sein und sei über dem Sein, so habe ich ihm damit nicht das Sein abgesprochen, vielmehr habe ich es in ihm erhöht [4]. Nehme ich Kupfer im Golde, so ist es dort (vorhanden) und ist da in einer höheren Weise, als es in sich selbst ist. Sankt Augustinus sagt: Gott ist weise ohne Weisheit, gut ohne Gutheit, gewaltig ohne Gewalt

  Kleine meister lesent in der schuole, daz alliu wesen sîn geteilet in zehen wîse, und die selben sprechent sie gote zemâle abe. Dirre wîsen enberüeret got keiniu, und er enbirt ir ouch keiner. Diu êrste, diu des wesens allermeist hât, dâ alliu dinc wesen inne nement, daz ist substancie, und daz leste, daz des wesens aller minnest treit, daz heizet relatio, daz ist glîch in gote dem aller grsten, daz des wesens allermeist hât; sie hânt ein glîch bilde in gote. In gote sint aller dinge bilde glîch; aber sie sint unglîcher dinge bilde. Der hhste engel und diu sêle und diu mücke hânt ein glîch bilde in gote. Got enist niht wesen noch güete. Güete klebet an wesene und enist niht breiter dan wesen; wan enwære niht wesen, sô enwære niht güete, und wesen ist noch lûterer dan güete. Got enist guot noch bezzer noch allerbeste. Wer dâ spræche, daz got guot wære, der tæte im als unrehte, als ob er die sunnen swarz hieze.

  Kleine Meister (2) lehren in der Schule, alle Wesen seien geteilt in zehn Seinsweisen [5], und diese sprechen sie sämtlich Gott ab. Keine dieser Seinsweisen berührt Gott, aber er ermangelt auch keiner von ihnen. Die erste, die am meisten Sein besitzt, in der alle Dinge ihr Sein empfangen, das ist die Substanz; und die letzte, die am allerwenigsten Sein enthält, die heißt Relation, und die ist in Gott dem Allergrößten, das am meisten Sein besitzt, gleich: sie haben ein gleiches Urbild in Gott. In Gott sind aller Dinge Urbilder gleich; aber sie sind ungleicher Dinge Urbilder. Der höchste Engel und die Seele und die Mücke haben ein gleiches Urbild in Gott. Gott ist weder Sein noch Gutheit. Gutheit haftet am Sein und reicht nicht weiter als das Sein; denn, gäbe es kein Sein, so gäbe es keine Gutheit, und das Sein ist noch lauterer als die Gutheit. Gott ist nicht gut noch besser noch allerbest. Wer da sagte, Gott sei gut, der täte ihm ebenso unrecht, wie wenn er die Sonne schwarz nennen würde [vgl. Bulle Art. 28, Votum Art. 5, Responsio Proc. col. II n. 127].

  Nû sprichet doch got: 'nieman enist guot dan got aleine'. Waz ist guot? Daz ist guot, daz sich gemeinet. Den heizen wir einen guoten menschen, der gemeine und nütze ist. Dar umbe sprichet ein heidenischer meister: ein einsidel enist weder guot noch bse in dem sinne, wan er niht gemeine noch nütze enist. Got ist daz aller gemeineste. Kein dinc gemeinet sich von dem sînen, wan alle crêatûren von in selber niht ensint. Swaz sie gemeinent, daz hânt sie von einem andern. Sie gebent sich ouch niht selben. Diu sunne gibet irn schîn und blîbet doch dâ stânde, daz viur gibet sîne hitze und blîbet doch viur; aber got gemeinet daz sîne, wan er von im selber ist, daz er ist, und in allen den gâben, die er gibet, sô gibet er sich selben ie zem êrsten. Er gibet sich got, als er ist in allen sînen gâben, als verre als ez an im ist, der in enpfâhen möhte. Sant Jâcob sprichet: alle guoten gâben sint von oben her abe vliezende von dem vater der liehte.

  Nun aber sagt doch Gott selbst: 'Niemand ist gut als Gott allein' (Mark. 10,18). Was ist gut? Das ist gut, was sich mitteilt. Den nennen wir einen guten Menschen, der sich mitteilt und nützlich ist. Darum sagt ein heidnischer Meister: Ein Einsiedler ist weder gut noch böse in diesem Sinne, weil er sich nicht mitteilt noch nützlich ist. Gott ist das Allermitteilsamste. Kein Ding teilt sich aus Eigenem mit, denn alle Kreaturen sind nicht aus sich selbst. Was immer sie mitteilen, das haben sie von einem andern. Sie geben auch nicht sich selbst. Die Sonne gibt ihren Schein und bleibt doch an ihrem Ort stehen; das Feuer gibt seine Hitze und bleibt doch Feuer; Gott aber teilt das Seine mit, weil er aus sich selbst ist, was er ist, und in allen Gaben, die er gibt, gibt er zuerst stets sich selbst. Er gibt sich als Gott, wie er es in allen seinen Gaben ist, soweit es bei dem liegt, der ihn empfangen möchte. Sankt Jakob spricht: 'Alle guten Gaben fließen von oben herab vom Vater der Lichter' (Jak. 1,17).

  Als wir got nemen in dem wesene, sô nemen wir in in sînem vorbürge, wan wesen ist sîn vorbürge, dâ er inne wonet. Wâ ist er denne in sînem tempel, dâ er heilic inne schînet? Vernünfticheit ist der tempel gotes. Niergen wonet got eigenlîcher dan in sînem tempel, in vernünfticheit, als der ander meister sprach, daz got ist ein vernünfticheit, diu dâ lebet in sîn aleines bekantnisse, in im selber aleine blîbende, dâ in nie niht engeruorte, wan er aleine dâ ist in sîner stilheit. Got in sîn selbes bekantnisse bekennet sich selben in im selben [Vgl. Pr. 43, Eig. Anm. 3].

  Wenn wir Gott im Sein nehmen, so nehmen wir ihn in seinem Vorhof, denn das Sein ist sein Vorhof, in dem er wohnt. Wo ist er denn aber in seinem Tempel, in dem er als heilig erglänzt? Vernunft ist der Tempel Gottes. Nirgends wohnt Gott eigentlicher als in seinem Tempel, in der Vernunft, wie jener andere Meister sagte: Gott sei eine Vernunft, die da lebt im Erkennen einzig ihrer selbst, nur in sich selbst verharrend dort, wo ihn nie etwas berührt hat; denn da ist er allein in seiner Stille. Gott erkennt im Erkennen seiner selbst sich selbst in sich selbst (3).

  Nû nemen wirz in der sêle, diu ein tröpfelîn hât vernünfticheit, ein vünkelîn, ein zwîc. Diu hât krefte, die dâ würkent in dem lîbe. Ein kraft ist, dâ von der mensche döuwet, diu würket mêr in der naht dan in dem tage, dâ von der mensche zuonimet und wehset. Diu sêle hât ouch eine kraft in dem ougen, dâ von ist daz ouge sô kleinlich und sô verwenet, daz ez diu dinc niht ennimet in der gropheit, als sie an in selber sint; sie müezent ê gebiutelt werden und klein gemachet in dem lufte und in dem liehte; daz ist dâ von, daz ez die sêle bî im hât. Ein ander kraft ist in der sêle, dâ mite si gedenket. Disiu kraft bildet in sich diu dinc, diu niht gegenwertic ensint, daz ich diu dinc als wol bekenne, als ob ich sie sæhe mit den ougen, und noch baz - ich gedenke wol eine rôsen in dem winter - und mit dirre kraft würket diu sêle in unwesene und volget gote, der in unwesene würket.

  Nun nehmen wir's (= das Erkennen), wie's in der Seele ist, die ein Tröpflein Vernunft, ein "Fünklein", einen "Zweig" besitzt. Sie (= die Seele) hat Kräfte, die im Leibe wirken. Da ist eine Kraft, mit Hilfe derer der Mensch verdaut; die wirkt mehr in der Nacht als am Tage; kraft derer nimmt der Mensch zu und wächst. Die Seele hat weiterhin eine Kraft im Auge; durch die ist das Auge so subtil und so fein, daß es die Dinge nicht in der Grobheit aufnimmt, wie sie an sich selbst sind; sie müssen vorher gesiebt und verfeinert werden in der Luft und im Lichte; das kommt daher, weil es (= das Auge) die Seele bei sich hat. Eine weitere Kraft ist in der Seele, mit der sie denkt. Diese Kraft stellt in sich die Dinge vor, die nicht gegenwärtig sind, so daß ich diese Dinge ebenso gut erkenne, als ob ich sie mit den Augen sähe, ja, noch besser - ich kann mir eine Rose sehr wohl (auch) im Winter denkend vorstellen - und mit dieser Kraft wirkt die Seele im Nichtsein und folgt darin Gott, der im Nichtsein wirkt.

  Ein heidenischer meister sprichet: diu sêle, diu got minnet, diu nimet in under dem velle der güete - noch sint ez allez heidenischer meister wort, diu hie vor gesprochen sint, die niht enbekanten dan in einem natiurlîchen liehte; noch enkam ich niht ze der heiligen meister worten, die dâ bekanten in einem vil hhern liehte - er sprichet: diu sêle, diu got minnet, diu nimet in under dem velle der güete. Vernünfticheit ziuhet gote daz vel der güete abe und nimet in blôz, dâ er entkleidet ist von güete und von wesene und von allen namen.

  Ein heidnischer Meister sagt: Die Seele, die Gott liebt, die nimmt ihn unter der Hülle der Gutheit - noch sind es alles heidnischer Meister Worte, die bisher angeführt wurden, die nur in einem natürlichen Lichte erkannten; noch kam ich nicht zu den Worten der heiligen Meister, die da erkannten in einem viel höheren Lichte - er sagt also: Die Seele, die Gott liebt, die nimmt ihn unter der Hülle der Gutheit. Vernunft aber zieht Gott die Hülle der Gutheit ab und nimmt ihn bloß, wo er entkleidet ist von Gutheit und von Sein und von allen Namen.

  Ich sprach in der schuole, daz vernünfticheit edeler wære dan wille, und gehrent doch beidiu in diz lieht. Dô sprach ein meister in einer andern schuole, wille wære edeler dan vernünfticheit, wan wille nimet diu dinc, als sie in in selben sint, und vernünfticheit nimet diu dinc, als sie in ir sint. Daz ist wâr. Ein ouge ist edeler in im selber dan ein ouge, daz an eine want gemâlet ist. Ich spriche aber, daz vernünfticheit edeler ist dan wille. Wille nimet got under dem kleide der güete. Vernünfticheit nimet got blôz, als er entkleidet ist von güete und von wesene. Güete ist ein kleit, dâ got under verborgen ist, und wille nimet got under dem kleide der güete. Wære güete an gote niht, mîn wille enwölte sîn niht. Der einen künic kleiden wolte an dem tage, als man in ze künige machete, und kleidete in in grâwiu kleit, der enhæte in niht wol gekleidet. Dâ von enbin ich niht sælic, daz got guot ist. Ich enwil des niemer begern, daz mich got sælic mache mit sîner güete, wan er enmöhte ez niht getuon. Dâ von bin ich aleine sælic, daz got vernünftic ist und ich daz bekenne. Ein meister sprichet: vernünfticheit gotes ist, dâ des engels wesen zemâle ane hanget. Man vrâget, wâ daz wesen des bildes aller eigenlîchest sî: in dem spiegel oder in dem, von dem ez ûzgât? Ez ist eigenlîcher in dem, von dem ez ûzgât. Daz bilde ist in mir, von mir, zuo mir. Die wîle der spiegel glîch stât gegen mînem antlite, sô ist mîn bilde dar inne; viele der spiegel, sô vergienge daz bilde. Des engels wesen hanget dar an, daz im götlich vernünfticheit gegenwertic ist, dar inne er sich bekennet.

  Ich sagte in der Schule, daß die Vernunft edler sei als der Wille, und doch gehören sie beide in dieses Licht. Da sagte ein Meister in einer andern Schule (4), der Wille sei edler als die Vernunft, denn der Wille nehme die Dinge, wie sie in sich selbst sind; Vernunft aber nehme die Dinge, wie sie in ihr sind. Das ist wahr. Ein Auge ist edler in sich selbst als ein Auge, das an eine Wand gemalt ist. Ich aber sage, daß die Vernunft edler ist als der Wille. Der Wille nimmt Gott unter dem Kleide der Gutheit. Die Vernunft nimmt Gott bloß, wie er entkleidet ist von Gutheit und von Sein. Gutheit ist ein Kleid, darunter Gott verborgen ist, und der Wille nimmt Gott unter diesem Kleide der Gutheit. Wäre keine Gutheit an Gott, so würde mein Wille ihn nicht wollen. Wer einen König kleiden wollte am Tage, da man ihn zum König machte, und kleidete ihn in graue Kleider, der hätte ihn nicht wohl gekleidet. Nicht dadurch bin ich selig, daß Gott gut ist. Ich will (auch) niemals danach begehren, daß Gott mich selig mache mit seiner Gutheit, denn das vermöchte er gar nicht zu tun. Dadurch allein bin ich selig, daß Gott vernünftig ist und ich dies erkenne [6]. Ein Meister sagt: Gottes Vernunft ist es, woran des Engels Sein gänzlich hängt. Man stellt die Frage, wo das Sein des Bildes ganz eigentlich sei: im Spiegel oder in dem, wovon es ausgeht? Es ist eigentlicher in dem, wovon es ausgeht. Das Bild ist in mir, von mir, zu mir. Solange der Spiegel genau meinem Antlitz gegenübersteht, ist mein Bild darin; fiele der Spiegel hin, so verginge das Bild. Des Engels Sein hängt daran, daß ihm die göttliche Vernunft gegenwärtig ist, darin er sich erkennt.

  Als ein morgensterne miten in dem nebel. Ich meine daz wörtelîn quasi, daz heizet als, daz heizent diu kint in der schuole ein bîwort. Diz ist, daz ich in allen mînen predigen meine. Daz aller eigenlîcheste, daz man von gote gesprechen mac, daz ist wort und wârheit. Got nante sich selber ein wort. Sant Johannes sprach: in dem anvange was daz wort, und meinet, daz man bî dem worte sî ein bîwort. Als der vrîe sterne, nâch dem vrîtac genant ist, Vênus: der hât manigen namen. Als er vor der sunnen gât und er ê ûfgât dan diu sunne, sô heizet er ein morgensterne; als er der sunnen nâch gât, alsô daz diu sunne ê undergât, sô heizet er ein âbentsterne. Etwenne loufet er ob der sunnen, etwenne bî niden der sunnen. Vor allen sternen ist er alwege glîch nâhe der sunnen; er enkumet ir niemer verrer noch næher und meinet einen menschen, der hie zuo komen wil, der sol gote alle zît bî und gegenwertic sîn, alsô daz in niht von gote müge geverren weder glücke noch unglücke noch kein crêatûre.

  'Wie ein Morgenstern mitten im Nebel.' Ich richte mein Augenmerk nun auf das Wörtlein 'quasi', das heißt "gleichwie"; das nennen die Kinder in der Schule ein "Beiwort". Dies ist es, auf das ich's in allen meinen Predigten abgesehen habe (5). Das Allereigentlichste, was man von Gott aussagen kann, das ist "Wort" und "Wahrheit". Gott nannte sich selbst ein "Wort". Sankt Johannes sprach: 'Im Anfang war das Wort' (Joh. 1,1), und er deutet damit (zugleich) an, daß man bei diesem Worte ein "Beiwort" sein solle. So wie der "freie Stern", nach dem der "Freitag" benannt ist, die Venus: der hat manchen Namen. Wenn er der Sonne voraufgeht und eher aufgeht als die Sonne, so heißt er ein "Morgenstern"; wenn er aber hinter der Sonne hergeht, so daß die Sonne eher untergeht, so heißt er ein "Abendstern"; manchmal läuft er oberhalb der Sonne, manchmal unterhalb. Vor allen Sternen ist er der Sonne beständig gleich nahe; er kommt ihr niemals ferner noch näher und zeigt damit an, daß ein Mensch, der hierzu kommen will, Gott allezeit nahe und gegenwärtig sein soll, so daß ihn nichts von Gott entfernen kann, weder Glück noch Unglück noch irgendeine Kreatur.

  Er sprichet ouch: als ein voller mâne in sînen tagen. Der mâne hât hêrschaft über alle viuhte natûre. Niemer enist der mâne der sunnen sô nâhe, dan sô er vol ist und als er sîn lieht von der sunnen zem êrsten nimet; und dâ von, daz er der erde næher ist dan kein sterne, sô hât er zwêne schaden: daz er bleich und vleckeht ist und daz er sîn lieht verliuset. Niemer enist er sô kreftic, dan sô er der erde aller verrest ist, denne sô wirfet er daz mer aller verrest ûz; ie mêr er abenimet, ie minner er ez ûzgewerfen mac. Ie mêr diu sêle erhaben ist über irdischiu dinc, ie kreftiger si ist. Der niht dan die crêatûren bekante, der endörfte niemer gedenken ûf keine predige, wan ein ieglîchiu crêatûre ist vol gotes und ist ein buoch. Der mensche, der hie zuo komen wil, dâ von hie vor gesprochen ist - hie gât alliu diu rede zemâle ûf - der sol sîn als ein morgensterne: iemermê gote gegenwertic und iemermê bî und glîch nâhe und erhaben über alliu irdischiu dinc und bî dem worte sîn ein bîwort.

  Der Schrifttext sagt weiterhin: 'Wie ein voller Mond in seinen Tagen.' Der Mond hat Herrschaft über alle feuchte Natur. Nie ist der Mond der Sonne so nahe, wie dann, wenn er voll ist und wenn er sein Licht unmittelbar von der Sonne empfängt. Davon aber, daß er der Erde näher ist als irgendein Stern, hat er zwei Nachteile: daß er bleich und fleckig ist und daß er sein Licht verliert. Nie ist er so kräftig, wie wenn er der Erde am allerfernsten ist, dann wirft er das Meer am allerweitesten aus; je mehr er abnimmt, um so weniger vermag er es auszuwerfen. Je mehr die Seele über irdische Dinge erhaben ist, um so kräftiger ist sie. Wer weiter nichts als die Kreaturen erkennen würde, der brauchte an keine Predigt zu denken, denn jegliche Kreatur ist Gottes voll und ist ein Buch. Der Mensch, der dazu gelangen will, wovon im voraufgehenden gesprochen wurde - hierauf läuft die ganze Predigt mit allem hinaus - der muß sein wie ein Morgenstern: immerzu Gott gegenwärtig und immerzu "bei" (ihm) und gleich nahe und erhaben über alle irdischen Dinge und muß bei dem "Worte" ein "Beiwort" sein.

  Ez ist ein vürbrâht wort, daz ist der engel und der mensche und alle crêatûren. Ez ist ein ander wort, bedâht und vürbrâht, dâ bî mac ez komen, daz ich in mich bilde. Noch ist ein ander wort, daz dâ ist unvürbrâht und unbedâht, daz niemer ûzkumet, mêr ez ist êwiclich in dem, der ez sprichet; ez ist iemermê in einem enpfâhenne in dem vater, der ez sprichet, und inneblîbende. Vernünfticheit ist allez înwert würkende. Ie kleinlîcher und ie geistlîcher daz dinc ist, ie krefticlîcher ez înwert würket, und ie diu vernunft kreftiger und kleinlîcher ist, ie daz, daz si bekennet, mêr dâ mite vereinet wirt und mêr ein mit ir wirt. Alsô enist ez niht umbe lîplîchiu dinc; ie kreftiger diu sint, ie mêr sie ûzwert würkent. Gotes sælicheit liget an der înwertwürkunge der vernünfticheit, dâ daz wort inneblîbende ist. Dâ sol diu sêle sîn ein bîwort und mit gote würken ein werk, in dem înswebenden bekantnisse ze nemenne ir sælicheit in dem selben, dâ got sælic ist.
  Daz wir alle zît bî disem worte müezen sîn ein bîwort, des helfe uns der vater und diz selbe wort und der heilige geist. âmen.

  Es gibt ein hervorgebrachtes Wort: das ist der Engel und der Mensch und alle Kreaturen. Es gibt ein anderes Wort, gedacht und vorgebracht, durch das es möglich wird, daß ich mir etwas vorstelle. Noch aber gibt es ein anderes Wort, das da sowohl unvorgebracht wie ungedacht ist, das niemals austritt; vielmehr bleibt es ewig in dem, der es spricht. Es ist im Vater, der es spricht, immerfort im Empfangenwerden und innebleibend (6). Vernunft ist stets nach innen wirkend. Je feiner und je geistiger etwas ist, um so kräftiger wirkt es nach innen; und je kräftiger und feiner die Vernunft ist, um so mehr wird das, was sie erkennt, mit ihr vereint und mit ihr eins. So (aber) ist es nicht mit körperlichen Dingen; je kräftiger die sind, um so mehr wirken sie nach außen. Gottes Seligkeit (aber) liegt im Einwärtswirken der Vernunft, wobei das "Wort" innebleibend ist. Dort soll die Seele ein "Beiwort" sein und mit Gott ein Werk wirken, um in dem in sich selbst schwebenden Erkennen ihre Seligkeit zu schöpfen: in demselben, wo Gott selig ist.
  Daß wir allzeit bei diesem "Wort" ein "Beiwort" sein mögen, dazu helfe uns der Vater und dieses nämliche Wort und der Heilige Geist. Amen.

Anmerkungen Quint
1 Eckhart hat den 'Liber 24 philosophorum' des Pseudo-Hermes Trismegistus (...) im Auge. Er zitiert diesen Liber wiederholt in seinen lateinischen Schriften (...) [S. 142, Anm. 1].
2 Gemeint sind wohl die baccalaurii theologiae. [S. 147, Anm. 3]
3 Zur These, daß Gott reines Erkennen sei, daß ihm das Sein erst sekundär durch das Erkennen zukomme, vgl. insbesondere die [1.] Quaestio, Utrum in deo sit idem esse et intelligere? n. 4 [S. 150, Anm. 1]. (Vgl. Pr. 43, Eig. Anm. 3).
4 Gemeint ist wahrscheinlich der Franziskanergeneral Gonsalvus, der in seiner Quaestio gegen Eckharts Auffassung polemisiert [S. 152, Anm. 3].
5 Eckhart sagt hier, daß er es in allen seinen Predigten auf das bîwort abgesehen habe, daß alle seine Predigten das Grundmotiv durchziehe, wonach die Seele ihren "Ausfluß" dort nimmt, wo auch der Sohn ausfließt, wonach der Vater, indem er den Sohn, das "Wort" spricht, gleichzeitig auch die Seele als ein bîwort ausspricht, und daß darauf der ganze Adel der Menschenseele beruht, auf Grund dessen sie eins mit dem Sohne und damit auch mit der Gottheit zu werden vermag [S. 154, Anm. 3].
6 Eckhart unterscheidet dreierlei "Wort": 1. das hervorgebrachte, außerhalb Gottes in den Kreaturen verobjektivierte Wort, 2. das gedachte und vorgestellte menschliche Wort, 3. das im "Vater" stets innebleibende, nicht hervorgebrachte, nicht aus dem trinitarischen Zirkel austretende "Wort" als 2. Person der Gottheit [S. 157, Anm. 2].

Eigene
1 Quint: "(...) Die beiden ersten Sprüche bei Eckhart sind viel zu ungenau zitiert, als daß sie mit bestimmten Nummern der "24 Meistersprüche" in eins gesetzt werden könnten. Nur der dritte Spruch hat eine eindeutige Beziehung, und zwar zum 20. Meisterspruch: Deus est, qui solus suo intellectu vivit" [S. 142, Anm. 3].
2 Quint: "Bihlmeyer verweist (...) auf Bernhard (...)" [S. 144, Anm. 3].
3 Vgl. Prol. gen. n. 17 (der Satz vor Anm. 10).
4 Vgl. Prol. op. prop n. 15 (letzter Satz).
5 Quint: "= die 10 Seinskategorien des Aristoteles" [S. 147, Anm. 4].
6 Quint: "In .. Sermo XI n. 120 (...) betont Eckhart .. daß das beseligende Erfassen Gottes weder dem Erkennen noch dem Wollen, sondern einzig dem innersten Wesensgrunde der Seele zukommt" [S. 153, Anm. 3].

  1 Der mittelhochdeutsche Text und die Anmerkungen Quints (in runden Klammern) entsprichen dem Abdruck in: Meister Eckhart, Die deutschen und lateinischen Werke, Die deutschen Werke 1, Kohlhammer Stuttgart 1958, S. 141-158.
  Die Anmerkungen sind fortlaufend beziffert. Im Original wird auf jeder Seite neu gezählt. Hier ist nur ein Bruchteil der Anmerkungen wiedergegeben. Eigene Anmerkungen sind durch eckige Klammern gekennzeichnet.
  Der nhdt. Text ist dem Band "Meister Eckehart. Deutsche Predigten und Traktate, München, Hanser, 5.1978, S. 195-200" entnommen, die mit der Übersetzung in DW 1, S. 459-461 übereinstimmt, aber zusätzlich Zeilenangaben aufweist. Die Texteinschübe und Verweise auf Bibelstellen Quints in Klammern sind etwas (eingerückt) und die dort kursiv gesetzten Stellen werden hier in Farbe dargestellt (s. Hilfe).
  Der in der Bulle / dem Votum beanstandete Satz (s.o.) wurde rot hervorgehoben.
  Zur sonstigen farblichen Gestaltung s. Darbietung.

Bearbeitung
Textausgabe: Pfeiffer, Nr. LXXXIV, S. 267,21-272,16.
Textausgabe: Strauch, Nr. 33, S. 73-77.
Edition: Quint, DW I, S. 138-158.
Übersetzungen: Büttner I S. 153 ff., 2.1934 S. 138 ff., Lehmann S. 219 ff., Schulze-Maizier S. 324 ff., Quint, S. 195-200 - (vgl. Bibliographie).
Literatur: s. Predigten.

Filiation und Textkonstituierung
  "Die verwandtschaftlichen Beziehungen der Hss. zueinander sind nicht eindeutig zu erkennen. Abgesehen von den Paaren OH2 und K1aSt6 scheint keiner der übrigen Texte mit einem anderen eng verwandt zu sein. Einzig B6 und B8 verraten in einem gemeinsamen Plusstück, das B6 hinter S. 158,7 ist. einschaltet und B8 dem Schluß seines fragmentarischen Textes folgen läßt, eine Bindung aneinander. (..) Nur sehr unbestimmt kann man sagen, daß sich die Texte von B6N10H2 (S1NvL[K1aSt6]Ka1) locker zusammenschließen gegen BTBa2 (..) und daß der im ganzen sehr fehlerhafte Text von B8 zwischen diesen beiden Gruppen vermittelt. Es handelt sich nicht um eine klare Gruppenscheidung; mannigfaltigste Sonderübereinstimmungen jedes einzelnen Textes mit mehr oder weniger jedem der übrigen lassen vielmehr auf sehr verwickelte Filiationsverhältnisse schließen" (DW 1, S. 139). "Im ganzen verdienen 0 (H2) und B6 das meiste, N1 und B8 das wenigste Vertrauen. Ich habe demnach unter Auswertung der gesamten Überlieferung und unter textkritischer Entscheidung im einzelnen vorzugsweise auf Grund innerer Richtigkeitskriterien den kritischen Text ìm wesentlichen auf den Texten 0 (H2) B6 und BT aufgebaut und dabei der vermittelnden Stellung von B8 Rechnung getragen" (S. 140).
  Zieht man Steers Stemmata zu Rate (zu OH2, Ka1Ka2, N1Bra3 und die CM-Hss. G9M7Z4 vgl. Pr. Quint 7 - Filiation), dann hängt bei den Nikolaus von Landau (NvL) - Textstücken St6 direkt von K1a ab (DW 4, Prr. 87, S. 6; 106A, S. 665 und 107, S. 716), wobei K1a bei den Paradisus-Prr. stets auf dem X-Zweig (OH2) zu finden ist (Prr. 87; 90, S. 51 und 93, S. 120). B6 und N1 erscheinen nahezu parallel auf demselben Zweig (Prr. 93, 106A und 107), in 106A und 107 zusammen mit K1aSt6 und in Pr. 93 mit Fl, die sonst nur noch mit B9 auf einem Zweig in Erscheinung tritt (Pr. 106C, S. 673). B8 mit Bra1 und Ba2 mit S1 befinden sich mit Ka1Ka2 jeweils auf dem B6N1 "gegenüberliegendem" Zweig (Prr. 106A, 107), während sich BT mal mit Ka1 (Pr. 95B, S. 172) und mal mit S1 (Pr. 109) auf den "B6-Zweig" stellt gegen Do1, womit alle Klarheiten beseitigt sein sollten. Festhalten kann man aber wohl, dass B6 und N1 über verschiedene Zwischenstufen von einer Hs. abgeschrieben wurden.

Textbestand-Diagramm (chronologisch)
  Das Diagramm zeigt die Verteilung der Textmengen in den Hss. Die obere Zahlenreihe entspricht den Seiten 141 bis 158 der DW-Edition mit der jeweiligen Anzahl der Zeilen (addiert; in der Ed. wird auf jeder Seite neu gezählt). Dass die Textmenge noch nichts über den gebotenen Text selbst aussagt, sieht man beispielhaft an der Hs. N1, die den Text zwar fast vollständig bietet, aber in einer völlig anderen Anordnung (s. u., Hss.-Chronologie, Anm. 2).


Maßstab: 3 : 1 (3 Pixel = 1 Zeile)

Handschriften (chronologisch; Druck BT eingereiht)

Hs.DatumMundartHerkunftTextbestand
K1a1341lat. + md. m. rheinfr. Ein.Otterberg, Zisterzienser 145,6-8 + 4-6 + 142,3-143,4
Ba2Mitte 14.südalem.Vb. Basel, Kartäuser 142,3-7 + 1 Satz + 144,4-6 + 8-145,3 + 149,1-4f.
Ka1Mitte 14.alem.vermutl. Raum Straßburg, Dominikaner 145,7-147,2 + 1 Satz + 144,8-145,3 / 146,3-4
Ka2Mitte 14.nd.alem. (md. u. hochalem. Einfl.)vermutl. Raum Straßburg, Dominikaner 1
O(Mitte) 14.md. mit rheinfränk. EinschlagMainz, Kartäuser vollständig
H2Mitte / 2. H. 14.westmd.-rheinfränk.Ort? Katharinenkloster? vollständig
B8um 1385ostfränk. m. bair. Ein.Sulcs ?, Kartäuser 141,1 Quasi - 155,6 âbentsterne
N12. H. 14.bairischNürnberg, Dominikanerinnen 2
FlEnde 14.mittelbair. m. st. md. Ein.? 142,1-7 + 143,4-144,3 + 8-9 + 145,2-3 + 7-146,2 + 3-6 + 147,1-2 + 152,9-153,7 / 154,7-158,7
G914./15. (um 1400)oberalem. (bair. Einfl.)St. Gallen, Dominikanerinnen 143,7-144,3 + 152,5-8 + 153,5-7 + 158,4-7
Bra1Anfang 15.alem.Schönensteinbach ? 153,12-154,1 | 3
Z4frühes 15.alem.vermutl. Töß, Dominikanerinnen 143,7-144,3 + 152,5-8 + 153,5-7 + 158,4-7
B91. H. 15.ostalem.Buxheim, Kartause 153,12-154,1 + 5-6
S11441elsäss. (niederalem.)Lahr bei Offenburg 141,3-5 + 142,1-2 + 3-143,6 + 144,4-9 + 146,3-4
M7Mitte 15.oberalem.St. Gallen, Dominikanerinnen 143,7-144,3 + 152,5-8 + 153,5-7 + 158,4-7
Bra32. D. 15.alem.-schwäb.weltl. Werkst. Konstanz od. Ravensburg? 154,5 Des - 6 bekennet
Do11457-60schwäb.Buxheim, Kartäuser ? 157,3 Ez - 8 würkende + 158,5 - 7 ist
Str915. (1458?)schwäb.Buxheim, Kartäuser 4
B6Ende 2. - 3. V. 15.hier: niederdt.Geldern, Schwestern vollständig
St615.schwäb.? 145,6-8 + 4-6 + 142,3-143,4
M57um 1500ostschwäb.Medingen, Dominikanerinnen? 143,7-144,3 + 152,5-8 + 153,5-7 + 158,4-7 | 5
BT1521/22oberrhein.Basel vollständig

1 Nicht in DW, Textbestand entspricht vermutlich Ka1
2 "Der Text zeigt im Vergleich zur sonstigen Überlieferung eine Fülle von Verschiebungen und infolgedessen im gedanklichen Aufbau der Predigt völlige Verwirrung. Textfolge:" [in Kurzfassung] 141,3-144,3 + 145,7-146,1 + 145,6-7 + 147,3-148,2 + 146,4-147,1 + 146,2-4 + 147,1-2 + 144,4-145,3 + 4-6 + 148,5 + 3-5 + 149,1-5 + 7 + 5 + 9-12 + 152,1-5 + 9-153,3 + 151,1-4 + 8 + 10-12 + 4-7 + 149,12-150,4 + 6-7 + 4-5 + 153,7-9 + 5-6 + 7 + 9 + 11-12 + 3 + 152,6-8 + 153,12-154,3 + 4-5 + 3 + 5-7 + 9-155,8 + 12-156,2 + 4-6 + 3-4 + 6f.-157,6 + 8-158,9 (DW 1, S. 138)
3 Nicht in DW, "vgl. ungefähr Jostes 27,20f. und 26-28 = Strauch 76,12f. (vgl. Pf. 271,1f. und Basler Taulerdruck 186vb)" Eis/Vermeer, S. 389
4 Nicht in DW, aber gleiche Fragmente wie in Do1
5 Nicht in DW, aber gleicher Text wie in G9-M7-Z4 (s. Compilatio mystica)

Beschreibung
  Die Predigt ist in den Paradisus-Hss. O und H2 sowie in B6 und dem Basler Taulerdruck vollständig, im verwirrenden N1-Text fast vollständig (s.o.) und in 15 Hss. fragmentarisch überliefert, von denen B8 und Fl noch die größte Textmenge aufweisen. Textstücke wurden verwendet in der Compilatio mystica (G9, M7, M57 und Z4), dem 'Spiegel der Seele' (Do1, Str9) und in einer Predigt des Nikolaus von Landau (K1a und St6). Zwei Hss., Ka2 und M57, werden von Quint nicht erwähnt, obwohl ihm Ka2 (die laut Spamer im ganzen den besseren Text bietet) durchaus bekannt war. Durch die Paradisus-Hss. ist die Predigt für Meister Eckhart bezeugt.
  In der Responsio wird in Proc. col. II. Art. 54 auf eine Stelle dieser Predigt Bezug genommen. Im Votum in Art. 5. Ebenso in der Bulle in Art. 28. Die Echtheit ist "gesichert durch die RS., Bulle und 'Gutachten'." [DW 1, S. 140]
  In der geschichtlichen Reihenfolge erscheinen vollständige Predigt-Abschriften erst in O und H2.

Datierung
  Es ist augenscheinlich, daß dieser Text in direktem Zusammenhang mit einem von Eckharts Besuchen in Paris stehen muß: soviele Meister findet man sonst in keiner Predigt. Um sie noch einmal in der Reihenfolge der 14 Nennungen ablaufen zu lassen: "Vierundzwanzig Meister, etliche Meister, große Meister, ein Meister, grobsinnige Meister, ein Meister, kleine Meister, ein heidnischer Meister, jener andere Meister, ein heidnischer Meister, heidnischer Meister, Worte der heiligen Meister, ein Meister, ein Meister". Die Edition enthält nur wenige Angaben dazu, wer jeweils gemeint ist oder sein könnte.
  Hinzu kommt noch "ich sagte in der Schule" (Auch der dreimalige Hinweis auf die 'Schule' ist rekordverdächtig). Das kann eigentlich nur nach dem ersten Pariser Magisterium gewesen sein, kurz danach, so aufgewühlt, wie er sich hier darstellt.
  Am 28. August 1302 oder am 28. Februar 1303 (s. Denifle) hielt er in Paris die Predigt Sermo die b. Augustini. Vermutlich kehrte er "nach Abschluß des akademischen Jahrs im Frühsommer" 1303 nach Erfurt zurück [Ruh, Eckhart, S. 25], am 8. September wurde er zum Provinzial der neugegründeten Saxonia gewählt.
  "Das Leitzitat .. ist der Epistel des Festes des hl. Augustinus [28. August] entnommen." [Theisen, S. 257]. Weiter führt er aus: "Berührungen zwischen Predigtaussagen und Texten des Meßformulars sind über das Leitzitat hinaus nicht festzustellen, ebensowenig ein Bezug zum Tagesheiligen, dem hl. Augustinus. Die Bemerkungen über das "bîwort" greifen allerdings auf das grammatische Leitwort der Epistel ("quasi") zurück, ohne dabei jedoch die entsprechenden Textstellen inhaltlich zu implizieren" (S. 258). Zur Translatio [28. Februar] (s. Denifle) sagt er nichts.
  Der Basler Taulerdruck datiert "Vff sant Dominici tag", dem sich Strauch anschließt. Das schließt Theisen aus, da "der Vers Sir 50,6 als Capitulum der Ersten Vesper, der Laudes und der Terz gebetet" wurde (S. 257, Anm. 85). Die Aussagen über das Datum des Dominikus-Tages sind unterschiedlich: Eine Internetseite merkt zu einer alten Bauernregel ("Hitze an Sankt Dominikus, ein strenger Winter kommen muss") den 4. August an, Theisen schreibt zu Predigt 30: "Das Leitzitat .. ist der Epistel des Festes (5. August) oder der Translatio des hl. Dominikus (23. Mai) entnommen" (S. 247), gestorben ist Dominikus am 6. August, das Lexikon von 1981 vermerkt: "Fest: 8. [7.] August" [VoL 3, S. 287], das Lexikon des Mittelalters und das Ökumenische Heiligenlexikon im Internet nennen den 8. August.
  Interessanterweise war am 28. August 1303 (einem Mittwoch) Vollmond - nach Ausweis der Internetseite von Thomas Köhler - (vgl. die entsprechende Stelle oben).
  Unabhängig davon, ob die Predigt nun am St. Dominikus-Tag oder am Fest des hl. Augustinus gehalten wurde, erscheint es doch einleuchtend, sie auf den August 1303 zu datieren. In keiner anderen Predigt ist Eckhart noch so nah an Paris wie in dieser. Nicht nur in den meisten Nennungen der 'Meister' und der 'Schule' überhaupt, auch gedanklich ist er noch in jener Stadt und kaum richtig in Erfurt angekommen.
  Eine Anmerkung am Rande: Anscheinend war es am Dominikus-Tag nicht so heiß, falls die Bauernregel zutraf, denn der Winter 1303/04 war "äußerst warm, frostfrei und sehr trocken" (s. Wetter 1304).