Die Bettelmönche 1

von
Friedrich von Raumer
raumer
Thätigkeit
Begünstigung
Rechte
Bischöfe, Pfarrer

Wilhelm von Saint-Amour
Gerhard von Abbeville

Häresie
Orden
Päpste

Wilhelm v. S. Amour
Bonaventura
Thomas v. Aquino
Vertheidigung




E. Winter, Ketzerschicksale
Verfügungen
Angriffe
Streit
Einfluss der Orden

Rutebeuf
Nikolaus von Lisieux

Artikel zu: - Mönchtum
- Bettelorden
- Armutsstreit

Thätigkeit der Bettelmönche
  Andere Ordensmitglieder, wie der heilige Bonaventura, der heilige Thomas, Raimund vom Pennaforte, Albert der Große, Vincenz von Beauvais, Roger Bakon und viele Aehnliche, haben sich dagegen unzweifelhafte [1] Ansprüche auf die Achtung der Nachwelt erworben. Ihre Wirksamkeit erstreckte sich nicht bloß auf das niedere Volk, sondern wir erblicken sie überall und in den mannigfachsten Stellungen, als Gelehrte, Universitätslehrer, Staats - und Bekehrungsgesandte, Beichtväter u. dergl. Die Bettelorden sind, so sprachen nicht Wenige, ein erfreulicher Ersatz nach dem Ausarten der älteren Orden; sie dienen wie zwei große Lichter zur Erleuchtung des Erdbodens und erwecken, gleich den zwei Posaunen Mosis, die in ihren Lastern entschlafene Welt. Viele Städte vertrauten aus freier Wahl Bettelmönchen öffentliche Aemter am; auch waren diese in 13. Jahrhundert die wirksamsten Volksprediger und die tüchtigsten und glücklichsten Schiedsrichter unzähliger, besonders lombardischer Fehden. So verglich z. B. ein Augustinereinsiedler im Jahre 1225 einen großen Streit zwischen Servia und Ravenna; 1235 sühnte ein Minorit Adel und Volk in Piacenza aus; im demselben Jahre stand ein ghibellinischer Franziskaner an der Spitze der Geschäfte in Parma; fünf Jahre später vermittelte ein Predigermönch den Streit zwischen Pisa und den Viskonti, und mit noch umfassenderem Erfolge trat der Bruder Leo in Piacenza auf, der Bruder Gerhard in Parma, vor Allen aber der berühmte Predigermönch Johann von Vicenza, von dem weiterhin noch mehr die Rede seyn wird. Im Jahre 1233 zogen Dominikaner, Franziskaner und Augustiner in Italien umher, mit Kreuzen, Räucherwerk, Fackeln, Oelzweigen, singend, predigend, überall für den Frieden wirkend. Und mit demselben Muthe, wie sie den Bürgern und Städten ihre Fehler und Vergehen vorhielten, sprachen sie vor Königen und Fürsten, ja vor Kardinälen und Päpsten. Jeder sah in ihnen, wo nicht ein Mittel der eigenen Heiligung, doch ein Mittel, das ihn bedrängende Unrecht Anderer streng und mit Erfolg zu rügen. Insbesondere erkannten die Päpste schnell und mit großem Scharfsinne, von welchem Werth ein solches ihnen unmittelbar untergeordnetes, wir möchten sagen, immer schlagfertiges Heer sey, und die schon erwähnte Erzählung, daß Innocenz III im Traume gesehen, wie Franz und Dominikus den Lateran auf ihren Schultern trugen, hat zwar als Thatsache wenig Glaubwürdigkeit, aber eine wahrhaft geschichtliche Bedeutung.

Begünstigung der Bettelmönche
  Bei diesen Umständen bewilligten die Päpste natürlich den Bettelorden von Tage zu Tage mehr Freibriefe und Vorrechte. Sie wiesen alle Bischöfe und hohen Geistlichen an, diese neuen Brüder günstig aufzunehmen und zu unterstützen; sie übertrugen ihnen die Prüfung des Zustandes von Kirchen und Klöstern (1) oder fortdauernde Aufsicht über die letzten. Selbst Untersuchungen, einzelne Bischöfe betreffend, wurden in ihre Hände gelegt, ja Innocenz IV gab ihnen die Gesandtschaft (Legation) über das ganze Morgenland.
 - Der Hauptzweck der Dominikaner ging dahin, das Wort Gottes aller Welt zu predigen und die Reinheit der Lehre zu erhalten; deshalb wurde zunächst ihnen und dann nicht minder den Franziskanern erlaubt, in jedem Orte öffentlich zum Volke zu reden und Beichte zu hören. Alle Ketzergerichte kamen anfangs in die Hände beider Orden (2), später ausschließend in die Hände der Dominikaner. Sie erhielten die Erlaubnis, Vermächtnisse ihrer Verwandten oder fremder Personen anzunehmen, oder ihr weltliches Erbtheil zu veräußern und den Erlös nach Willkür zu verwenden. Sogar von den Vermächtnissen an fromme Stiftungen durften sie, mit Genehmigung der Testamentsvollstrecker, einen Theil behalten und sich für die Veränderung und Niederschlagung von Gelübden (das des Kreuzzuges ausgenommen) bis 50 Mark zahlen lassen (3).

Rechte der Bettelmönche
 - Allen anderen Orden war verboten die Kleidung der Bettelmönche anzunehmen oder nachzuahmen; habe doch die heilige Jungfrau den Dominikanern selbst einen Probeanzug vonm Himmel gebracht. Sie lösten Jeden, der in ihren Orden treten wollte, vom Banne, sofern nicht ein der Beurtheilung des Papstes vorbehaltener ungeheurer Frevel ihn veranlaßt hatte. Kein Bischof durfte sie vorladen, wegen Vergehen und Verbrechen strafen, sich in ihre Wahlen mischen, ihre Vorsteher zum Eide des Gehorsams zwingen, oder ihnen wider Willen Aufträge ertheilen. Selbst während der Zeit allgemeinen Kirchenbannes lasen sie stille Messe und theilten das Abendmahl unter ihre Diener aus. Sie waren frei von Neubruch- und Gartenzehnten, begruben selbst fremde Todte auf ihren Gottesäckern und beichteten nur ihren Oberen. Kein Bischof durfte sie in Vertheilung des Ablasses hindern, oder ihre Begünstiger bannen und verfolgen. Die Ansicht, welche der heilige Franz anfänglich selbst festhielt (4), daß kein Bettelmönch innerhalb des Sprengels eines Bischofs irgend eine geistliche Handlung gegen dessen Willen vornehmen dürfe, wurde bald ganz von den Brüdern aufgegeben, und ähnliche Beschlüsse, welche auf Kirchenversammlungen, z. B. im Jahre 1227 zu Trier, gefaßt wurden, fielen, bei dem Uebergewichte jener päpstlichen Freibriefe, wirkungslos dahin.

Bischöfe, Pfarrer und Bettelmönche
  Doch ließen sich die Bischöfe nicht immer gutwillig das Recht ihrer Aufsicht nehmen, sondern stellten in Italien, England, Frankreich und Deutschland für sich und die Ortspfarrer Grundsätze auf, welche schlechthin mit den obigen Vorrechten in Widerspruch standen: die Bettelmönche sollten zu ihren bischöflichen Versammlungen kommen, den Eid des Gehorsams leisten, ohne ihre Erlaubnis sich nirgends ansiedeln, bei ihnen beichten, Zehnten entrichten, keine Gaben annehmen, keine Beichte hören, keinen Ablaß ertheilen, entbehrliche Überschüsse an Lampen, Lichtern, Zierrathen u. dergl. abliefern, keine eigenen Kirchhöfe haben u. s. w.
 - Wenn nun auch diese Aussichten nicht obsiegten, so blieb doch den Bischöfen manches Mittel, den Bettelmönchen Hindernisse in den Weg zu legen; sie versagten ihnen z. B. heiliges Oel oder die Weihe ihrer Priester, bis päpstliche Briefe festsetzten, daß jenen die Wahl frei stehe, bei welchem Bischofe sie sich wollten weihen lassen, und daß dieser den Vorgestellten nicht weiter prüfen oder zurückweisen dürfe. Mehr halfen die Bedingungen, welche die Bettelmönche an einigen Orten vor ihrer Aufnahme eingehen mußten. So versprachen sie z. B. in mehren rheinischen Urkunden: sie würden die Ortsgeistlichen nicht beschränken, keiner Abfassung von Testamenten beiwohnen, keinen Gottesdienst halten, während des Bannes keine Mönche aufnehmen oder ungerufen in deren Zellen kommen (5), keine neuen Freibriefe erschleichen und an den Hauptfesten selbst der Hauptkirche opfern. Oft aber siegte die Meinung, daß solche einzelne Verträge durch die allgemeinen Freibriefe umgestoßen würden; oder die Bischöfe hielten es nicht für gerathen, streng gegen die neuen hochgerühmten Brüder aufzutreten. So sagten Einige, als Erzbischof Engelbert zuerst die Bettelmönche in Köln aufnahm: dies wären gewiß die Leute, von denen die heilige Hildegard durch den Mund des heiligen Geistes geweissagt habe: sie würden die Geistlichkeit in Gefahr und die Stadt in Verfall bringen. Engelbert aber antwortete gelassen: "Ist's auf göttliche Weise verkündet, so muß es auch in Erfüllung gehen," worauf Alle schwiegen.
  Andererseits finden sich einzelne Fälle, wo der Bischof für die Bettelmönche, gegen seine widerspenstigen oder schlechten Ortspfarrer auftrat; ja ein Bischof von Verona ging in seiner Begünstigung, ohne alle Rücksicht auf kirchliche Vorschriften, noch weiter und verordnete: daß, so oft ein Dominikaner an einem Orte predige, eben dadurch Sündenerlaß auf 30 Tage eintrete.
 - Lebhafter als der Bischof widersetzten sich bisweilen die Stiftsherren und Weltgeistlichen den Bettelmönchen (6); dann aber trat gewöhnlich der Papst entscheidend für, selten beschränkend gegen die letzten auf.
 - Das Volk endlich stand in der Regel auf der Seite der neuen strengen Brüder (7) und wurde nur einmal ungeduldig, als sie gar zu eifrig Neulinge warben. Hierüber kam es z. B. in Neapel zu einem Auflaufe, wobei das Kloster der Dominikaner erstürmt und mehre hart geschlagen und verwundet wurden.
 - Als Salimbeni, der Geschichtsschreiber, gegen den Willen seines Vaters in ein Franziskanerkloster gegangen war und von jenem zurückgefordert wurde, berief er sich auf die Schrift und antwortete: man müsse Christus mehr anhangen als Vater und Mutter. Zornig fluchte der Vater ihm und seinen Verführern, diese aber lobten Gott für die dem neu Aufgenommenen verliehene Standhaftigkeit.

Wilhelm v. S. Amour gegen die Bettelmönche
  Größere Gefahr als aus diesen vereinzelten Bewegungen entstand für die Bettelmönche durch ihren Streit mit der Universität zu Paris. Sie wollten sich deren Gesetzen nicht unterwerfen und mehre Lehrstühle in ihren ausschließlichen Besitz bringen, weshalb Viele gegen sie auftraten, besonders aber Wilhelm von S. Amour in seinem und der Universität Namen ihre Grundsätze und Zwecke in verschiedenen Schriften aufs Lebhafteste angriff. Zwar erklärte er: seine mit unzähligen biblischen Stellen belegte Darstellung von den falschen Propheten sey nicht gegen einen gebilligten Orden gerichtet und wolle den kirchlichen Gesetzen auf keine Weise widersprechen; allein ungeachtet der geschickten Stellung und Fassung mit wenn und daß lag doch der Angriff auf die Bettelmönche ganz klar vor Augen, und diese mußten alle Behauptungen im Allgemeinen zugeben, während Wilhelm es dem Urtheile der Welt überließ, ob sie auf jene paßten, jene in sich schlössen. Seine und seiner gleichgesinnten Freunde Einwürfe lauteten dem Wesentlichen nach also:

  "Gott hat nicht allen Menschen auf Erden dieselbe äußere Bahn und Lebensweise vorgeschrieben, sondern jeder mag die seine verfolgen und dennoch des Glaubens leben, daß die Vorsehung auf den mannigfachsten Wegen zum letzten Heile führe. Daher ist es, abgesehen von dem inneren Werthe oder Unwerthe der Ordensgelübde, schlechthin eine verkehrte Anmaßung, wenn die Bettelmönche ihren Weg als den allein richtigen anpreisen, jede Abweichung davon als Mißbrauch bezeichnen und sich über alle Stände, über alle Geistlichen hinaufsetzen. Man könnte indeß diesen Stolz entschuldigen, wenn er auf etwas Tüchtigem, wahrhaft Lobenswerthem beruhte; dies ist aber keineswegs der Fall, weil das über Alles gepriesene Entsagen jedes Eigenthums unnatürlich und der Beschluß zu betteln verwerflich erscheint. An sich ist der Besitz irdischer Güter so wenig ein unbedingtes Hinderniß der Seligkeit als die Armuth, ja die mit der letzten verbundene Noth führt so leicht zum Bösen als der Reichthum zu Mißbräuchen. Außerdem hat man von jeher Arme von Bettlern unterschieden und die letzten, wenn sie im Stande waren etwas zu verdienen, mit gerechter Schande belegt. Das Betteln ist für sich kein Zeichen der Demuth und der Müßiggang nicht der Anfang eines heiligen Lebens, sondern der Anfang aller Laster. Ohne Zweifel mag man all sein Gut den Armen geben und dadurch der größten Heiligkeit näher kommen; keineswegs aber soll man nachher betteln, sondern arbeiten oder die Aufnahme in ein Kloster suchen, welches den Lebensunterhalt darzureichen im Stande ist. Die Berufung auf Christi Vorbild paßt nicht, denn er war kein Bettelmann; und ein Anderes ist es, im Fall der Noth einmal höflich um Hülfe ansprechen, ein Anderes, unhöfliches Betteln zur Regel machen und darein ein Verdienst setzen. Niemandem fehlt der äußere Lohn, wenn er sich an der rechten Stelle gehörig beschäftigt, und Arbeit verträgt sich auch mit geistigen Uebungen, Einem gesunden, aus dem Betteln ein Geschäft machenden Mönche sollte man nicht auf Unkosten der Hülfsbedürftigen Almosen geben, sondern ihn vielmehr strafen.
  Aber, wendet man ein, verdient denn nicht der kühne Entschluß, allen irdischen Besitzungen, allem Wohlleben zu entsagen, verdient die freie Uebernahme eines so schweren Kreuzes nicht die größte Achtung? und warum tadelt man das so hart, wozu man selbst den Muth nicht besitzt?
 - Zur Antwort: daß von dem Verdienste der Entsagung bei den Meisten nicht die Rede seyn kann, weil sie vor dem Gelübde in der Regel nichts besaßen und nach Ablegung desselben auf eine bequeme Weise mehr zu erbetteln hofften. Und erfüllen sie denn etwa so streng ihr Gelübde? Suchen sie nicht mehr die Städte auf als die Dörfer, mehr die Reichen als die Armen? Werden sie nicht, nach Verschmähung des einzig ächten Mittels zu erwerben, nothwendig überlästige Schmeichler und Speichellecker? Sie trachten heimlich nach Wohlleben, suchen, aller mönchischen Eingezogenheit entsagend, Gesellschaften und Feste, drängen sich ein bei Fürsten und Königen, geizen nach dem Beifalle der Welt und sind, trotz alles demüthigen Scheines, in Innern zänkisch, rachsüchtig, ja reißende Wölfe. Doch wäre all dies Uebel nur gering, und man könnte es durch mildere Ermahnungen zu vertilgen suchen, wenn sie nicht darüber weit hinaus gingen, unbegnügt mit dem eigenen fehlerhaften Wandel unzählige Andere in das Verderben hineinzögen und alle Kreise frech zerstörten, welche die heilige Kirche mit der größten Weisheit zum Wohle aller Christen gezogen hat. Hier ist die größere Gefahr, hier gilt es einen ernsteren allgemeineren Kampf! Niemand, sagt die Schrift, darf predigen, der nicht dazu gesandt ist.
 - Der Papst, erwiedern jene, hat uns ja gesandt.
 - Läßt sich denn aber annehmen, daß er jenes Recht Unzähligen ertheilen, daß er den Unterschied zwischen Geistlichen und Laien dadurch ganz aufheben wolle? Läßt sich behaupten, daß er gegen den Willen und die Rechte der Bischöfe und Pfarrer vorschreiten könne, daß er die von ihm und der ganzen Kirche gebilligten Schlüsse umstoßen dürfe? Jeder Christ soll nach den Vorschriften der lateranischen Kirchenversammlung vom Jahre 1215 jährlich wenigstens einmal bei seinem eigenen Priester beichten, wenigstens einmal in Jahre von seinem eigenen Priester das Abendmahl empfangen und den auferlegten Bußen genügen. Statt dessen schwärmen unzählige Bettelmönche im Lande umher, schleichen sich wie Diebe und Räuber in fremde Schafställe, werfen sich zu Herren und Oberen auf und verkleinern und verleumden die Pfarrer, anstatt dem Volke seine Pflichten gegen dieselben einzuschärfen.
   Sie fragen: Hast du gebeichtet?
 - Ja. Bei Wem?
 - Bei meinem Pfarrer.
 - Was will der Unwissende, der keine Theologie lernte, nie im Kirchenrechte forschte, keine einzige Schulfrage aufzulösen versteht? Kommt zu uns, die wir uns auf das Feinste verstehen, denen alles Hohe und Schwere, denen Gottes Geheimnisse offenbar wurden.
 - Und so kommen denn die Getäuschten und beichten und zahlen !
 - Dem Pfarrer, diesem natürlichen Rathgeber und Ermahner, diesem von allen Verhältnissen seiner Beichtkinder genau Unterrichteten, bleibt fast keine Wirksamkeit. Alle Scham bei der Beichte, alle Aufsicht über die Besserung fällt hinweg; denn einem unbekannten herumziehenden Bettelmönche, den Keiner vorher gesehen hat, Keiner wieder zu treffen glaubt, dem ist leicht bekennen; und eben so leicht wird ihm gewissenloses Freisprechen. Zwar heißt es, der Bettelmönch solle Jeden, der aus Nebengründen zu ihm komme, an seinen Pfarrer zurückschicken; aber wer kann oder vielmehr wer will diese Nebengründe entdecken? Denn an Neugierde fehlt es sonst diesen Bettelmönchen niemals. Sie erforschen aufs Genaueste alle Besitzthümer, alle Verhältnisse , dringen in die Häuser und Stuben und bekümmern sich um Alles, damit sie, wie Juvenal sagt, hiedurch furchtbar werden, wie der Apostel sagt, die Weiblein gefangen führen, die mit Lüsten beladen sind. Hiezu sind auch die Unwissendsten geschickt und eifrig genug, während zum Predigen und Seelsorgen Tüchtige die ihnen hiezu ertheilte Erlaubniß verschmähen sollten, weil sie zum Schaden Anderer gereicht und den ächten Kirchengesetzen widerspricht. Jene Störung der Wirkungskreise des Pfarrers wird dadurch noch ungerechter, daß sie diesen nicht von seinen Pflichten entbindet, sondern für das Wohl seiner Gemeine verantwortlich läßt. Glaubt man, die Gemeinen und die Sprengel seyen zu groß, so vermehre man die Zahl der Pfarrer und Bischöfe, stoße aber nicht die weisen Grundregeln der christlichen Kirche über den Haufen. Es ist verkehrt, so viel außerordentliche Arbeiter herbeizuschaffen, ohne das Bedürfniß vorher zu prüfen; weit nöthiger wäre es, darüber zu wachen, daß die vorhandenen Arbeiter etwas taugten und die schlechten unter ihnen entfernt würden. Was keinem Mönche, keinem Pfarrer in fremden Kreisen erlaubt ist, thun die Bettelmönche; ja mit täglich wachsender Unverschämtheit stellen sie Ansprüche auf, welche über die Rechte der höchsten kirchlichen Beamten, über die Rechte der Bischöfe und Erzbischöfe hinausgehen.
  Endlich stehen diese geistlichen Anmaßungen in genauem Zusammenhange mit dem weltlichen Gute, zerreißen auch hier das Band zwischen dem Pfarrer und der Gemeine und stellen Gleichgültigkeit und Haß an die Stelle freundlichen Wohlwollens und wechselseitiger Hülfsleistung.
  Die freien Gaben, welche der Bettelmönch empfängt, entgehen den Pfarrer; und wenn es noch freie Gaben wären; aber in der Regel sind es durch Zudringlichkeit abgepreßte Gaben, ungerechte, den Christen nicht anzumuthende Steuern. Ist man doch so weit gegangen, dem Pfarrer die Verpflegung der sich eindringenden Bettelmönche hin und wieder zur Pflicht zu machen; und allerdings werden diese, sobald die ganze Seelsorge allmählich in ihre Hände gekommen ist, auch das ganze Kirchenvermögen in Anspruch nehmen nach den Worten des Apostels: «Die das Evangelium verkünden, sollen sich vom Evangelium nähren, und die des Altars pflegen, genießen des Altars» Für so Unzählige wird aber selbst das ganze Kirchenvermögen nicht hinreichen, sondern ihre unverschämte Bettelei muß auch die Laien zu Grunde richten!"

Vertheidigung der Bettelmönche
  Gegen diese Angriffe wehrten sich die Orden auf alte Weise: zuvörderst mit äußerlichen Mitteln, indem sie Wilhelms Worte zum Theil verdrehten oder ihn auch als Gegner der Könige, Prälaten und Päpste darzustellen suchten. So habe er, offenbar mit feindlichem Seitenblicke auf Ludwig IX, gesagt: es liege den Königen ob, Recht und Gerechtigkeit zu üben, wenn sie darüber auch etwa die geistlichen Uebungen versäumen sollten; worauf jedoch Wilhelm ruhig antwortete: "Ich habe gelesen, daß jenes der Könige Amt ist, nicht aber daß sie täglich viele Messen hören und Betstunden halten." Ferner meinten Wilhelms Gegner: er habe die Prälaten durch die Behauptung angegriffen: Kenntniß der Theologie entscheide mehr in geistlichen Angelegenheiten als Ring und Bischofsmütze; er habe den Papst beleidigt durch die Behauptung: dessen Spruch gelte nur in Uebereinstimmung mit göttlichen Gesetzen, und von ihm sey die Berufung an eine allgemeine Kirchenversammlung erlaubt.

Bonaventura für die Bettelmönche
  Tiefer in die Sache selbst ging die Vertheidigung ein, welche der Großmeister der Franziskaner Bonaventura für die Bettelorden schrieb.
  Ihre Regel beruhe auf einem neuen, wahrhaft evangelischen, durch klare Worte Christi gerechtfertigten Grunde. Nirgends werde die Faulheit empfohlen oder gebilligt, vielmehr körperliche Arbeit denen zur Pflicht gemacht (8), welche zu größeren Dingen nicht taugten; aber diese höheren Bestrebungen, die geistigen und geistlichen Arbeiten für nichts zu achten und nur dem gemeinsten und handgreiflichsten Thun einen Werth beizulegen, sey wohl mehr eine vorsätzliche Verdrehung, als ein Irrthum der Gegner.
  Ob sich denn beweisen lasse, daß die in Schutz genommenen Mönche anderer Orden, daß die Ortspfarrer mehr im Weinberge des Herrn arbeiteten, als die keine Anstrengung, keine Gefahr scheuenden Bettelmönche? Ob es denn nicht ein klarer Widerspruch sey, wenn man einerseits deren Faulheit, andererseits deren unermüdliche Thätigkeit anklage? Auf ähnliche Weise verdrehe man ihr demüthiges Betteln in Anmaßung, während doch schon die Schrift sage: Geben ist seliger denn nehmen. Freilich, wenn ein Bruder für das geringe weltliche Almosen, das er empfange, geistliche Lehren und Beruhigungen ertheile, so könne man ihn für den reichlichen Geber halten; wo bleibe aber dann der Vorwurf unverschämten Bettelns? Durch die freiwillig erwählte Armuth würden viele Zwecke erreicht, welche reichen Geistlichen immer fehlschlagen müßten. Aller Verdacht des Eigennutzes beim Predigen und Verrichten heiliger Handlungen falle hinweg; alle irdische Sorge, Vorliebe und Beschäftigung sey entfernt und Freiheit gewonnen von allen Nebenrücksichten. Kein Orden habe Gelegenheit, so die Verhältnisse der niederen Menschenklassen kennen zu lernen, keiner müsse demüthiger seyn und sich mehr hüten Anstoß zu geben, weil kein Geistlicher, kein anderer Mönch in Hinsicht der leiblichen Erhaltung und der geistigen Einwirkung so sehr von seinem guten Rufe und dem freien Wohlwollen der Leute abhange. Daß sie ihre Thätigkeit nicht auf die niederen Volksklassen beschränkten, sondern auch die Reichen aufsuchten, sey kein Gegenstand des Tadels; denn Gott habe die Abstufungen der Ehren und Rechte selbst gegründet, die größeren Gaben verdienten größeren Dank und die Bekehrung eines Reichen erscheine als ein sehr bedeutender, nach mehren Seiten wirksamer Gewinn.

  "Auf die Vorwürfe der Geistlichen", fährt Bonaventura fort, "läßt sich erwiedern: Ist der Ortspfarrer trefflich, so werden seine Beichtkinder zu keinem Anderen gehen; ist er schlecht oder gar keiner vorhanden, so hat man alle Ursache, anderweiten Beistand freudig anzunehmen; oder kann z. B. Jemand glauben, daß, wenn eine Gemeine 9000 Seelen zählt, ein Pfarrer Aller Seelenheil gebührend wahrzunehmen im Stande sey? Wenden die Gegner ein: solche Fälle wären nur selten und dürften die Regel nicht umstoßen, so entgegnen wir: Keineswegs hassen allee Pfarrer unsere Orden, sondern manche der besseren sehen ein, wie heilsam es ist wenn bisweilen ein Anderer neben ihnen zum Volke redet, ihre Lehren bestätigt, und wenn die Beichtkinder bei einem Dritten wohl noch größere Strenge finden als bei ihnen. Auch läugnet Niemand, daß auf Reisen, bei schnellen Todesgefahren und in anderen Fällen, wo kein Pfarrer zur Hand ist, die Brüder Hülfe und Trost geben können und gegeben haben. Mithin entsteht der Widerspruch der meisten Priester nur aus Nebengründen: sie fühlen ihre eigenen Mängel und ihre Unwissenheit, sie scheuen jede Aufsicht und Beobachtung, sie beneiden den Beifall und die empfangenen Gaben, sie fürchten endlich, daß ihre Geheimnisse den Brüdern im Beichtstuhle bekannt werden. Wären ältere Mönchsorden und Weltgeistliche nicht ausgeartet gewesen, so hätten die Orden der Bettelmönche keinen Fortgang haben können; jetzt aber beweiset ihre erstaunenswürdige Ausbreitung und die allgemeine Theilnahme des Volkes, daß sie ein vorhandenes dringendes Bedürfniß wirklich ausfüllen, und daß ihnen mehr Zucht, Ordnung, Strenge und evangelischer Sinn beiwohnt als ihren Gegnern. Deshalb sollten diese nicht zürnen, sondern sich vielmehr über die neuen Nebenbuhler freuen, welche zu größeren wissenschaftlichen Anstrengungen und zu größerer Tugend hindrängen. Sie sollten um einiger falschen Brüder willen, die in der Welt umherziehen, dem Orden nicht bösen Leumund erregen, nicht alle anderen verdammen, oder den Ernst verkennen mit welchem die Oberen, sobald sie jene Uebelstände erfahren, dagegen auftreten und sie bestrafen."

Verfügungen der Päpste
  Das letzte geschah auch in der That, und obgleich der heilige Bonaventura, die Schattenseiten des Ordens dessen Feinden gegenüber, möglichst zu verdecken suchte, erließ er doch scharfe Sendschreiben an die Brüder, in welchen als eingeschlichene Mißbräuche bezeichnet werden: Müßiggang, Neigung zum Gelde, Gier nach Vermächtnissen und Begräbnisrechten, Störung des Wirkungskreises der Ortspfarrer, zweckloses Umherschweifen und Betteln so zudringlicher Art, daß man sich eben so fürchte einem Bettelmönche, als einem Räuber zu begegnen !
  Aus diesen Ermahnungen geht hervor, daß die Anklagen Wilhelms von S. Amour nicht ungegründet waren, und auch dem Papste Innocenz IV schien die ächte Kirchenordnung durch das Nebeneinanderstellen der Bettelmönche und Pfarrer mehr aufgehoben, als gefördert. Deshalb setzte er im Jahre 1254 fest: Die Bettelmönche sollen ohne Genehmigung der Pfarrer und Oberen keine fremden Beichtkinder hören oder lossprechen, nicht vor der Messe und nicht zu der Zeit predigen, wo der Pfarrer sonst redete, ja überhaupt ohne dessen Beistimmung nicht zur Gemeine sprechen. Sie dürfen keine Gemeineglieder auf ihren Kirchhöfen begraben, oder müssen wenigstens dem Pfarrer oder Bischofe die Gebühren lassen.
 - Zu diesen und ähnlichen Bestimmungen, welche das alte Recht wieder herstellten, ward aber Innocenz vielleicht nicht weniger durch äußere Veranlassungen, als durch innere Gründe bewogen. Die Dominikaner hatten nämlich einen Verwandten des Papstes gegen dessen Willen zum Gelübde bewogen und sich, nach dem Wunsche der Bürgerschaft in Genua, der Abtretung eines Grundstücks widersetzt, auf welchem Innocenz eine Burg für andere Verwandte bauen wollte. So viel ist wenigstens gewiß, daß Alexander IV schon im nächsten Jahre alle jene Bestimmungen seines Vorgängers wieder aufhob, allmählich 40 Bullen gegen die Universität erließ (9), die Schriften Wilhelms von S. Amour verurtheilte und ihn aus Frankreich verbannte (10). Zu diesem vollkommenen Siege der Bettelmönche wirkten ihre am päpstlichen Hofe sich aufhaltenden Großmeister und die Kardinäle, welche bereits jetzt aus ihrem Orden ernannt waren (11).[2]

Angriffe gegen die Bettelmönche
  Doch ruhten um deswillen ihre wissenschaftlichen Gegner keineswegs ganz, sondern versteckten ihren bitteren vielseitigen Spott unter scheinbare Lobeserhebungen, zu welchem Verfahren es, selbst abgesehen von allen tieferen Ansichten, nicht an Veranlassung fehlte. Eine besonders verwundbare Stelle war das Verhältniß der Bettelmönche zum weiblichen Geschlechte. Manche gaben vor: Gott habe ihnen offenbart, sie sollten nackt bei schönen Mädchen liegen, um ihre Keuschheit wechselseitig auf die Probe zu stellen,; und die gläubigen Mütter gaben dies zu. Es mag aber hiebei nicht immer die Keuschheit bewahrt worden sein; wenigstens sagte die mit den Minoriten ums Jahr 1230 in Streit gerathende Aebtissin des Klarenstiftes in Lukka zu den Bürgern: "Diese Brüder wollen mich nicht lossprechen, weil ich ihnen nicht erlaube bei euren Schwestern und Töchtern zu schlafen (12)."
  Im Roman de la Rose finden sich heftige Anklagen der Bettelmönche, z. B.:

  Ils porchasent les acointances
Des puissans hommes et les suivent
Et se font pauvres et si se vivent
Des bons morciaus délicieux,
Et boivent les vins précieux
Et la pauvreté vont prechant (V. 11077).

La robe ne fait pas le moine (V. 11093).
Laborer ne me peut plaire,
De laborer n'ai je que faire,
Trop a peine en laborer
J'aime mieux devant les gens orer
Et affubler ma renardie,
Du mantel de popelardie (V. 11712).

  ... und die Bekanntschaft der Mächtigen
suchen und ihnen folgen;
sie stellen sich arm, aber sie ernähren sich
mit köstlichen guten Bissen
und trinken teure Weine;
sie predigen Euch die Armut (V. 11042-47)
[und fischen große Reichtümer]
Das Kleid macht nicht den Mönch (V. 11058)
Denn Arbeit kann mir nicht gefallen;
zu arbeiten kommt mir nicht in den Sinn:
Beim Arbeiten strengt man sich zu sehr an.
Ich bete lieber vor den Leuten
und bemäntele meine Gaunerei
mit dem Mantel der Heuchelei. (V. 11519-24) [3]

  Auch die weltlichen Obrigkeiten entsagten ihren Ansprüchen nicht immer um päpstlicher Freibriefe willen, sondern zwangen die Bettelmönche zu öffentlichen Geschäften, Gesandtschaften, zum Stellen und Liefern von Pferden und Waffen; am wenigsten endlich wollte man den Bußbrüdern die Steuerfreiheit und alle geistlichen Vorrechte einräumen, da sie offenbar nur in dies Verhältniß träten, um sich ihren Bürgerpflichten zu entziehen. In solcher Lage fanden es die Orden bisweilen gerathen nicht auf dem Buchstaben ihrer Freibriefe zu beharren, sondern mit Bischöfen, Pfarrern und weltlichen Obrigkeiten eine Abkunft zu treffen, wobei alle Theile bestehen konnten.

Streit unter den Bettelmönchen
  Aber fast noch gefährlicher als jene Angriffe von Laien und Fremden wurden die Streitigkeiten, welche allmählich unter den Orden selbst ausbrachen. Die Predigermönche verlangten den Vorzug vor den Franziskanern, als die Aelteren und früher vom Papste Bestätigten, als die durch den Namen schon Ausgezeichneteren, als die Anständigeren in Hinsicht der Kleidung und die Strengeren in der Wahl von Nahrungsmitteln. Hingegen behaupteten die Minoriten: ihr Name sey der demüthigere, ihre geringere Kleidung die gottgefälligere und der Predigermönch könne allerdings, zur Erreichung größerer Vollkommenheit, in ihren Orden als den strengeren treten, keineswegs aber sey das Umgekehrte erlaubt (13).
 - Dieser Streit, sagten die Feinde der Orden spöttisch, entsteht aus zu großer Einigkeit der Orden: sie sind einig im Streben nach weltlichen Gütern, in Erschleichung günstiger Testamente, in Verdrängung der Weltgeistlichen, in Verachtung der übrigen Mönchsorden, im Bemühen an den Höfen wichtige Stellen und Aufträge zu erhalten, in hülfreicher Dienstleistung bei päpstlichen Erpressungen, in der Vernachlässigung ursprünglicher Gelübde:
 - wie sollte aus solcher Einigkeit nicht Haß und Streit hervorgeben!
 - Die Päpste verboten, daß ein Orden die Glieder des anderen abspenstig mache und aufnehme; sie tadelten es aufs Strengste, daß sie sich untereinander verleumdeten und dadurch dem Spotte und der Verachtung des Volkes preisgäben. Wie wenig man sich aber hieran kehrte, zeigt unter Anderem das bald zu erzählende Benehmen der Franziskaner gegen den übertrieben verehrten Predigermönch Johann von Vicenza, obgleich sich andererseits nicht läugnen läßt, ein Orden habe auch wiederum den anderen gezügelt und zu Zucht und Ordnung angetrieben.
  Später entstand sogar heftiger Streit unter den Minoriten selbst, über die strengere (14) oder mildere Ansicht ihrer Regel; und als die Päpste sich zu der letzten hinneigten, erfuhren sie, daß eine Körperschaft, die nach Entsagung alles Irdischen nichts Aeußeres zu verlieren hat, ihre innersten Ueberzeugungen (diesen einzigen über Alles geachteten Besitz) um keinen Preis aufgiebt. Anfangs war der päpstliche Plan, die Weltgeistlichen durch die Bettelmönche, und die Bettelmönche durch die Weltgeistlichen in Zaum zu halten und beide zu beherrschen, sehr scharfsinnig erdacht und durchgeführt; allein die Orden hatten auf Unkosten der regelmäßigen Kirchenordnung ein zu großes Uebergewicht erlangt, unb die demokratische Wurzel, welche in ihnen vorhanden war, trieb zu Angriffen selbst gegen den Papst und die kunstreich über einander gebaute Kirchenherrschaft. Zwar fällt dies großentheils in spätere Zeiten, aber schon im 13. Jahrhundert predigte unter Anderen der Franziskaner Berthold sehr nachdrücklich wider kirchliche Mißbräuche, z. B. den Ablaß, und schon unter Innocenz IV durften sich die ihm unentbehrlichen Bettelmönche Dinge erlauben, welche an Anderen hart wären bestraft worden. Als z. B. die Kardinäle einen Franziskaner, wahrscheinlich des gar oft vorhandenen bäurischen und ungeschlachten Wesens halber, in Lyon zum Besten hatten, machte er sie, nach dem Ausdrucke des Erzählers, herunter wie die Esel.

Einfluss der Orden
  Im Allgemeinen blieben die Franziskaner ungebildeter und wirkten, im Guten wie im Bösen, mehr auf das Volk; bei den Dominikanern gingen, neben der höheren Bildung und der größeren Gewandtheit, die vielen Uebel her, welche aus den ihnen später allein anvertrauten Ketzergerichten entsprangen. Beide Orden gaben einer großen Zahl von Männern Gelegenheit, sich aus der damals noch gewaltsameren Beschränkung der niederen Stände hervorzuarbeiten. Sie waren (sagt ein neuerer Schriftsteller) gewissermaßen die umfassenden Becken, in welchen die mächtige religiöse Volksbewegung eine katholische Fassung erhielt und als befruchtendes Gewässer in den Garten der Kirche geleitet ward, während sie außerdem leicht hätte zum verheerenden Strome werben können.
  So stehen die Licht- und Schattenseiten gleich merkwürdig und gleich wahr neben einander, und mit einzelnen Worten läßt sich weder alles Gute, noch alles Böse erschöpfen, was die Bettelorden thaten; am wenigsten aber darf man, ohne weitere Prüfung, mit ungeschichtlichem Sinne kurzweg verlangen: diese Erscheinungen, welche durch viele Jahrhunderte so mächtig fortwirkten, hätten überhaupt nicht da seyn sollen!

[1] Im Original 'unzweifelhaftere', da der Satz anders anfängt. Ich habe die erste Hälfte abgeschnitten, weil sie auf das Vorgehende verweist.
[2] S. dazu auch: Agostino Paravicini Bagliani, Die Polemik der Bettelorden um den Tod des Kardinals Peter von Collemezzo (1253), in: Hubert Mordek (Hg.), Aus Kirche und Reich. Festschrift für Friedrich Kempf, Thorbecke Sigmaringen 1983
[3] Übersetzung nach Karl August Ott, Guillaume de Lorris und Jean de Meun, Der Rosenroman, in: Hans Robert Jauss und Erich Köhler (Hgg.), Klassische Texte des romanischen Mittelalters Bd. 15,II, Fink München 1976, S. 615. 639

1 Compagnoni, II, 234, erzählt, daß Predigermönche, unter ihnen ein Bruder Buonaparte, 1228 die Kirchen in der Mark Antona visitierten. Desgleichen in Guastalla 1233.
2 Im Jahre 1238 waren auch Minoriten bei der Inquisition in Spanien. Wadd., III, 5.
3 Hiervon sollte nichts erlassen werden, weil nur das wirklich Eingezahlte helfe und vom Gelübde befreie. Freibrief Alexanders IV von 1259. Gudenus, II, 656, 664.
4 Auch sollte kein Prälat die Freibriefe der Bettelmönche auslegen. Bullar. Rom., I, 147.
5 So im Vertrage mit dem Abt von Fulda. Schannat, Dioeces. Fuldens., 275, Urk. 54.
6 Auch den älteren Mönchsorden waren die Bettelmönche oft ungelegen; so sagt z. B. der Abt von S. Burgo (Sparke, Scr., zu 1224): O dolor, o plus quam dolor, o pestis truculenta ! fratres minores venerunt in Anglia !
7 Der Bettelmönch stehe höher als der Weltgeistliche und Johannes höher als Petrus. Höxter, 86.
8 Bonaventurae expositio in regulam Fratrum minorum. Opera, VII, 316. Determinationes quaestionum circa regulam, VII, 329. Opusculum, quare minores praedicent, VII, 339. Apologeticus, VII, 346. Auf ähnliche Weise vertheidigt Thomas von Aquino den Orden in seinem Buche: Contra impugnantes religionem (Opera Paris., XX. 534, oder Rom., XVII, 127), und sucht zu beweisen: es sey recht und heilsam, wenn jene als Lehrer in der Genossenschaft der weltlichen Magister einträten, predigten und Beichte hörten. Das letzte wird besonders dadurch begründet, daß sehr viele Weltgeistliche äußerst unwissend, des Lateins unb der heiligen Schrift unkundig seyen. Trotz der wohlgemeinten Beschlüsse der lateranischen Kirchenversammlung fehle es noch immer an Lehrern der Theologie und tüchtigen Schülern, welche Lücken die Bettelmönche bereits besser denn zuvor ausgefüllt hätten. Die Forderung: daß diese von ihrer Hände Arbeit leben sollten, könne sie doch nicht stärker verbinden als die Laien, deren sehr viele sich auch nicht durch Handarbeit ernährten. Es verpflichte weder Gesetz noch Gelübde die Mönche zu dieser, sondern vielmehr zu einer anderen und geistigeren Lebensweise. Eben so wenig darf man ihnen daraus einen Vorwurf machen, daß sie für sich und ihren Orden dem Eigenthum entsagen und freiwillig ein härteres Joch auf sich nehmen, als alle übrigen Menschen, um zu größerer Vollkommenheit zu gelangen. Mit Recht loben sie, was an ihrem Orden Lobenswerthes ist, mit Recht suchen sie Verleumdungen zu widerlegen und sich nöthigen Falles vor den Gerichten zu vertheidigen. Den Menschen suchen sie nur durch löbliche Mittel zu gefallen und bei Königen und Hochgestellten, gleichwie viele heilige Männner, nützlich einzuwirken u. s. w. Thomas Ausspruch: In obedientia perficitur omnis religio, ist tiefsinnig, aber leicht mißzudeuten. Höxter, 105.
9 Genaueres über das leidenschaftliche Verfahren bei Rutebeuf, I, 384.
10 (...) Im Roman de la Rose heißt es: Guillaume, quypocrisie fist essilier, par grant envie por verité qu'il soustenoit. Hist. littér., XVI, 50. Roman, V, 11698. Lebhafte Verteidigungen Wilhelms in Rutebeuf, I, 71, 191. Nach des Papstes Tode ward Wilhelm mit größten Ehren wieder in Paris aufgenommen. Höxter, 77, 90. Rutebeuf, I, 390.
11 Im Jahre 1227 wurde zum ersten Male ein Dominikaner Kardinal. Malvenda, 450.
12 Fratres Minores me absolvere nolunt, quia non permitto eos fornicari cum filiabus et sororibus vestris; so erzählt Salimbeni, 236, der selbst ein Minorit war.
13 Matth. Paris, 414. Hieher gehört auch die Bestimmung, wonach innerhalb einer gewissen Entfernung vom ersten Bettelkloster kein zweites errichtet werden sollte. Bullar. Roman., I, 141.
14 Die strengeren Franziskaner schlossen sich den Lehren des Abtes Joachim an, über das bevorstehende Reich des Geistes und die Regeneration der Kirche, meist durch ihren Orden. Engelhardt, Kirchengeschichtliche Abhandlungen, 94.

Einige Namen

Wilhelm von Saint-Amour
  * Anfang 13. Jh. zu Saint-Amour (Franche-Comté), 13.9.1272 Saint-Amour
Vielseitig begabt, erreichte Wilhelm als Kanoniker an der Universität von Paris das philosophische (um 1228), juristische (um 1238) und theologische Magisteramt (1250). Im Bettelordensstreit um deren Position an der Universität wurde Wilhelm 1254 Sprecher besonders der weltgeistlichen Magister. Ging es zunächst um Lehrstühle und Unterordnung unter Universität-Statuten, so bekämpfte Wilhelm bald den seinem hierarchischen Denken unfaßbaren Erfolg der neuen Orden. Da er den endzeitlichen Anspruch des in Joachim von Fiore fundierten Liber introductorius in Evangelium aeternum des Gerhard von Borgo San Donnino OFM gegen die Bettelorden kehrte, verstand Wilhelm ihre Bettelarmut, ihre die herkömmliche kirchliche Ordnung störenden pastoralen Aktivitäten und Privilegien als antichristliche Bedrohung. Trotz Verurteilung des Liber introductorius 1255 erschien der Angriff Wilhelms so maßlos, daß sein Tractatus brevis de periculis novissimorum temporum (1255) geahndet wurde (Romanus Pontifex, 5. Okt. 1256). Nach Verbot von Lehre und Aufenthalt in Paris sowie Rückzug in die Heimat fand Wilhelm Unterstützung durch seine Schüler Gerhard von Abbeville, Nikolaus von Lisieux sowie in Gedichten des Rutebeuf, sammelte weiter Argumente gegen die Bettelorden (Collectiones catholicae et canonicae scripturae, 1266). Die Impulse der neuen Orden für Kirche und Gesellschaft, verteidigt durch Bonaventura, Thomas von York, Thomas von Aquin, verstand Wilhelm nicht. Aber Bedenken gegen deren Aufstieg und Konkurrenz waren nicht unbegründet. J. Schlageter, [LdM IX, Sp. 185]

Gerhard von Abbeville (de Abbatisvilla)
  * um 1220/25 in Abbeville, 8.11.1272 in Paris.
Einflußreicher Weltgeistlicher und Magister theologiae an der Pariser Universität (sicherlich ab 1257 actu regens bis zu seinem Tode). Im Mendikantenstreit schloß er sich der von dem ungestümen Wilhelm von St. Amour geführten Partei der weltlichen Lehrer an. Seit 1256 Archidiakon von Ponthieu (Diöz. Amiens). Nach der Bannung Wilhelms durch eine Intervention Alexanders IV. übernahm Gerhard die Führung der weltlichen Opposition gegen die Mendikantenorden, als er 1268 seine Abhandlung Contra adversarium perfectionis christianae veröffentlichte. Dieser Traktat, dessen Widerlegungen von Thomas von Aquin, Bonaventura und Johannes Peckham Gerhard mit je erneuten Repliken beantwortete, war der Anfang einer erbitterten Polemik (1269-71). Überdies hinterließ Gerhard noch einen Sentenzenkommentar (um 1254), 19 Quodlibeta (1262-72), einige gesonderte Quaestiones disputatae und 22 Quaest. disp. de cogitatione, die alle nur hs. überliefert sind. In seiner bisher zu wenig erforschten Theologie und Philosophie verteidigt er traditionelle Positionen gegen den intellektualistischen Determinismus und die averroistischen Lehren (z. B. in Quodl. XIV von 1269). J. Decorte, [LdM IV, Sp. 1314 f.]

Nikolaus von Lisieux
   nach 1270
Domkanoniker, später auch Schatzmeister in Lisieux. Wie sein Lehrer Wilhelm von St. Amour und sein Freund Gerhard von Abbeville polemischer Gegner der Bettelorden, übte er wüste, auf die persönliche und doktrinäre Integrität des Johannes Peckam und Thomas von Aquin zielende Kritik. Dieser replizierte ca. Okt. 1270 mit der Schrift Contra doctrinam retrahentium a religione. M. Laarmann, [LdM VI, Sp. 1184]

Rutebeuf
   ca. 1285 in Paris
Französischer Autor. - Sein (Über)name verweist auf den ungeschliffenen Stil des 'jongleur' sowie auf seine harsche (konservative) Kritik am Einfluß der Bettelorden auf Ludwig IX. und an der Sparpolitik des Königs, der jedoch in Rutebeufs Kreuzzugsgedicht zum Vorbild wird. Im Pariser Universitätsstreit (1252 ff.; Paris) ergriff Rutebeuf Partei gegen die Bettelorden und verteidigte Wilhelm von St-Amour. Rutebeufs poésies 'personnelles' sind Ausdruck einer neuen Subjektivität, die mit der höfischen Lyrik bricht, doch ist der biographische Gehalt dieser »Geständnisse« gering: von der städtischen Kultur geprägt, stehen sie in Verbindung mit den Karnevalsdichtungen. In Rutebeufs über 50 Gedichten, darunter viele 'Dits', finden sich auch Heiligenlegenden und Mirakel sowie derbe 'fabliaux'. In der Hofsatire »Renart le Bestourné« wird der Fuchs aus dem Roman de Renart zur Allegorie des Bösen auf Erden. Das »Miracle de Theophile«, eine dramatische Bearbeitung der auch von Gautier de Coinci behandelten Teufelspakt-Legende, steht am Beginn des vulgärsprachlichen religiösen Theaters in Frankreich. Der Autor des Roman de Fauvel kannte wahrscheinlich den »Dit d'Hypocrisie« (1261). J.-Cl. Mühlethaler, [LdM VII, Sp. 1124]

1 Diese Seite entspricht in ihrer Orthographie dem Abdruck des sechsbändigen Werks: Die Geschichte der Hohenstaufen, Dritter Band, Siebentes Buch, Siebentes Hauptstück, Seiten 314-327, das im Jahr 1878 bei Brockhaus zu Leipzig in fünfter Auflage erschien. Die Zwischentitel entsprechen den Seitenüberschriften. Im Unterschied zum Original wurden die mit '-' eingeleiteten Teile durch Absätze kenntlicher gemacht. Die Anmerkungen Raumers wurden um die reinen Literaturhinweise gekürzt und durchgehend numeriert. Meine Anmerkungen sind in [eckige Klammern] gesetzt.

Zur Biographie:
Historikergalerie des Instituts für Geschichtswissenschaften an der Humboldt-Universität Berlin.