Sermo de sanctis 1

s56

hi lerit sente Dyonisius daz die sele muz habin drigirleige licht, di da kumin sal zu dem luterin bekentnisse Godis [Strauch, S. 6]

Illumina oculos meos
(Ps. 13,4)


  sente Dyonisius sprichit: ez ist drigirleige licht (1) daz di sele habin sal di da cumen sal in ein lutir bekentnisse Godis. daz erste ist naturlich, das andere ist geistlich, daz dritte ist gotlich.
  [Nu merket - 1 (S. 68)] waz ist nu daz naturliche licht (2) und wi verre mac di sele mide cumen in daz bekentnisse Godis? fon nature hait di sele daz si forsteit alle di dinc di da sint, daz si fon un selber nicht in sint. so muiz uber in ein sin daz fon ume selber ist und [von niemand dan von seim eigen wesen: was daz ist, - 4/5] daz gesachit hait alle dinc.
  ouch forsteit di sele fon nature daz alliz daz gudis ist geteilit in alle dinc, daz daz zumale ist beslozzin in der enigin sache aller dinge. fon nature hait di sele daz si minnit ein iclich dinc noch deme daz ez guit ist. wan si dan fon naturlicheme bekentnisse ist cumen uf di sache allir dinge und alliz daz gudis ist geteilit in alle dinc, daz ez zu mole, ist beslozzin in der sache allir dinge, fon deme naturlichime bekentnisse intspringit ein naturliche minne zu deme daz di sache ist allir dinge.
  alle creature sint gebrechlich und wandilhaftic, nicht alleine an urin wesine, daz daz forge, mer an dem ufgange irre volmachtheit. [Hie von spricht sanctus - 16] Augustinus sprichit: 'di sele inmac nicht lange blibin an eime gedanke, si vellit uz eime in den anderen. di sele inmac auch nicht file gedanke gehabin zumale. uze den si vellit, den stirbit si und lebit den anderen'. wan dan Got keine gemeinschaft hait mit den creaturen, hi ane ist bewisit daz keine gebrechlichkeit in deme enist di da keine gemenschaf inhait mit den creaturen, daz ist Got alleine; und also vil alse di sele sines glichnisses hait, also vil ist si unbegriflich. alsus bekennit und minnit di sele fon nature Got pobin alle dinc.
  daz andir licht ist geistlich (3). daz inspringit in deine gelaubin, wan alliz daz der glaube in ume beslozzin hait, daz inmac di sêle fon nature nicht gerechin. der gelaube ist daz dri personen sint in eime wesine und ein wesin in drin personen. hi zu ist zu cleine alliz [daz - 29] naturlich licht und forstentnisse, wan al naturlich licht inmac kein glichnisse hi zu geleistin. [Wann allez daz, daz drei person wurken oder vermugen, daz ist auzzer einer einikeit; - 30/31] alleine dri personen sint, si inwirkin doch nicht alse dri, mer si wirkin alse ein Got. [Daz ist ein geistlich lieht, mit dem die sele in dem gelauben als werlich begriffet, daz es also ist, als daz ez irre ir naturlich verstantnuzz ie iht gegab - 32-35].
  daz dritte daz ist ein licht der glorien, daz ist ein gotlich licht (4), daz inphehit di sele in di ubirstin craft [der selen - 37]. in disime lichte irkennit man Got sundir mittil. also verre alse sich daz licht senkit in di uberstin craft, also verre wirt Got one mittil irkant. in disime lichte irkennit di sele allir dinge edilkeit in Gode, wen alliz daz ie uzgefloiz oder nu uzfluzit oder ummir uzgeflizin sal, daz hait ewic wesin und lebin in Gode, nicht also alse ez hi gebrechlich ist an der creature, mer alse ez sin eigin wesin ist, wan ez ist sin nature. Got inhait sin eigin wesin nicht fon nichte, he hait ez fon siner eginen nature, di werliche icht ist an ir selbir [und niht an vernemunge einiger creaturen - 5 (S. 69)].
  di nature ist grundelois. da fon inwirdit auch si nicht gegrundit dan fon eime grundelosin bekentnisse. allir creature forstentnisse [daz - 9] ist gemezzin, darumme hait ez grunt. da fon inkan ez daz grundelose forstentnisse nicht begrifin noch Christus nôch der menscheit. da Got sine egine nature aneschowit, di grundelois ist, di inmac fon nichte begrifin werdin dan fon eine grundelosin forstentnisse. daz forstentnisse enist nicht ein ander dan daz di nature selber ist. alsus begrifit sich Got alleine an siner eginen nature [. Dise begreiffung ist ein verstantnuzze (5), an dem got im selber offenbar ist und vermeinet sich - 16]in eime lichte da niman zu cumen inmac, alse sente Pauwil sprichit [: Got wonet in einem unzukumenlichen lieht]. bide wir etc.
  [Bei Jostes folgt jetzt statt 'bide wir etc.' noch ein längerer Text, von dem ich kein Wort verstehe und auch zweifle, daß der auf Eckharts Mist gewachsen ist: Sanctus Paulus spricht: Allez daz unerbere waz, daz getet ich nie niht, und alles daz erbere waz, daz (versmahet) versaumet ich nie niht; und alle tugent han ich uf das hohste, und ich en gesprach noch enlert nie niht, daz ich selber nicht enwer. Uber daz alles so bin ich bezzer dann ich ieman sagen welle oder mug, wann ich en wil noch en mak (muz) mich niht mer zeigen noch offenbaren mit reden, wann ez di leut [niht] getragen mugen und geleiden. Mir en mak noch endarf auch nieman bild vortragen, wann ich enmak von niemans bild noch lere gebezzert werden, wann ich bin selber got als nahen, daz ich selb in got scheppfen und nemen [mak] auzzer im allez, daz ich wil und dez ich bedarf. Ich han geweset bei Peter und bei Johanne den hosten und schied also von in, daz ich ir ie ein punt gebezzert wart. Her um gedank ich dir, herre Jhesu Christe, daz ich mein hertz alle zeit in einer slehte gehalten han an aller meiner wandelunge, daz ich noch nie dekeiner ding geergert enwart, sider daz ich mich ie begund versten] (6).

Anmerkungen
1 dreierlei Licht findet sich in den übersetzten Predigten und dem sonst mir vorliegenden Œuvre nicht. Dafür heißt es bei Pfeiffer im 18. Traktat: Nû spriche ich von fünf liehten. Daz êrste ist ein tiuvellisch lieht, daz ander ein nâtiurlich lieht, daz dritte ist ein engelisch lieht, daz vierde ist ein geistlich lieht, daz fünfte ist ein götlich lieht. Nû merkent den fliezenden underscheit von den fünf liehten." (S. 586, Z. 29-32).
2 Das natürliche Licht kennen z.B. die Predigten 19, 31, 36b, 73 und 103.
3 Ein geistliches oder geistiges Licht ist nicht bekannt.
4 Ein göttliches bzw. das göttliche Licht findet sich in den Prr. 3, 10, 18, 19, 20a, 20b, 31, 32, 36a, 36b, 37, 40, 45, 47, 51, 57, 70, 78, 82, 83 und im Sermo die B. Augustini.
5 Auf dem "u" von verstantnuzze befindet sich bei Jostes noch ein Punkt, der vielleicht ein 'e' symbolisieren soll.
6 Immerhin: Herr Jesus Christus heißt es in den Prr. 1, 2, 5a, 40, 41, 46, 49, 58, 65, 69, 81, 84, 86 und 104, aber welcher Prediger hat nicht irgendwann diese Worte gebraucht. Es gibt zwar den berühmten Absatz in Predigt 52, aber "ich bin selber Gott" oder "selbst Gott bin" und andere Variationen gibts nirgendwo. Tut mir leid, aber für meinen laienhaften Verstand hört sich das nicht nach Eckhart an. Vielleicht werden die Fachleute das irgendwann als "echt eckartisch" erweisen und ich muß es ihnen dann glauben - aber erst dann.

  Diese Seite entspricht textmäßig dem Abdruck in: Philipp Strauch (Hg.), Paradisus anime intelligentis, Deutsche Texte des Mittelalters 30, Weidmann Berlin 1919, S. 121/122. Den Textabdruck von Jostes habe ich vergleichend hinzugenommen und dabei Strauchs Aussage des "kürzenden Prinzips" (S. XI) des Bearbeiters der Sammlung bestätigt gefunden. Jostes Abschrift aus der Nürnberger Handschrift Cent. IV 40 vermittelt eine Textversion in einem anderen (mittelhoch-) deutsch. Um das zu verdeutlichen, habe ich einige Unterschiede an den entsprechenden Stellen in [dunkelblau] eingefügt; die Ziffern am Ende verweisen auf die Zeile(n) der Seiten 68/69. Bei der Gestaltung der Absätze habe ich mich an Jostes orientiert.
  Das Leitzitat, Ps. 13,4, habe ich bisher in: P. Alvarus M. Hespers O. Pr., P. Bertrandus Schmalohr O. Pr., Das Meßbuch der heiligen Kirche mit dem Ritus der Dominikaner, lat. und deutsch, 2. veränderte Auflage, van den Wyenbergh Kevelaer 1928, nicht finden können.
  Laut Konkordanz der 2. Auflage des Paradisus aus dem Jahr 1998 soll Paradisus 56 DW 4,1 Predigt 99 entsprechen [2. Auflage, S. 198]. Tatsächlich erschien unter dieser Nummer im Dezember 1997 die Bearbeitung des Nürnberger Fragmentes von Ruh.
  In der Einführung von Wolfgang Klimanek zu seinem "Verzeichnis der in DW IV benutzten Textzeugen und ihrer Siglen" auf den Seiten der Meister-Eckhart-Gesellschaft heißt es, dass die vorliegende Predigt als Nr. 115 ediert werden soll. [4.9.06]

Edition
  Jostes, Nr. 69,1 S. 67-69.
  Strauch, Nr. 56 (XXV) S. 121-122.
  Übersetzung: noch keine.

Beschreibung
  "Nr. 56 ist in unserer Handschrift auffallenderweise ohne Verfassernamen überliefert. Die von Preger 2, 455 abgedruckte, S. 108 ff. 125 ff. ohne triftigen Grund einem Bruder Craft zugesprochene Predigt hat eine reiche Textgeschichte aufzuweisen. Sie findet sich in den beiden Nürnberger Handschriften Cent. IV 40 Bl. 81º (bei Jostes unter Nr. 69¹ S. 67 ff., vgl. Deutsche Literaturzeitung 1896 Sp. 235) und Cent. VI 46h Bl. 5b (Pahncke, Kleine Beiträge S. 13), sowie in der Basler Handschrift B Xl 10 Bl. 333v (in letzterer als Tractat Von dem liechte der beschouwunge, Spamer, Beiträge 34, 317 f.). Sie stand auch in der Straßburger Handschrift A 98 Bl. 84a (abschriftlich im Cod. Vindobonensis 15 383 Bl. 4a und 135a, vgl. Simon, Diss. S. 11). Daß ein Handschriftenfragment (H = Haupt und Hoffmann, Altdeutsche Blätter 2,97 Bl. 1c 1d) dieser Predigt (S. 121,24-31. 37-122,8) angehört, hat Preger erkannt. Nicolaus von Landau hat eine Fassung benutzt, die ziemlich stark von unserem Texte abweicht (Zuchhold S. 111 f.). Vgl. auch Spamer, Diss. S. 38 Anm. 2." [Strauch, S. XXVII]

Datierung
  Dazu kann an dieser Stelle (vorläufig) keine Aussage gemacht werden. Dazu verstehe ich zuwenig vom Text (und da hilft mir auch kein mhdt.-dt. Wörterbuch weiter), um ihn überhaupt erst einmal inhaltlich einschätzen zu können (s. auch Werk - Paradisus).