Meister Eckhart 1

s60

hi sagit meister Eckart fon gotlicher herschaft und war ane di lige und wi daz ubirste gut ist geordinit zu der sele und wi di sele sinen influiz inphehit und wi di sele mit ime minnit und kennit [Strauch, S. 6]

Domine rex omnipotens in dicione tua cuncta sunt posita, in dicione tua cuncta sunt posita.
(Esth. 13,9 - [1])


  gewalt und herschaft lit an zwein dingin, an vriheit und an vil gudir und schonir dinge, daz man di besitze in vride. waz ist vriheit? Philosophus: 'daz dinc ist vri daz an nichte hangit noch an daz nicht inhangit'. hirumme inist nicht vri dan di erste sache, di da ein sache ist allir sache. zu der herschaft horit auch daz man dise zwei habe, daz ist vriheit und vile gudir und schonir dinge in vride. Got ist alliz gût in allin, darumme besitzit he sich in allin. wan waz Got ist, daz ist he in allin. daz man sprichit daz he minne habe und willin und wisheit und gude, daz ist he, wan daz Got ist. hirumme inist Got nicht nicht, wan Got waz er dan nicht. Got der inhait kein fore noch kein nôch. nicht hait volgin, sin volgin ist icht. des nichtis fore ist Got, wan he ist er dan nicht, und des nichtis volgin ist icht. also hait Got kein foregein noch kein volgin. eia di sache allir dinge, di in ir selber swebit in eime ungesichtlichin lichte, daz he selber ist! Got ist ein licht in ime selbir swebinde in einir stillin stille. daz ist daz einige licht, daz einige wesin sin selbis, daz sich selbin forsteit und irkennit. daz forstentnisse des ewigin lichtis daz ist licht fon deme lichte, daz ist di persone des sonis. der vader sprach ein wort, daz was sin son. an deme einigin worte sprach he alle dinc. daz wort des vadir inist nicht anderis dan sin selbis forstentnisse. daz forstentnisse des vader inist nicht anderis dan der son und forsteit di forstentnisse, und daz daz forstentnisse forsteit, daz ist daz selbe daz si forsteit, daz ist daz licht fon deme lichte. Job: Got sprach ein wort, daz was daz ewige forstentnisse sin selbis, daz was sin son. an deme einigin forstentnisse forstunt he alle dinc und forstunt si schephinde fon nichte. daz sint si an un selbin. abir daz si ewicliche gewesit sint, daz was he selbir, wan in Gote inist, ez insi Got, wan Got ist on andir. also sint alle creature ein licht, wan si in deme lichte forstandin sin. darumme flizint alle dinc uz ume alse ein licht zu offinbarne daz forborgine licht. Jacobus: 'omne datum optimum etc.' hibi ist zu prufine daz alle dinc ein licht sint, wan si der vader uzgegozzin haft zu offinbarne sine forborginheit.
  also alse alle dinc ein licht sint geweist uz zu flizene, also sint si ouch alle ein licht (1) wider in zu kumine di sich mit vrin willin da fon nicht inkerin. eya di da stede blibin sundir manicvaldikeit, waz lichtis und was gnadin den geoffinbarit wirt! wan daz ubirste guit ist also geordinit zu der sele daz si ez nicht inphehit sundir das mittil, alse Dyonisius sprichit 'daz mittil ist licht und gnade, di irluchtin daz forstentnisse der sele'. waz ist forstentnisse? daz man forsteit ein iclich dinc alse ez ist lutir unformengit und ist gewis on irrunge. Dyonisius: 'muzigit uch fon allin dingin zu bekennine daz ubirste gut, daz Got ist'. waz sulle wir forstein an Gode? daz he ist ein craft. also sulle wir uns einigin daz di einige craft an uns gewirkin muge. he ist auch ein gut daz alle dinc bewegit zu irme gude, daz he selbe ist, und he blibit doch selbe unbewegit. he ist auch ein lutir einvaldikeit, und ie du einvaldigir bist, ie du di einvaldikeit baz forsteist. und wir sullin rechte einvaldic werdin, daz ist daz wir gescheidin sin fon allin dingin und fon uns selbin, ime zu bekenninde unse sinne und alle di werc der crefte der sele, wan alleine di ubirste craft, daz forstentnisse: di lezit alleine Got wirkin mit Gode (2): so wirkit he vollincumeliche sine glicheit an ir und wirkit si an sich. so forsteit si mit ime, so minnit si mit ime, so bekennit si mit ime. bide wir etc. [2]

Anmerkungen Strauch
1 uz - licht = Var., fehlt in der Hs. [S. 128, Anm. zu Z. 2].
2 Die lückenhafte Überlieferung lässt sich aus den anderen Hss. vervollständigen: la daz alleine wirken mit gote. noch danne stet einer lidiger sele daz zelazene, und laz got alleine wirken sunder hindernisse, so w. ZfdA 8, 240, 13 ff. [S. 128, Anm. zu Z. 17].

Eigene
1 Zum Leitzitat, Esth. 13,9 (Sievers S. 413), habe ich in: P. Alvarus M. Hespers O. Pr., P. Bertrandus Schmalohr O. Pr., Das Meßbuch der heiligen Kirche mit dem Ritus der Dominikaner, lat. und deutsch, 2. veränderte Auflage, van den Wyenbergh Kevelaer 1928, zwei Einträge gefunden: 1. Esther 13,8-11 et 15-17 in der Epistel von Mittwoch nach dem 2. Fastensonntag (S. 176) oder 2. Esther 13,9. 10. 11 für den 19. Sonntag nach der Oktav des Dreifaltigkeitsfestes (S. 630).
2 So das Ende bei Sievers [S. 415].

  Diese Seite entspricht textmäßig dem Abdruck in: Philipp Strauch (Hg.), Paradisus anime intelligentis, Deutsche Texte des Mittelalters 30, Weidmann Berlin 1919, S. 127/128. Den Absatz habe ich eingefügt; bei Strauch ist es ein durchgehender Text. Ausnahmsweise habe ich den Text nicht selbst abgeschrieben, sondern konnte diesmal auf bereits geleistete Arbeit zurückgreifen. Über die Internetseite parindex.htm des Japanologen Prof. Niels Guelberg kann man auf alle Predigten des Paradisus in der Textausgabe von Strauch zugreifen.
  In der Einführung von Wolfgang Klimanek zu seinem "Verzeichnis der in DW IV benutzten Textzeugen und ihrer Siglen" auf den Seiten der Meister-Eckhart-Gesellschaft heißt es, dass die vorliegende Predigt als Nr. 116 ediert werden soll. [4.9.06]

Edition
  Sievers, Nr. 19 S. 413-15.
  Strauch, Nr. 60 (XXIX) S. 127-128.
  Übersetzung: noch keine.

Beschreibung
  "Meister Eckhart = Zs. 15, 413 XIX [Sievers]. Die Predigt in dem Umfange, wie unsere Handschrift ihn bietet, hat auch Nicolaus von Landau, der sie benutzt (128,8-19; das gleiche Exzerpt auch in der Karlsruher Handschrift St. Peter 85 Nr. 35, s. Spamer, Diss. S. 59 Z. 5), zur Voraussetzung (Zuchhold S. 64 f.); ebenfalls steht sie in der Nürnberger Handschrift Cent. IV 40 (Jostes Nr. 20 S. 17). Der Anfang findet sich auch fragmentarisch in Innsbruck, s. Schönbach Zs. 35, 216. 222. Als Eingang eines weit längeren Textes liegt unsere Nummer in mehreren Handschriften (Basel, Einsiedeln, Klosterneuburg - Straßburg; - auch S. Gallen 972a S. 206-216), sowie im Basler Taulerdruck Bl. 247c vor, den die Basler Handschrift XI, 10 einem Kraft von Boyberg zuschreibt, unter welchem Namen diese Fassung von Pfeiffer Zs. 8,238-243 in kritischem Text abgedruckt worden ist. Preger gab in der Zs. f. d. hist. Theologie 1866 S. 468 ff. einen Textabdruck nach der Basler Handschrift XI 10 und suchte Eckharts Verfasserschaft zu erweisen, was nun durch unsere Handschrift wenigstens für den ersten Teil gesichert, für die spätere Partie durch Eintrag des Namens Egghart zu einem ihr entnommenen Exzerpt in der Basler Handschrift IX 15 (Preger a.a.O. S. 463 ff.) wahrscheinlich ist. Über weitere Exzerpte und Eckhart-Parallelen s. Spamer, Diss. S. 50 Anm. 1." [Strauch, S. XXVIII]

Datierung
  Wie in der Anm. mitgeteilt, habe ich zum Leitzitat zwei Möglichkeiten gefunden, was weder bedeutet, das es die einzigen, noch das es die richtigen sind. Die erste würde auf den Zeitraum 18.2.-24.3. fallen und die zweite auf den 4.10.-7.11. Mehr ist dazu zur Zeit nicht zu sagen (s. auch Werk - Paradisus).