Wetter 1

wetter
Die Hungersnöte der Jahre 1315-1317

Der sumer würde unmaere,
ob er z' allen zîten waere.

Freidank, , S. 150/151
Des Sommers würden wir schnell satt,
fänd' er zu allen Zeiten statt.
Freidank 117, 6
[6.12.04]

1259
  Der Winter weder zu mild noch zu kalt.
  Der Frühling viel zu trocken. Nach einer Wormser Quellenangabe ist es von März bis August heiß und trocken; kaum Niederschläge. Deshalb war die Weinlese so gut, daß die Fässer wertvoller waren als der Wein. (Vgl. Jahrhundertwetter).

1260
  Das Jahr beginnt kalt. Ausgesprochen milder Winter.

1261
  Die Feldfrüchte und der Wein gerieten überwiegend gut.

1262
  Melk (u.a.): Die Sommertrockenheit führte zu einer schlechten Ernte.

1263
  Strenger Winter.
  Schwere Unwetter in Thüringen, wobei Jena und Apolda besonders stark betroffen waren.

Am 30.6., als sich ein Sturm mit Überschwemmung durch gewittrige Regenfälle in Appolde und in den nahen Dörfern und in Jena zur nächtlichen Zeit erhob, sind 35 Menschen verschiedenen Geschlechtes ertrunken, die Wohnstätten sind fortgeführt worden, und das meiste Vieh ging zugrunde. Ebenso am 12.8. nach der neunten Stunde ist eine Sonnenfinsternis allgemein gewesen, wie sie am 12.8. beinahe bis zur Abendstunde in jenem teutonischen Gebiet gesehen wurde.
MGH SRG 42, Chr. Minor

1264
  Im Januar Stürme, die zu Schäden führten.
  Magdeburg und Erfurt: Im Dezember kam es wegen der vielen Regenfälle zu Überschwemmungen.

1266
  Milder und niederschlagsreicher Winter.

1267
  Schwere Nordsee-Sturmflut. [Stein, S. 551)]
  Strenger und trockener Winter.
  Erfurt: Sommer sehr heiß und sehr trocken.

1268
  Das Frühjahr ausgeprägt durch eine langanhaltende Trockenheit.
  Colmar: in der Umgebung zwischen dem 3. März und dem 17. Juli eine 12 Wochen anhaltende Trockenheit und Hitze, was offenbar keine negativen Auswirkungen auf die Anbaufrüchte hatte, denn es gab eine gute Ernte.

1269
  Regensburg (u.a.): Am Jahresende zahlreiche Überschwemmungen.

1270
  Oberrhein und Donau: Im Juli Überschwemmungen. Ansonsten war der Sommer zumindest in Süddeutschland warm und trocken, was sich auch in einem sehr guten Wein niederschlug.
  Friesland: Viel Regen und schlechte Ernte.

1271
  Niederschlagsreiches Jahr mit einem nassen Sommer, in dem es zu Seuchen und Hungersnöten kam und durch eine Überflutung der Dollart entstand. Durch die anhaltende Nässe verfaulten die Trauben auf den Stöcken.

1272
  Am 22. Februar begann man mit den Feldarbeiten. Dann regnete es ab dem 12. März fast sieben Wochen in einem fort. Die Ernte missriet und im Herbst war die Sterblichkeit erhöht. Es regnete fortwährend, was schließlich zu Überschwemmungen führte.

1273
  Hohe Niederschläge.

1274
  Bis in den Sommer hinein kalt.
  Basel: Nach einem Unwetter am 3. Juli regnete es ununterbrochen bis zum 1. August. Danach setzte sich eine länger anhaltende Hochdrucklage mit schönem Wetter und Wärme durch und endlich gab es auch wieder eine reiche Ernte. Sehr warmer Winter.

1275
  Seit Anfang Mai regnete es, viele Flüsse traten wegen des Dauerregens über die Ufer, so beispielsweise der Main oder die Elbe am 24. August.
  Erfurt: Der Sommer war zu kalt und im Herbst regnete es so viel, daß die Trauben nur schlecht reiften und im Schnee gelesen werden mußten, weshalb der Wein sauer war.

1276
  Der Winter lang und streng. In den Mittelgebirgen lag der Schnee ab dem 12. Dezember, in der Ebene vom 31. Dezember bis zum 19. Februar.
  Elsaß: Kälteeinbruch am 14. und 15. April. Die Reben erfrieren. Trockener Herbst.

1277
  Nordseesturmflut erzeugt Dollart (Emsmündung; bis 1400 durch weitere Überschwemmungen erweitert). [Stein, S. 559]
  Der Rhein bei Rheinfelden bis zum 20. Januar zugefroren.
  Elsaß: Wegen Kälteeinbruch am 1. April, von Schneefällen begleitet, erfrieren die Reben. Der Sommer war heiß und trocken und es konnte eine gute Ernte eingebracht werden.
  Trockener Herbst.

1278
  Im kalten und strengen Winter überfror der Bodensee am 21. Februar.
  Sehr trockener Frühling.
  Konstanz: Trockener Sommer, in dem die Anbaufrüchte nicht geschädigt wurden, denn die Ernte fiel gut aus. Trockener Herbst.

1279
  Prag und Colmar: Der Winter ausgesprochen warm. Es soll nur nachts gefroren haben, tagsüber taute es dann wieder.
  Elsaß: Die schlechten Witterungsverhältnisse führten dazu, daß erst später als sonst üblich die Weinlese stattfinden konnte.

1280
  Ellwangen: Ende Januar Gewitter.
  Niederschlagsreiches Jahr.

1281
  Winter kalt und schneereich.
  Colmar: Am 8. Februar fiel sehr viel Schnee, der bis zum 19. März liegen blieb.

1282
  Colmar: Viel Schnee am 20. Januar.
  Früher Eintritt der Baumblüte und eine um drei Wochen vorgezogene Ernte, was auf einen warmen Witterungsverlauf in der ganzen ersten Jahreshälfte zurückzuführen ist und für einen warmen Sommer spricht.

1283
  Warmer Winter.
  Sindelfingen: Frost zerstört am 20. Mai die Weinberge. Dennoch war der Frühling insgesamt sehr warm, so dass die Vegetation entsprechend früh aufging.
  Erfurt: Warmer Sommer. Unwetter und Hagelschäden.

1284
  Der Frühling sehr mild. Vor allem am Ende des Sommers sehr warm und trocken.
  Elsaß: Zwischen dem 24. August und dem 30. November kaum Regen, was sich in einer sehr guten Weinlese niederschlug.

1285
  Winter sehr warm und niederschlagsreich.
  Sindelfingen: Spätfröste am 30. Mai setzten den Reben zu.
  Friesland: Trockener, aber gewitterreicher Sommer. Um den 18. November so viel Regen, daß das Wasser längere Zeit auf den Feldern stand.

1286
  Kalt und schneereich.
  Friesland: Zwischen dem 1. Januar und dem 1. März Schnee, an der Emsmündung kam es zur Eisbildung und am Rhein führte der Eisstau zu einem Hochwasser. Es regnete zwischen dem 1. und 19. März beständig und um den 12. März fror der Boden.
  Colmar: Am 11. Februar tobte ein Unwetter.

1287
  Vieler und guter Wein. Man freute sich wieder über eine frühe und sehr gute Lese, was auf warme Witterung rückschließen lässt.

1288
  Stuttgart: Schwere Hagelschauer zerstörten am 10. Juli Felder und Wälder, wobei Esslingen, Weil im Schönbuch und Butzbach besonders betroffen waren.
  Auf See: Um den 15. August gab es schwere Stürme. Einen weiteren Mitte September, durch den viele Schiffe untergingen.

1289
  Passau, Regensburg, Reutlingen und Colmar: Warmer Winter.
  Passau: Warmer Sommer.

1290
  Colmar: Regnerischer und kühler Sommer.
  Friesland: Der Herbst war verregnet, wodurch die Wintersaat geschädigt wurde.

1291
  Gewitter und ein Sturm in den ersten beiden Monaten deuten darauf hin, dass der Winter nicht allzu streng gewesen sein kann.

1292
  Mild. Erst Ende des Winters fiel die Kälte ein, die zum Überfrieren des Oberrheins führte.

1293
  Warmer und trockener Sommer. Am 3. August richtete ein heftiges Gewitter mit Sturm und Hagel große Verwüstungen im süddeutschen Raum an. Betroffen waren das Getreide, Obst- und Waldbäume und sogar Häuser im Stuttgarter Raum sowie im Rhein- und Donaugebiet.

1294
  Hagenau: Am 23. Januar einen Kälteeinbruch, durch den Linden und andere Bäume geschädigt wurden und Reben erfroren.
  Feucht-warme Sommerwitterung.
  Mainz: Mehrfach Unwetter im August.
  Thüringen: Ungewöhnlich große Kälte im Winter. [Wegele, S. 199]

1295
  Durch die Hitze und Dürre des Sommers trockneten Brunnen und Gewässer aus.

1297
  Angenehme Temperaturen äußerten sich in guten Ernten. Mild und angenehm waren die Herbsttemperaturen, bis am 24. November starke Schneefälle einsetzten.

1301
  Colmar: Am 2. Februar Unwetter.
  Kühles Frühjahr, heißer Sommer.

1302
  Warmer Winter.
  Colmar: Nur am 1. und 2. Februar Frost.
  Franken: (Angeblich) nur zwei kalte Tage. Die reichten aber aus, um die Reben zu schädigen.
  Kalter Sommer.
  Oberrhein: Am 12. August gab es schwere Überschwemmungen. Basel, Straßburg, Neuenburg und Breisach waren besonders stark in Mitleidenschaft gezogen.
  Florenz: Überschwemmungen.
  Elsaß: Die Reben erfroren in den Hochlagen schon am 9. September. Der kalte Sommer und die ungünstige Herbstwitterung ließen keinen guten Wein wachsen.
  Paris: schlechte Weinernte, was auf einen eher kühlen Sommer schließen läßt.

1303
  Oberrhein: In einer kurzen Frostphase überfroren zwischen Mitte Dezember und Anfang Januar die Flüsse an einigen Abschnitten.
  Paris: Am 1. Januar starke Schneefälle, Boden gefroren, Flüsse überfroren - also sehr kalt.
  Spätfröste schädigten am 3. April und am 10. Mai Reben und Blüten.
  Franken: Anfang Mai gab es einen Kälteeinbruch mit Schneefall, der den Reben zusetzte.
  "Im Jahre 1303, einem sehr schlechten Weinjahr im Elsass, kauften die Strassburger Predigerbrüder ihren Wein in Worms und brachten ihn zu Schiff den Rhein hinunter." [Kühl, S. 78 Anm. 2]

1304
  Ein äußerst warmer, frostfreier und sehr trockener Winter.
  Brandenburg: Anfang Februar Hagel.
  Frühling sehr warm, aber zu trocken. Es folgte ein Jahrhundertsommer mit extremer Trockenheit. Weil diese das ganze Jahr über anhielt und das Wasser fehlte, konnte nicht gemahlen werden. Donau und Rhein hatten sehr niedrige Wasserstände und auf dem Rhein konnten keine beladenen Schiffe mehr verkehren. Die Donau konnte beinahe trockenen Fußes gequert werden, der Rhein an vielen Stellen ebenso. Die Ernte konnte sehr früh eingebracht werden, bereits Ende Juni wurde neue Gerste verkauft und am 1. Juli wurden im Elsaß reife Trauben gesehen. Kein Mensch erinnerte sich an eine so frühe Ernte.
  Paris: Schlechte Ernte.

1305
  Frühjahr zu kühl, Sommer trocken und ebenfalls zu kühl, weshalb die Ernte mißriet.
  Man musste Stroh an die Schafe und andere Tiere verfüttern, Störche und viele andere Vögel gingen durch Hunger und Kälte zugrunde.

1306
  Köln, Limburg und Frankfurt/Main: Durch Eisgang Anfang Februar kam es zu schweren Überschwemmungen, die am 9. Februar zu Schäden an den Brücken in Frankfurt führten.
  Frühjahr zu kühl.
  Das ganze Jahr wird in Kants Schriften als sehr kalt beschrieben.

1310
  Sehr strenger Winter.
  Limburg: Am 2. Januar Schäden an den Reben.
  Kalter und nasser Sommer, in dem die Ernte erneut schlecht ausfiel und es zu Teuerungen kam. Nach andauernden Regenfällen traten im Juli Flüsse, wie die Neiße, über die Ufer. Die Menschen sprachen schon von einem "Sündfluss". Besonders die Trauben reiften in der stürmischen und regnerischen Witterung nicht, weshalb sie in manchen Regionen erst gar nicht gelesen wurden.

1311
  Kalter Winter.
  Paris: Im Januar bereits viel Schnee. Mitte Juni starke und häufige Regenfälle, Stürme und Überschwemmungen. Schlechte Ernte.
  Der Sommer wurde nicht richtig warm und war zu feucht.
  Passau und Landau an der Isar: Schlechte Ernte.
  Augsburg: Am 9. September Frostschäden an den Feld- und Gartenfrüchten.

1312
  Wie in den folgenden drei Jahren, sprechen die Quellen von ungünstiger Witterung und misslungenen Ernten, die Hungersnot zur Folge hatten, durch die viele Menschen starben.

1314
  Kalter Winter.

1315
  Von Mai an regnete es fast ununterbrochen bis in den Herbst. Nasser Sommer, große Hungersnot.
  Wertach und Lech: Langanhaltende Regenfälle im September führten zu Überschwemmungen.

Sahe man zwen Cometen, und war ein naßer Sommer, große hungersnot, so an etlichen orten die leüt gezwungen, das Sie allerleyß, hund, pferd, und dieb von Galgen gefreßen, und galt zumß hoff in Waitlandß ein Schöffel korns 32 fl. und weilen es sonsten den ganzen Sommer über geregnet, sint weit und breit, den Menschen, Viehe, und Getraid, durch die anlauffente Waßer, großer schaden geschehen, Zum gedachtnus dießer großen Sündflut, und hungersnot, sind dieße Verßlin gemacht worden: Ut lateat nullum tempus Famis, ecce CVCVLLVM Albani festa de narvant tristia gesta, Terxam portentis tetigit manus Omnipotentis, Imbribus in numeris, merguntur senina qua vis, Brutaque cum stabulis pereunt, atque oppida villis.
Chr. von Bad Windsheim, StA Bad Windsheim

1316
  Durch die starken Niederschläge kam es zu Überschwemmungen, beispielsweise an der Donau, die gleich dreimal im Mai und Juni über die Ufer trat. In Bayern und Österreich glaubte man eine zweite "Sündfluth" erlebt zu haben. Auch an der Elbe und in Thüringen kam es zu Hochwasserschäden, wie z. B. in Grimma, wo die Mühlen ganz zerstört wurden.

1317
  Ein einziger langer und kalter Winter mit viel Schnee.

Die Hungersnöte

  Die klimatischen Veränderungen waren eine weitere Plage, die das Abendland heimsuchte. Ein günstiges Klima hatte die Entwicklung Europas in seiner Blütezeit unterstützt; um so nachteiliger wirkten sich nunmehr die sich verschlechternden Bedingungen auf die Wirtschaft aus. Die mittlere Temperatur sank, und die Regenfälle wurden häufiger. Die Hungersnöte, die in unseren Tagen bestimmte afrikanische Landstriche heimsuchen, lassen sich auf ähnliche Klimawechsel zurückführen. Während dreier Jahre, von 1315 bis 1317, war Europa von Schottland bis nach Italien, von den Pyrenäen bis zu den russischen Ebenen fürchterlichen klimatischen Bedingungen unterworfen. Durch sie wurde die in Europa bis in die Renaissance, länger als hundertfünfzig Jahre, dauernde wirtschaftliche Depression ausgelöst. Da nicht alle Gegenden in Europa gleichermaßen betroffen waren, konnten die Anzeichen des Niedergangs den Menschen damals geraume Zeit verborgen bleiben. Doch im 14. Jahrhundert waren sie nicht mehr zu übersehen.
  In Europa hatte es sozusagen keine großen Hungersnöte mehr gegeben. Zwar sind solche für die Jahre 1125 und 1197 bezeugt, aber sie erfaßten nicht den ganzen Kontinent. Im Frankreich des 13. Jahrhunderts ist die einzige Hungersnot 1235 in Aquitanien zu verzeichnen. Immerhin, wenn eine Getreideernte eher kärglich ausfiel, so war die Zeit bis zur nächsten Erntezeit oftmals schwer zu überbrücken. Die Hungersnöte der Jahre 1315 bis 1317 erreichten jedoch Ausmaße, die ganz Europa schwer trafen. Im Sommer 1314 setzten sintflutartige Regenfälle die Felder der nordwestlichen Ebenen unter Wasser. Dadurch stiegen die Getreide- und andere Lebensmittelpreise plötzlich. Am 21. Januar 1315 sah sich der König durch die wachsende Inflation gezwungen, eine Überwachung der Vieh- und Geflügelpreise einzuführen. Doch die mit der Festsetzung von Höchstpreisen und ihrer Einhaltung beauftragten königlichen Beamten waren machtlos; die Hausse mißachtete die Anordnungen des Königs.
  Mitte April 1315 waren die Regenfälle in Frankreich und vom 11. Mai an in England noch heftiger als die des Vorjahres. Den ganzen Sommer, den ganzen Herbst des Jahres 1315 hindurch regnete es. Die Ernten wurden gänzlich vernichtet. Die französische Armee blieb infolge dieser Sintflut buchstäblich im Schlamm der Niederlande stecken und wurde dadurch am Einfall in Flandern gehindert. Wer nicht auf dem Schlachtfeld den Tod fand, starb im nächsten Jahr an Hunger oder ging an einer der durch die Unterernährung hervorgerufenen Krankheiten zugrunde. Zwischen dem 1. Mai und dem 1. September 1316 starben in Ypern 2600 Menschen, 10% der Bevölkerung. Normalerweise gab es 15 bis 16 Todesfälle in der Woche, damals jedoch bis zu 190. Nur Brügge, zu jener Zeit eine Hafenstadt, gelang es, die Sterbeziffer auf 5,5% der Bevölkerung zu senken, indem innert kürzester Zeit Korn importiert werden konnte.
  Der Abt von Saint-Martin in Tournai beschreibt in seiner Chronik über die Hungersnöte in Flandern das damals herrschende Elend: "Infolge des in Strömen fallenden Regens und da die Feldfrüchte unter denkbar schlechten Bedingungen geerntet werden mußten, an manchen Orten sogar vernichtet wurden, entstand ein Mangel an Getreide und Salz ... die Leute waren geschwächt, Gebrechen vermehrten sich ... jeden Tag starben so viele Leute ... daß die Luft richtiggehend verpestet wurde ... arme Bettler starben in großer Zahl auf den Straßen, auf den Misthaufen..."
  Es scheint uns angebracht, hier einige von Wirtschaftshistorikern errechnete Zahlen anzuführen, die sie aufgrund einer Untersuchung über den jährlichen Ertrag der Aussaaten der Jahre 1209 bis 1350 auf fünfzig Gütern des Bistums von Winchester ermittelten. Der Ertrag betrug im jährlichen Mittel das 3,83fache der Aussaat. Dieser Wert sinkt 1315 um 35,77% auf 2,47, 1316 um 44,91% auf 2,11.Trotz einer leichten Verbesserung bleibt der Wert 1317 noch immer unter dem Durchschnitt, nämlich um 13,05%. Erst 1318 verbessert sich der Ertrag wieder wesentlich. Er überschreitet den Durchschnittswert um 32,38% und erreicht 5,07. Der Hunger hatte ein Ende gefunden und Europa erholte sich langsam wieder.
  Bei extremen Witterungsschwankungen im Ablauf der Jahreszeiten pflegten die Vögte ihre Beobachtungen über das Klima in den Gutsbüchern festzuhalten. Die folgende Darstellung zeigt, daß in den Jahren der großen Hungersnöte nacheinander acht ausgesprochene Regenperioden auftraten:

Jahr Ertrags-
differenz
Vorher-
gehender
Sommer
Vorher-
gehender
Herbst
Winter Sommer
1315 - 35,77 Über-
schwemmung
lang,
sehr feucht
Über-
schwemmung
sehr
feucht
1316 - 44,91 sehr feucht lang,
sehr feucht
Über-
schwemmung
Über-
schwemmung

  Diese Feststellungen erklären die grauenvollen Dinge, die sich in einzelnen Ländern abspielten. "In Irland dauerte das Elend bis 1318 und war außerordentlich grausam. Die hungerleidenden Menschen gruben in den Friedhöfen die Leichen aus. Eltern assen ihre Kinder ... In den slawischen Ländern, wie in Polen oder in Schlesien, dauerten Hungersnöte und Epidemien bis ins Jahr 1319 an, und es gab einige Fälle von Menschenfresserei ... Eltern töteten ihre Kinder, Kinder ihre Eltern. Man machte sich voller Gier über die Leichen der Gehängten her." [Gimpel, S. 208-212] [5.11.04]

  "Am meisten litten Deutschland, Nordfrankreich und Flandern. Man schätzt, dass die Weizenerträge in Frankreich um 50 Prozent zurückgingen. Die Preise stiegen. In London war der Marktpreis des Weizens fast um 500 Prozent höher als in den Jahren vor der Hungersnot. In Holland stieg der Preis für Fisch auf ein ähnliches Niveau. Die Knappheit des Viehfutters wurde verschlimmert durch verheerende Krankheiten, die Rinder, Ochsen und Schafe befielen. Auf drei Gutshöfen des englischen Klosters Ramsey ging die Zahl der Rinder im Jahr 1319/20 von 54 auf 6, von 47 auf 2 und von 65 auf 9 zurück. Die Sterblichkeit der Menschen ist äußerst schwer zu schätzen, da sie von Ort zu Ort und von Jahr zu Jahr verschieden war. Manche schätzen sie in den ländlichen Regionen auf bis zu 15, ja sogar 20 Prozent, ebenso in den Städten; vielleicht wirkte sich die Hungersnot in den Städten noch etwas stärker aus. In Flandern verlor die Stadt Ypern, für die wir zuverlässige Zahlen besitzen, allein von Mai bis Oktober 1316 ein Zehntel ihrer Einwohner. In Brügge starben im gleichen Zeitraum durchschnittlich 92 Menschen pro Woche. In Tournai weisen glaubhafte Quellen darauf hin, dass die Sterblichkeitsrate im Jahr 1316 zweieinhalb Mal so hoch war wie die normale, so dass ein Zeitgenosse schrieb: »Jeden Tag kamen so viele um - Männer und Frauen, Reiche und Arme, Junge und Alte, aus jeder Gesellschaftsschicht -, dass die Luft stank.« In Löwen (Leuven), Brüssel, Hamburg, Erfurt, Pressburg (Bratislava) und vielen anderen Orten musste man neue Friedhöfe anlegen.
  Die Hungersnot machte keine Unterschiede. Allein im Jahr 1316 starben im Kloster Reinsburg (Friesland) drei Äbtissinnen. Im gleichen Jahr starben im heutigen Belgien sechs Oberhäupter von Klöstern, und bis 1319 waren weitere achtzehn gestorben. Wenn Hungersnot und die damit zusammenhängende Seuche die Oberhäupter von Klöstern befielen, wie mag es dann erst den einfachen Mönchen und Nonnen und den Bauern ergangen sein? Unter dem Druck wirtschaftlicher Notwendigkeiten verkaufte ein Kloster nach dem anderen Ländereien oder verschuldete sich. Quellen zu diesem Sachverhalt sind für Deutschland in reicher Fülle vorhanden; sie zeigen, dass große Klöster drastische Maßnahmen ergriffen, um zu überleben. »In der Kirche Nordeuropas herrschte fast überall Krisenstimmung« (William C. Jordan)." [Logan, S. 285] [12.5.07]

1318
  Köln: Schneefall am 30. Juni (!).
  Ende Dezember gab es einen Schneesturm.

1319
  Sturmflut im November.

1320
  Lübeck: Die Trave trat am 6. Dezember über die Ufer. Zwei Wochen lang wiederholte sich dieses Schauspiel.

1321
  Frühling zu trocken. Regenreiches Jahr mit schlechten Ernten.

1322
  Frühjahr zu kalt.
  Frankfurt: Am 23. Februar gab es Überschwemmungen, bei der das Wasser bis zum Bartholomäus-Dom reichte.

1323
  Strenger und schneereicher Winter.
  Ostsee: Die küstennahen Bereiche überfroren. Man konnte sechs Wochen lang von Lübeck bis Danzig und Königsberg über das Eis reisen.
  Spätfröste schädigten im Mai die Reben. Sommer heiß.
  Norddeutschland: Mitte August gab es ein Unwetter.
  Kalter Herbst.

1324
  Böhmen: Zu milder und trockener Winter.
  Im Frühling sehr hohe Temperaturen.

1325
  Heißer Sommer. Angenehm warmer Herbst. Sturm.

1326
  Konstanz: In einem sehr strengen Winter froren Teile des Bodensees und der Rhein zu.
  Trockener Sommer.

1327
  Herbst ohne Niederschläge.

1328
  Klosterneuburg: Auf der Donau hatte es mehrere Monate lang Eis gegeben.
  Vegetation ging früher auf als sonst.

1329
  Frühjahr mild, Sommer mild. Der September insgesamt recht stürmisch.

1 Alle Daten nach: Rüdiger Glaser , Klimageschichte Mitteleuropas, 1000 Jahre Wetter, Klima, Katastrophen, Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt 2001, erschienen im Primus Verlag .
Ich danke Herrn Prof. Glaser für die zusätzlichen Informationen. Im Internet ist jetzt endlich die Historische Klimadatenbank (HISKLID) online (sollte ursprünglich bereits 2001 erscheinen). Gut Ding will eben Weile haben.