Wissenschaft

wissen
Alchimie
Alfonsinische Tafeln
Apotheke
Artes liberales
Studenten
Universitas
Bologna
Montpellier
Oxford
Paris
Salerno
Toledo
Fibonacci-Folge

Al-Khazini
L. Fibonacci
J. de Sacrobosco
K. v. Megenberg

Chronik: 11., 12., 13., 14. Jh.

Artikel Naturwissenschaft und Glaube

Man findet manegen wîsen man,
der niht wîser rede kan.

Freidank, S. 104/105
Man findet manchen weisen Mann,
der nicht verständlich reden kann.
Freidank 80,6
[8.12.04]

Chronik

11. Jahrhundert
12. Jahrhundert
13. Jahrhundert
14. Jahrhundert Angaben: [Stein] (Seite) [18.11.07]

Universitas

  Schulen, die man als erste Universitäten bezeichnen kann, entstehen in Salerno (12. Jh., Verleihung von Statuten durch Friedrich II. 1231), Bologna (Ende 12. Jh.) und Paris (Anfang 13. Jh.) aus Zusammenschlüssen privater Gelehrten- wie Kloster- und Domschulen, denen kaiserliche und päpstliche Privilegien wie Satzungsautonomie, Lehrfreiheit und eigene Gerichtsbarkeit verliehen wurden [VoL 5, S. 373] auch durch die arabische Vermittlung der griechischen Klassiker nach Europa. In Salerno werden vorrangig medizinische, in Bologna rechtliche und in Paris theologisch-philosophische und soziale Fragen behandelt. [16.3.00]
  Weitere Universitäten bis 1348, die heute noch bestehen, waren: Oxford (Anfang 13. Jh.), Cambridge (1209 - von Oxford aus; älteste Stiftungsurkunde von 1225), Montpellier (Anfang 13. Jh.), Salamanca (1218-19), Padua (1222), Neapel (1224), Toulouse (1229), Orléans (um 1235), Siena (1240), Angers (um 1250), Valladolid (Ende 13. Jh.), Lissabon (1290), Lérida (1300), Avignon (1303), Rom (1303), Perugia (1308), Cahors (1332) und Pisa (1343) [Rüegg, S. 70/71]. [16.3.00 - ergänzt 29.5.01]
  Eine eigene Schule stellte die Übersetzerschule in Toledo dar.
  Die erste deutsche Universität, in Prag, wurde erst 1348 durch Karl IV. gegründet. [16.3.00]

Studenten
  "Studenten, die sich in der fremden Stadt verlassen und gelegentlich auch verfolgt fühlten, schlossen sich auf Grund gemeinsamer sprachlicher Herkunft und Kultur in Gruppen zusammen, um so besser die Bedürfnisse befriedigen zu können, die sich aus ihrem mehrjährigen Auslandsaufenthalt ergaben. Sie mieteten gemeinsam Häuser, feierten ihre nationalen Feste in der Kirche oder im Wirtshaus und organisierten den Botendienst zwischen der Universitätsstadt und ihrem Herkunftsgebiet, um mit ihren Eltern in Verbindung zu bleiben und Geld, Briefe und Pakete zu erhalten.
  Die studentischen Zusammenschlüsse wurden rasch zu öffentlich anerkannten Korporationen. Unter dem Begriff der nationes bildeten sie den wesentlichen Rahmen der ältesten Universitäten und damit die Grundlage der mittelalterlichen Universitätsstrukturen" [Rüegg, S. 256/57]. [29.5.01]

Universitäten

Bologna
  studiert das römische Recht und verhilft ihm, dem italienischen Kirchenrecht, dem Zivil- und Strafrecht der italienischen Städte und dem lombardischen Lehnsrecht zur Verbreitung in ganz Europa (Vorherrschaft bis um 1500). Neben der Rechtsschule entwickelte sich seit 1213 auch eine medizinische Fakultät [Stein, S. 521] und eine der freien Künste. Um 1215 schlossen sich die Studenten aller drei Schulen in zwei Gemeinschaften zusammen, eine für die Studenten diesseits und eine für die jenseits der Alpen. Diese Gemeinschaften hießen universitas. [KWW, S. 176]
  Man lehrt und studiert vor allem das römische Recht, d.h. diejenigen Gesetze, die auf den Kaiser Justinian (482/83-565) zurückgehen und im "Codex Justinianus" gesammelt sind. Um 1151 wird Irnerius der erste bedeutende Lehrer der Rechtsschule, die seit etwa 1100 existiert. 1155 erhalten die Scholaren (Studierenden) der Universität einen besonderen Schutz durch Friedrich I. Barbarossa: Ein Scholar darf nicht für die Schulden eines anderen verantwortlich gemacht oder vor ein fremdes Gericht gezogen werden. [E2J, S. 67] [16.3.00 - ergänzt 16.11.04]

Montpellier
  Geht auf einen Markt des 9. Jhs. zurück; seit dem 10. Jh. als Besitz der Bischöfe von Maguelonne belegt, kam 1204 unter die Lehnshoheit der Könige von Aragonien und erhielt von ihnen Stadtrechte. Die Hoheit ging 1276 an das Königreich Mallorca und 1349 an den französischen König über. Die 1289 gegründete Universität gehörte im Spätmittelalter zu den berühmtesten Europas. Kulturelles Zentrum des Languedoc. 1577 hugenottischer Sicherheitsplatz, 1622 rekatholisiert. Im 14. Jh. entstand die Abteikirche. [VoL 8, S. 18] [6.11.04]

Oxford
  Die Oxford University ist die älteste und neben Cambridge berühmteste Universität Englands, hervorgegangen aus verschiedenen, meist von Klöstern getragenen Schulen, deren Existenz schon für das frühe 12. Jahrhundert bezeugt ist. Die ältesten der 40 Colleges sind: University College (1249), Balliol (1263/68), Merton (1264), Oriel (1326), Queen's (1341), New College (1379 ) und Lincoln College (1427 ). [PC-Bib]
  Oxford beinhaltete zu Beginn des 13. Jahrhunderts ein Studium generale und war auf die Artes liberales, das römische und Zivilrecht, das kanonische Recht und die Theologie spezialisiert. In Oxford verbreiteten im späten 12. und frühen 13. Jahrhundert einige prominente Gelehrte die logischen, metaphysischen und naturwissenschaftlichen Werke von Aristoteles und seinen arabischen und jüdischen Kommentatoren. Tatsächlich war Oxford in der 1. Hälfte des 13. Jahrhunderts eine Universität, die an einigen der fortschrittlichsten Bereiche der europäischen Wissenschaft Anteil hatte. Die Semestereinteilung basierte auf dem Modell von Paris (...) A. B. Cobban, [LdM VI, Sp. 1602 - gekürzt] [5.2.04]

Paris
  Für Jahrhunderte die berühmteste Universität des Mittelalters. Nahezu alle noch heute bekannten Namen aus Theologie und Philosophie studierten hier und lehrten auch teilweise. Hier trafen sich die verschiedensten Geistesrichtungen, hier diskutierte der Dominikaner mit dem Franziskaner, der Averroist mit dem Weltkirchenmann, hier wurde der Universalienstreit am heftigsten ausgefochten; hier fanden die absonderlichsten Theorien ihre lautstarken Verkünder. Und nicht zuletzt war es das geistig aufregende Klima, die weltläufige Athmosphäre, die Meister Eckhart immer wieder hierherzog. [16.3.00]

  Jacques de Vitry (1160/70-1240) [vgl. Maria von Oignies], ehemaliger Theologiestudent und berühmter Prediger, unterschied zwölf nationes, die in Charakter, Sitten und vor allem ihren Lastern sehr verschieden seien:
  
  Die Engländer sind Trunkenbolde und Feiglinge, die Franzosen stolz, weich und weibisch, die Deutschen jähzornig und zu Obszönitäten aufgelegt, die Studenten aus der Normandie eitel und aufgeblasen, diejenigen aus der Gegend von Poitiers heimtückisch und habgierig, die Burgunder brutal und dumm, die Bretonen leichtsinnig und wankelhaft, die Lombarden habgierig, bösartig und feige, die Römer aufrührerisch und gewalttätig, die Sizilianer tyrannisch und grausam, die Brabanten Diebe, die Flamen Wüstlinge" [Rüegg, S. 257]. [29.5.01]

  In den Jahren 1252-66 (sog. Mendikantenstreit) Ort heftiger Auseinandersetzungen zwischen Lehrern an der Universität, städtischen Weltgeistlichen, Literaten (s. Rosenroman, Rutebeuf) und den Bettelmönchen, der mit einem Sieg der letzteren endete.
  "Die gleiche Politik umfassender Eingriffe [wie sein Vorgänger Innozenz IV.] der Universitäten verfolgte Papst Alexander IV., vor allem gegenüber der Universität Paris, deren Überlegenheit über andere studia generalia ihm wohl bewußt war. Ihre Rolle in der Kirche verglich er mit dem lignum vitae in Paradiso Dei, mit dem 'Baum des Lebens im Paradies Gottes', und ordnete im April 1255 die Revision einiger Statuten der Universität Paris an. Zu den Neuerungen gehörte das Streikrecht der Lehrer als Zeichen ihres Protests, verbindliche Prozeduren bei der Kooptation neuer Lehrer sowie klarere Machtbefugnisse des Kanzlers. Das starke Interesse, das die kirchlichen Behörden an Disziplin und Tätigkeiten der Pariser Universität zeigten, veranlaßte sie einige Jahre später, philosophische Lehren des Siger von Brabant, des Boethius von Dacien und anderer Vertreter des lateinischen Averroismus als ketzerisch zu verurteilen. Sie wurden 1277 [am 7. März] vom Bischof von Paris, Stephan Tempier, verboten." [Paolo Nardi, Die Hochschulträger, in: Rüegg, S. 95/6].
  Auf die Vorgänge von 1277 nimmt Eckhart Bezug in seiner Verteidigungsschrift von 1326. [10.3.02]
Lit.: Albert Zimmermann (Hg.), Die Auseinandersetzungen an der Pariser Universität im 13. Jahrhundert, Miscellanea Mediaevalia 10, de Gruyter Berlin u.a. 1976.
- Kurt Flasch, Aufklärung im Mittelalter? Die Verurteilung von 1277, Dieterich Mainz 1989.

Salerno
  Die berühmte medizinische Schule (Blütezeit 11.-13. Jh.; 1812 aufgehoben) übte auf alle anderen medizinischen Fakultäten in Europa einen bedeutenden Einfluß aus. [VoL 10, S. 91]
  1087 stirbt Constantinus Africanus, Mediziner aus Karthago. Er brachte erstmals das arabische Schrifttum des 10. Jahrhunderts nach Salerno, übersetzte es und begründete so die Hochblüte dieser medizinischen Schule im 12. Jahrhundert. (Pulslehre, Harnschau). Der Höhepunkt dieser Schule fällt in die Zeit von ca. 1100 bis etwa 1225. Etwa 20 Ärzte bildeten die "Civitas Hippocratica", darunter der Magister Urso (um 1163), der auch Philosoph (Neuplatoniker) und Theologe war. [Stein, S. 467] [16.3.00 - ergänzt 16.11.04]

Toledo
  Erst in maurischer, dann 1085 wieder in christlicher Hand, kann trotz des Machtwechsels die berühmte Übersetzerschule fortbestehen. Hier wird beinahe die gesamte griechisch-antike Philosophie und Wissenschaft aufbewahrt. Die platonische und aristotelische Philosophie beeinflußt die Vordenker des Islam. Der überragendste Aristoteles-Kenner und Übersetzer ist der islamische Philosoph Ibn Rushd (1126-98), genannt Averroës. Er lehrt in Saragossa und begründet die islamische Scholastik, die eine Verbindung von Religion und Philosophie anstrebt. Dieser neue Ansatz ist der Anstoß für die abendländische Scholastik des Thomas von Aquin. [E2J, S. 72] [16.3.00]

Begriffe

Alchimie
  [von arabisch al-kimiya' »Chemie«] die (Alchemie, Alchymie), entstand im 2./3. Jahrhundert im alexandrinischen Ägypten und war im Mittelalter bis zum Beginn der Neuzeit die wissenschaftliche Beschäftigung mit chemischen Stoffen. Sie gelangte aus dem arabischen Spanien über Frankreich und Italien nach Mitteleuropa. Die Erneuerung der Alchimie durch Paracelsus leitete im 17. Jahrhundert zur antialchimistischen, empirischen Chemie über; die Alchimie stand seither als »geheime Kunst« mit ihren Bemühungen, Gold zu machen, den »Stein der Weisen«, das Universallösungsmittel »Alkahest« und lebensverlängernde Elixiere zu finden, außerhalb der Naturwissenschaften. Die chemischen Kenntnisse des Altertums, großenteils durch die Araber überliefert, bildeten ihre Grundlage. Der Alchimie gelang eine Fülle von chemischen Entdeckungen (z.B. Alkohol, Porzellan, Phosphor), eine Erweiterung des Arzneischatzes und eine Verfeinerung der chemischen Arbeitstechnik, worauf die spätere Chemie aufbauen konnte. Bekannte Alchimisten des Mittelalters waren Albertus Magnus, Geber (2. Hälfte des 8. Jahrhunderts), Arnaldus von Villanova, Roger Bacon, Basilius Valentinus. [PC-Bib]
  Arnaldus Villanovanus (* um 1238, 6.9.1311), italienischer Alchimist und Mediziner am Hofe Friedrichs III. (II.) von Aragón, König von Sizilien; wendete die Alchimie auf die Heilkunde an (Heilkraft des "Steins der Weisen"), erkannte Giftigkeit des faulen Fleisches. [Stein, S. 579] [16.11.04]

Alfonsinische Tafeln
  Auf Anordnung Alfons X. von Kastilien und León unter Leitung der jüdischen Gelehrten Jehuda Ben Mose und Isaak Ben Sid in Toledo zusammengestelltes astronomisches Werk mit Tabellen zur Berechnung der Örter von Sonne, Mond und den 5 klassischen Planeten Merkur, Venus, Mars, Jupiter und Saturn. [VoL 1, S. 216] [16.3.00]
  Die hier niedergelegten Ergebnisse gingen aus einem 1240 vom König nach Toledo einberufenen astronomischen Kongreß von 50 arabischen, jüdischen und christlichen Gelehrten hervor, der die neueren Planetenbeobachtungen mit der ptolemäischen Kreis-auf-Kreis- (Epizyklen-) Theorie durch Einführung weiterer Kreise in Übereinstimmung bringt. [Stein, S. 535] [16.11.04]
  Alfons ließ nicht nur das astronomische Hauptwerk von Ptolemäus neu übersetzen, sondern veröffentlichte mit den "Alphonsinischen Tafeln" eines der wichtigsten astronomischen Tabellenwerke der Spätmittelalters und machte mit den "Libros del Saber de Astronomia" die Schätze arabischer Wissenschaft dem Abendland zugänglich. Der 4. Teil dieser Sammlung enthält 5 Bücher über astronomische Geräte und Uhren, die als vorbildlich in Europa gelten sollten. Literarisch wurde darin bei der Beschreibung einer Quecksilberuhr das Problem des gleichmäßigen Antriebs gelöst - allerdings haben spätere Rekonstruktionsversuche ergeben, daß es lediglich gut gemeint war und bis zur praktischen Umsetzung noch ein Weilchen dauern sollte. [Quelle: Internet ] [4.2.06]

Apotheke
  als behördlich überwachte und an amtliche Vorschriften gebundene Herstellungs- und Abgabestätten für Arzneimittel entstanden in Europa spätestens im 12. Jahrhundert im Rahmen des aufblühenden spätmittelalterlichen Städtewesens. [VoL 1, S. 431] Einen nicht unerheblichen Anteil an deren Verbreitung dürfte auch Friedrich II. gehabt haben, da er den Ärzten die bisherige Praxis verbot, Medikamente selbst zu verkaufen.
  Der Apotheker verfügte über ein Magazin für pflanzliche und tierische Drogen, Mineralien und Salze. Er stellte seine Arzneien zunächst auf der Grundlage praktischer Kenntnisse und Erfahrungen her und schuf hierbei neues Wissen im Bereich zwischen Chemie und Medizin. Er legte damit den Grund für das neue Fachgebiet Pharmazie. [VoL 1, S. 431] [16.3.00]

Artes liberales
  (s. Freie Künste). In der römischen Antike die Kenntnisse beziehungsweise Wissenschaften, über die der freie Bürger verfügen sollte. In der Spätantike bildete sich für die freien Künste ein fester Kanon von sieben Fächern heraus, drei sprachliche (Grammatik, Rhetorik, Dialektik) und vier mathematische (Arithmetik, Geometrie, Astronomie, Musik), später Trivium (»Dreiweg«) und Quadrivium (»Vierweg«) genannt. Die freien Künste wurden an den mittelalterlichen Universitäten in der Artistenfakultät gelehrt; sie bildeten die Propädeutik für die höheren Fakultäten (Theologie, Recht, Medizin). [PC-Bib]
  (Vgl. Studium bei den Predigerbrüdern) [16.11.04]

Fibonacci-Folge
  Die Folge der Zahlen 1, 1, 2, 3, 5, 8, 13,..., wobei jedes Glied gleich der Summe der beiden vorangehenden Glieder ist. Zahlreiche Phänomene in der Natur treten als Fibonacci-Folgen auf. Beispielsweise ergeben die Anzahlen der nach recht und nach links gebogenen Spiralen in einer Sonnenblume, in denen die Samen angeordnet sind, Fibonacci-Zahlen. [PC-Bib] [16.11.04]

Namen

Al-Khazini (Abu'l Fath 'Abd al-Rahman al-Khazini)
  * (Griechenland), ~ 1155 (Persien)
Persischer Astronom und Physiker. - Über sein Leben ist wenig bekannt. Ursprünglich kam er wohl als junger griechischer Sklave an den Hof des Schatzmeisters des Gerichts in Marw (Merv) in Persien, Ali b. Muhammed, wo er seine Ausbildung erhielt. 1118 erstellte er am Observatorium in Nishapur (Iran, gegründet 1074) einen Sternenkatalog (al-Zidj al mu'tabar al-sandjari al-sultani), der auf seinen eigenen Beobachtungen basierte. Aus dieser Tätigkeit ging auch ein Buch (Risala fi 'l-alat) über astronomische Instrumente hervor.
  Sein Hauptwerk, "Kitab Mizan al-Hikma" ("Das Buch der ausgewogenen Weisheit" oder "Weisheit im Gleichgewicht"; englisch "Balance of Wisdom"), stellt eine der fundamentalsten Untersuchungen zur Mechanik und Physik im Mittelalter dar. Darin arbeitete er über das hydrostatische Gleichgewicht und entwickelte eine Theorie, nach der das Gewicht eines Körpers eine Kraft darstellt, die aus eigenem Antrieb zum Mittelpunkt der Erde fällt, wobei diese Kraft wiederum von der Dichte des Körpers abhängt (Schwerkraft). Seine Tabellen über die spezifischen Gewichte verschiedener Körper (feste und flüssige), die er mit Hilfe einer weiterentwickelten Waage maß, die höchst präzis das Gewicht der Objekte noch im Mikrogrammbereich unterschieden haben soll, waren schon recht genau. Auch untersuchte er die Dichteänderungen aufgrund von Temperaturunterschieden.
  Weiterhin werden ihm zugeschrieben: eine Theorie über Hebelwirkungen, eine Erklärung, wieso die Ozeane eine gewölbte Oberfläche bedecken können und die Konstruktion einer 24-Stunden-Uhr für astronomische Zwecke.
  Da ich in keiner der bisher benutzten Quellen etwas über Al-Khazini gefunden habe, beruhen die Angaben auf einer Auswahl der "ungefähr 227" von Google gefundenen englischsprachigen Internetseiten. [11.11.04]

Leonardo Fibonacci (Leonardo Pisano)
  * Pisa um 1170, Pisa nach 1240
Italienischer Kaufmann und Mathematiker. - Lernt als Kaufmann auf seinen ausgedehnten Reisen, die ihn bis nach Ägypten und Syrien führen, auch die Mathematik der Griechen, Araber und Inder kennen. Dieses Wissen verarbeitet er in seinem Lehrbuch der Arithmetik "Liber Abaci" (mittellateinisch "Buch des Abakus" - in dem u.a. die Fibonacci-Folge erwähnt wird). Neben der in Europa üblichen Finger- und Abakus-Rechentechnik erläutert er die vier Grundrechenarten, die Bruchrechnung und das kaufmännische Rechnen, wie es bis in unsere Zeit gültig ist. Darüber hinaus befaßt er sich mit arabischer Algebra und beschäftigt sich auch mit der näherungsweisen Lösung von Gleichungen dritten Grades. [E2J, S. 76] [16.3.00]

Johannes de Sacrobosco (Johannes de Sacro Bosco, John of Holywood)
  1. Hälfte des 13. Jahrhunderts
Mathematiker. - Vermutlich englischer Herkunft, lebte und lehrte in Paris. Verfasser von vier Lehrschriften zum Quadrivium: (a) »Algorismus« (späterer Zusatz: »de integris« oder »vulgaris«), (b) »Tractatus de quadrante«, (c) »Tractatus de sphaera« und (d) »Compotus« (»Computus«), von denen (a), (c) und insbesondere (d) rasch zu Standardwerken des Universitätsunterrichts wurden und teilweise bis ins 17. Jahrhundert blieben; es sind zahlreiche Handschriften überliefert (die älteste um 1240). Während in (d) als ein Bezugsdatum 1235 (eventuell 1232) genannt ist, stammt der erste Kommentar zu (c) von Michael Scotus aus der Zeit zwischen 1231 und 1235. Alle anderen Daten beruhen auf nachträglichen Spekulationen (oder Zusätzen): weitere Schriften sind Johannes fälschlich zugewiesen worden.
  Der »Algorismus« enthält die Arithmetik mit ganzen Zahlen von den Grundrechenarten bis zum Wurzelziehen, der »Computus« die bürgerliche und kirchliche Kalender- und Zeitrechnung, der »(Tractatus) de sphaera« die Grundlagen der geozentrischen (sphärischen) Astronomie einschließlich der Erdmessung, fußend auf dem »Almagest« des Ptolemaios. Die kurzen Traktate sind für den Unterricht vielfach kommentiert worden, am häufigsten der Traktat »De sphaera«, dessen Kommentare auch gesondert sowie teilweise mehrfach gedruckt, meist jedoch den Druckausgaben des Textes (in Auswahl) beigefügt wurden. Sie enthielten die für den Unterricht wichtigen Neuerungen der astronomischen Wissenschaft seit dem 13. Jahrhundert - der 1581 erschienene Kommentar von Christopher Clavius auch das copernicanische Planetensystem - und übertrafen den Grundtext bald um ein Mehrfaches. Die »Sphaera« ist neben Hunderten von Hss. und Drucken des lateinischen Textes auch in mittelalterlichen volkssprachlichen Übersetzungen (deutsch, französisch, italienisch, spanisch) überliefert, z.B. mittelhochdeutsch von Konrad von Megenberg, frühneuhochdeutsch von Konrad Heinfogel. F. Krafft, [LdM V, Sp. 598 f.] [16.11.04]

Konrad von Megenberg
  * 1309 in Mäbenberg nahe Abenberg/Mfr., 14. April 1374
Er entstammte einer verarmten Ministerialenfamilie. Nach 1334 Magister artium an der Universität Paris und Lektor für Philosophie im Zisterzienser-Kolleg St. Bernhard. Im Auftrag seiner Studenten-Nation reiste er 1337 und 1341 an die Kurie in Avignon, die er später noch zweimal, im Auftrag der Stadt Regensburg (1357) und des Kaisers (1361), aufsuchte. Die erste, nicht erhaltene Fassung seines »Planctus ecclesiae in Germaniam« (1337) widmete Konrad Johannes de Piscibus an der Kurie in Avignon in der vergeblichen Hoffnung auf eine Pfründe. Die zweite Fassung (1746 gereimte leoninische Hexameter) übergab er 1338 dem päpstlichen Legaten Arnold von Verdala. Thema ist der Ausgleich von Sacerdotium und Imperium (Gleichnis von Sonne und Mond, die beide die Welt erhellen). Konrad versuchte bei Benedikt XII., Verständnis für Ludwig den Bayern zu wecken. 1342-48 leitete Konrad die Stephanschule in Wien, aus der später die Universität hervorging. Um 1347 kommentierte er die »Sphaera« des Johannes de Sacrobosco (Standardlehrbuch der Astronomie an der Artistenfakultät) in seinen »Expositiones« und »Quaestiones super speram« für den Schul- und Universitätsunterricht und gestaltete danach den Text auch als »Deutsche Sphära« für volkssprachige Leser (mit eigenen erklärenden Exkursen). Noch in Wien begann Konrad den »Liber de natura rerum« des Thomas Cantimpratensis nach der Fassung III (Thomas III), die fälschlich Albertus Magnus zugeschrieben wurde, auf deutsch zu bearbeiten.
  Das »Buch von den natürlichen Dingen« erlebte im Spätmittelalter und in der frühen Neuzeit einen überwältigenden Erfolg. 1358 erstellte ein Anonymus ohne Wissen Konrads seine Herzog Rudolf IV. von Österreich gewidmete Zweitfassung. Eine als Wunder empfundene Heilung durch Fürbitten des hl. Erhard veranlaßte Konrad, 1348 nach Regensburg überzusiedeln, wo er bis zu seinem Tode als canonicus, als scolasticus, 1359-63 auch als Dompfarrer von St. Ulrich wirkte.
  In Regensburg entfaltete Konrad eine außergewöhnliche rege literarische Tätigkeit. Noch während der Arbeit am »Buch der Natur« begann er eine moralphilosophische Trilogie nach dem Vorbild von »De regimine principum« des Aegidius Romanus, in der die Ethik des Individuums (»Monastik«, unveröffentlicht), die häusliche (»Yconomica«) und die staatliche Gesellschaft (»Politica«, wohl nicht ausgeführt) behandelt werden sollten. In der »Ökonomik«, B. III, kommentierte Konrad auch die 1277 von Bischof Tempier verurteilten 219 Thesen der Pariser Artistenfakultät. In seinem »Tractatus de translatione imperii« handelte er das Thema des »Planctus« streng wissenschaftlich und scholastisch ab: Konrad versteht das imperium als tocius orbis monarchia. Der Kaiser als princeps mundi et dominus soll defensor ecclesiae et rector laicorum sein. Doch die potestas regularis in temporalibus besitzt der Papst dank seiner Binde- und Lösegewalt super terram und seiner Lehrgewalt über die insipientes laici. Als vicedeus ist der Papst jedoch nicht berechtigt, das Kaisertum auszuschalten und ist de iure zur translatio imperii verpflichtet.
  Wohl schon in Paris begann Konrad, Wilhelm von Ockham zu bekämpfen. Der »Tractatus contra Wilhelmum Occam« (28. September 1354) wendet sich gegen die Unterwerfungsformel Clemens' VI., die die Anerkennung Karls IV. als rechtmäßigen Herrscher und den Verzicht auf die Meinung, der Kaiser könne den Papst ein- und absetzen, verlangt. Im »Tractatus contra mendicantes ad papam Urbanum V. « (»Lacrima ecclesiae«) rechnet er scharf mit Beichtstuhlpraxis, Armutsideal und »Ketzereien« der Bettelorden ab. Von beachtlicher Wirkung (Andreas von Regensburg, Hieronymus Streitl, »Chronicon episcoporum Ratisbonensium«) war sein »Tractatus de limitibus parochiarum civitatis Ratisponensis« (31. Mai 1373), der die kirchliche Ordnung in Regensburg behandelt. Konrads innige Marienfrömmigkeit bezeugt am stärksten sein theologisches Hauptwerk, der »Commentarius de laudibus B.V. Mariae« (unveröffentlicht), in dem er die unbefleckte Empfängnis und die Himmelfahrt Mariens verteidigt. G. Steer, [LdM V, Sp. 1361 f.] [10.11.04]

Artikel

Naturwissenschaften und Glaube:
Robert Grosseteste, Roger Bacon und Johannes Buridan

  Zum ersten gezielten Vermittler griechisch-arabischer Wissenschaft an das christlich-lateinische Mittelalter wurde der englische Scholastiker Adelard von Bath (* um 1090, nach 1160) durch lateinische Übersetzungen und durch die Kenntnisse der Muslime verarbeitende Schriften. Das hat dann eine rege Übersetzertätigkeit ausgelöst, die im Lauf des 12. Jahrhunderts sämtliche der arabischsprachigen Gelehrtenwelt bekannten griechischen und die wichtigsten arabischen Schriften auch in lateinischer Sprache zugänglich machte. In ungewöhnlich kurzer Zeit wurde so dem christlichen Abendland eine ungeheure Wissensfülle übermittelt, zu deren Anhäufung mehr als anderthalb Jahrtausende erforderlich gewesen waren.
  Einen zweiten Schritt bildete die in unterschiedlicher Form erfolgende Verknüpfung dieses Wissens mit christlichen Glaubensvorstellungen. Hatte sich für die Integration platonischer »Naturwissenschaft« im 12. Jahrhundert vor allem die Domschule von Chartres verdient gemacht, so unternahmen erste Versuche einer vorerst selektiven Integration aristotelischer Lehren in die platonisch-augustinische Grundhaltung ebenfalls seit dem 12. Jahrhundert Dominicus Gundissalinus (* um 1110, um 1190) und der in Paris tätige Wilhelm von Auvergne (* um 1180, 1249). Vor allem den beiden Dominikanern Albertus Magnus und Thomas von Aquino ist die weitgehende Umformung der aristotelischen Naturwissenschaft zu einem »christlichen Aristotelismus« zu verdanken.
  Schon 1210 war aber auf der Pariser Synode das öffentliche und private Lesen aller naturphilosophischen Schriften des Aristoteles und der Kommentare unter Androhung der Exkommunikation verboten worden. Dieses Verbot ist zwar 1255 aufgehoben worden, doch sind um diese Zeit die Schriften des Averroes, genannt der »Kommentator« (des Aristoteles), zugänglich geworden, die auf kirchlicher Seite auf Widerstand stießen: Der auch für den Unterricht verantwortliche Bischof Tempier von Paris verbot 1270 einzelne Sätze daraus und 1277 insgesamt 219 das Naturgeschehen determinierende oder Bibelaussagen direkt widersprechende Lehren von Aristoteles, Averroes und (1325 widerrufen) Thomas von Aquino. Dieses Verbot galt bald für ganz Europa nördlich der Alpen; Hochburg des Averroismus wurde daraufhin Padua.
  Der Widerspruch zwischen Wissen und Glauben, der anfänglich durch diese Verbote, aber unbefriedigend gelöst wurde, mündete schließlich im philosophischen Empirismus und Nominalismus des 14. Jahrhunderts, denen Wilhelm von Ockham zum Durchbruch verhalf, sodass die Verbote nicht mehr nötig waren. Sie hatten aber bewirkt, dass das in ihnen zum Ausdruck kommende Prinzip der Allmacht Gottes, dem eigentlich jeglicher Determinismus widerspricht, als spezifisch theologisches Element der Naturwissenschaft bis tief in die Neuzeit erhalten blieb.
  Der radikale Empirismus ging davon aus, dass die Grundvoraussetzungen der Naturphilosophie nur der Praxis entnommen werden und deshalb als bedingte oder hypothetische Feststellungen formuliert werden müssten, sodass auch die aus den bedingten Sätzen abgeleiteten und in ihnen beschriebenen Dinge nicht notwendig real sind, weil zwischen solchen Sätzen und der wirklichen Welt kein Zusammenhang besteht. Der in Paris wirkende Johannes Buridan (* um 1300, um 1358) hat diesen Standpunkt mit der nominalistischen Überzeugung verbunden, dass das nicht sinnlich Wahrnehmbare auch nicht wirklich ist, und mit der Vorstellung von Gottes Allmacht, woraufhin die rational abgeleiteten und beschriebenen Dinge nach Gottes freiem Willen durchaus in die Realität versetzt worden sein können. So muss er zugeben, »dass Gott fähig ist, andere Welten zu erschaffen« aber er habe es natürlich nicht getan und werde es nicht tun, sagten dann der Glaube und Aristoteles. Der von ihm beeinflusste Nikolaus von Oresme (* 1320, 1382) hat solche Gedankengänge unter dem gegenüber rationalen Schlüssen normativen Argument der Allmacht Gottes noch weiter ausgedehnt. Er führte fast sämtliche Argumentationen an, die später ein Nikolaus Kopernikus und die Kopernikaner für ein heliozentrisches Weltbild vorbringen sollten - um dann aber durch die für uns völlig überraschende, auf strikten Aristotelismus reduzierte Schlussfolgerung wieder auf das aristotelische (geozentrische) Weltbild zurückzukommen.
  Weniger Schwierigkeiten, Vernunft und Glauben zu vereinen, hatten die mehr augustinisch-neuplatonisch ausgerichteten Naturforscher, die im Sinne des Aristoteles auch zwischen erklärender »Physik« und beschreibender Mathematik unterscheiden konnten. Das Licht galt ihnen als Analogon der göttlichen Gnade und der Erleuchtung des menschlichen Geistes durch die göttliche Wahrheit. Die ersten bedeutenden Vertreter einer auf einer solchen Lichtmetaphysik beruhenden Naturwissenschaft und Optik waren Robert Grosseteste (* um 1175, 1253) und sein Schüler in Oxford, der Franziskaner Roger Bacon.
  Ersterer entwickelte eine erste systematische Theorie der Erfahrungswissenschaft, die Bacon weiter verfeinerte. Drei wesentliche Aspekte kommen hierin zum Tragen, der zu Vermutungen über einen Kausalzusammenhang führende »induktive«, der bestätigende (das heißt häufig nur: empirisch beobachtende) »experimentelle« sowie - unter Einbringung des platonischen Elements - der mathematische. Allerdings könne die »Physik« nie die Sicherheit der beweisenden Mathematik erreichen, die für die Theorie gleich wichtig sei wie die allein die Gründe erfassende »Physik«. Da die Basis aber weiterhin die aristotelisch-neuplatonische Naturphilosophie war, blieben trotz aller Modernität natürlich auch die »experimentellen Ergebnisse« in deren Rahmen.
  Die das Verhalten des sichtbaren Lichtes beschreibende mathematische Optik konnte daraufhin zu einer modern anmutenden Disziplin ausgeformt werden. Roger Bacon, der deutsche Dominikaner Dietrich von Freiberg (* um 1240, 1318/20) und andere Autoren übernahmen Grossetestes Theorie der Multiplikation der Species und trugen Wesentliches zur mathematischen Optik und Physiologie des Sehorgans Auge bei. Prof. Dr. Fritz Krafft, [PC-Bib]
Lit.: Kurt Flasch, Einführung in die Philosophie des Mittelalters, Darmstadt 3.1994
- Kurt Flasch, Das philosophische Denken im Mittelalter. Von Augustin zu Machiavelli, Reclam Stuttgart 2001 [16.11.04]