Erfurter Reden 1

reden
Inhalt
Reden der Unterweisung
Anmerkungen
Lesezeichen
Cherub, Seraph
s. 2010
Edition
Beschreibung
Datierung


Papierhandschrift, 15. Jahrhundert ?,
Berlin, Preußischer Kulturbesitz,
Handschriftenabteilung der Staatsbibliothek
Ms. germ. oct. 697, f. 1v/2r.
Quelle: homo doctus - homo sanctus [Stadtmuseum, S. 19]

Inhaltsverzeichnis

1Vom wahren Gehorsam
2Vom allerkräftigsten Gebet und vom allerhöchsten Werk
3Von ungelassenen Leuten, die voll Eigenwillens sind
4Vom Nutzen des Lassens, das man innerlich und äußerlich vollziehen soll
5Beachte, was das Wesen und den Grund gut macht
6Von der Abgeschiedenheit und vom Besitzen Gottes
7Wie der Mensch seine Werke am vernünftigsten wirken soll
8Vom steten Fleiß im höchsten Zunehmen
9Wie die Neigung zur Sünde dem Menschen allzeit frommt
10Wie der Wille alles vermag, und wie alle Tugenden im Willen liegen, wenn anders er recht ist
11Was der Mensch tun soll, wenn er Gott vermisst und Gott sich verborgen hat
12Dies handelt von den Sünden: Wie man sich verhalten soll, wenn man sich in Sünden findet
13Von zweierlei Reue
14Von der wahren Zuversicht und von der Hoffnung
15Von zweierlei Gewissheit des ewigen Lebens
16Von der wahren Buße und vom seligen Leben
17Wie sich der Mensch in Frieden halte, wenn er sich nicht in äußerer Mühsal findet, wie Christus und viele Heilige sie gehabt haben; wie er Gott nachfolgen solle
18In welcher der Mensch, wie sich's ihm fügt, hinnehmen mag feine Speise, vornehme Kleider und fröhliche Gesellen, wie sie ihm der Naturgewohnheit gemäß anhangen
19Warum Gott oft gestattet, daß gute Menschen, die wahrhaft gut sind, oft von ihren guten Werken gehindert werden
20Von unseres Herrn Leib, daß man den oft empfangen soll und in welcher Weise und Andacht
21Vom Eifer
22Wie man Gott nachfolgen soll und von guter Weise
23Von den inneren und äußeren Werken

s. Lesezeichen

rede der underscheidunge

Reden der Unterweisung

  Daz sint die rede, die der vicarius von türingen, der prior von erfurt, bruoder eckhart predigerordens mit solchen kindern hâte, diu in dirre rede vrâgeten vil dinges, dô sie sâzen in collationibus mit einander.

  Das sind die Reden, die der Vikar von Thüringen, der Prior von Erfurt, Bruder Eckhart, Predigerordens, mit solchen (geistlichen) Kindern geführt hat, die ihn zu diesen Reden nach vielem fragten, als sie zu abendlichen Lehrgesprächen beieinander saßen. [1]

- 1 Gehorsam stört nicht, behindert nicht und bewirkt immer das Allerbeste

1.
Von wârer gehôrsame daz êrste

Vom wahren Gehorsam

  Wâriu und volkomeniu gehôrsame ist ein tugent vor allen tugenden, und kein werk sô grôz enmac geschehen noch getân werden âne die tugent; und swie kleine ein werk und swie snúde ez sî, sô ist ez nützer getân in wârer gehôrsame, ez sî messe lesen, húren, beten, contemplieren oder swaz dû maht gedenken. Nim aber swie snúde ein werk dû wellest, ez sî swaz daz sî, ez machet dir wâriu gehôrsame edeler und bezzer. Gehôrsame würket alwege daz aller beste in allen dingen. Joch diu gehôrsame engeirret niemer niht und enversûmet ouch nihtes, swaz ieman tuot, in deheinen dingen, daz ûz der wâren gehôrsame gât, wan si enversûmet kein guot. Gehôrsame bedarf niemer niht gesorgen, ir engebrichet ouch keines guotes.

  Wahrer und vollkommener Gehorsam ist eine Tugend vor allen Tugenden, und kein noch so großes Werk kann geschehen oder getan werden ohne diese Tugend; wie klein andererseits ein Werk sei und wie gering, es ist nützer getan in wahrem Gehorsam, sei's Messelesen oder -hören, Beten, Kontemplieren oder was du dir denken magst. Nimm wiederum ein Tun, so geringwertig du nur willst, es sei, was es auch sei: wahrer Gehorsam macht es dir edler und besser. Gehorsam bewirkt allwegs das Allerbeste in allen Dingen. Fürwahr, der Gehorsam stört nie und behindert nicht, was einer auch tut, bei nichts, was aus wahrem Gehorsam kommt; denn der versäumt nichts Gutes. Gehorsam braucht sich nimmer zu sorgen, es gebricht ihm an keinem Gute.

- 2 Wenn der Mensch aus seinem Ich herausgeht, muß Gott hineingehen, sonst wäre er nicht Gott

  Swâ der mensche in gehôrsame des sînen ûzgât und sich des sînen erwiget, dâ an dem selben muoz got von nôt wider îngân; wan sô einez im selber niht enwil, dem muoz got wellen glîcher wîs als im selber. Swenne ich mînes willen bin ûzgegangen in die hant mînes prêlâten und mir selber niht enwil, dar umbe muoz mir got wellen, und versûmet er mich an dem teile, sô versûmet er sich selber. Alsô in allen dingen, dâ ich mir niht enwil, dâ wil mir got. Nû merke! Waz wil er mir, dâ ich mir niht enwil? Dâ ich mich ane lâze, dâ muoz er mir von nôt wellen allez, daz er im selben wil, noch minner noch mêr, und mit der selben wîse, dâ er im mit wil. Und entæte got des niht, in der wârheit, diu got ist, sô enwære got niht gereht noch enwære got, daz sîn natiurlich wesen ist.

  Wo der Mensch in Gehorsam aus seinem Ich herausgeht und sich des Seinen entschlägt, ebenda muß Gott notgedrungen hinwiederum eingehen; denn wenn einer für sich selbst nichts will, für den muß Gott in gleicher Weise wollen wie für sich selbst. Wenn ich mich meines Willens entäußert habe in die Hand meines Oberen 1 [s. Dist. I (16a für den Ordensmeister, 16b für den Prior)] und für mich selbst nichts will, so muß Gott darum für mich wollen, und versäumt er etwas für mich darin, so versäumt er es zugleich für sich selbst. So steht's in allen Dingen: Wo ich nichts für mich will, da will Gott für mich. Nun gib acht! Was will er denn für mich, wenn ich nichts für mich will? Darin, wo ich von meinem Ich lasse, da muß er für mich notwendig alles das wollen, was er für sich selbst will, nicht weniger noch mehr, und in derselben Weise, mit der er für sich will. Und täte Gott das nicht, - bei der Wahrheit, die Gott ist, so wäre Gott nicht gerecht, noch wäre er Gott, was (doch) sein natürliches Sein ist.

- 3 "Herr, gib mir nichts, als was du willst, und tue, Herr, was und wie du willst in jeder Weise!"

  In wârer gehôrsame ensol niht vunden werden 'ich wil alsô oder alsô' oder 'diz oder daz', sunder ein lûter ûzgân des dînen. Und dar umbe in dem aller besten gebete, daz der mensche mac gebeten, ensol niht sîn weder 'gip mir die tugent oder die wîse', oder 'jâ, herre, gip mir dich selber oder êwigez leben', dan 'herre, engip niht, wan daz dû wilt, und tuo, herre, swaz und swie dû wilt in aller wîse'. Daz übertriffet daz êrste als der himel die erden. Und swenne man daz gebet alsô volbringet, sô hât man wol gebetet: als man zemâle ûzgegangen ist in got wârer gehôrsame. Und als wâriu gehôrsame niht ensol haben 'ich wil alsô', alsô ensol niemer von ir gehúret werden 'ich enwil niht'; wan 'ich enwil niht' ist ein wâriu vergift aller gehôrsame. Als dâ sprichet sant Augustînus: »der getriuwe diener gotes den engelüstet niht, daz man im sage oder gebe, daz er gerne húrte oder sæhe; wan sîn êrster, húhster vlîz ist ze húrenne, waz gote allermeist gevellet«.

  In wahrem Gehorsam darf kein "Ich will so oder so" oder "dies oder das" gefunden werden, sondern nur vollkommenes Aufgeben des Deinen. Und darum soll es im allerbesten Gebet, das der Mensch beten kann, weder "Gib mir diese Tugend oder diese Weise" noch "Ja, Herr, gib mir dich selbst oder ewiges Leben" heißen, sondern nur "Herr, gib mir nichts, als was du willst, und tue, Herr, was und wie du willst in jeder Weise!" Dies übertrifft das erste (Gebet) wie der Himmel die Erde; und wenn man das Gebet so verrichtet, so hat man wohl gebetet: wenn man in wahrem Gehorsam kein "Ich will so" kennen soll, so soll auch niemals von ihm vernommen werden "Ich will nicht"; denn "Ich will nicht" ist wahres Gift für jeden Gehorsam. Wie denn Sankt Augustin sagt: "Den getreuen Diener Gottes gelüstet nicht, daß man ihm sage oder gebe, was er gern hörte oder sähe; denn sein erstes, höchstes Bestreben ist zu hören, was Gott am allermeisten gefällt."

- 4 Das ledige Gemüt vermag alle Dinge

2.
Von dem aller kreftigesten gebete und von dem aller húhsten werke

Vom allerkräftigsten Gebet und vom allerhöchsten Werk

  Daz kreftigeste gebet und vil nâch daz almehtigeste, alliu dinc ze erwerbenne, und daz aller wirdigeste werk vor allen dingen, daz ist, daz dâ gât ûz einem ledigen gemüete. Ie lediger daz ist, ie daz gebet und daz werk kreftiger, wirdiger, nützer und lobelîcher und volkomener ist. Daz ledige gemüete vermac alliu dinc.
  Waz ist ein ledic gemüete?
  Daz ist ein ledic gemüete, daz mit nihte beworren enist noch ze nihte gebunden enist noch daz sîn bestez ze keiner wîse gebunden enhât noch des sînen niht enmeinet in deheinen dingen, dan alzemâle in dem liebesten willen gotes versunken ist und des sînen ûzgegangen ist. Niemer enmac der mensche dehein sô snúde werk gewürken, ez enneme hier inne sîne kraft und sîn vermügen.
  Alsô krefticlîche sol man beten, daz man wölte, daz alliu diu gelider des menschen und krefte, beidiu ougen, ôren, munt, herze und alle sinne dar zuo gekêret wæren; und niht ensol man ûfhúren, man envinde denne, daz man sich welle einen mit dem, den man gegenwertic hât und bitet, daz ist got.

  Das kräftigste Gebet und nahezu das allmächtigste, alle Dinge zu erlangen, und das allerwürdigste Werk vor allen ist jenes, das hervorgeht aus einem ledigen Gemüt. Je lediger dies ist, um so kräftiger, würdiger, nützlicher, löblicher und vollkommener ist das Gebet und das Werk. Das ledige Gemüt vermag alle Dinge.
  Was ist ein lediges Gemüt?
  Das ist ein lediges Gemüt, das durch nichts beirrt und an nichts gebunden ist, das sein Bestes an keine Weise gebunden hat und in nichts auf das Seine sieht, vielmehr völlig in den liebsten Willen Gottes versunken ist und sich des Seinigen entäußert hat. Nimmer kann der Mensch ein noch so geringes Werk verrichten, das nicht hierin seine Kraft und sein Vermögen empfinge.
  So kraftvoll soll man beten, daß man wünschte, alle Glieder und Kräfte des Menschen, Augen wie Ohren, Mund, Herz und alle Sinne sollten darauf gerichtet sein; und nicht soll man aufhören, ehe man empfinde, daß man sich mit dem zu vereinen im Begriffe stehe, den man gegenwärtig hat und zu dem man betet, das ist: Gott.

- 5 Nicht die Dinge sind es, die dich hindern, sondern du verhälst dich verkehrt zu den Dingen

3.
Von ungelâzenen liuten, die vol eigens willen sint

Von ungelassenen Leuten, die voll Eigenwillens sind

  Die menschen sprechent: 'eyâ, herre, ich wölte gerne, daz mir alsô wol mit gote wære und alsô vil andâht hæte und vride mit gote, als ander liute hânt, und wölte, daz mir alsô wære oder ich alsô arm sî', oder: 'mir enwirt 'niemer reht, ich ensî denne dâ oder dâ und tuo sus oder sô, ich muoz in ellende sîn oder in einer klûsen oder in einem klôster'.
  In der wârheit, diz bist dû allez selber und anders niht zemâle. Ez ist eigener wille, aleine enweist dû es niht oder endünket dich es niht: niemer enstât ein unvride in dir ûf, ez enkome von eigenem willen, man merke ez oder man enmerke ez niht. Swaz wir daz meinen, daz der mensche disiu dinc sol vliehen und jeniu sol suochen - daz sint die stete und die liute und die wîse oder diu menige oder diu werk -, daz enist niht schult, daz dich 'diu wîse oder diu dinc hindernt: dû bist ez in den dingen selber, daz dich hindert, wan dû heltest dich unordenlîche in den dingen.

  Die Leute sagen: "Ach, ja, Herr, ich möchte so gern, daß ich auch so gut zu Gott stünde und daß ich ebensoviel Andacht hätte und Frieden mit Gott, wie andere Leute haben, und ich möchte, mir ginge es ebenso oder ich wäre ebenso arm", oder: "Mit mir wird's niemals recht, wenn ich nicht da oder dort bin und so oder so tue, ich muß in der Fremde leben oder in einer Klause oder in einem Kloster".
  Wahrlich, darin steckt überall dein Ich und sonst ganz und gar nichts. Es ist der Eigenwille, wenn zwar du's auch nicht weißt oder es dich auch nicht so dünkt: niemals steht ein Unfriede in dir auf, der nicht aus dem Eigenwillen kommt, ob man's nun merke oder nicht. Was wir da meinen, der Mensch solle dieses fliehen und jenes suchen, etwa diese Stätten und diese Leute und diese Weisen oder diese Menge oder diese Betätigung - nicht das ist schuld, daß dich die Weise oder die Dinge hindern: du bist es (vielmehr) selbst in den Dingen, was dich hindert, denn du verhälst dich verkehrt zu den Dingen.

- 6 Der Mensch soll zuerst sich selbst lassen, dann hat er alles gelassen

  Dar umbe hebe an dir selber an ze dem êrsten und lâz dich. in der wârheit, dû envliehest dich denne ze dem êrsten, anders, swâ dû hine vliehest, dâ vindest dû hindernisse und unvride, ez sî, swâ daz sî. Die liute, die vride suochent in ûzwendigen dingen, ez sî an steten oder an wîsen oder an liuten oder an werken oder daz ellende oder diu armuot oder smâcheit, swie grôz diu sî oder swaz daz sî, daz ist dennoch allez nihtes noch engibet keinen vride. Sie suochent alles unrehte, die alsô suochent: ie verrer sie ûzgânt, ie minner sie vindent, daz sie suochent. Sie gânt als einer, der eines weges vermisset: ie verrer er gât, ie mêr er irret. Mêr: waz sol er tuon? Er sol sich selber lâzen ze dem êrsten, sô hât er alliu dinc gelâzen. in der wârheit, lieze ein mensche ein künicrîche oder alle die werlt und behielte sich selber, sô enhæte er nihtes gelâzen. Jâ, und læzet der mensche sich selber, swaz er denne beheltet, ez sî rîchtuom oder êre oder swaz daz sî, sô hât er alliu dinc gelâzen.

  Darum fang zuerst bei dir selbst an und laß dich! Wahrhaftig, fliehst du nicht zuerst dich selbst, wohin du sonst fliehen magst, da wirst du Hindernis und Unfrieden finden, wo immer es auch sei. Die Leute, die da Frieden suchen in äußeren Dingen, sei's an Stätten oder in Weisen, bei Leuten oder in Werken, in der Fremde oder in Armut oder in Erniedrigung - wie eindrucksvoll oder was es auch sei, das ist dennoch alles nichts und gibt keinen Frieden. Sie suchen völlig verkehrt, die so suchen. Je weiter weg sie in die Ferne schweifen, um so weniger finden sie, was sie suchen. Sie gehen wie einer, der den Weg verfehlt: je weiter der geht, um so mehr geht er in die Irre. Aber, was soll er denn tun? Er soll zuerst sich selbst lassen, dann hat er alles gelassen. Fürwahr, ließe ein Mensch ein Königreich oder die ganze Welt, behielte aber sich selbst, so hätte er nichts gelassen. läßt der Mensch aber von sich selbst ab, was er auch dann behält, sei's Reichtum oder Ehre oder was immer, so hat er alles gelassen.

- 7 Wer seinen Willen und sich selbst läßt, der hat alle Dinge wirklich gelassen

  Ez sprichet ein heilige ûf daz wort, daz sant Pêter sprach: 'sich, herre,' wir hân alliu dinc gelâzen' - und er enhâte doch niht mêr gelâzen dan ein blôz netze und sîn schiffelîn - der heilige sprichet: swer daz kleine williclîche læzet, der enlæzet ez niht aleine, mêr: er læzet allez, daz werltlîche liute mügen gewinnen, jâ, ouch, daz sie mügen begern; wan, der sînen willen und sich selber læzet, der hât alliu dinc gelâzen als wærlîche, als sie sîn vrî eigen wæren und sie besezzen hæte in ganzem gewalte. Wan, daz dû niht enwilt begern, daz hâst dû allez übergeben und gelâzen durch got. Dar umbe sprach unser herre: 'sælic sint die armen des geistes', daz ist des willen. Und hier ane ensol nieman zwîvelen: wære dehein bezzer wîse, unser herre hæte sie gesprochen, als er ouch sprach: 'swer mir welle nâchvolgen, der verzîhe sich sîn selbes ze dem êrsten'; dâ liget ez allez ane. Nim dîn selbes war, und swâ dû dich vindest, dâ lâz dich; daz ist daz aller beste.

  Zu dem Worte, das Sankt Peter sprach: "Sieh, Herr, wir haben alle Dinge gelassen" (Matth. 19,27) - und er hatte doch nichts weiter gelassen als ein bloßes Netz und sein Schifflein -, dazu sagt ein Heiliger: Wer das Kleine willig läßt, der läßt nicht nur dies, sondern er läßt alles, was weltliche Leute gewinnen, ja selbst, was sie nur begehren können. Denn wer seinen Willen und sich selbst läßt, der hat alle Dinge so wirklich gelassen, als wenn sie sein freies Eigentum gewesen wären und er sie besessen hätte mit voller Verfügungsgewalt. Denn was du nicht begehren willst, das hast du alles hingegeben und gelassen um Gottes willen. Darum sprach unser Herr: "Selig sind die Armen im Geist" (Matth. 5,3), das heißt: an Willen. Und hieran soll niemand zweifeln: Gäb's irgendeine bessere Weise, unser Herr hätte sie genannt, wie er ja auch sagte: "Wer mir nachfolgen will, der verleugne zuerst sich selbst" (Matth. 16,24); daran ist alles gelegen. Richte dein Augenmerk auf dich selbst, und wo du dich findest, da laß von dir ab; das ist das Allerbeste.

- 8 Wichtig ist nicht, was du tust, sondern was du bist

4.
Von dem nützen lâzenne, daz man tuon sol von innen und von ûzen

Vom Nutzen des Lassens, das man innerlich und äußerlich vollziehen soll

  Dû solt wizzen, daz sich nie dehein mensche sô vil geliez in disem lebene, er envünde sich dennoch mêr ze lâzenne. Der liute ist wênic, die des rehte war nement und dar ane bestânt. Ez ist rehte ein glîch widergelt und glîcher kouf: als vil dû ûzgâst aller dinge, als vil, noch minner noch mêr, gât got în mit allem dem sînen, als dû zemâle ûzgâst in allen dingen des dînen. Dâ hebe ane, und daz lâz dich kosten allez, daz dû geleisten maht. Dâ vindest dû wâren vride und niendert anderswâ.
  Die liute endörften niemer vil gedenken, waz sie tæten; sie solten aber gedenken, waz sie wæren. Wæren nû die liute guot und ir wîse, sô möhten iriu werk sêre liuhten. Bist dû gereht, sô sint ouch dîniu werk gereht. Niht engedenke man heilicheit ze setzenne ûf ein tuon; man sol heilicheit setzen ûf ein sîn, wan diu werk enheiligent uns niht, sunder wir suln diu werk heiligen. Swie heilic diu werk iemer sîn, sô enheiligent sie uns zemâle niht, als verre sie werk sint, mêr: als verre als wir heilic sîn und wesen hân, als verre heiligen wir alliu unsriu werk, ez sî ezzen, slâfen, wachen oder swaz daz sî. Die niht von grôzem wesene sint, swaz werke die würkent, dâ enwirt niht ûz. Hie merke, daz man allen vlîz sol dar ûf legen, daz man guot sî, niht als vil, waz man getuo oder welherleie geslehte diu werk sîn, sunder, wie der grunt der werke sî.

  Du musst wissen, daß sich noch nie ein Mensch in diesem Leben so weitgehend gelassen hat, daß er nicht gefunden hätte, er müsse sich noch mehr lassen. Der Menschen gibt es wenige, die das recht beachten und darin beständig sind. Es ist ein gleichwertiger Austausch und ein gerechter Handel: So weit du ausgehst aus allen Dingen, so weit, nicht weniger und nicht mehr, geht Gott ein mit all dem Seinen, dafern du in allen Dingen dich des Deinen völlig entäußerst [s. Rv. in Kap. 23]. Damit heb' an, und laß dich dies alles kosten, was du aufzubringen vermagst. Da findest du wahren Frieden und nirgends sonst.
  Die Leute brauchten nicht soviel nachzudenken, was sie tun sollten; sie sollten vielmehr bedenken, was sie wären. Wären nun aber die Leute gut und ihre Weise, so könnten ihre Werke hell leuchten. Bist du gerecht, so sind auch deine Werke gerecht. Nicht gedenke man Heiligkeit zu gründen auf ein Tun; man soll Heiligkeit vielmehr gründen auf ein Sein, denn die Werke heiligen nicht uns, sondern wir sollen die Werke heiligen. Wie heilig die Werke immer sein mögen, so heiligen sie uns ganz und gar nicht, soweit sie Werke sind, sondern: soweit wir heilig sind und Sein besitzen, soweit heiligen wir alle unsere Werke, es sei Essen, Schlafen, Wachen oder was immer es sei. Die nicht großen Seins sind, welche Werke die auch wirken, da wird nichts daraus 2. Erkenne hieraus, daß man allen Fleiß darauf verwenden soll, gut zu sein, - nicht aber so sehr darauf, was man tue oder welcher Art die Werke seien, sondern wie der Grund der Werke sei.

- 9 Je mehr du Gott anhaftest, desto mehr haftet Gott dir an

5.
Merke, waz daz wesen und den grunt guot mache

Beachte, was das Wesen und den Grund gut macht

  Der grunt, dar ane daz liget, daz des menschen wesen und grunt guot sî grúzlîchen, dâ des menschen werk ir güete abe nement, daz ist, daz des menschen gemüete genzlîche ze gote sî. Dar ûf setze al dîn studieren, daz dir got grôz werde und daz aller dîn ernst und vlîz ze im sî in allen dînen werken und in allem dînem lâzenne. in der wârheit, ie dû des mêr hâst, ie alliu dîniu werk, welherleie diu sint, bezzer sint. Hafte gote ane, sô henket er dir alle güete ane. Suoche got, sô vindest dû got und allez guot. Jâ, in der wârheit, dû möhtest in solcher meinunge ûf einen stein treten, ez wære mêr ein götlich werk, dan ob dû des dînen mêr meintest in dem, daz dû næmest den lîchamen unsers herren und dîn meinunge minner abegescheiden wære. Der gote anehaftet, dem haftet got ane und alliu tugent. Und daz dû vor suochtest, daz suochet nû dich; daz dû vor jagetest, daz jaget nû dich, und daz dû vor mohtest gevliehen, daz vliuhet nû dich. Dar umbe, der gote anehaftet grúzlîche, dem haftet ane allez, daz götlich ist, und vliuhet allez, daz gote unglîch und vremde ist.

  Der Grund, an dem es liegt, daß des Menschen Wesen und Seinsgrund, von dem des Menschen Werke ihre Gutheit beziehen, völlig gut sei, ist dies: Daß des Menschen Gemüt gänzlich zu Gott (gekehrt) sei. Darauf setze all dein Bemühen, daß dir Gott groß werde und daß all dein Streben und Fleiß ihm zugewandt sei in allem deinen Tun und Lassen. Wahrlich, je mehr du davon hast, desto besser sind alle deine Werke, welcher Art sie auch sein mögen. Hafte Gott an, so hängt er dir alles Gutsein an. Suche Gott, so findest du Gott und alles Gute (dazu). Ja, fürwahr, du könntest in solcher Gesinnung auf einen Stein treten, und es wäre in höherem Grade ein gottgefälliges Werk, als wenn du den Leib unseres Herrn empfingest und es dabei mehr auf das Deinige abgesehen hättest und deine Absicht weniger selbstlos wäre. Wer Gott anhaftet, dem haftet Gott an und alle Tugend. Und was zuvor du suchtest, das sucht nun dich; wem zuvor du nachjagtest, das jagt nun dir nach; und was zuvor du fliehen mochtest, das flieht nun dich. Darum: wer Gott eng anhaftet, dem haftet alles an, was göttlich ist, und den flieht alles, was Gott ungleich und fremd ist.

- 10 Der Einsiedler ist nicht deshalb bei Gott, weil er alleine lebt

6.
Von der abegescheidenheit und von habenne gotes

Von der Abgeschiedenheit und vom Besitzen Gottes

  Ich wart gevrâget: etlîche liute zügen sich sêre von den liuten und wæren alles gerne aleine, und dar ane læge ir vride, und daz sie wæren in der kirchen, ob daz daz beste wære? Dô sprach ich: nein! und merke, war umbe! Wem reht ist, in der wârheit, dem ist in allen steten und bî allen liuten reht. Wem aber unreht ist, dem ist unreht in allen steten und bî allen liuten. Wem aber reht ist, der hât got in der wârheit bî im. Wer aber got rehte in der wârheit hât, der hât in in allen steten und in der strâze und bî allen liuten als wol als in der kirchen oder in der einúde oder in der zellen; ob er in anders rehte hât und ob er in aleine hât, den menschen enmac nieman gehindern.
  War umbe?

  Ich wurde gefragt: manche Leute zögen sich streng von den Menschen zurück und wären immerzu gern allein, und daran läge ihr Friede und daran, daß sie in der Kirche wären - ob dies das Beste wäre? Da sagte ich: "Nein!" Und gib acht, warum. Mit wem es recht steht, wahrlich, dem ist's an allen Stätten und unter allen Leuten recht. Mit wem es aber unrecht steht, für den ist's an allen Stätten und unter allen Leuten unrecht. Wer aber recht daran ist, der hat Gott in Wahrheit bei sich; wer aber Gott recht in Wahrheit hat, der hat ihn an allen Stätten und auf der Straße und bei allen Leuten ebensogut wie in der Kirche oder in der Einöde oder in der Zelle; wenn anders er ihn recht und nur ihn hat, so kann einen solchen Menschen niemand behindern.
  Warum?

- 11 Der Mensch ist allein, der einzig bei Gott ist

  Dâ hât er aleine got und meinet aleine got und werdent im alliu dinc lûter got. Dúr mensche treget got in allen sînen werken und in allen steten, und alliu des menschen werk diu würket got lûterlîchen; wan wer daz werk sachet, des ist daz werk eigenlîcher und wærlîcher dan des, der dâ würket daz werk. Meinen wir denne got lûterlîchen und aleine, in der wârheit, sô muoz er unsriu werk würken, und an allen sînen werken enmac in nieman gehindern, weder menige noch stete. Alsô enmac disen menschen nieman gehindern, wan er enmeinet niht noch ensuochet niht noch ensmecket im nihtes dan got; wan er wirt dem menschen in aller sîner meinunge geeiniget. Und alsô, als got kein manicvalticheit enmac zerströuwen, alsô enmac disen menschen nihtes zerströuwen noch vermanicvaltigen, wan er ist einez in dem einen, dâ alliu manicvalticheit einez ist und ein unvermanicvalticheit ist.

  Weil er einzig Gott hat und es nur auf Gott absieht und alle Dinge ihm lauter Gott werden. Ein solcher Mensch trägt Gott in allen seinen Werken und an allen Stätten, und alle Werke dieses Menschen wirkt allein Gott; denn wer das Werk verursacht, dem gehört das Werk eigentlicher und wahrhaftiger zu als dem, der da das Werk verrichtet. Haben wir also lauter und allein Gott im Auge, wahrlich, so muß er unsere Werke wirken, und an allen seinen Werken vermag ihn niemand zu hindern, keine Menge und keine Stätte. So kann also diesen Menschen niemand behindern, denn er erstrebt und sucht nichts, und es schmeckt ihm nichts als Gott; denn der wird mit dem Menschen in allem seinem Streben vereint. Und so wie Gott keine Mannigfaltigkeit zu zerstreuen vermag, so auch kann diesen Menschen nichts zerstreuen noch vermannigfaltigen, denn er ist eins in jenem Einen, in dem alle Mannigfaltigkeit Eins und eine Nicht-Mannigfaltigkeit ist.

- 12 Man soll Gott allzeit gegenwärtig haben

  Der mensche sol got nemen in allen dingen und sol sîn gemüete wenen, daz er alle zît got habe in gegenwerticheit in dem gemüete und in der meinunge und in der minne. Merke, wie dû dînen got meinest, sô dû bist in der kirchen oder in der zellen: daz selbe gemüete behalt und trac daz under die menige und in die unruowe und in die unglîcheit. Und - als ich mêr gesprochen hân - als man saget von glîcheit, sô enmeinet man niht, daz man alliu werk glîch sül ahten oder alle stete oder alle liute. Daz wære gar unreht, wan ez ist ein bezzer werk beten wan spinnen und ein edelriu stat diu kirche dan diu strâze. Aber dû solt in den werken ein glîchez gemüete haben und ein glîchez getriuwen und eine glîche minne ze dînem gote und einen glîchen ernst. Entriuwen, wære dir alsô glîch, sô enhinderte dich nieman dînes gegenwertigen gotes.

  Der Mensch soll Gott in allen Dingen ergreifen und soll sein Gemüt daran gewöhnen, Gott allzeit gegenwärtig zu haben im Gemüt und im Streben und in der Liebe. Achte darauf, wie du deinem Gott zugekehrt bist, wenn du in der Kirche bist oder in der Zelle: diese selbe Gestimmtheit behalte und trage sie unter die Menge und in die Unruhe und Ungleichheit. Und - wie ich schon öfter gesagt habe [2] - wenn man von "Gleichheit" spricht, so meint man (damit) nicht, daß man alle Werke als gleich erachten solle oder alle Stätten oder alle Leute. Das wäre gar unrichtig, denn Beten ist ein besseres Werk als Spinnen und die Kirche eine würdigere Stätte als die Straße. Du sollst jedoch in allen Werken ein gleichbleibendes Gemüt haben und ein gleichmäßiges Vertrauen und eine gleichmäßige Liebe zu deinem Gott und einen gleichbleibenden Ernst. Wahrhaftig, wärest du so gleichmütig, so würde dich niemand hindern, deinen Gott gegenwärtig zu haben.

- 13 Wer Gott hat und wer ihn nicht hat

  Aber, wem alsô in der wârheit got niht innen enist, sunder alles got von ûzwendic muoz nemen in dem und in dem, und wenne er in unglîcher wîse got suochet, ez sî werk oder liute oder stete, sô enhât er got niht. Und daz mac lîhte sîn, daz dún menschen hindert, wan er enhât gotes niht, und er ensuochet in niht alúine noch er enminnet noch enmeinet in niht alúine; und dar umbe enhindert in niht aleine búsiu geselleschaft, sunder in hindert ouch diu guote und niht aleine diu strâze, sunder ouch diu kirche noch niht aleine búsiu wort und werk, mêr: ouch guotiu wort und werk, wan diu hindernisse ist in im, wan in im enist niht got worden alliu dinc. Wan wære im daz, sô wære im in allen steten und bî allen liuten gar reht und wol, wan er hât got, und den enmac im nieman genemen noch sînes werkes enmac in nieman gehindern.

  Wem aber Gott nicht so wahrhaft innewohnt, sondern wer Gott beständig von draußen her nehmen muß in diesem und in jenem, und wer Gott in ungleicher Weise sucht, sei's in Werken oder unter den Leuten oder an Stätten, der hat Gott nicht. Und es mag leicht etwas geben, was einen solchen Menschen behindert, denn er hat Gott nicht, und er sucht nicht ihn allein noch liebt noch erstrebt er ihn allein. Und darum hindert ihn nicht nur böse Gesellschaft, sondern ihn hindert auch die gute, und nicht allein die Straße, sondern auch die Kirche, und nicht allein böse Worte und Werke, sondern auch gute Worte und Werke. Denn das Hindernis liegt in ihm, weil Gott in ihm noch nicht alle Dinge geworden ist. Denn wäre dies so bei ihm, so wäre ihm an allen Stätten und bei allen Leuten gar recht und wohl; denn er hat Gott, und den könnte ihm niemand nehmen, noch könnte ihn jemand an seinem Werk hindern.

- 14 Der gedachte Gott

  War ane liget nû diz wâre haben gotes, daz man in wærlîche habe?
  Diz wærlîche haben gotes liget an dem gemüete und an einem inniclîchen vernünftigen zuokêrenne und meinenne gotes, niht an einem stæten anegedenkenne in einer glîchen wîse, wan daz wære unmügelich der natûre in der meinunge ze habenne und sêre swære und ouch daz aller beste niht. Der mensche ensol niht haben noch im lâzen genüegen mit einem gedâhten gote, wan, swenne der gedank vergât, sô vergât ouch der got. Mêr: man sol haben einen gewesenden got, der verre ist obe den gedenken des menschen und aller crêatûre. Dúr got envergât niht, der mensche enkêre denne williclîche abe.

  Woran liegt nun dieses wahre Haben Gottes, daß man ihn wahrhaft besitze?
  Dieses wahrhafte Haben Gottes liegt am Gemüt und an einem innigen, geistigen Sich-Hinwenden und Streben zu Gott, nicht (dagegen) an einem beständigen, gleichmäßigen Darandenken; denn das wäre der Natur unmöglich zu erstreben und sehr schwer und zudem nicht das Allerbeste. Der Mensch soll sich nicht genügen lassen an einen gedachten Gott; denn wenn der Gedanke vergeht, so vergeht auch der Gott. Man soll vielmehr einen wesenhaften Gott haben, der weit erhaben ist über die Gedanken des Menschen und aller Kreatur. Der Gott vergeht nicht, der Mensch wende sich denn mit Willen von ihm ab.

- 15 Wer Gott hat, dem ist alles bestens

  Der got alsô in wesenne hât, der nimet got götlîchen, und dem liuhtet er in allen dingen; wan alliu dinc smeckent im götlîchen, und got erbildet sich im ûz allen dingen. in im blicket got alle zît, in im ist ein abegescheiden abekêren und ein înbilden sînes geminneten gegenwertigen gotes. Glîcher wîs, als den dâ hitziclîchen dürstet in rehtem durste, der tæte wol anders dan trinken und mac ouch wol ander dinc gedenken; mêr: aber swaz er tuo oder bî swem er sî, in swelher meinunge oder swaz er gedenke oder swaz er würke, im envergât doch daz bilde des trankes niht, die wîle der durst wert; und als vil grúzer der durst ist, als vil mêr und inwendiger und gegenwertiger und stæter ist daz bilde des trankes. Oder der dâ hitziclîchen ein dinc minnet mit ganzer kraft alsô, daz im niht anders ensmecket und ze herzen gât dan daz, und meinet daz aleine und anders zemâle nihtes: entriuwen, swâ der mensche ist oder bî swem er ist oder swes er beginnet oder swaz er tuot, sô erlischet niemer in im, daz er alsô minnet, und in allen dingen vindet er des dinges bilde und ist im als gegenwertic, als vil der minne mêrer und mêrer ist. Der mensche ensuochet niht ruowe, wan in enhindert kein unruowe.

  Wer Gott so, (d. h.) im Sein, hat, der nimmt Gott göttlich, und dem leuchtet er in allen Dingen; denn alle Dinge schmecken ihm nach Gott, und Gottes Bild wird ihm aus allen Dingen sichtbar. In ihm glänzt Gott allzeit, in ihm vollzieht sich eine loslösende Abkehr und eine Einprägung seines geliebten, gegenwärtigen Gottes. Vergleichsweise so, wie wenn es einen in rechtem Durst heiß dürstet: so mag der wohl anderes tun als trinken, und er mag auch wohl an andere Dinge denken; aber was er auch tut und bei wem er sein mag, in welchem Bestreben oder welchen Gedanken oder welchem Tun, so vergeht ihm doch die Vorstellung des Trankes nicht, solange der Durst währt; und je größer der Durst ist, um so stärker und eindringlicher und gegenwärtiger und beharrlicher ist die Vorstellung des Trankes. Oder wer da etwas heiß mit ganzer Inbrunst so liebt, daß ihm nichts anderes gefällt und zu Herzen geht als (eben) dies, und er nur nach diesem verlangt und nach sonst gar nichts: ganz gewiss, wo immer ein solcher Mensch sein mag oder bei wem oder was er auch beginnt oder was er tut, nimmer erlischt doch in ihm das, was er so sehr liebt, und in allen Dingen findet er (eben) dieses Dinges Bild, und dies ist ihm um so stärker gegenwärtig, je mehr die Liebe stärker und stärker wird. Ein solcher Mensch sucht nicht Ruhe, denn ihn behindert keine Unruhe.

- 16 Wie man die innere Einsamkeit lernen kann

  Der mensche ist verre mêr vor gote gelobet, wan er alliu dinc götlîche nimet und mêr, dan diu dinc an in selber sint. Triuwen, hie zuo gehúret vlîz und minne und ein wol warnemen des menschen inwendicheit und ein wakker wâr vernünftigez würklîches wizzen, war ûf daz gemüete stât in den dingen und bî den liuten. Diz enmac der mensche niht gelernen mit vliehenne, daz er diu dinc vliuhet und sich an die einúde kêret von ûzwendicheit; sunder er muoz ein innerlich einúde lernen, swâ oder bî swem er ist. Er muoz lernen diu dinc durchbrechen und sînen got dar inne nemen und den krefticlîche in sich künnen erbilden in einer wesenlîchen wîse. Glîcher wîs als einer, der dâ wil schrîben lernen; triuwen, sol er die kunst künnen, er muoz sich vil und dicke an den werken üeben, swie sûr und swære ez im doch werde und swie unmügelîchen ez in dünket; wil er ez vlîziclîchen üeben und dicke, er lernet ez und gewinnet die kunst. Triuwen, ze dem êrsten muoz er haben ein anedenken eines ieglîchen buochstaben und den in sich verbilden vil vaste. Dar nâch, sô er nû die kunst hât, sô wirt er des bildes zemâle ledic und des anedenkennes; sô schrîbet er lediclîchen und vrîlîchen ó oder ez sî videln oder deheiniu werk, diu ûz sîner kunst suln geschehen. Dâ mite ist im zemâle genuoc, daz er ouch wizze, daz er daz werk sîner kunst wil üeben; und ob er sî âne stætez anegedenken; swaz er ouch denke, dennoch würket er sîn werk ûz sîner kunst.

  Dieser Mensch findet weit mehr Lob vor Gott, weil er alle Dinge als göttlich und höher erfasst, als sie in sich selbst sind. Wahrhaftig, dazu gehört Eifer und Hingabe und ein genaues Achten auf des Menschen Inneres und ein waches, wahres, besonnenes, wirkliches Wissen darum, worauf das Gemüt gestellt ist mitten in den Dingen und unter den Leuten. Dies kann der Mensch nicht durch Fliehen lernen, indem er vor den Dingen flüchtet und sich äußerlich in die Einsamkeit kehrt; er muß vielmehr eine innere Einsamkeit lernen, wo und bei wem er auch sei. Er muß lernen, die Dinge zu durchbrechen und seinen Gott darin zu ergreifen und ihn kraftvoll in einer wesenhaften Weise in sich hineinbilden zu können. Vergleichsweise so wie einer, der schreiben lernen will. Fürwahr, soll er die Kunst beherrschen, so muß er sich viel und oft in dieser Tätigkeit üben, wie sauer und schwer es ihm auch werde und wie unmöglich es ihn dünke: will er's nur fleißig üben und oft, so lernt er's doch und eignet sich die Kunst an. Fürwahr, zuerst muß er seine Gedanken auf jeden einzelnen Buchstaben richten und sich den sehr fest einprägen. Späterhin, wenn er dann die Kunst beherrscht, so bedarf er der Bildvorstellung und der Überlegung gar nicht mehr, und dann schreibt er unbefangen und frei, und ebenso ist es auch, wenn es sich um Fiedeln oder irgendwelche Verrichtungen handelt, die aus seinem Können geschehen sollen. Für ihn genügt es völlig zu wissen, daß er seine Kunst betätigen will; und wenn er auch nicht beständig bewusst dabei ist, so vollführt er sein Tun doch, woran er auch denken mag, aus seinem Können heraus 3.

- 17 Von göttlicher Gegenwart durchdrungen

  Alsô sol der mensche mit götlîcher gegenwerticheit durchgangen sîn und mit der forme sînes geminneten gotes durchformet sîn und in im gewesent sîn, daz im sîn gegenwerticheit liuhte âne alle arbeit, mêr: eine blôzheit neme in allen dingen und der dinge zemâle ledic blîbe. Dâ muoz ze dem êrsten ein anegedenken und ein merklich înerbilden zuo gehúren, als dem schuoler ze der kunst.

  So auch soll der Mensch von göttlicher Gegenwart durchdrungen und mit der Form seines geliebten Gottes durchformt und in ihm verwesentlicht sein, so daß ihm sein Gegenwärtigsein ohne alle Anstrengung leuchte, daß er überdies in allen Dingen Bindungslosigkeit gewinne und gegenüber den Dingen völlig frei bleibe. Dazu gehört zu Beginn notwendig Überlegung und ein aufmerksames Einprägen wie beim Schüler zu seiner Kunst.

- 18 Gott im Herzen

7.
Wie der mensche sîniu werk sol würken ûf daz húhste vernünfticlîchen

Wie der Mensch seine Werke am vernünftigsten wirken soll

  Der liute vindet man vil, und kumet der mensche lîhticlîche dar zuo, ob er wil, daz in diu dinc, dâ bî er wandelt, niht enhindernt noch kein blîbende bilde in in setzent; wan, swâ daz herze vol gotes ist, dâ enmugen die crêatûre niht stat gehaben noch vinden; mêr: dar ane ensol uns niht genüegen; wir suln uns alliu dinc grúzlîchen tuon ze vrumen, ez sî, swaz daz sî, swâ wir sîn, swaz wir sehen oder húren, swie vremde daz sî oder swie unglîch. Denne allerêrst ist uns reht und niht ê, und niemer ensol der mensche hier ane ze ende komen, er enmüge hier ane âne underlâz wahsen und mêr gewinnen in einem wâren zuonemenne.

  Man findet's bei vielen Leuten, und leicht gelangt der Mensch dahin, wenn er will: Daß ihn die Dinge, mit denen er umgeht, nicht hindern noch irgendeine haftende Vorstellung in ihn hineinsetzen; denn, wo das Herz Gottes voll ist, da können die Kreaturen keine Stätte haben noch finden. Daran aber soll's uns nicht genügen; wir sollen uns alle Dinge in hohem Maße zunutze machen, sei's was immer es sei, wo wir sein, was wir sehen oder hören mögen, wie fremd und ungemäß es uns auch sei. Dann erst sind wir recht daran und nicht eher. Und nimmer soll der Mensch darin zu Ende kommen; vielmehr kann er darin ohne Unterlass wachsen und immer mehr erreichen in einem wahren Zunehmen.

- 19 Gott mit Verstand und Fleiß

  Und der mensche sol ze allen sînen werken und bî allen dingen sîner vernunft merklîchen gebrûchen und in allen dingen ein vernünftigez mitewizzen haben sîn selbes und sîner inwendicheit und nemen in allen dingen got in der húhsten wîse, als ez mügelich ist. Wan der mensche sol sîn, als unser herre sprach: 'ir sult sîn als liute, die alle zît wachent und beitent irs herren!' Entriuwen, die beitenden liute sint wacheric und sehent sich umbe, wâ er her kome, des sie beitent, und wartent sîn in allem dem, daz dâ kumet, swie vremde ez in doch sî, ob er dâ mite iht sî. Alsô suln wir haben ein wizzendez warnemen unsers herren in allen dingen. Dar zuo muoz vlîz gehúren und muoz kosten allez, daz man geleisten mac an sinnen und an kreften, sô wirt den liuten reht und nement got in allen dingen glîche und vindent gotes glîche vil in allen dingen.

  Und der Mensch soll zu allen seinen Werken und bei allen Dingen seine Vernunft aufmerkend gebrauchen und bei allen ein einsichtiges Bewusstsein von sich selbst und seiner Innerlichkeit haben und in allen Dingen Gott ergreifen in der höchsten Weise, wie es möglich ist. Denn der Mensch soll sein, wie unser Herr sprach: "Ihr sollt sein wie Leute, die allzeit wachen und ihres Herrn harren" (Luk. 12,36). Wahrhafig, solche harrenden Leute sind wachsam und sehen sich um, von wannen er komme, dennen sie harren, und sie erwarten ihn in allem, was da kommt, wie fremd es ihnen auch sei, ob er nicht doch etwa darin sei. So sollen auch wir in allen Dingen bewusst nach unserm Herrn ausschauen. Dazu gehört notwendig Fleiß, und man muß sich's alles kosten lassen, was man nur mit Sinnen und Kräften zu leisten vermag; dann wird's recht mit den Leuten, und sie ergreifen Gott in allen Dingen gleich, und sie finden von Gott gleich viel in allen Dingen.

- 20 Die rechten Werke

  Und dâ ist wol ein werk anders dan daz ander; aber der sîniu werk tæte ûz einem glîchen gemüete, in der wârheit, des werk wæren ouch alliu glîch; und dem reht wære, in der wârheit, dem liuhtet got als blôz in dem werltlîchen als in dem aller götlîchesten, dem got alsô wære worden. Triuwen, niht alsô, daz der mensche selber iht werltlîches oder unglîches würke, mêr: swaz im von ûzwendigen dingen zuovellet an sehenne und an húrenne, daz sol er ze gote kêren. Dem got alsô gegenwertic ist in allen dingen und sîner vernunft an dem obersten gewaltic ist und der gebrûchende ist, der weiz aleine von wârem vride, und der hât ein reht himelrîche.

  Wohl ist ein Werk anders als das andere; wer aber seine Werke aus dem gleichen Gemüt täte, wahrlich, dessen Werke wären auch alle gleich, und mit wem es recht stünde, wem Gott so (eigen) geworden wäre, fürwahr, dem leuchtete Gott ebenso unverhüllt im weltlichen wie im allergöttlichsten Werk. Wahrhaftig, nun ist das aber nicht so (zu verstehen), daß der Mensch selbst etwas Weltliches oder Unpassendes tun solle; sondern was ihm von äußeren Dingen her im Sehen und Hören zufällt, das soll er zu Gott kehren. Wem Gott so in allen Dingen gegenwärtig ist und wer seine Vernunft im Höchsten beherrscht und gebraucht, der allein weiß vom wahren Frieden, und der hat ein rechtes Himmelreich.

- 21 Du sollst Gott in allen Dingen haben

  Wan, dem reht sol sîn, dem muoz ie under zwein dingen einez geschehen: eintweder er sol got nemen und lernen haben ún den werken, oder er sol alliu werk lâzen. Wan nû der mensche niht in disem lebene mac gesîn âne werk, diu menschlich sint, der vil ist, dar umbe sô lerne der mensche sînen got haben in allen dingen und ungehindert blîben in allen werken und steten. Und dar umbe, swenne der anehebende mensche iht sol würken mit den liuten, sô sol er sich krefticlîche gotes vor warnen und vesticlîche in daz herze setzen und alle sîne meinunge, gedenken, willen und krefte mit im vereinen, daz sich anders niht enmüge erbilden in dem menschen.

  Denn wer recht daran sein soll, bei dem muß je von zwei Dingen eines geschehen: entweder muß er Gott in den Werken zu ergreifen und zu halten lernen, oder er muß alle Werke lassen. Da nun aber der Mensch in diesem Leben nicht ohne Tätigkeit sein kann, die nun einmal zum Menschsein gehört und deren es vielerlei gibt, darum lerne der Mensch, seinen Gott in allen Dingen zu haben und unbehindert zu bleiben in allen Werken und an allen Stätten. Und darum: Wenn der anhebende Mensch unter den Leuten etwas wirken soll, so soll er sich zuvor kräftig mit Gott versehen und ihn fest in sein Herz setzen und all sein Trachten, Denken, Wollen und seine Kräfte mit ihm vereinen, auf daß sich nichts anderes in dem Menschen erbilden könne.

- 22 Lasse Vernunft walten

8.
Von dem stæten vlîze in dem húhsten zuonemenne

Vom steten Fleiß im höchsten Zunehmen

  Der mensche ensol ouch niemer dehein werk sô wol genemen noch rehte getuon, daz er iemer sô vrî sol werden in den werken oder ze sicher, daz sîn vernunft iemer müezic sol werden oder geslâfen. Er sol sich ie mit den zwein kreften der vernunft und des willen erheben und sîn aller bestez dar inne in dem húhsten nemen und sich vor allem schaden vernünfticlîchen warnen, ûzwendic und inwendic; sô enversûmet er in keinen dingen iemer ihtes, sunder er nimet âne underlâz zuo grúzlîchen.

  Der Mensch soll auch nie ein Werk so gut beurteilen noch als so recht ausführen, daß er je so frei oder so selbstsicher in den Werken werde, daß seine Vernunft je müßig werde oder einschlafe. Er soll sich ständig mit den beiden Kräften der Vernunft und des Willens erheben und darin sein Allerbestes im höchsten Grade ergreifen und sich äußerlich und innerlich gegen jeden Schaden besonnen vorsehen; dann versäumt er nie etwas in irgendwelchen Dingen, sondern er nimmt ohne Unterlass in hohem Grade zu.

- 23 Wer seine schwache Natur besiegt, ist besser dran als der, der keine Schwäche hat

9.
Wie die neigunge ze den sünden dem menschen vrument ze allen zîten

Wie die Neigung zur Sünde dem Menschen allzeit frommt

  Dû solt wizzen, daz der anstôz der untugent enist in dem gerehten menschen niemer âne grôzen vrumen und nutz. Nû merke! Ez sint zwêne menschen: der ein mensche sî alsô, daz kein gebreste an in stôze oder wênic; aber der ander ist alsô, daz an in stôzent die gebresten. Von der ûzern gegenwerticheit der dinge sô wirt sîn ûzer mensche beweget, ez sî lîhte ze zorne oder ze îteln êren oder lîhte lîplîche, nâch dem als der gegenwurf ist. Aber mit sînen obersten kreften sô stât er zemâle stæte, unbeweget und enwil niht des gebresten tuon, weder zürnen noch keine der sünden und vihtet alsô wider den gebresten grúzlîche; wan der gebreste ist vil lîhte natiurlich, als manic mensche von natûre zornic oder hôchvertic ist, oder swie daz sî, und enwil doch die sünde niht tuon. Dirre sol verre mêr gelobet sîn und ist sîn lôn vil mêr und sîn tugent vil edeler dan des êrsten, wan volkomenheit der tugent kumet von dem strîte, als sant Paulus sprichet: 'diu tugent wirt volbrâht in der krankheit'.

  Du musst wissen, daß der Anstoß zur Untugend für den rechten Menschen niemals ohne großen Segen und Nutzen ist. Nun hör' zu! Da sind zwei Menschen: der eine ist so geartet, daß er von keiner Schwäche angefochten wird oder doch nur wenig; der andere aber ist solcher Natur, daß ihm Anfechtungen zustoßen. Durch das äußere Gegenwärtigsein der Dinge wird sein äußerer Mensch erregt, sei's etwa zu Zorn oder zu eitler Ehrsucht oder vielleicht zu Sinnlichkeit, je nachdem, was ihm entgegentritt. Aber in seinen obersten Kräften steht er völlig fest, unbewegt und will den Fehl nicht begehen, weder das Erzürnen noch irgendeine der Sünden, und ficht also kräftig gegen die Schwäche an; denn vielleicht handelt es sich um eine in der Natur liegende Schwäche, wie ja mancher Mensch von Natur zornig oder hoffärtig ist oder sonstwie und doch die Sünde nicht begehen will. Ein solcher soll weit mehr gelobt sein, und sein Lohn ist viel größer, seine Tugend edler als des ersten; denn Vollkommenheit der Tugend kommt nur aus dem Kampf, wie Sankt Paulus sagt: "Die Tugend wird in der Schwachheit vollbracht" (2 Kor. 12,9).

- 24 Du mußt die Neigung zur Sünde durch deinen Willen überwinden

  Diu neigunge ze den sünden enist niht sünde, aber wellen sünden, daz ist sünde, wellen zürnen, daz ist sünde. in der wârheit, dem reht wære, hæte der gewalt ze wünschenne, er ensölte niht wellen wünschen, daz im vergienge neigunge ze den sünden, wan âne die stüende der mensche ungewis in allen dingen und in allen sînen werken und âne sorge bî den dingen und darbete ouch der êren des strîtes und siges und des lônes; wan der anstôz und diu bewegunge der untugent diu bringent die tugent und den lôn in dem müejenne. Wan diu neigunge machet den menschen vlîziger alwege sich in der tugent grúzlîche ze üebenne und trîbet in ze der tugent mit gewalt, und si ist ein strengiu geisel, diu den menschen ze der huote und ze der tugent trîbet; wan ie sich der mensche krenker vindet, ie baz er sich der sterke und des siges warnen sol. Wan diu tugent und ouch diu untugent ligent in dem willen.

  Die Neigung zur Sünde ist nicht Sünde, aber sündigen wollen, das ist Sünde, zürnen wollen, das ist Sünde. Wahrlich, hätte der, um den es recht bestellt wäre, die Gewalt zu wünschen, er würde nicht wünschen wollen, daß ihm die Neigung zur Sünde verginge, denn ohne die stünde der Mensch unsicher in allen Dingen und auch der Ehre des Kampfes, des Sieges und des Lohnes ermangelnd. Denn der Anstoß und die Erregung durch die Untugend bringen die Tugend und den Lohn für das Bemühen. Die Neigung nämlich macht den Menschen allwegs beflissener, sich in der Tugend kräftig zu üben, und sie treibt ihn mit Macht zur Tugend und ist eine scharfe Geißel, die den Menschen zur Hut und Tugend antreibt; denn je schwächer sich der Mensch findet, desto besser muß er sich mit Stärke und Sieg wappnen, liegt doch Tugend wie Untugend im Willen.

- 25 Der Wille soll auf die Gegenwart und nicht die Zukunft gerichtet sein

10.
Wie der wille alliu dinc vermac und wie alle tugende in dem willen ligent, ob er anders gereht ist

Wie der Wille alles vermag, und wie alle Tugenden im Willen liegen, wenn anders er recht ist

  Der mensche ensol sich sô sêre deheines dinges erschrecken, die wîle er sich vindet in einem guoten willen, noch ensol sich niht betrüeben, ob er des niht volbringen enmac mit den werken; aber er ensol sich niht verre ahten von den tugenden, als er in im vindet einen rehten guoten willen, wan diu tugent und allez guot liget in dem guoten willen. Dir enmac nihtes gebrechen, ob dû einen wâren, rehten willen hâst, weder minne noch dêmüeticheit noch dehein tugent. Aber, daz dû krefticlîche und mit allem willen wilt, daz hâst dû, und daz enmac dir got und alle crêatûren niht benemen, ob der wille anders ganz und ein rehte götlich wille ist und gegenwertic ist. Niht alsô: 'ich wolte mêr', daz wære noch zuokünftic, sunder: 'ich wil, daz ez iezunt alsô sî'. Nû merke! Wære ein dinc über tûsent mîle und wil ich ez haben, ich hân ez eigenlîcher, dan daz ich in mîner schôz hân und daz ich niht wil haben.

  Der Mensch soll über nichts groß erschrecken, solange er sich in einem guten Willen findet, noch soll er sich betrüben, wenn er ihn nicht in Werken zu vollbringen vermag; wiederum soll er sich nicht als fern von der Tugend achten, wenn er einen rechten, guten Willen in sich findet, denn die Tugend und alles Gute liegt im guten Willen. Dir kann's an nichts gebrechen, wenn du einen wahren, rechten Willen hast, weder an Liebe noch an Demut noch an irgendwelcher Tugend. Vielmehr, was du kräftig und mit ganzem Willen willst, das hast du, und Gott und alle Kreaturen können dir das nicht wegnehmen, wenn anders der Wille ein ganzer und ein recht göttlicher Wille und auf die Gegenwart gerichtet ist. Nicht also: "Ich möchte nächstens", das wäre noch erst zukünftig, sondern: "Ich will, daß es jetzo so sei!" Hör zu: Wäre etwas tausend Meilen weit weg, will ich es haben, so habe ich's eigentlicher als das, was ich in meinem Schoß habe und nicht haben will.

- 26 Der Wille vermag alles

  Daz guote enist niht minner kreftic ze dem guoten dan daz búse ze dem búsen. Daz merke! Daz ich niemer kein búse werk getæte, dennoch, hân ich den willen ze dem búsen, ich hân die sünde, als ob ich diu werk hæte getân; und ich möhte in einem ganzen willen alsô grôze sünde tuon, als ob ich alle werlt hæte getútet und doch niemer dehein werk dar zuo getæte. War umbe ensolte daz selbe niht mügen gesîn in einem guoten willen? Jâ, vil und unglîches mêr!
  In der wârheit, mit dem willen vermac ich alliu dinc. Ich mac aller menschen arbeit tragen und alle armen spîsen und aller menschen werk würken und swaz dû erdenken maht. Gebrichet dir niht an dem willen dan aleine an der maht, in der wârheit, vor gote hâst dû ez allez getân, und enmac dir daz nieman benemen noch dich des geirren einen ougenblik; wan wellen tuon, als balde ich mac, und haben getân, daz ist vor gote glîch. Ouch, wölte ich als vil willen haben, als alliu diu werlt hât, und ist mîn begerunge dar zuo grôz und ganz, in der wârheit, sô hân ich in; wan, daz ich wil haben, daz hân ich. Ouch, wölte ich in der wârheit als vil minne haben, als alle menschen ie gewunnen, und got als vil loben oder swaz dû erdenken maht, daz hâst dû allez in der wârheit, ob der wille ganz ist.

  Das Gute ist nicht minder mächtig zum Guten als das Böse zum Bösen. Merk dir: Wenn ich auch nimmer ein böses Werk täte, dennoch: habe ich den Willen zum Bösen, so habe ich die Sünde, wie wenn ich die Tat getan hätte; und ich könnte in einem entschiedenen Willen so große Sünde tun, wie wenn ich die ganze Welt getötet hätte, ohne daß ich doch je eine Tat dabei ausführte. Weshalb sollte das Gleiche nicht auch einem guten Willen möglich sein? Fürwahr, noch viel und unvergleichbar mehr!
  Wahrlich, mit dem Willen vermag ich alles. Ich kann aller Menschen Mühsal tragen und alle Armen speisen und aller Menschen Werke wirken und was du nur ausdenken magst. Gebricht's dir nicht am Willen, sondern nur am Vermögen, fürwahr, so hast du es vor Gott alles getan, und niemand kann es dir nehmen noch dich nur einen Augenblick daran hindern; denn tun wollen, sobald ich's vermag, und getan haben, das ist vor Gott gleich. Wollte ich ferner so viel Willen haben, wie die ganze Welt hat, und ist mein Begehren danach groß und umfassend, wahrlich, so habe ich ihn; denn was ich haben will, das habe ich. Ebenso: Wenn ich wahrhaft so viel Liebe haben wollte, wie alle Menschen je gewannen, und wenn ich Gott ebensosehr loben wollte, oder was du sonst ausdenken magst, das hast du wahrhaftig alles, wenn der Wille vollkommen ist.

- 27 Wer mehr Willen hat, der hat auch mehr Liebe

  Nû möhtest dû vrâgen, wanne der wille ein reht wille sî?
  Dâ ist der wille ganz und reht, dâ er âne alle eigenschaft ist und dâ er sîn selbes ûzgegangen ist und in den willen gotes gebildet und geformieret ist. Jâ, ie des mêr ist, ie der wille rehter und wârer ist. Und in dem willen vermaht dû alliu dinc, ez sî minne oder swaz dû wilt.
  Nû vrâge: wie möhte ich dise minne gehaben, die wîle ich ir niht enpfinde noch gewar enwirde, als ich sihe an vil liuten, die bewîsent grôziu werk, und vinde an in grôze andâht und wunder, der ich niht enhân?
  Hie solt dû zwei dinc merken, diu an der minne sint: daz ein ist ein wesen der minne, daz ander ist ein werk oder ein ûzbruch der minne. Des wesens der minne stat ist aleine in dem willen; wer mêr willen hât, der hât ouch der minne mêr. Aber, wer des mêr habe, daz enweiz nieman von dem andern, daz liget verborgen in der sêle, die wîle got verborgen liget in dem grunde der sêle. Disiu minne liget alzemâle in dem willen; wer mêr willen hât, der hât ouch mêr der minne.

  Nun könntest du fragen, wann der Wille ein rechter Wille sei?
  Dann ist der Wille vollkommen und recht, wenn er ohne jede Ich-Bindung ist und wo er sich seiner selbst entäußert hat und in den Willen Gottes hineingebildet und -geformt ist. Ja, je mehr dem so ist, desto rechter und wahrer ist der Wille. Und in solchem Willen vermagst du alles, es sei Liebe oder was du willst.
  Nun fragst du: "Wie könnte ich die Liebe haben, solange ich sie nicht empfinde noch ihrer gewahr werde, wie ich es an vielen Menschen sehe, die große Werke aufzuweisen haben und an denen ich große Andacht und wunders was finde, wovon ich nichts habe?"
  Hier musst du zwei Dinge beachten, die sich in der Liebe finden: Das eine ist das Wesen der Liebe, das andere ist ein Werk oder ein Ausbruch der Liebe. Die Stätte des Wesens der Liebe ist allein im Willen; wer mehr Willen hat, der hat auch mehr Liebe. Aber wer davon mehr habe, das weiß niemand vom andern; das liegt verborgen in der Seele, dieweil Gott verborgen liegt im Grunde der Seele. Diese Liebe liegt ganz und gar im Willen; wer mehr Willen hat, der hat auch mehr Liebe.

- 28 Es ist besser, einem Bedürftigen zu helfen, als in verzückter Liebe zu sein

  Nû ist ein anderz, daz ist ein ûzbruch und ein werk der minne. Daz schînet sêre als innicheit und andâht und jubilieren und enist alwege daz beste niht; wan ez enist etwenne von minne niht, sunder ez kumet von natûre etwenne, daz man solchen smak und süezicheit hât, oder ez mac des himels îndruk sîn, oder ez mac sinnelîche îngetragen sîn. Und die des mêr hânt, daz ensint alwege die aller besten niht; wan, ez sî ouch, daz ez wol von gote sî, sô gibet unser herre daz solchen liuten durch ein lückern und durch ein reizen und ouch, daz man dâ mite sêre enthalten wirt von andern. Aber die selben, sô sie her nâch mêr minne gewinnent, sô enhânt sie lîhte niht als vil vüelennes und enpfindennes und dar ane schînet wol, daz sie minne hânt, ob sie âne solchen enthalt gote ganze und stæte triuwe haltent.
  Nû sî, daz ez zemâle minne sî, sô enist ez doch daz aller beste niht; daz schînet dar ane: wan man sol solchen jubilus underwîlen lâzen durch ein bezzerz von minne und underwîlen durch ein minnewerk ze würkenne, dâ man sîn nôt hât, geistlîchen oder lîplîchen. Als ich mêr gesprochen hân: wære der mensche alsô in einem înzucke, als sant Paulus was, und weste einen siechen menschen, der eines suppelîns von im bedörfte, ich ahtete verre bezzer, daz dû liezest von minne von dem und dientest dem dürfigen in mêrer minne.

  Nun gibt's aber auch noch ein zweites: das ist ein Ausbruch und ein Werk der Liebe. Das sticht recht in die Augen, wie Innigkeit und Andacht und Jubilieren, und ist dennoch allwegs das Beste nicht. Denn es stammt mitunter gar nicht von der Liebe her, sondern es kommt bisweilen aus der Natur, daß man solches Wohlgefühl und süßes Empfinden hat, oder es mag des Himmels Einfluss oder auch durch die Sinne eingetragen sein; und die dergleichen öfter erfahren, das sind nicht allwegs die Allerbesten. Denn, sei's auch, daß es wirklich von Gott stamme, so gibt unser Herr das solchen Menschen, um sie zu locken oder zu reizen und auch wohl, auf daß man dadurch von anderen Menschen recht ferngehalten wird. Wenn aber diese selben Menschen hernach an Liebe zunehmen, so mögen sie leicht nicht mehr soviel Gefühle und Empfindungen haben, und daran erst wird ganz deutlich, daß sie Liebe haben: wenn sie (auch) ohne solchen Rückhalt Gott ganz und fest Treue bewahren.
  Gesetzt nun, daß es voll und ganz Liebe sei, so ist es doch das Allerbeste nicht. Das wird aus folgendem deutlich: Man soll nämlich von solchem Jubilus bisweilen ablassen um eines Besseren aus Liebe willen und um zuweilen ein Liebeswerk zu wirken, wo es dessen nottut, sei's geistlich oder leiblich. Wie ich auch sonst schon gesagt habe []: Wäre der Mensch so in Verzückung, wie's Sankt Paulus war, und wüsste einen kranken Menschen, der eines Süppleins von ihm bedürfte, ich erachtete es für weit besser, du ließest aus Liebe von der Verzückung ab und dientest dem Bedürftigen in größerer Liebe.

- 29 Wer etwas um Gottes willen lässt, erhält hundertmal soviel zurück

  Niht ensol der mensche wænen, daz er gnâden in disem sül beroubet werden; wan, swaz der mensche von minne læzet williclîchen, daz wirt im vil edeler, wan, als Kristus sprach: 'wer iht læzet durch mich, der sol hundertvalt als vil wider nemen'. Jâ, in der wârheit, swaz der mensche læzet und sich des verwiget durch got, jâ, ez sî ouch, daz der mensche grúzlîchen beger solches trôstes enpfindennes und innicheit, und tuot dar zuo, waz er vermac, und got gibet ez im niht und er getrústet sich sîn und enbirt sîn williclîche durch got: in der wârheit, er sol in im vinden glîcher wîs, als ob er allez guot hæte gehabet, daz ie wart, in ganzer besitzunge und des williclîchen wære ûzgegangen und sich es getrústet und verwegen hæte durch got; er sol hundertvalt als vil nemen. Wan, swaz der mensche gerne hæte und sich des getrústet und enbirt durch got, ez sî lîplich oder geistlich, daz vindet er allez in gote, als ob daz der mensche hæte gehabet und es ûz wære gegangen williclîchen; wan der mensche sol williclîchen beroubet sîn aller dinge durch got und in der minne sich verwegen und getrústen alles trôstes von minne.

  Nicht soll der Mensch wähnen, daß er dabei Gnaden versäume; denn was der Mensch aus Liebe willig läßt, das wird ihm um vieles herrlicher zuteil, wie Christus sprach: "Wer etwas läßt um meinetwillen, der wird hundertmal soviel zurückerhalten" (Math. 19,29). Ja fürwahr, was der Mensch läßt und was er aufgibt um Gottes willen, - ja, sei's auch, daß, wenn er heftig nach solchem Trostempfinden und nach Innigkeit verlangt und alles dazu tut, was er vermag, Gott es ihm aber nicht verleiht, er ihm dann entsagt und willig darauf verzichtet um Gottes willen, - fürwahr, er wird's genau so in ihm (d. h. in Gott) finden, wie wenn er alles Gut, das er je gegeben hat, in vollem Besitz gehabt, sich aber willig seiner entäußert, entschlagen und begeben hätte um Gottes willen; er wird hundertmal soviel empfangen. Denn was der Mensch gern hätte, aber verschmerzt und entbehrt um Gottes willen, sei's leiblich oder geistig, das findet er alles in Gott, als wenn es der Mensch besessen und sich willig seiner entäußert hätte; denn der Mensch soll aller Dinge willig um Gottes willen beraubt sein und in der Liebe sich allen Trostes entschlagen und begeben aus Liebe.

- 30 Die Freunde Gottes sind nie ohne Trost

  Daz man solchez enpfinden sül durch minne lâzen underwîlen, daz bewîset uns der minnende Paulus, dâ er sprichet: 'ich hân gewünschet, daz ich müeste gescheiden werden von Kristô umbe die minne mîner brüeder'. Daz meinet er in dirre wîse: er enmeinet niht in der êrsten wîse der minne, wan von der enwolte er niht sîn gescheiden einen ougenblik umbe allez, daz geschehen mac in himel und in erden; er meinet in dem trôste.
  Dû solt aber wizzen, daz die vriunde gotes niemer âne trôst sîn, wan, swaz got wil, daz ist ir aller húhster trôst, ez sî trôst oder untrôst.

  Daß man solche Empfindung bisweilen aus Liebe lassen soll, das bedeutet uns der liebende Paulus, wo er sagt: "Ich habe gewünscht, daß ich von Christo geschieden werden möge um der Liebe zu meinen Brüdern willen" (Röm. 9,3). Das meint er nach dieser Weise, nicht dagegen nach der ersteren Weise der Liebe, denn von der wollte er nicht einen Augenblick geschieden sein um alles, was im Himmel und auf Erden geschehen mag, er meint damit: den Trost.
  Du musst aber wissen, daß die Freunde Gottes 4 nie ohne Trost sind; denn was Gott will, das ist ihr allerhöchster Trost, sei's nun Trost oder Untrost.

- 31 Der gute Wille kann Gott nicht verlieren

11.
Waz der mensche tuon sol, sô er gotes vermisset und sich verborgen hât

Was der Mensch tun soll, wenn er Gott vermisst und Gott sich verborgen hat

  Ouch solt dû wizzen, daz der guote wille gotes niht mac gemissen. Mêr: daz enpfinden des gemüetes daz misset sîn underwîlen und wænet dicke, got sî vür gegangen. Waz solt dû denne tuon? Rehte daz selbe, daz dû tætest, dâ dû in dem grústen trôste wærest; daz selbe lerne tuon, sô dû in dem meisten lîdenne bist, und halt dich in aller wîse, als dû dich dâ hieltest. Ez enist kein rât als guot, got ze vindenne, dan wâ man got læzet; und wie dir was, dô dû in zem lesten hâtest, alsô tuo nû, die wîle dû sîn missest, sô vindest dû in. Mêr: der guote wille der enverliuset noch envermisset gotes niht noch niemer. Vil liute sprechent: wir hân guoten willen, sie enhânt aber niht gotes willen; sie wellent haben irn willen und wellent unsern herren lêren, daz er tuo alsô und alsô. Daz enist niht ein guoter wille. man sol an gote suochen sînen aller liebesten willen.

  Du musst ferner wissen, daß der gute Wille Gott gar nicht verlieren kann. Wohl aber vermisst ihn das Empfinden des Gemütes zuweilen und wähnt oft, Gott sei fortgegangen. Was sollst du dann tun? Genau dasselbe, was du tätest, wenn du im größten Trost wärest; dasselbe lerne tun, wenn du im größten Leiden bist, und verhalte dich ganz so, wie du dich dort verhieltest. Es gibt keinen gleich guten Rat, Gott zu finden, als ihn dort zu finden, wo man ihn fahrenlässt. Und wie dir war, als du ihn zuletzt hattest, so tu auch nun, da du ihn vermissest, so findest du ihn. Der gute Wille indessen verliert oder vermisst Gott nie und nimmer. Viele Leute sagen: "Wir haben guten Willen", sie haben aber nicht Gottes Willen; sie wollen ihren Willen haben und unsern Herrn lehren, es so oder so zu machen. Das ist kein guter Wille. Man soll bei Gott nach seinem allerliebsten Willen forschen.

- 32 Den ganzen Willen um Gottes willen aufgeben

  Des râmet got in allen dingen, daz wir den willen ûfgeben. Dô sant Paulus mit unserm herren vil gekôsete, und unser herre vil mit im geredete, daz entruoc allez niht vür, biz daz er den willen ûfgap und sprach: 'herre, waz wilt dû, daz ich tuo?' Dô weste unser herre wol, waz er tuon solte. Alsô ouch, dô unser vrouwen der engel erschein: allez, daz si oder er ie geredeten, daz enhæte sie niemer muoter gotes gemachet, sunder, als balde si irn willen ûfgap, alzehant wart si ein wâre muoter des êwigen wortes und enpfienc got alzehant; der wart ir natiurlîcher sun. Ouch enmachet kein dinc einen wâren menschen âne daz ûfgeben des willen. in der wârheit, âne ûfgeben des willen in allen dingen sô schaffen wir niht mit gote alzemâle. Mêr: kæme ez alsô verre, daz wir allen unsern willen ûfgæben und uns aller dinge durch got törsten verwegen, ûzwendic und inwendic, sô hæten wir alliu dinc getân und niht ê.

  Darauf zielt Gott in allen Dingen, daß wir den Willen aufgeben. Als Sankt Paulus viel mit unserm Herrn redete und unser Herr viel mit ihm, da trug das alles nichts ein, bis er den Willen aufgab und sprach: "Herr, was willst du, daß ich tue?" (Apg. 9,6). Da wusste unser Herr wohl, was er tun sollte. Ebenso auch, als Unserer Frau der Engel erschien: alles, was sie und er auch immer reden mochten, das hätte sie nimmer zur Mutter Gottes gemacht; sobald sie aber ihren Willen aufgab, ward sie sogleich eine wahre Mutter des Ewigen Wortes und empfing Gott auf der Stelle; der ward ihr natürlicher Sohn. Nichts auch macht einen zum wahren Menschen als das Aufgeben des Willens. Wahrhaftig, ohne Aufgabe des Willens in allen Dingen schaffen wir überhaupt nichts vor Gott. Käme es aber so weit, daß wir unsern ganzen Willen aufgäben und uns aller Dinge, äußerlich und innerlich, um Gottes willen zu entschlagen getrauten, so hätten wir alles getan, und eher nicht.

- 33 Sei ohne Eigenwille

  Der liute vindet man wênic - sie wizzen oder enwizzen niht -, sie enwölten, daz in alsô wære und daz sie grôzer dinge enpfünden, und wölten die wîse und daz guot haben; ez enist allez nihtes dan ein eigen wille. Dû söltest dich gote genzlîche ergeben mit allen dingen, und dâ enruoche dich, waz er tuo mit dem sînen. Ez sint tûsent menschen tôt und in dem himel, die nie in rehter volkomenheit irs willen ûzgiengen. Daz wære aleine ein volkomener und ein wârer wille, daz man ganz wære getreten in gotes willen und wære âne eigenen willen; und wer des mêr hât, der ist mêr und wærlîcher in got gesetzet. Jâ, ein Ave_Marîâ gesprochen in dem, und dâ der mensche ûzgât in dem sîn selbes, daz ist nützer dan tûsent psalter gelesen âne daz; jâ, ein trit wære bezzer in dem dan über mer gegangen âne daz.

  Solcher Menschen findet man wenige, die, ob wissentlich oder unwissentlich, nicht gern möchten, daß es mit ihnen ganz so stünde, daß sie aber dabei Großes empfänden, und sie möchten gern die Weise und das Gut haben: das alles ist nichts als Eigenwille. Du solltest dich Gott mit allem ganz ergeben, und dann kümmere dich nicht darum, was er mit dem Seinigen tue. Es sind wohl Tausende von Menschen gestorben und im Himmel, die nie in ganzer Vollkommenheit sich ihres Willens entäußerten. Das allein (aber erst) wäre ein vollkommener und wahrer Wille, daß man ganz in Gottes Willen getreten und ohne Eigenwillen wäre. Und wer darin mehr erreicht hat, der ist um so mehr und wahrer in Gott versetzt. Ja, ein Ave Maria, gesprochen in dieser Gesinnung, wobei der Mensch sich seiner selbst entäußert, das ist nützer als tausend Psalter gelesen ohne sie; ja, ein Schritt darin wäre besser, als ohne sie über's Meer gefahren.

- 34 Der Mensch, der sich des Seinen ganz entäußert hat

  Der mensche, der alsô ganz wære ûzgegangen mit allem dem sînen, in der wârheit, der wære alsô ganz in got gesetzet, swâ man den menschen rüeren solte, dâ müeste man got in dem êrsten rüeren; wan er ist in gote alzemâle, und got ist umbe in, als mîn kappe umbe mîn houbet ist; und wer mich ane wölte grîfen, der müeste mîn kleit ze dem êrsten anerüeren. Glîcher wîs, sol ich trinken, sô muoz daz trank ze dem êrsten über die zungen gân; dâ vindet daz trank sînen smak. Ist diu zunge bekleidet mit bitterkeit, in der wârheit, swie süeze der wîn sî an im selber, er muoz ie bittern von dem, durch daz er an mich kumet. in der wârheit, der mensche, der des sînen wære ganz ûzgegangen, der würde alsô mit gote umbevangen, daz alle crêatûren in niht enmöhten berüeren, sie enrüerten got ze dem êrsten, und swaz an in komen solte, daz müeste durch got an in komen; dâ nimet ez sînen smak und wirt gotvar. Swie grôz daz lîden sî, kumet ez durch got, dar under lîdet got ze dem êrsten. Jâ, in der wârheit, diu got ist, niemer enist ein lîden sô kleine, daz dâ gevellet ûf den menschen, als verre als man ez in got setzet, ez sî missevallen oder widerwerticheit, ez enrüere got âne alle mâze mêr dan den menschen und ez ensî im mêr wider, als verre als ez dem menschen wider ist. Aber, lîdet ez got umbe ein solchez guot, daz er dir dar inne hât versehen, und wilt dû daz lîden, daz got lîdet und durch in kumet an dich, sô wirt ez billîche gotvar, ez sî smâcheit als êre, bitterkeit als süezicheit und daz meiste vinsternisse als daz klærste lieht: ez nimet allez sînen smak an gote und wirt götlich, wan ez erbildet sich allez nâch im, swaz an disen menschen kumet, wan er meinet niht anders und im ensmecket niht anders; und dâ von nimet er got in aller bitterkeit als in der húhsten süezicheit.

  Der Mensch, der sich so gänzlich mit allem dem Seinen aufgegeben hätte, wahrlich, der wäre so völlig in Gott versetzt, daß wo man den Menschen auch anrühren sollte, man zuerst Gott anrühren müsste; denn er ist rundum in Gott, und Gott ist um ihn herum, wie meine Kappe mein Haupt umschließt, und wer mich anfassen wollte, der müsste zuerst mein Kleid anrühren. Ebenso auch: Soll ich trinken, so muß der Trank zuerst über die Zunge fließen; dort empfängt der Trank seinen Geschmack. Ist die Zunge mit Bitterkeit überzogen, fürwahr, wie süß der Wein an sich auch sein mag, er muß stets bitter werden von dem, durch das hindurch er an mich gelangt. Fürwahr, ein Mensch, der sich des Seinen ganz entäußert hätte, der würde so mit Gott umhüllt, daß alle Kreaturen ihn nicht zu berühren vermöchten, ohne zuerst Gott zu berühren; und was an ihn kommen sollte, das müsste durch Gott hindurch an ihn kommen; da empfängt er seinen Geschmack und wird gotthaft. Wie groß ein Leiden auch sei, kommt es über Gott, so leidet zuerst Gott darunter. Ja, bei der Wahrheit, die Gott (selber) ist: Nimmer ist ein Leiden, das den Menschen befällt, so geringfügig, etwa ein Missbehagen oder eine Widerwärtigkeit, daß es nicht, sofern man es in Gott setzt, Gott unermesslich mehr berührte als den Menschen und es ihm nicht viel mehr zuwider wäre, als es dem Menschen zuwider ist. Erduldet Gott es aber um eines solchen Gutes willen, das er für dich darin vorgesehen hat, und bist du willens, das zu leiden, was Gott leidet und über ihn an dich kommt, so wird es naturgemäß gotthaft, Verachtung wie Ehre, Bitterkeit wie Süße und die tiefste Finsternis wie das klarste Licht: alles empfängt seinen Geschmack von Gott und wird göttlich, denn es artet sich alles nach ihm, was diesen Menschen ankommt, strebt er ja doch nach nichts anderem und schmeckt ihm ja nichts anderes; und darum ergreift er Gott in aller Bitterkeit wie in der größten Süße.

- 35 Vorteile der Entäußerung

  Daz lieht liuhtet in der vinsternisse, dâ wirt man sîn gewar. Waz sol den liuten diu lêre oder daz lieht, dan daz sie es nützen? Sô sie sint in der vinsternisse oder die in dem lîdene sint, sô sol man daz lieht sehen.
  Jâ, ie mêr wir eigen sîn, ie minner eigen. Der mensche, der des sînen wære ûzgegangen, der enmöhte niemer gotes gemissen in keinen werken. Wære aber, daz sich der mensche vertræte oder verspræche, oder daz solchiu dinc dar în vielen, daz unreht wære: die wîle daz got daz beginnen was in dem werke, sô muoz er von nôt den schaden ûf sich nemen, und dû ensolt dîn werk dar umbe deheine wîs niht lâzen. Des vinden wir ein bilde an sant Bernhart und an vil andern heiligen. Solcher învelle enmac man in disem lebene niemer ganz ledic werden. Dar umbe daz etwenne raten under daz korn vellet, dar umbe ensol man daz edel korn niht verwerfen. in der wârheit, dem reht wære und mit gote wol künde, dem würde alliu solchiu lîdunge und învelle ze grôzem vrumen. Wan den guoten koment alliu dinc ze guote, als sant Paulus sprichet, und als sant Augustînus sprichet: »jâ, ouch die sünden«.

  Das Licht leuchtet in der Finsternis, da wird man seiner gewahr. Wozu (sonst) soll den Leuten die Lehre oder das Licht, als daß sie's nützen? Wenn sie in der Finsternis oder im Leiden sind, dann werden sie das Licht sehen.
  Ja, je mehr wir (uns) zu eigen sind, um so weniger sind wir (Gott) zu eigen. Der Mensch, der sich des Seinen entäußert hätte, der könnte Gott nie bei irgendwelchem Tun vermissen. Geschähe es aber, daß der Mensch fehlträte oder fehlspräche oder ihm Dinge, die unrecht wären, unterliefen, dann muß Gott, da er beim Beginn in dem Werke war, zwangsläufig auch den Schaden auf sich nehmen; du aber sollst darum keineswegs von deinem Werk ablassen. Dafür finden wir in Sankt Bernhard und vielen anderen Heiligen ein Beispiel. Von solchen Vorfällen kann man in diesem Leben nie ganz verschont bleiben. Aber deshalb, weil dann und wann Rade 5 unter das Korn fällt, darum soll man das edle Korn nicht verwerfen. Wahrlich, wer rechten Sinnes wäre und sich auf Gott wohl verstünde, dem gerieten alle solche Leiden und Vorfälle zu großem Segen. Denn den Guten schlagen alle Dinge zum Guten aus, wie Sankt Paulus (Röm. 8,28) sagt und wie Sankt Augustin äußert: "Ja, selbst die Sünden".

- 36 Gott hat den Menschen aus einem Feind zum Freund gemacht

12.
Daz ist von sünden, wie man sich dar zuo halten sol, ob man sich in sünden vindet

Dies handelt von den Sünden: Wie man sich verhalten soll, wenn man sich in Sünden findet

  In der wârheit, sünde haben getân enist niht sünde, ob sie leit sint. Der mensche ensol niht sünde wellen tuon umbe allez, daz geschehen mac in zît oder in êwicheit, weder tútlîche noch tegelîche noch deheine sünde. Der mit gote wol künde, der sölte alwege anesehen, daz der getriuwe minnende got den menschen hât brâht ûz einem sündigen lebene in ein götlich leben, ûz einem sînem vîende hât gemachet einen sînen vriunt, daz mêr ist dan ein niuwez ertrîche machen. Daz wære der meisten sachen einiu, daz den menschen zemâle sölte in got setzen, und wære ein wunder, wie sêre ez den menschen sölte enzünden in starker grôzer minne alsô, daz er des sînen zemâle ûzgienge.

  Fürwahr, Sünden getan haben ist nicht Sünde, wenn sie uns leid sind. Nicht soll der Mensch Sünde tun wollen, nicht um alles, was in Zeit oder in Ewigkeit geschehen mag, weder tödliche noch läßliche noch irgendwelche Sünde [s. Dist. I - 21-23,25: Über leichtere, schwere, schwerere und schwerste Vergehen]. Wer recht zu Gott stünde, der sollte sich allwegs vor Augen halten, daß der getreue, liebende Gott den Menschen aus einem sündigen Leben in ein göttliches gebracht, aus einem Feind zum Freund gemacht hat, was mehr ist, als eine neue Erde zu erschaffen. Das wäre einer der stärksten Antriebe, der den Menschen ganz in Gott versetzen würde, und man sollte sich wundern, wie sehr es den Menschen in starker, großer Liebe entzünden müsste derart, daß er sich seiner selbst völlig entäußerte.

- 37 Wenn du alle Sünden hinter dir läßt, sind dir alle alten Sünden vergeben. Gott ist ein Gott der Gegenwart

  Jâ, der rehte wære gesetzet in den willen gotes, der ensölte niht wellen, diu sünde, dâ er în gevallen was, daz des niht geschehen wære; niht alsô, als ez wider got was, sunder als verre als dû dâ mite bist gebunden ze mêrer minne und bist dâ mite genidert und gedêmüetiget, als daz aleine, daz er wider got hât getân. Aber dû solt gote wol getriuwen, daz er dir des niht verhenget hæte, er enwölte denne dîn bestez dar ûz ziehen. Wanne aber der mensche genzlîchen ûfstât von sünden und zemâle abekêret, sô tuot der getriuwe got, als ob der mensche nie in sünde enwære gevallen, und enwil in aller sîner sünden einen ougenblik niht lâzen engelten, und wære ir als vil, als alle menschen ie getæten: des enwil in got niemer lâzen engelten, er enmüge mit dem menschen alle heimlicheit haben, die er ie mit crêatûren gewan. Ob er in anders nû bereit vindet, sô ensihet er niht ane, waz er vor gewesen ist. Got ist ein got der gegenwerticheit. Wie er dich vindet, alsô nimet er und enpfæhet dich, niht, waz dû gewesen sîst, sunder waz dû iezunt bist. Allen den schaden und smâcheit, diu gote möhte geschehen von allen sünden, den wil er gerne lîden und haben geliten vil jâr, ûf daz der mensche dar nâch kome ze einer grôzen bekantnisse sîner minne und umbe daz sîn minne und sîn danknæmicheit deste mêr und sîn ernst deste hitziger werde, daz billîche und dicke kumet nâch den sünden.

  Ja, wer recht in den Willen Gottes versetzt wäre, der sollte nicht wollen, daß die Sünde, in die er gefallen, nicht geschehen wäre. Freilich nicht im Hinblick darauf, daß sie gegen Gott gerichtet war, sondern, sofern du dadurch zu größerer Liebe gebunden und du dadurch erniedrigt und gedemütigt bist, also nur deshalb nicht, weil er gegen Gott gehandelt hat [4]. Du sollst aber Gott darin recht vertrauen, daß er dir's nicht hat widerfahren lassen, ohne dein Bestes daraus ziehen zu wollen. Wenn aber der Mensch sich völlig aus den Sünden erhebt und ganz von ihnen abkehrt, dann tut der getreue Gott, als ob der Mensch nie in Sünde gefallen wäre, und will ihn aller seiner Sünden nicht einen Augenblick entgelten lassen; und wären ihrer auch so viele, wie alle Menschen (zusammen) je getan: Gott will es ihn nie entgelten lassen; er könnte mit einem solchen Menschen alle Vertraulichkeit haben, die er je mit einer Kreatur unterhielt. Wenn anders er ihn nur jetzt bereit findet, so sieht er nicht an, was vorher gewesen ist. Gott ist ein Gott der Gegenwart. Wie er dich findet, so nimmt und empfängt er dich, nicht als das, was du gewesen, sondern als das, was du jetzt bist. Alle Unbill und alle Schmach, die Gott durch alle Sünden wiederfahren könnten, die will er gern erleiden und viele Jahre gelitten haben, auf daß nur der Mensch hernach zu einer großen Erkenntnis seiner Liebe komme und damit seine eigene Liebe und Dankbarkeit um so größer und sein Eifer um so feuriger werde, wie das ja natürlicherweise und oft nach den Sünden geschieht.

- 38 Selbst die Apostel, die Gott am liebsten sind, waren Todsünder

  Dar umbe lîdet got gerne den schaden der sünden und hât dicke geliten und aller dickest verhenget über die menschen, die er hât versehen, daz er sie ze grôzen dingen ziehen wolte. Nim war! Wer was unserm herren ie lieber oder heimlîcher dan die aposteln wâren? Der bleip nie keiner, er enviele in tôtsünde; alle wâren sie tôtsünder gewesen. Daz hât er in der alten und niuwen ê dicke bewîset von den, die im verre die liebesten nâchmâles wurden; und ouch noch ervorschet man selten, daz die liute koment ze grôzen dingen, sie ensîn ze dem êrsten etwaz vertreten, und meinet unser herre hie mite, daz wir sîne grôze barmherzicheit erkennen und wil uns manen hie mite ze grôzer und wârer dêmüeticheit und andâht. Wan, sô riuwe erniuwert wirt, sô sol diu minne ouch grúzlîchen gemêret und erniuwert werden.

  Darum duldet Gott gern den Schaden der Sünden und hat ihn schon oft geduldet und alleröftest über die Menschen kommen lassen, die er dazu ausersehen hat, sie nach seinem Willen zu großen Dingen emporzuziehen. Sieh doch: Wer war unserm Herrn je lieber und vertrauter als die Apostel? Keinem von ihnen blieb es erspart, in Todsünde zu fallen; alle waren sie Todsünder [5] gewesen. Das hat er auch im Alten und im Neuen Bunde oft an denen bewiesen, die ihm nachmals bei weitem die Liebsten wurden; und auch heute noch erfährt man selten, daß die Leute es zu Großem bringen, ohne daß sie zuerst irgendwie fehlgetreten wären. Und damit zielt unser Herr darauf ab, daß wir seine große Barmherzigkeit erkennen und er uns mahne zu großer und wahrer Demut und Andacht. Denn wenn die Reue erneuert wird, wird auch die Liebe stark gemehrt und erneuert werden.

- 39 Zeitliche und göttliche Reue

13.
Von zweierleie riuwe

Von zweierlei Reue

  Diu riuwe ist zweierleie: diu ein ist zîtlich oder sinnelich, diu ander ist götlich und übernatiurlich. Diu zîtlîche ziuhet sich alle zît niderwerts in ein mêrer leit und setzet den menschen in einen jâmer, als ob er iezunt verzwîveln sül, und dâ blîbet diu riuwe in dem leide und enkumet niht vürbaz; dâ enwirt niht ûz.
  Aber diu götlîche riuwe ist vil anders. Als balde der mensche ein missevallen gewinnet, zehant erhebet er sich ze gote und setzet sich in ein êwigez abekêren von allen sünden in einem unbewegelîchen willen; und dâ erhebet er sich in ein grôz getriuwen ze gote und gewinnet eine grôze sicherheit; und dâ von kumet ein geistlîchiu vröude, diu die sêle erhebet ûz allem leide und jâmer und bevestent sie an gote. Wan, ie sich der mensche gebrestenlîcher vindet und mêr missetân hât, ie mêr er ursache hât, sich an got ze bindenne mit ungeteilter minne, dâ kein sünde und gebreste enist. Dar umbe: der beste grât, dar ûf man getreten mac, als man ze gote in ganzer andâht wil gân, daz ist, daz man âne sünde sî in der kraft der götlîchen riuwe.

  Es gibt zweierlei Reue: die eine ist zeitlich oder sinnlich, die andere ist göttlich und übernatürlich. Die zeitliche zieht sich immerfort hinab in größeres Leid und versetzt den Menschen in solchen Jammer, als ob er gleich jetzt verzweifeln müsse, und dabei beharrt die Reue im Leid und kommt nicht weiter; daraus wird nichts.
  Die göttliche Reue aber ist ganz anders. Sobald der Mensch ein Missfallen empfindet, sogleich erhebt er sich zu Gott und versetzt sich in einen unerschütterlichen Willen zu ewiger Abkehr von allen Sünden. Und darin erhebt er sich zu großem Vertrauen auf Gott und gewinnt eine große Sicherheit. Und daraus kommt eine geistige Freude, die die Seele aus allem Leid und Jammer erhebt und sie fest an Gott bindet. Denn je gebrechlicher sich der Mensch findet und je mehr er gefehlt hat, desto mehr Ursache hat er, sich mit ungeteilter Liebe an Gott zu binden, bei dem es keine Sünde und Gebresten gibt. Die beste Stufe drum, auf die man treten kann, wenn man in voller Andacht zu Gott gehen will, ist: ohne Sünde zu sein kraft der göttlichen Reue.

- 40 Je schwerer die Sünde ist, desto lieber vergibt sie Gott

  Und ie man dâ die sünde grúzer wiget, ie got bereiter ist, die sünde ze vergebenne und ze der sêle ze komenne und die sünde ze vertrîbenne; wan ein ieglîcher ist daz aller vlîzigest abe ze tuonne, daz im allermeist wider ist. Und ie die sünde grúzer und mêrer sint, ie sie got âne mâze gerner vergibet und belder, wan sie im wider sint. Und denne, als diu götlîche riuwe sich erhebet ze gote, sô sint alle sünde belder verswunden in dem abgründe gotes, dan ich mîn ouge zuo möhte getuon, und werdent sô alzemâle ze nihte, als sie nie geschehen enwæren, ob ein ganziu riuwe dâ wirt.

  Und je schwerer man (selbst) die Sünde anschlägt, um so bereiter ist Gott, die Sünde zu vergeben, zur Seele zu kommen und die Sünde zu vertreiben; ist doch ein jeder am meisten beflissen, das abzutun, was ihm am meisten zuwider ist. Und je größer und je schwerer die Sünden sind, um so unermesslich lieber vergibt sie Gott [6] und um so schneller, weil sie ihm zuwider sind 6. Und wenn dann die göttliche Reue sich zu Gott erhebt, sind alle Sünden bälder verschwunden im Abgrund Gottes, als ich mein Auge zutun könnte, und sie werden dann so völlig zunichte, als seien sie nie geschehen, dafern es nur eine vollkommene Reue wird.

- 41 Über Liebe und Vertrauen in Gott

14.
Von der wâren zuoversiht und von der hoffenunge

Von der wahren Zuversicht und von der Hoffnung

  Wâre und volkomene minne die sol man dar ane prüeven, ob man hât grôze hoffenunge und zuoversiht ze gote; wan kein dinc enist, dar ane man ez mêr müge geprüeven, ob man ganze minne habe, dan an getriuwenne. Wan, wer den andern sêre und genzlîche minnet, daz sachet die triuwe; wan allez, daz man gote tar getriuwen, daz vindet man in der wârheit an im und tûsentmâl mêr. Und alsô, als got nie mensche möhte ze vil geminnen, alsô enmöhte in nie mensche ze vil getriuwen. Alliu dinc, diu man getuon mac, diu ensint niht als zimelich als grôz getriuwen ze gote. Alle, die grôze zuoversiht ze im ie gewunnen, die erliez er nie, er enwörhte grôziu dinc mit in. Dâ hât er wol bewîset an allen menschen, daz disiu getriuwunge kumet von minne, wan minne enhât niht aleine getriuwen, sunder si hât ein wâr wizzen und ein unzwîvellîche sicherheit.

  Wahre und vollkommene Liebe soll man daran erkennen, ob man große Hoffnung und Zuversicht zu Gott hat; denn es gibt nichts, woran man besser erkennen kann, ob man ganze Liebe habe, als Vertrauen. Denn wenn einer den anderen innig und vollkommen liebt, so schafft das Vertrauen; denn alles, worauf man bei Gott zu vertrauen wagt, das findet man wahrhaft in ihm und tausendmal mehr. Und wie ein Mensch Gott nie zu sehr liebhaben kann, so könnte ihm auch nie ein Mensch zuviel vertrauen. Alles, was man sonst auch tun mag, ist nicht so förderlich wie großes Vertrauen zu Gott. Bei allen, die je große Zuversicht zu ihm gewannen, unterließ er es nie, große Dinge mit ihnen zu wirken. An allen diesen Menschen hat er ganz deutlich gemacht, daß dieses Vertrauen aus der Liebe kommt; denn die Liebe hat nicht nur Vertrauen, sondern sie besitzt auch ein wahres Wissen und eine zweifelsfreie Sicherheit.

- 42 Zwei Arten von Wissen: durch Erleuchtung und Liebe. Letzteres ist besser

15.
Von zweierleie sicherheit des êwigen lebens

Von zweierlei Gewissheit des ewigen Lebens

  Ez ist zweierleie wizzen in disem lebene des êwigen lebens: daz ein ist, daz ez got dem menschen selber sage oder ez im bî einem engel enbiete oder mit einem sunderlîchen liehte bewîse; daz geschihet selten und wênic liuten.
  Daz ander wizzen, daz ist vil unglîche bezzer und nützer, und daz geschihet dicke allen volkomenen minnenden liuten: daz ist, daz der mensche von minne und von heimlicheit, die er hât ze sînem gote, daz er im sô ganz getriuwe und sô sicher an im sî, daz er niht zwîveln müge und wirt dâ von alsô sicher, wan er in minnet âne underscheit in allen crêatûren. Und versageten im alle crêatûren und verswüeren im, jâ, versagete im ouch got selber, er enmissetriuwete niht; wan minne enkan niht missetriuwen, si getriuwet alles guoten. Und des enist kein nôt, daz man den minnenden und geminneten iht dürfe sagen; wan mit dem, daz er enpfindet, daz er sîn vriunt ist, dâ mite weiz er zehant allez daz, daz im guot ist und ze sîner sælicheit gehúret. Wan alsô liep dir ze im ist, des bist dû sicher, daz im âne alle mâze mêr und lieber ist ze dir und dir unglîches mêr getriuwet. Wan er ist selber diu triuwe; des sol man an im sicher sîn und sint alle die sicher, die in minnent.

  Zweierlei Wissen gibt es in diesem Leben vom ewigen Leben. Das eine kommt daher, daß Gott selber es dem Menschen sage oder es ihm durch einen Engel entbiete oder durch eine besondere Erleuchtung offenbare. Dies (jedoch) geschieht selten und nur wenigen Menschen.
  Das andere Wissen ist ungleich besser und nützer und wird allen vollkommenen Menschen oft zuteil: das beruht darauf, daß der Mensch aus Liebe und vertraulichem Umgang, den er mit seinem Gott hat, ihm so völlig vertraut und seiner so sicher ist, daß er nicht zweifeln könne, und er dadurch so sicher wird, weil er ihn unterschiedslos in allen Kreaturen liebt. Und widersagten ihm alle Kreaturen und sagten sich unter Eidschwur von ihm los, ja, versagte sich ihm Gott selber, er würde nicht misstrauen, denn die Liebe kann nicht misstrauen, sie erwartet vertrauend nur Gutes. Und es bedarf dessen nicht, daß man den Liebenden und den Geliebten irgend etwas (ausdrücklich) sage, denn damit, daß er (= Gott) empfindet, daß er (= der Mensch) sein Freund ist, weiß er zugleich alles das, was ihm gut ist und zu seiner Seligkeit gehört. Denn, so sehr du ihm auch zugetan sein magst, des sei gewiss, daß er dir über die Maßen mehr und stärker zugetan ist und dir ungleich mehr vertraut. Denn er ist die Treue selber, des soll man bei ihm gewiss sein und sind auch alle die gewiss, die ihn lieben.

- 43 Ersteres könnte eine falsche Erleuchtung sein; Liebe kann nicht fehlen

  Disiu sicherheit ist verre mêrer, ganzer und wârer dan diu êrste und enmac niht getriegen. Aber daz sagen möhte getriegen und wære lîhte ein unreht lieht. Mêr: dises enpfindet man in allen kreften der sêle und enmac niht getriegen in den, die in wærlîche minnent; die zwîvelnt als wênic, als der mensche an gote zwîvelt, wan minne vertrîbet alle vorhte. 'Diu minne enhât niht vorhte', als sant Paulus sprichet und ouch geschriben ist: 'diu minne bedecket die manicvalticheit der sünde'. Wan, dâ sünde geschehent, dâ enmac niht ganz getriuwen sîn noch minne, wan si bedecket alzemâle die sünde; si enweiz niht von sünden. Niht alsô, daz man niht gesündet habe, sunder daz si zemâle sünde verderbet und vertrîbet, als ob sie nie gewesen wæren. Wan alliu werk gotes sint zemâle volkomen und übervlüzzic alsô: swem er vergibet, dem vergibet er alzemâle und ganz und ouch vil gerner grôz dan kleine, und diz machet ganz getriuwen. Diz ahte ich verre und unglîche bezzer und bringet mêr lônes und ist wârer dan daz êrste wizzen; wan dâ enhindert weder sünde noch nihtes. Wan, swen got in glîcher minne vindet, den urteilet er glîche, ob er vil oder niht habe missetân. Aber, dem mêr vergeben wirt, der sol mêr minnen, als unser herre Kristus sprach: 'dem mêr vergeben wirt, der minne mêr'.

  Diese Gewissheit ist weit größer, vollständiger und echter als die erste, und sie kann nicht trügen. Die Eingebung hingegen könnte trügen, und es könnte leicht eine falsche Erleuchtung sein. Diese Gewissheit aber empfindet man in allen Kräften der Seele, und sie kann nicht trügen in denen, die Gott wahrhaft lieben; die zweifeln daran so wenig, wie ein solcher Mensch an Gott (selber) zweifelt, denn Liebe vertreibt alle Furcht. "Die Liebe kennt keine Furcht" (1 Joh. 4,18), wie Sankt Paulus sagt; und es steht auch geschrieben: "Die Liebe deckt die Fülle der Sünden zu" (1 Petr. 4,8). Denn wo Sünden geschehen, da kann nicht volles Vertrauen sein noch Liebe; denn die Liebe deckt die Sünde völlig zu, sie weiß nichts von Sünden. Nicht so, als habe man gar nicht gesündigt, sondern so, daß sie die Sünden völlig austilgt und austreibt, als ob sie nie gewesen wären. Denn alle Werke Gottes sind so gänzlich vollkommen und reich im Überfluss, daß, wem er vergibt, er voll und ganz vergibt und viel lieber Großes als Kleines, und dies schafft ganzes Vertrauen. Dieses achte ich für weitaus und ungleich besser, und es bringt mehr Lohn und ist auch echter als das erstere Wissen; denn an ihm hindert weder Sünde noch sonst etwas. Denn wen Gott von gleicher Liebe findet, den beurteilt er auch gleich, ob einer nun viel oder gar nicht gefehlt habe. Wem aber mehr vergeben wird, der soll auch mehr Liebe haben, wie unser Herr Christus sprach: "Wem mehr vergeben wird, der liebe auch mehr" (Luk. 7,47).

- 44 Wahre Buße ist nicht äußerlicher Art, sondern völlige Hinwendung zu Gott

16.
Von der wâren pênitencie und sæligem lebene

Von der wahren Buße und vom seligen Leben

  Vil liute dünket, daz sie grôziu werk süln tuon von ûzern dingen, als vasten, barvuoz gân und ander dinc des glîche, daz pênitencie heizet. Wâriu und diu aller beste pênitencie ist, dâ mite man grúzlîche und ûf daz húhste bezzert, daz ist: daz der mensche habe ein grôz und volkomen abekêren von allem dem, daz niht zemâle got und götlich ist an im und an allen crêatûren, und habe ein grôz und ein volkomen und ein ganz zuokêren ze sînem lieben gote in einer unbewegelîchen minne alsô, daz sîn andâht und gelust grôz ze im sî. in swelhem werke dû des mêr hâst, in dem bist dû mêr gereht; als vil des mêr und mêr ist, rehte als vil deste wârer pênitencie und leschet mêr sünde abe und ouch alle pîne. Jâ, wol möhtest dû schiere in kurzer zît dich alsô krefticlîchen kêren von allen sünden mit alsô wârem missevallenne und dich alsô krefticlîchen ze gote kêren, hætest dû alle die sünde getân, die von Adâmes zîten ie geschâhen und iemermê geschehent, daz dir daz allez ganz würde vergeben mit der pîne, daz dû iezunt stürbest, dû vüerest vür daz antlütze gotes.

  Es dünkt viele Leute, sie müssten große Werke in äußeren Dingen tun, wie Fasten, Barfußgehen und dergleichen mehr, was man Bußwerke nennt. Die wahre und allerbeste Buße (aber), mit der man kräftig und im höchsten Maße Besserung schafft, besteht darin, daß der Mensch sich gänzlich und vollkommen abkehre von allem, was nicht völlig Gott und göttlich an ihm selbst und an allen Kreaturen ist, und sich gänzlich und vollkommen seinem lieben Gott zukehre in einer unerschütterlichen Liebe, dergestalt daß seine Andacht und sein Verlangen zu ihm groß seien. In welchem Werk du mehr davon hast, in dem bist du auch gerechter; je mehr das zutrifft, um ebensoviel ist die Buße wahrer und tilgt um so mehr Sünden, ja, selbst alle Strafe. Ja, fürwahr, du könntest dich rasch in Kürze so kräftig mit solch echtem Abscheu von allen Sünden abkehren und dich ebenso kräftig Gott zuwenden, daß, hättest du alle Sünden getan, die von Adams Zeiten an je geschahen und hinfort je geschehen werden, dir das ganz und gar vergeben würde mitsamt der Strafe, so daß, wenn du jetzt stürbest, du hinführest vor das Angesicht Gottes.

- 45 Bilde dich in allen Dingen in Christus ein

  Diz ist diu wâre pênitencie, und daz kumet sunderlîche aller volkomenlîchest von dem wirdigen lîdenne in der volkomnen pênitencie unsers herren Jêsû_Kristî. Ie mêr sich der mensche dar în erbildet, ie mêr im abevallent alle sünde und pîne der sünde. Ouch sol sich der mensche des wenen, daz er sich in allen sînen werken alle zît erbilde in daz leben und in diu werk unsers herren Jêsû_Kristî in allem sînem tuonne und lâzenne und lîdenne und lebenne, und meine in alle zît hier inne, als er uns hât gemeinet.

  Dies ist die wahre Buße, und die gründet insbesondere und am vollkommensten auf dem würdigen Leiden im vollkommenen Bußwerk unseres Herrn Jesu Christi. Je mehr sich der Mensch darein einbildet, um so mehr fallen alle Sünden und Sündenstrafen von ihm ab. Auch soll sich der Mensch gewöhnen, sich in allen seinen Werken allzeit in das Leben und Wirken unseres Herrn Jesu Christi hineinzubilden, in all seinem Tun und Lassen, Leiden und Leben, und halte hierbei allzeit ihn vor Augen, so wie er uns vor Augen gehabt hat.

- 46 Gott ist nicht so sehr an den Werken als an der Gesinnung in den Werken gelegen

  Disiu pênitencie ist ein zemâle erhaben gemüete von allen dingen in got, und in welchen werken dû diz allermeist gehaben maht und hâst von den werken, diu tuo aller vrîlîchest; und hindert dich des dehein ûzerlich werk, ez sî vasten, wachen, lesen oder swaz ez sî, daz lâz vrîlîche âne alle sorge, daz dû hie mite iht versûmest deheine pênitencie; wan got ensihet niht ane, waz diu werk sîn, dan aleine, waz diu minne und diu andâht und daz gemüete in den werken sî. Wan im enist niht vil umbe unsriu werk, sunder aleine umbe unser gemüete in allen unsern werken, und daz wir in aleine minnen in allen dingen. Wan der mensche ist alze gîtic, den an gote niht engenüeget. Allen dînen werken sol dâ mite gelônet sîn, daz sie dîn got weiz und daz dû in dar inne meinest; dâ mite genüege dir alle zît. Ouch ie dû in lediclîcher meinest und einvelticlîcher, sô ie alliu dîniu werk eigenlîcher alle sünde büezent.

  Solche Buße ist (nichts anderes als) ein von allen Dingen fort ganz in Gott erhobenes Gemüt. Und in welchen Werken du dies am meisten haben kannst und durch die Werke hast, die tue ganz freimütig. Hindert dich aber ein äußeres Werk daran, sei's Fasten, Wachen, Lesen oder was es auch sei, so laß freiweg davon ab, ohne Besorgnis, daß du damit irgend etwas am Bußwerk versäumest. Denn Gott sieht nicht an, welches die Werke seien, sondern einzig, welches die Liebe und die Andacht und die Gesinnung in den Werken sei. Ihm ist ja nicht viel an unseren Werken gelegen, als vielmehr nur an unserer Gesinnung in allen unseren Werken und daran, daß wir ihn allein in allen Dingen lieben. Denn der Mensch ist allzu habgierig, dem's an Gott nicht genügt. Alle deine Werke sollen damit belohnt sein, daß dein Gott um sie weiß und daß du ihn darin im Sinne hast; das sei dir allzeit genug. Und je unbefangener und einfältiger du ihn im Blick hältst, um so eigentlicher büßen alle deine Werke alle Sünden ab.

- 47 Flieh zu Gott, der aller Erlöser ist

  Ouch maht dû gedenken, daz got was ein gemeiner erlúser aller werlt, und dâ von bin ich im vil mêr dankennes schuldic, dan ob er mich aleine erlôst hæte. Alsô solt dû ouch sîn ein gemeiner erlúser alles des, daz dû mit sünden an dir verderbet hâst; und mit allem dem lege dich zemâle in in, wan dû hâst mit sünden verderbet allez, daz an dir ist: herze, sinne, lîchame, sêle, krefte und swaz an dir und in dir ist, ez ist allez gar siech und verdorben. Des vliuch ze im, an dem kein gebreste enist, sunder allez guot, daz er sî ein gemeiner erlúser aller dîner verderpnisse an dir, inwendic und ûzwendic.

  Daran magst du denken, daß Gott ein allgemeiner Erlöser der ganzen Welt war, und dafür bin ich ihm viel mehr Dank schuldig, als wenn er mich allein erlöst hätte. So auch sollst du (für dich) ein allgemeiner Erlöser alles dessen sein, was du durch Sünden an dir verderbt hast; und mit alledem schmiege dich ganz an ihn, denn du hast mit Sünden verderbt alles, was an dir ist: Herz, Sinne, Leib, Seele, Kräfte und was an und in dir ist; es ist alles ganz krank und verdorben. Darum flieh zu ihm, an dem kein Gebresten ist, sondern lauter Gutes, auf daß er ein allgemeiner Erlöser für alle deine Verderbnis an dir sei, innen und außen.

- 48 Gott entfernt sich nie weiter als bis vor die Tür

17.
Wie sich der mensche in vride halte
ob er sich niht envindet ûf ûzerlîcher arbeit, als Kristus und vil heiligen hânt gehabet
wie er gote sül nâchvolgen

Wie sich der Mensch in Frieden halte
wenn er sich nicht in äußerer Mühsal findet, wie Christus und viele Heilige sie gehabt haben
wie er Gott nachfolgen solle

  Den liuten mac vorhte und krankheit dâ von komen, daz unsers herren Jêsû_Kristî leben und der heiligen alsô strenge und arbeitsam was und der mensche des niht vil vermac noch dar ûf ist getriben. Dar umbe, swenne sich die liute hier ane als unglîch vindent, sô ahtent sie sich dicke verre von gote, als dem sie niht enkünnen gevolgen. Daz ensol nieman tuon. Der mensche ensol sich deheine wîs niemer verre von gote genemen, weder umbe gebresten noch umbe krankheit noch umbe dehein dinc. Nû sî iemer, daz dich dîne grôze gebresten alsô ûztrîben, daz dû dich niht nâhen ze gote mügest nemen, sô solt dû dir doch got nâhen nemen. Wan dâ liget grôzer schade ane, daz der mensche im got verre setzet; wan der mensche gâ verre oder nâhe, got engât niemer verre, er blîbet ie stânde nâhent; und enmac er niht innen blîben, sô enkumet er doch niht verrer dan vür die tür.

  Die Leute kann wohl Furcht und Verzagtheit überkommen darüber, daß unseres Herrn Jesu Christi und der Heiligen Leben so streng und mühselig war, der Mensch aber nicht eben viel darin vermag und sich auch nicht dazu getrieben fühlt. Deshalb erachten sich die Menschen, wenn sie sich hierin so abweichend finden, oft als fern von Gott, als welchem sie nicht nachfolgen könnten. Das soll niemand tun! Der Mensch soll sich in keiner Weise je als fern von Gott ansehen, weder wegen eines Gebresten noch wegen einer Schwäche noch wegen irgend etwas sonst. Und wenn dich auch je deine großen Vergehen so weit abtreiben mögen, daß du dich nicht als Gott nahe ansehen könntest, so solltest du doch Gott als dir nahe annehmen. Denn darin liegt ein großes Übel, daß der Mensch sich Gott in die Ferne rückt; denn, ob der Mensch nun in der Ferne oder in der Nähe wandele: Gott geht nimmer in die Ferne, er bleibt beständig in der Nähe; und kann er nicht drinnen bleiben, so entfernt er sich doch nicht weiter als bis vor die Tür.

- 49 Nicht alle können Gott nachfolgen. Verzweifle nicht darüber

  Alsô ist ez nû in der gestrengicheit des nâchvolgennes. Daz merke, waz dînes nâchvolgennes dar ane sî. Dû solt merken und gemerket haben, war zuo dû von gote allermeist gemanet sîst; wan alle liute ensint mit nihte in úinen wec ze gote geruofen, als sant Paulus sprichet. Vindest dû denne, daz dîn næhster wec niht enist in vil ûzwendiger werke und grôzer arbeit oder in darbenne, - dâ alsô einvalticlîchen ouch niht grôz ane liget, der mensche enwerde denne sunderlîche dar zuo getriben von gote und habe die maht, daz wol ze tuonne âne irrunge sîner inwendicheit, - und envindest dû dis niht in dir, sô bis ganz ze vride und ennim dich des niht vil ane.

  So auch ist es mit der Strenge der Nachfolge. Achte darauf, in was deine Nachfolge darin bestehen kann. Du musst erkennen und darauf gemerkt haben, wozu du von Gott am stärksten gemahnt seist; denn mitnichten sind die Menschen alle auf einen Weg zu Gott gerufen, wie Sankt Paulus sagt (1 Kor. 7,24). Findest du denn, daß dein nächster Weg nicht über viele äußere Werke und große Mühsal oder Entbehrung läuft - woran schlechterdings soviel auch nicht gelegen ist, der Mensch werde denn eigens von Gott dazu getrieben und habe die Kraft, solches recht zu tun ohne Beirrung seiner Innerlichkeit - findest du davon also nichts in dir, so sei ganz zufrieden und laß dir nicht sehr daran gelegen sein.

- 50 Jeder nach seiner Weise

  Sô möhtest dû sprechen: enliget dar ane niht, wes hânt ez denne unser vorvarn, vil heiligen, getân?
  Sô gedenke: unser herre hât in die wîse gegeben und gap in ouch die maht, daz ze tuonne, daz sie der wîse möhten gevolgen, und im daz von in geviel; und dar inne solten súe irs besten bekomen. Wan got enhât des menschen heil niht gebunden ze deheiner sunderlîchen wîse. Waz úin wîse hât, daz enhât diu ander niht; daz mügen hât got allen guoten wîsen gegeben, und keiner guoten wîse enist daz versaget. Wan úin guot enist wider daz ander guot niht. Und dar an suln sich die liute merken, daz sie unreht tuont: sô sie etwenne einen guoten menschen sehent oder húrent von im sagen und er denne niht envolget úr wîse, sô ist ez allez verlorn; ob in ir wîse niht engevellet, sô enahtent sie ouch zehant ir guoten wîse und ir guoten meinunge niht. Daz enist niht reht. man sol mêr ahten der liute wîse, daz sie haben eine guote andâht, und versmæhen niemannes wîse. Ein ieglich enmac niht úin wîse gehaben, und alle menschen enmügen niht úin wîse gehaben noch ein mensche alle wîse noch eines ieclîchen wîse.

  Du könntest zwar sagen: Liegt nichts daran, weshalb haben's dann unsere Vorfahren, viele Heilige, so gemacht?
  So bedenke: Unser Herr hat ihnen diese Weise gegeben, gab ihnen aber auch die Kraft, so zu handeln, daß sie diese Weise durchhielten, und eben darin fand er bei ihnen sein Wohlgefallen; darin sollten sie ihr Bestes erreichen. Denn Gott hat der Menschen Heil nicht an irgendeine besondere Weise gebunden. Was eine Weise hat, das hat die andere nicht; das Leistungsvermögen aber hat Gott allen guten Weisen verliehen, und keiner guten Weise ist es versagt, denn ein Gutes ist nicht wider das andere. Und daran sollten die Leute bei sich merken, daß sie unrecht tun: wenn sie gelegentlich einen guten Menschen sehen oder von ihm sprechen hören, und er folgt dann nicht ihrer Weise, daß dann (für sie) gleich alles verloren gilt. Gefällt ihnen deren Weise nicht, so achten sie gleich auch deren gute Weise und ihre gute Gesinung nicht. Das ist nicht recht! Man soll bei der Leute Weise mehr darauf achten, daß sie eine gute Meinung haben, und niemandes Weise verachten. Nicht kann jeglicher nur eine Weise haben, und nicht können alle Menschen nur eine Weise haben, noch kann ein Mensch alle Weisen noch eines jeden Weise haben.

- 51 Ein jeder behalte seine gute Weise

  Ein ieglîcher halte sîne guote wîse und ziehe dar în alle wîse und neme in sîner wîse alliu guot und alle wîse. Wandelunge der wîse daz machet ein unstæte wîse und gemüete. Swaz dir mac gegeben úin wîse, daz maht dû ouch in der andern erkriegen, ob si guot und lobelich ist und got aleine meinet; noch alle menschen enmügen niht úinem wege gevolgen. Und alsô ist ez ouch von dem nâchvolgenne der gestrengicheit solcher heiligen. Die wîse solt dû wol minnen und mac dir wol gevallen, der dû doch niht endarft nâchvolgen.

  Ein jeder behalte seine gute Weise und beziehe alle (anderen) Weisen darin ein und ergreife in seiner Weise alles Gute und alle Weisen. Wechsel der Weise macht Weise und Gemüt unstet. Was dir die eine Weise zu geben vermag, das kannst du auch in der anderen erreichen, dafern sie nur gut und löblich ist und Gott allein im Auge hat. Überdies können nicht alle Menschen einem Wege folgen. So ist es auch mit der Nachfolge des strengen Lebenswandels jener Heiligen. Solche Weise sollst du wohl lieben, und sie mag dir wohlgefallen, ohne daß du ihr doch nachzufolgen brauchst.

- 52 Jeder soll Jesus auf seine eigene Weise nachfolgen

  Nû möhtest dû sprechen: unser herre Jêsus_Kristus der hâte ie die húhste wîse, dem suln wir iemer von rehte nâchvolgen.
  Daz ist wol wâr! Unserm herren sol man billîche nâchvolgen, aber doch in áller wîse niht. Unser herre vaste vierzic tage. Alsô ensol sich des nieman anenemen, daz er alsô volge. Kristus der hât vil werke getân, dâ mite er meinte, daz wir im geistlîchen süln nâchvolgen und niht lîplîchen. Und dar umbe sol man sich vlîzen, daz man vernünfticlîchen künne nâchvolgen; wan er hât mêr gelâget unserre minne dan unsern werken. Wir suln im ie úigenlîchen nâchvolgen.

  Nun könntest du sagen: unser Herr Jesus Christus, der hatte allemal die höchste Weise; dem sollten wir von Rechts wegen stets nachfolgen.
  Das ist wohl wahr. Unserm Herrn soll man billigerweise nachfolgen, und doch nicht in jeder Weise. Unser Herr, der fastete vierzig Tage; niemand aber soll es unternehmen, ihm darin zu folgen. Christus hat viele Werke getan in der Meinung, daß wir ihm geistig und nicht leiblich nachfolgen sollen. Darum soll man beflissen sein, daß man ihm in geistiger Weise nachfolgen könne; denn er hat es mehr abgesehen auf unsere Liebe als auf unsere Werke. Wir sollen ihm je auf eigene Weise nachfolgen.

- 53 Du sollst Jesus in geistiger, nicht in leiblicher Weise nachfolgen

  Als wie?
  Daz merke: in allen dingen. - Wie und in welher wîse?
  Als ich dicke hân gesprochen: ich ahte vil bezzer ein vernünftigez werk dan ein lîplîchez werk.
  Als wie?
  Kristus hât gevastet vierzic tage. Dar ane volge im, daz dû war nemest, war zuo dû allermeist sîst geneiget oder bereit: dâ verlâz dich ane und nim wol dîn selbes war. Daz gebürt dir dicke mêr und unbekümbert ze lâzenne, dan ob dû zemâle vastest aller spîse. Und alsô ist dir etwenne swærer ein wort ze verswîgenne, dan ob man zemâle swîge von aller rede. Und alsô ist einem menschen etwenne swærer ze vertragenne ein kleinez smæhelîchez wort, dâ niht ane enist, dan im lîhte wære ein grôzer slac, dâ er sich ûf gesetzet hât, und ist im vil swærer aleine ze sînne in der menige dan in der wüeste, und ist im dicke ein kleinez dinc swærer ze lâzenne dan ein grôz und ein kleinez werk ze üebenne dan einez, daz man vür vil grôz hât. Alsus mac der mensche wol unserm herren nâchvolgen nâch sîner krankheit und enmac noch endarf sich niemer verre dâ von genemen.

  Wie denn?
  Hör zu: In allen Dingen! - Wie und in welcher Weise?
  So wie ich's schon oft gesagt habe: Ich erachte ein geistiges Werk für viel besser als ein leibliches [7].
  Wieso?
  Christus hat vierzig Tage gefastet. Darin folge ihm damit, daß du darauf achtest, wozu du am meisten geneigt oder bereit bist: auf das verlege dich und achte scharf auf dich selbst. Es gebührt dir oft, davon mehr und unbekümmert abzulassen, als daß du dich ganz aller Speise enthälst. So auch ist's dir manchmal schwerer, ein Wort zu verschweigen, als daß man sich überhaupt aller Rede enthalte. Und so fällt es einem Menschen manchmal auch schwerer, ein kleines Schmähwort, das nichts auf sich hat, hinzunehmen, als vielleicht einen schweren Schlag, auf den er sich gefasst gemacht hat, und es ist ihm viel schwerer, allein zu sein in der Menge als in der Einöde, und es ist ihm oft schwerer, etwas Kleines zu lassen als etwas Großes, und ein kleines Werk zu verrichten als eines, das man für groß erachtet. So kann der Mensch in seiner Schwachheit unserm Herrn recht wohl nachfolgen und kann noch braucht sich nicht für weit von ihm entfernt zu halten.

- 54 Speise und Kleider sind nicht so wichtig, auf die innere Einstellung kommts an

18.
In welher wîse der mensche mac nemen, als im gebürt, zarte spîse und hôhiu kleit und vrúlîche gesellen, als im die anehangent nâch gewonheit der natûre

In welcher der Mensch, wie sich's ihm fügt, hinnehmen mag feine Speise, vornehme Kleider und fröhliche Gesellen, wie sie ihm der Naturgewohnheit gemäß anhangen

  Dû endarft in dúr wîse niht sîn beworren mit spîse noch mit kleidern, ob sie dich ze guot dünkent, sunder wene dînen grunt und dîn gemüete, daz ez verre dar über erhaben sî, und ez ensol niht berüeren ze mügenne noch ze minnenne dan aleine got; über diu andren dinc alliu sol ez erhaben sîn.
  War umbe?
  Wan daz wære ein krankiu inwendicheit, die daz ûzerlîche kleit solte berihten; daz inner sol daz ûzer berihten, als ez aleine an dir stât. Mêr: sô ez dir anders zuovellet, sô maht dû ez ûz dînem grunde guot nemen alsô, daz dû dich dar inne vindest, geviele ez anders, daz dû ez gerne und williclîche wöltest nemen. Alsô ist ez ouch mit der spîse und mit den vriunden und mâgen und mit allem dem, daz dir got gebe oder neme.

  Du brauchst dich nicht über Speise [s. Dist. I] und Kleider [s. Dist. I] in der Weise zu beunruhigen, daß sie dich zu gut dünken; gewöhne vielmehr deinen (innersten) Grund und dein Gemüt daran, weit darüber erhaben zu sein. Nichts soll dein Gemüt berühren zu Lust oder Liebe als Gott allein; über alle anderen Dinge soll es erhaben sein.
  Warum?
  Nun, weil es eine schwache Innerlichkeit wäre, die durch das äußere Kleid in's Rechte gesetzt werden müsste; das innere soll vielmehr das äußere recht bestimmen, soweit das allein bei dir steht. Fällt es (d.h. das äußere Kleid) dir aber anders zu, so kannst du's aus deinem innersten Grunde in der Weise als gut hinnehmen, daß du dich so darin erfindest, daß, wenn es wiederum anders ausfiele, du es ebenfalls gern und willig hinnehmen wolltest. So auch ist es mit der Speise und mit den Freunden und Verwandten und mit allem, was Gott dir geben oder nehmen möge [8].

- 55 Das Beste: der Mensch solle sich Gott gänzlich überlassen

  Und alsô ahte ich daz bezzer dan alliu dinc, daz sich der mensche gote lâze grúzlîche, swenne er ûf in ihtes werfen welle, ez sî smâcheit, ez sî arbeit, ez sî, swaz lîdens daz sî, daz er ez mit vröuden und danknæmicheit neme und lâze sich got mêr vüeren, dan daz sich der mensche selber dar în setze. Und dar umbe lernet gerne alliu dinc von gote und volget im, sô wirt iu reht! Und in dem sô mac man wol êre nemen oder gemach. Geviele aber ungemach und unêre ûf den menschen, daz man die ouch tragen möhte und gerne wölte tragen. Und dar umbe mit allem rehte und urteile mügen die wol ezzen, die als reht und bereit wæren ze dem vastenne.
  Und daz ist wol diu sache, daz got sîne vriunde grôz und vil lîdens überhebet; und daz enmöhte sîn unmæzigiu triuwe anders niht erlîden, dar umbe daz sô vil und sô grôzer vrume in dem lîdene liget, und er die sînen niht enwil noch enzimet ze versûmenne in deheinen guoten dingen; und er læzet sich wol benüegen an einem guoten gerehten willen; anders enlieze er in kein lîden engân umbe den unzellîchen vrumen, der in dem lîdene liget.

  Und so erachte ich dies als besser denn alles: daß sich der Mensch gänzlich Gott überlasse, so daß, wenn immer Gott irgend etwas ihm aufbürden wolle, sei's Schmach, Mühsal oder was es sonst für ein Leiden sei, er es mit Freuden und Dankbarkeit hinnehme und sich mehr von Gott führen lasse, als daß der Mensch sich selbst darein versetze. Und darum lernet gern von Gott in allen Dingen und folget ihm, so wird's recht mit euch! Und dabei kann man dann auch Ehre und Gemach hinnehmen. Befiele den Menschen aber Ungemach und Unehre, so würde man auch die ertragen und gern ertragen wollen. Und darum mögen dann die mit vollem Recht und Fug getrost essen, die ebenso recht bereit zum Fasten wären.
  Und das ist wohl auch der Grund dafür, daß Gott seine Freunde großen und vielen Leidens enthebt; sonst könnte das seine unermessliche Treue gar nicht zulassen, weil ja doch so viel und so großer Segen im Leiden liegt und er die Seinen nichts Gutes versäumen lassen darf. Er aber läßt sich's wohl genügen an einem guten, rechten Willen; sonst ließe er ihnen kein Leiden entgehen um des unaussprechlichen Segens willen, der im Leiden liegt.

- 56 Sieh zu, daß du dich in all deinen Werken in Christus hineinbildest

  Und alsô, die wîle got benüeget, sô bis ze vride; wanne im ein anderz behaget an dir, sô bis ouch ze vride. Wan der mensche sol inwendic gote sô ganz sîn in allem sînem willen, daz er sich niht vil bewerre weder mit wîse noch mit werken. Und sunderlîche solt dû vliehen alle sunderlicheit, ez sî an kleidern, an spîse, an worten - als hôhiu wort ze redenne - oder sunderlicheit der gebærde, dâ kein nutz ane liget. Mêr: doch solt dû wizzen, daz dir niht enist verboten álliu sunderlicheit. Ez ist vil sunderlicheit, die man in vil zîten und bî vil liuten halten muoz; wan, der sunderlich ist, der muoz ouch sunderlicheit tuon ze maniger zît in vil wîsen.
  Der mensche sol sich îngebildet haben in unsern herren Jêsum_Kristum inwendic in allen dingen, daz man in im vinde einen widerschîn aller sîner werke und sîner götlîchen bilde; und sol der mensche in im tragen in einer volkomenen glîchunge, als verre als er mac, alliu sîniu werk. Dû solt würken, und er sol nemen. Tuo dû dîn werk ûz aller dîner andâht und ûz aller dîner meinunge; des wene dîn gemüete ze aller zît und daz dû dich in allen dînen werken in in erbildest.

  Dieweil es denn also Gott genügt, so sei (auch du) zufrieden; wenn ihm aber ein anderes an dir gefällt, so sei auch (dann) zufrieden. Denn der Mensch soll innerlich so völlig mit seinem ganzen Willen Gott angehören, daß er sich nicht viel mit Weisen noch mit Werken beunruhigen soll. Zumal aber sollst du alle Sonderlichkeit fliehen, sei's in Kleidung, in Speise, in Worten - wie etwa große Worte zu machen - oder Sonderlichkeit der Gebärden, die zu nichts nütze ist. Indessen sollst du doch auch wissen, daß dir nicht jede Besonderheit verboten ist. Es gibt viel Besonderes, was man zu manchen Zeiten und bei vielen Leuten einhalten muß; denn wer ein Besonderer ist, der muß auch viel Besonderes tun zu mancher Zeit auf vielerlei Weisen.
  Der Mensch soll sich innerlich in allen Dingen hineingebildet haben in unsern Herrn Jesum Christum, so daß man in ihm einen Widerschein aller seiner Werke und göttlichen Erscheinung finde; und es soll der Mensch in vollkommener Angleichung, soweit er's vermag, alle seine (= Christi) Werke in sich tragen. Du sollst wirken, und er soll (Gestalt) annehmen. Tu du dein Werk aus deiner vollen Hingabe und aus deiner ganzen Gesinnung; daran gewöhne dein Gemüt zu aller Zeit und daran, daß du dich in allen deinen Werken in ihn hineinbildest.

- 57 Einzig auf Gott soll der Mensch bauen

19.
War umbe got ofte gestatet, daz guote liute, die in der wârheit guot sint, daz sie dicke werdent gehindert von irn guoten werken

Warum Gott oft gestattet, daß gute Menschen, die wahrhaft gut sind, oft von ihren guten Werken gehindert werden

  Dar umbe gestatet des der getriuwe got, daz dicke sîne vriunde vallent in krankheit, ûf daz in aller enthalt abegâ, dâ sie sich ûf neigen oder enthalten möhten. Wan daz wære einem minnenden menschen ein grôziu vröude, daz er vil und grôziu dinc vermöhte, ez sî an wachenne, an vastenne oder an andern üebungen und an sunderlîchen, grôzen und swæren dingen; diz ist in ein grôziu vröude und ein stiurunge und ein hoffenunge, alsô daz in iriu werk sint als ein enthalt und ein stiurunge und ein zuoverlâz. Daz wil unser herre in abenemen und wil, daz er aleine ir enthalt und zuoverlâz sî. Und daz tuot er umbe niht anders dan durch sîne einvaltigen güete und barmherzicheit. Wan got enbeweget niht ze deheinem werke dan sîn eigeniu güete; nihtes endienent unseriu werk dar zuo, daz uns got iht gebe oder uns tuo. Daz wil unser herre, daz sîne vriunde disem entvallent, und dar umbe nimet er sie abe von disem enthalte, ûf daz er aleine ir enthalt müeze sîn. Wan er wil in grôz geben und enwil umbe nihtes dan von sîner vrîen güete; und er sol ir enthalt und trôst sîn, und sie suln ein lûter niht sich vinden und sich ahten in allen den grôzen gâben gotes; wan ie blôzer und lediger daz gemüete ûf got vellet und von im enthalten wirt, ie der mensche tiefer in got gesetzet wirt und in allen den wirdigesten gâben gotes enpfenclîcher wirt. Wan der mensche sol aleine ûf got bûwen.

  Nur deshalb läßt der getreue Gott zu, daß seine Freunde oft in Schwachheit fallen, damit ihnen aller Halt abgehe, auf den sie sich hinneigen oder stützen könnten. Denn es wäre für einen liebenden Menschen eine große Freude, wenn er viele und große Dinge vermöchte, sei's im Wachen, im Fasten oder in anderen Übungen, sowie in besonderen, großen und schweren Dingen; dies ist ihnen eine große Freude, Stütze und Hoffnung, so daß ihnen ihre Werke Halt, Stütze und Verlass sind. (Gerade) das (aber) will unser Herr ihnen wegnehmen und will, daß er allein ihr Halt und Verlass sei. Und das tut er aus keinem anderen Grunde als aus seiner bloßen Güte und Barmherzigkeit. Denn Gott bewegt nichts (anderes) zu irgendeinem Werke als seine eigene Güte; nichts frommen unsere Werke dazu, daß Gott uns etwas gebe oder tue. Unser Herr will, daß seine Freunde davon loskommen, und deshalb entzieht er ihnen solchen Halt, auf daß er allein ihr Halt sei. Denn er will ihnen Großes geben und will's rein nur aus seiner freien Güte; und er soll ihr Halt und Trost sein, sie aber sollen sich als ein reines Nichts erfinden und erachten in all den großen Gaben Gottes. Denn je entblößter und lediger das Gemüt Gott zufällt und von ihm gehalten wird, desto tiefer wird der Mensch in Gott versetzt, und um so empfänglicher wird er Gottes in allen seinen kostbarsten Gaben, denn einzig auf Gott soll der Mensch bauen.

- 58 Laß die Liebe zu Gott wachsen und gehe immer öfter zum Sakrament

20.
Von unsers herren lîchamen, wie man den nemen sol ofte und in welher wîse und andâht

Von unseres Herrn Leib, daß man den oft empfangen soll und in welcher Weise und Andacht

  Swer den lîchamen unsers herren gerne nemen wil, der endarf niht warten des, daz er in im bevinde oder smecke, oder wie grôz diu innicheit oder andâht sî, sunder er sol war nemen, wie getân sîn wille und meinunge sî. Dû ensolt niht grôz wegen, wes dû enpfindest, mêr: ahte grôz, waz dû minnest und waz dû meinest.
  Der mensche, der vrîlîche wil und mac ze unserm herren gân, der sol ze dem êrsten an im haben, daz er sîn gewizzen vinde âne allez strâfen der sünden Daz ander ist, daz des menschen wille in got sî gekêret, daz er nihtes enmeine und daz in nihtes niht gelüste dan gotes und daz zemâle götlich ist, und daz im missevalle, waz gote unglîch ist. Wan an dem selben sol ouch der mensche prüeven, wie verre und wie nâhe er gote sî: rehte als vil er des minner oder mêr hât. Daz dritte ist, daz er an im sol haben, daz diu minne ze dem sacramente und ze unserm herren dâ von mêr und mêr wahse und daz diu êrbære vorhte dâ von sich niht minre von dem dicken zuogânne. Wan, daz dâ dicke ist úines menschen leben, daz ist des andern tôt. Dar umbe solt dû daz merken in dir, ob dîn liebe wahse ze gote und diu êrbæricheit niht verlischet; ie dû denne dicker ze dem sacramente gâst, ie dû verre bezzer bist und ouch vil und verre bezzer und nützer ist. Und dar umbe enlâz dir dînen got niht abesprechen noch predigen; wan ie mêr, ie bezzer und gote vil lieber. Wan unsern herren gelüstet, daz er in dem und mit dem menschen wone.

  Wer den Leib unseres Herrn gern empfangen will, der braucht nicht danach zu schauen, was er in sich empfinde oder spüre oder wie groß seine Innigkeit oder Andacht sei, sondern er soll darauf achten, wie beschaffen sein Wille und seine Gesinnung seien. Du sollst nicht hoch anschlagen, was du empfindest; achte vielmehr für groß, was du liebst und erstrebst.
  Der Mensch, der unbekümmert zu unserm Herrn gehen will und kann, der muß zum ersten dies haben, daß er sein Gewissen frei von allem Vorwurf der Sünde finde. Das Zweite ist, daß des Menschen Wille zu Gott gekehrt sei, so daß er nach nichts strebe und ihn nach nichts gelüste denn nach Gott und nach dem, was völlig göttlich ist, und daß ihm missfalle, was Gott ungemäß ist. Denn eben daran soll der Mensch auch erkennen, wie fern oder wie nah er Gott sei: gerade daran, wieviel er weniger oder mehr von diesem Verhalten hat. Zum dritten muß ihm dies eigen sein, daß die Liebe zum Sakrament [9] und zu unserm Herrn dadurch mehr und mehr wachse und daß die Ehrfurcht dabei sich nicht mindere durch das häufige Hinzugehen. Denn was oft des einen Menschen Leben ist, das ist des andern Tod. Darum sollst du dein Augenmerk darauf in dir richten, ob deine Liebe zu Gott wachse und die Ehrfurcht nicht verlischt. Je öfter du dann zum Sakrament gehst, um soviel besser wirst du und um soviel besser und nützer ist es auch. Und darum laß dir deinen Gott nicht abreden noch abpredigen; denn je mehr, desto besser und Gott (nur) um so lieber. Gelüstet's doch unsern Herrn danach, daß er in dem und bei dem Menschen wohne.

- 59 Wir sollen in Gott verwandelt und völlig mit ihm vereint werden

  Nû möhtest dû sprechen: eyâ, herre, ich vinde mich als blôz und kalt und træge, dar umbe entar ich niht ze unserm herren gân!
  Sô spriche ich: deste baz bedarft dû, daz dû ze dînem gote gangest; wan von im wirst dû enzündet und hitzic und in im wirst dû geheiliget und im aleine zuogevüeget und geeiniget, wan dúe gnâde vindest dû in dem sacramente und niendert anders als eigenlîchen, daz dîne lîplîchen krefte dâ werdent geeiniget und gesament von der wirdigen kraft der lîplîchen gegenwerticheit unsers herren lîchamen alsô, daz alle zerströute sinne des menschen und gemüete diu werdent hier inne gesament und geeiniget, und die sunderlîche wâren ze sêre geneiget, die werdent hie ûfgerihtet und gote ordenlîchen erboten. Und von dem înwonenden gote sô werdent sie inwendic gewenet und gespenet von lîplîchen hindernissen der zîtlîchen dinge und werdent geringe ze götlîchen dingen, und, gesterket von sînem lîchamen, sô wirt dîn lîchame erniuwet. Wan wir suln in in werden gewandelt und alzemâle werden geeiniget, daz daz sîne unser wirt, und allez daz unser wirt sîn, unser herze und daz sîne úin herze und unser lîchame und der sîne úin lîchame. Alsô suln unser sinne und unser wille, meinunge, krefte und glider in in getragen werden, daz man sîn enpfinde und gewar werde in allen kreften lîbes und sêle.

  Nun könntest du sagen: Ach, Herr, ich finde mich so leer und kalt und träge, darum getraue ich mich nicht, zu unserm Herrn hinzugehen.
  Dann sage ich: Um so mehr bedarfst du's, daß du zu deinem Gott gehest! Denn in ihm wirst du entzündet und heiß, und in ihm wirst du geheiligt und ihm allein verbunden und vereint. Im Sakrament nämlich und nirgends sonst so eigentlich findest du die Gnade, daß deine leiblichen Kräfte durch die hehre Kraft der körperlichen Gegenwart des Leibes unseres Herrn so geeinigt und gesammelt werden, daß alle zerstreuten Sinne des Menschen und das Gemüt hierin gesammelt und geeinigt werden, und sie, die für sich getrennt zu sehr niederwärts geneigt waren, die werden hier aufgerichtet und Gott in Ordnung dargeboten. Und vom innewohnenden Gott werden sie nach innen gewöhnt und der leiblichen Hemmungen durch die zeitlichen Dinge entwöhnt und werden behende zu göttlichen Dingen; und, gestärkt durch seinen Leib, wird dein Leib erneuert. Denn wir sollen in ihn verwandelt und völlig mit ihm vereinigt werden (vgl. 2 Kor. 3,18), so daß das Seine unser wird und alles Unsere seins, unser Herz und das seine ein Herz, und unser Leib und der seine ein Leib. So sollen unsere Sinne und unser Wille und Streben, unsere Kräfte und Glieder in ihn hineingetragen werden, daß man ihn empfinge und gewahr werde in allen Kräften des Leibes und der Seele.

- 60 Dein Reichtum erfülle meine Armut, deine Unermeßlichkeit meine Leere, deine Unfaßbarkeit meine Menschheit

  Nû möhtest dû sprechen: eyâ, herre, ich enwirde niht grôzer dinge in mir gewar dan armuot. Wie getörste ich denne ze im gân?
  Entriuwen, wilt dû denne dîne armuot alle wandeln, sô ganc ze dem genüegenden schatze alles unmæzigen rîchtuomes, sô wirst dû rîch; wan dû solt daz wizzen in dir, daz er aleine ist der schatz, an dem dir mac genüegen und dich mac ervüllen. 'Dar umbe', sprich, 'wil ich ze dir gân, daz dîn rîchtuom ervülle mîne armuot und alliu dîn unmæzicheit ervülle mîne îtelkeit und dîn unmæzlîchiu, unbegriffenlîchiu gotheit ervülle mîne alze snúde verdorbene menscheit'.

  Nun könntest du sagen: Ach, Herr, ich werde nichts von großen Dingen in mir gewahr, sondern nur der Armut. Wie könnte ich da wagen, zu ihm zu gehen?
  Wahrhaftig, willst du denn deine Armut ganz wandeln, so gehe zu dem fülligen Schatz alles unermesslichen Reichtums, so wirst du reich; denn du sollst in dir gewiss sein, daß er allein der Schatz ist, an dem dir genügen und der dich erfüllen kann. "Darum", so sprich, "will ich zu dir gehen, auf daß dein Reichtum meine Armut erfülle und deine ganze Unermeßlichkeit erfülle meine Leere und deine grenzenlose, unfaßbare Gottheit erfülle meine allzu schnöde, verdorbene Menschheit."

- 61 Jesus hat alle Schuld gebüßt

  Eyâ, herre, ich hân vil gesündiget, ich enmac niht gebüezen!
  Des ganc ze im, er hât wirdiclîche gebüezet alle schulde. in im maht dû wol opfern daz wirdige opfer dem himelischen vater vür alle dîne schulde.

  "Ach Herr, ich habe viel gesündigt; ich kann's nicht abbüßen."
  Eben darum geh zu ihm, er hat gebührend alle Schuld gebüßt. In ihm kannst du dem himmlischen Vater das würdige Opfer für alle deine Schuld wohl opfern.

- 62 Gott und die Seele sind sich so nah, dass keine Kreatur und kein Engel einen Unterschied finden können

  Eyâ, herre, ich wölte gerne loben und ich enkan!
  Ganc ze im, er ist aleine ein anenemende danknæmicheit des vaters und ein unmæzic, wâr gesprochen, volkomen lop aller götlîchen güete.
  Kurzlîchen, wilt dû alles gebresten benomen werden alzemâle und mit tugenden und gnâden bekleidet werden und in den ursprunc wünniclîche geleitet und gevüeret werden mit allen tugenden und gnâden, sô halt dich alsô, daz dû daz sacrament wirdiclîche und dicke mügest nemen; sô wirst dû ze im geeinet und mit sînem lîchamen geedelt. Jâ, in dem lîchamen unsers herren wirt diu sêle alsô nâhe in got gevüeget, daz alle die engel, weder von Cherubîn noch von Seraphîn, enmügen den underscheit niht gewizzen noch vinden zwischen in beiden. Wan, swâ sie got rüerent, dâ rüerent sie die sêle, und swâ die sêle, dâ got. Nie enwart sô nâhiu einunge, wan diu sêle ist vil næher mit gote vereinet dan lîp und sêle, die úinen menschen machent. Disiu einunge ist vil næher, dan der einen tropfen wazzers güzze in ein vaz wînes: dâ wære wazzer und wîn, und daz wirt alsô in ein gewandelt, daz alle crêatûren niht enkünden den underscheit vinden.

  "Ach Herr, ich möchte gern lobpreisen, aber ich kann's nicht."
  Geh (nur) zu ihm, er allein ist ein für den Vater annehmbarer Dank und ein unermessliches, wahrgesprochenes, vollkommenes Lob aller göttlichen Güte.
  Kurz, willst du aller Gebresten völlig entledigt und mit Tugenden und Gnaden bekleidet und wonniglich in den Ursprung geleitet und geführt werden mit allen Tugenden und Gnaden, so halte dich so, daß du das Sakrament würdig und oft empfangen kannst; dann wirst du ihm zugeeint und mit seinem Leibe geadelt. Ja, im Leibe unseres Herrn wird die Seele so nahe in Gott gefügt, daß alle Engel, sowohl die der Cherubim wie die der Seraphim [10], keinen Unterschied zwischen ihnen beiden mehr wissen noch herausfinden können; denn wo sie Gott anrühren, da rühren sie die Seele an, und wo die Seele, da Gott. Nie ward so nahe Einung! Denn die Seele ist viel näher mit Gott vereint als Leib und Seele, die einen Menschen ausmachen. Diese Einung ist viel enger, als wenn einer einen Tropfen Wassers gösse in ein Fass Wein: da wäre Wasser und Wein; das aber wird so in eins gewandelt, daß keine Kreatur den Unterschied herauszufinden vermöchte.

- 63 Uns gebricht's an nichts als an einem rechten Glauben

  Nû möhtest dû sprechen: wie mac diz gesîn? Nû enpfinde ich nihtes niht!
  Waz liget dar ane? Ie dû minner enpfindest und grúzlîcher gloubest, ie dîn gloube lobelîcher ist und mêr geahtet und gelobet sol werden, wan ein ganz glouben ist vil mêr dan ein wænen in dem menschen. in im sô hân wir ein wâr wizzen. in der wârheit, uns engebrichet nihtes dan eines wâren glouben. Daz uns dünket, wir haben vil mêr guotes in einem dan in dem andern, daz enkumet niht dan von ûzern gesetzen, und enist an einem niht mêr dan an dem andern. Alsô, swer glîch gloubet, der nimet glîch und hât glîch.

  Nun könntest du sagen: Wie kann das sein? Ich empfinde doch gar nichts davon!
  Was liegt daran? Je weniger du empfindest und je fester du glaubst, um so löblicher ist dein Glaube, und um so mehr wird er geachtet und gelobt werden; denn ein ganzer Glaube ist viel mehr im Menschen als ein bloßes Wähnen. In ihm haben wir ein wahres Wissen. Fürwahr, uns gebricht's an nichts als an einem rechten Glauben. daß uns dünkt, wir hätten viel mehr Gutes in dem einen als in dem andern, das rührt nur von äußeren Satzungen her, und doch ist in dem einen nicht mehr als in dem anderen. Wer daher gleich glaubt, der empfängt gleich und hat gleich.

- 64 Über die obersten und die niedersten Kräfte

  Nû möhtest dû sprechen: wie möhte ich grúzer dinc glouben, die wîle ich mich niht alsô envinde, sunder mich gebrechlich vinde und geneiget ze vil dingen?
  Sich, dâ solt dû zwei dinc merken an dir, diu ouch unser herre an im hâte. Er hâte die obersten und die nidersten krefte; die hâten ouch zwei werk: sîne obersten krefte die hâten eine besitzunge und eine gebrûchunge êwiger sælicheit. Aber die nidersten krefte wâren in den selben stunden in dem meisten lîdenne und strîtenne ûf der erde, und der werke keinez enhinderte daz ander an sînem vürwurfe. Alsô sol in dir sîn, daz die obersten krefte suln sîn erhaben in got und im zemâle erboten und zuogevüeget. Mêr: triuwen, allez lîden sol man zemâle bevelhen dem lîchamen und den nidersten kreften und den sinnen; aber der geist sol sich mit ganzer kraft erheben und lediclîchen in sînen got versenken. Mêr: diu lîdunge der sinne und der nidersten krefte diu engât in niht ane noch disiu anvehtunge; wan, ie der strît mêrer und sterker ist, ie ouch der sic und diu êre des siges grúzer und lobelîcher ist; wan ie denne diu anvehtunge grúzer ist und der anstôz der untugent sterker ist und der mensche doch überwindet, ie ouch dir diu tugent eigener ist und dînem gote lieber ist. Und dar umbe: wilt dû dînen got wirdiclîche enpfâhen, sô nim war, wie dîne obersten krefte in dînen got gerihtet sîn und wie dîn wille den sînen willen suochende sî und waz dû an im meinende sîst und wie dîn triuwe an im bestanden sî.

  Nun könntest du sagen: Wie könnte ich an höhere Dinge glauben, dieweil ich mich nicht in solchem Stande finde, sondern gebrechlich und zu vielen Dingen hingeneigt?
  Sieh, da musst du auf zweierlei Dinge an dir achten, die auch unser Herr an sich hatte. Auch er hatte oberste und niederste Kräfte [vgl. die neunte Abhandlung im Prol. gen.], und die hatten auch zweierlei Werk: seine obersten Kräfte waren im Besitz und Genuss ewiger Seligkeit, die niedersten aber befanden sich zur selben Stunde im größten Leiden und Streiten auf Erden, und keines dieser Werke behinderte das andere an seinem Anliegen. So auch soll's in dir sein, daß die obersten Kräfte zu Gott erhoben und ihm ganz dargeboten und verbunden sein sollen. Mehr noch: alles Leiden, fürwahr, soll man ganz und gar dem Leibe und den niedersten Kräften und den Sinnen anbefehlen, wohingegen der Geist sich mit ganzer Kraft erheben und losgelöst in seinen Gott versenken soll. Das Leiden der Sinne aber und der niedersten Kräfte noch auch diese Anfechtung berühren ihn (= den Geist) nicht; denn je größer und je stärker der Kampf ist, um so größer und löblicher ist auch der Sieg und die Ehre des Sieges; denn je größer dann die Anfechtung und je stärker der Anstoß der Untugend ist und der Mensch (sie) doch überwindet, um so mehr ist dir auch die Tugend zu eigen und um so lieber deinem Gott. Und darum: Willst du deinen Gott würdig empfangen, so achte darauf, daß deine obersten Kräfte auf deinen Gott gerichtet seien, daß dein Wille seinen Willen sucht, und worauf du's bei ihm abgesehen hast und wie deine Treue zu ihm bestellt sei.

- 65 Über den Empfang des Leibes unseres Herrn

  Der mensche enpfæhet den werden lîchamen unsers herren niemer in disem, er enpfâhe sunderlîche grôze gnâde, und ie dicker, ie nützer. Jâ, der mensche möhte den lîchamen unsers herren nemen in solcher andâht und meinunge, wære der mensche in der ordenunge, daz er sölte komen in den understen kôr der engel, er möhte in alsô enpfâhen ze úinem mâle, daz er in den andern würde erhaben; jâ, in solcher andâht möhtest dû in enpfâhen, dû würdest geahtet in den ahten oder in den niunden kôr. Dar umbe: wæren zwêne menschen in allem lebenne glîch und hæte der einez unsers herren lîchamen mit wirdicheit úin mâl enpfangen mêr dan der ander, durch daz sol der mensche iemer sîn als ein glitzendiu sunne vor dem andern und sol ein sunderlîche einunge mit gote haben.

  Nimmer empfängt der Mensch in solchem Stande den teuren Leib unseres Herrn, er empfange denn dabei sonderlich große Gnade; und je öfter, um so segensvoller. Ja, der Mensch vermöchte den Leib unseres Herrn in solcher Andacht und Gesinnung zu empfangen, daß, wenn der Mensch darauf hingeordnet wäre, in den untersten Chor der Engel zu kommen, er ihn bei einem einzigen Mal so empfangen könnte, daß er in den zweiten Chor erhoben würde; ja, in solcher Andacht vermöchtest du ihn empfangen, daß du des achten oder des neunten Chores wert erachtet würdest. Darum: wären zwei Menschen im ganzen Leben gleich, und hätte der eine nur einmal mehr unseres Herrn Leib mit Würdigkeit empfangen als der andere, so wird dieser Mensch dadurch vor dem anderen wie eine strahlende Sonne sein, und er wird eine besondere Einung mit Gott erlangen.

- 66 Gott nachgehen und ihm folgen, das ist Ewigkeit

  Diz nemen und diz sælige niezen des lîchamen unsers herren enliget niht aleine an ûzwendigem niezenne, ez liget ouch an einem geistlîchen niezenne mit begirlîchem gemüete und in einunge in andâht. Diz mac der mensche sô getriulîchen nemen, daz er rîcher wirt an gnâden dan kein mensche ûf ertrîche. Diz mac tuon der mensche tûsentstunt in dem tage und mêr, er sî, swâ er sî, er sî siech oder gesunt. Mêr: man sol sich sacramentlîchen dar zuo vüegen und nâch wîse guoter ordenunge und nâch grôzheit der begerunge. Enhât man aber der begerunge niht, sô reize man sich dar zuo und bereite sich dar zuo und halte sich dar nâch, sô wirt man heilic in der zît und sælic in der êwicheit; wan gote nâchgân und im volgen, daz ist êwicheit. Die gebe uns der lêrære der wârheit und der minnære der kiuscheit und daz leben der êwicheit. Âmen.

  Dieses Empfangen und selige Genießen des Leibes unseres Herrn hängt nicht nur am äußeren Genuss, sondern liegt auch im geistigen Genuss mit begehrendem Gemüt und in andachtsvoller Einung. Dies kann der Mensch so vertrauensvoll empfangen, daß er reicher an Gnaden wird als irgendein Mensch auf Erden. Dies kann der Mensch tausendmal am Tag und öfter vollziehen, er sei, wo er wolle, ob krank oder gesund. Jedoch soll man sich wie zum Sakramentsempfang dazu bereiten und nach der Weise guter Verordnung und entsprechend der Stärke des Verlangens. Hat man aber kein Verlangen, so reize und bereite man sich dazu und halte sich dementsprechend, so wird man heilig in der Zeit und selig in der Ewigkeit; denn Gott nachgehen und ihm folgen, das ist Ewigkeit. Die gebe uns der Lehrer der Wahrheit und der Liebhaber der Keuschheit und das Leben der Ewigkeit. Amen. 7

- 67 Über die Beichte

21.
Von dem vlîze

Vom Eifer

  Swenne ein mensche unsers herren lîchamen wil nemen, sô mac ez wol zuogân âne grôz bekümbernisse. Sô ist ez zimelich und sêre nütze, daz man vor bîhte, ouch ob man keine strâfunge hât, umbe die vruht des sacramentes der bîhte. Wære aber, daz den menschen iht strâfete, und mac der bîhte vor bekümbernisse niht bekomen, sô gange er ze sînem gote und gebe sich dem schuldic mit grôzem riuwenne und sî ze vride, biz daz er muoze habe der bîhte. Entvallent hier inne die gedanken oder daz strâfen der sünde, sô mac er gedenken, got habe ir ouch vergezzen. man sol gote ê bîhten dan den menschen, und, ist man schuldic, die bîhte vor gote grôz wegen und sêre strâfen. Ouch ensol man niht lîhticlîchen, als man ze dem sacramente wil gân, daz übergân und underwegen lâzen durch ûzerlîchez lîden, wan des menschen múinunge an den werken gereht und götlich ist und guot.

  Wenn ein Mensch unseres Herrn Leib empfangen will, so mag er wohl ohne große Besorgnis hinzutreten. Es ist aber geziemend und sehr nützlich, daß man vorher beichte, selbst wenn man kein Schuldbewusstsein hat, (nur) um der Frucht des Sakramentes der Beichte willen. Wär's aber, daß den Menschen irgend etwas schuldig spräche, er aber vor Belastung nicht zur Beichte zu kommen vermag, so gehe er zu seinem Gott und gebe sich dem schuldig in großer Reue und sei's zufrieden, bis er Muße zur Beichte habe. Entfällt ihm inzwischen das Bewusstsein oder der Vorwurf der Sünde, so mag er denken, Gott habe sie auch vergessen. Man soll Gott eher beichten als den Menschen, und, wenn man schuldig ist, die Beichte vor Gott sehr ernst nehmen und sich scharf anklagen. Dies aber soll man, wenn man zum Sakrament gehen will, nicht leichtfertig übergehen und beiseite lassen um äußerer Buße willen, denn nur die Gesinnung des Menschen in seinen Werken ist gerecht und göttlich und gut.

- 68 Halte dein Inneres verschlossen und gegenwärtig, hüte dich vor inneren und äußeren Bildern

  Man sol daz lernen, daz man ún den werken ledic sî. Daz ist aber einem ungeüebeten menschen ungewonlich ze tuonne, daz ez der mensche dar zuo bringe, daz in kein menige noch kein werk enhinder - und dar zuo gehúret grôzer vlîz - und im got als gegenwertic sî und stæticlîche liuhte als blôz ze einer ieglîchen zît und in aller menige. Dar zuo gehúret gar ein behender vlîz und sunderlîche zwei dinc: daz ein, daz sich der mensche wol verslozzen habe inwendic, daz sîn gemüete sî gewarnet vor den bilden, diu ûzwendic stânt, daz sie ûzwendic im blîben und in keiner vremden wîse mit im wandeln und umbegân und keine stat in im vinden. Daz ander, daz sich sîn inwendigen bilde, ob ez bilde sîn oder ein erhabenheit des gemüetes, oder ûzwendic bilde oder swaz daz sî, daz der mensche gegenwertic hât, daz er sich in den iht zerlâze noch zerströuwe noch veriuzer in der menige. Der mensche sol alle sîne krefte dar zuo wenen und kêren und gegenwertic haben sîne inwendicheit.

  Man muß lernen, mitten im Wirken (innerlich) ungebunden zu sein. Es ist aber für einen ungeübten Menschen ein ungewöhnliches Unterfangen, es dahin zu bringen, daß ihn keine Menge und kein Werk behindere - es gehört großer Eifer dazu - und daß Gott ihm beständig gegenwärtig sei und ihm stets ganz unverhüllt zu jeder Zeit und in jeder Umgebung leuchte. Dazu gehört ein gar behender Eifer und insbesondere zwei Dinge: das eine, daß sich der Mensch innerlich wohl verschlossen halte, auf daß sein Gemüt geschützt sei vor den Bildern, die draußen stehen, damit sie außerhalb seiner bleiben und nicht in unsachgemäßer Weise mit ihm wandeln und umgehen und keine Stätte in ihm finden. Das andere, daß sich der Mensch weder in seine inneren Bilder, seine es nun Vorstellungen oder ein Erhobensein des Gemütes, noch in äußere Bilder oder was es auch sein mag, was dem Menschen (gerade) gegenwärtig ist, zerlasse noch zerstreue noch sich an das Vielerlei veräußere. Daran soll der Mensch alle seine Kräfte gewöhnen und darauf hinwenden und sich sein Inneres gegenwärtig halten.

- 69 Außen und Äußerliches

  Nû möhtest dû sprechen: der mensche muoz sich ûzkêren, sol er ûzwendigiu dinc würken; wan kein werk kan gewürket werden dan in sînem eigenen bilde.
  Daz ist wol wâr. Aber diu ûzerkeit der bilde ensint den geüebeten menschen niht ûzerlich, wan alliu dinc sint den inwendigen menschen ein inwendigiu götlîchiu wîse.

  Nun könntest du sagen: Der Mensch muß sich (aber doch) nach außen wenden, soll er Äußeres wirken; denn kein Werk kann gewirkt werden, es sei denn in der ihm eigenen Erscheinungsform.
  Das ist wohl wahr. Jedoch die äußeren Erscheinungsformen sind den geübten Menschen nichts Äußerliches, denn alle Dinge haben für die innerlichen Menschen eine inwendige göttliche Seinsweise.

- 70 Vernunft soll allein Gott eigen, gegenwärtig und nahe sein. Hüte dich vor den Kreaturen

  Dis ist vor allen dingen nôt: daz der mensche sîne vernunft wol und zemâle gote gewene und üebe, sô wirt im alle zît innen götlich. Der vernunft enist niht als eigen noch als gegenwertic noch als nâhe als got. Niemer gekêret si sich anderswar nâch. Ze den crêatûren enkêret si sich niht, ir engeschehe denne gewalt und unreht; si wirt dâ rehte gebrochen und verkêret. Dâ si denne ist verdorben in einem jungen menschen, oder swaz menschen daz ist, dâ muoz si mit grôzem vlîze gezogen werden und muoz man dar zuo tuon allez, daz man vermac, daz die vernunft her wider wene und ziehe. Wan, swie eigen oder natiurlich ir got sî, sô si doch mit dem êrsten wirt verkêret und wirt begründet mit den crêatûren und mit in verbildet und dar zuo gewenet, sô wirt si an dem teile alsô verkrenket und ungewaltic ir selbes und ir edeliu meinunge alsô sêre verhindert, daz aller vlîz, den der mensche vermac, der ist im iemer kleine genuoc, daz er sich alsô zemâle wider gewene. Sô er daz allez getuot, dannoch bedarf er stæter huote.

  Dies ist vor allen Dingen nötig: daß der Mensch seine Vernunft recht und völlig an Gott gewöhne und übe; so wird es allzeit in seinem Innern göttlich. Der Vernunft ist nichts so eigen und so gegenwärtig und so nahe wie Gott. Nimmer kehrt sie sich anderswohin. Den Kreaturen wendet sie sich nicht zu, ihr geschehe denn Gewalt und Unrecht, wobei sie geradezu gebrochen und verkehrt wird. Wenn sie dann in einem jungen oder sonst einem Menschen verdorben ist, dann muß sie mit großem Bemühen gezogen werden, und man muß alles daransetzen, was man vermag, das die Vernunft wieder hergewöhnen und herziehen kann. Denn so zu eigen und so naturgemäß Gott ihr auch sein mag: sobald sie erst einmal falsch gerichtet und auf die Kreaturen gegründet, mit ihnen bebildert und an sie gewöhnt ist, so wird sie in diesem Teil so geschwächt und ihrer selbst so unmächtig und an ihrem edlen Streben so behindert, daß dem Menschen aller Fleiß, den er aufzubringen vermag, immer noch zu klein ist, sich völlig wieder zurückzugewöhnen. Und setzt er auch das alles daran, so bedarf er selbst dann noch beständiger Hut.

- 71 Der ungeübte und der geübte Mensch

  Vor allen dingen sô sol der mensche sehen dar zuo, daz er sich sêre und wol gewene. Daz sich ein ungewenet und ungeüebeter mensche alsô wölte halten und alsô tuon als ein gewenter mensche, der wölte sich alzemâle verderben und enwürde niemer nihtes ûz im. Swenne sich der mensche selber zemâle ze dem êrsten hât aller dinge entwenet und in entvremdet, dar nâch mac er danne gewærlîche alliu sîniu werk würken und der lediclîche gebrûchen und enbern âne alle hindernisse. Mêr: swaz der mensche minnende ist und lust nimet und im volget mit willen, ez sî in spîse oder in tranke oder in swaz dinge ez sî, daz enmac âne gebresten niht bestân in einem ungeüebeten menschen.

  Vor allen Dingen muß der Mensch darauf sehen, daß er sich selbst fest und recht gewöhne. Wollte sich ein ungewöhnter und ungeübter Mensch so halten und so handeln wie ein gewöhnter, der würde sich ganz und gar verderben, und es würde nichts aus ihm. Wenn sich der Mensch erst einmal aller Dinge selbst entwöhnt und sich ihnen entfremdet hat, so mag er hinfort dann umsichtig alle seine Werke wirken und sich ihnen unbekümmert hingeben oder sie entbehren ohne alle Behinderung. Hingegen: wenn der Mensch etwas liebt und Lust daran findet und er dieser Lust mit Willen nachgibt, sei's in Speise oder in Trank, oder in was immer es sei, so kann das bei einem ungeübten Menschen nicht ohne Schaden abgehen.

- 72 Es gibt kein Stehenbleiben. In allen Dingen Gott finden und erfassen

  Der mensche sol sich wenen, daz er des sînen in keinen dingen niht ensuoche noch enmeine und daz er got in allen dingen vinde und neme. Wan got engibet keine gâbe noch nie gegap, daz man die gâbe hæte und dar ane geruowete; sunder alle die gâbe, die er ie gegap in himel und ûf erden, die gap er alle dar umbe, daz er úine gâbe geben möhte: daz was er selber. Mit disen gâben allen wil er uns bereiten ze der gâbe, diu er selber ist; und alliu diu werk, diu got ie geworhte in himel und in erden, diu worhte er durch úines werkes willen, daz er daz möhte gewürken: daz ist in sæligen, daz er uns möhte sæligen. Alsô spriche ich: in allen gâben und in allen werken suln wir got lernen anesehen, und an nihte suln wir uns lâzen genüegen und an nihte stân blîben. Ze keiner wîse enist unsers stânnes in disem lebene, noch nie menschen enwart, swie verre er ouch ie kam. Vor allen dingen sol sich der mensche alle zît haben gerihtet gegen den gâben gotes und alwege niuwe.

  Der Mensch muß sich daran gewöhnen, in nichts das Seine zu suchen und zu erstreben, vielmehr in allen Dingen Gott zu finden und zu erfassen. Denn Gott gibt keine Gabe und hat noch nie eine gegeben, auf daß man die Gabe besitze und bei ihr ausruhe. Alle Gaben vielmehr, die er je im Himmel und auf Erden gegeben hat, die gab er alle nur zu dem Ende, daß er eine Gabe geben könne: die ist er selber. Mit allen jenen Gaben will er uns nur bereiten zu der Gabe, die er selber ist; und alle Werke, die Gott je im Himmel und auf Erden wirkte, die wirkte er nur, um ein Werk wirken zu können, d.h.: sich zu beseligen, auf daß er uns beseligen könne. So denn sage ich: In allen Gaben und Werken müssen wir Gott ansehen lernen, und an nichts sollen wir uns genügen lassen und bei nichts stehen bleiben. Es gibt für uns kein Stehenbleiben bei irgendeiner Weise in diesem Leben und gab es nie für einen Menschen, wie weit er auch je gedieh. Vor allen Dingen soll sich der Mensch allzeit auf die Gaben Gottes gerichtet halten und immer wieder von neuem.

- 73 Zweierlei Wille

  Ich spriche kurzlîchen von einem menschen, der wolte sêre gerne von unserm herren etwaz haben; dâ sprach ich: si enwære niht wol bereit, und gæbe ir got die gâbe alsô unbereit, sô sölte si verderben.
  Ein vrâge: war umbe was si niht bereit? Si hâte doch einen guoten willen, wan ir sprechet, daz úr alliu dinc vermüge und in dem alliu dinc und volkomenheit lige?
  Daz ist wâr. Ez sint zwêne sinne ze nemenne an dem willen: der ein ist ein zuovallender wille und ein ungewesenter wille, der ander ist ein zuoverhengender wille und machender wille und ein gewenter wille.

  Ich will kurz von einer erzählen, die wollte sehr gern von unserem Herrn etwas haben; ich aber sagte da, sie sei nicht recht bereitet, und wenn Gott ihr so unvorbereitet die Gabe gäbe, so würde diese verderben.
  Nun fragt ihr: "Warum war sie nicht bereitet? Sie hatte doch einen guten Willen, und Ihr sagt doch, daß der alle Dinge vermöge und in ihm lägen alle Dinge und (alle) Vollkommenheiten?"
  Das ist wahr, (jedoch) muß man beim Willen zweierlei Bedeutungen unterscheiden: Der eine Wille ist ein zufälliger und unwesentlicher Wille, der andere ist ein entscheidender und schöpferischer und ein eingewöhnter Wille.

- 74 Wohlgeübte Abgeschiedenheit. Wenn man unbereitet ist

  Triuwen, des enist niht genuoc, daz des menschen gemüete abegescheiden sî in einem gegenwertigen puncten, als man sich gote vüegen wil, sunder man muoz eine wolgeüebete abegescheidenheit haben, diu vor- und nâchgânde sî. Denne mac man grôziu dinc von gote enpfâhen und got in den dingen. Und ist man unbereit, man verderbet die gâbe und got mit der gâbe. Daz ist diu sache, daz uns got niht gegeben enmac alle zît, als wir ez biten. Ez gebrichet an im niht, wan im ist tûsentstunt gæher ze gebenne wan uns ze nemenne. Aber wir tuon im gewalt und unreht mit dem, daz wir in sînes natiurlîchen werkes hindern mit unser unbereitschaft.

  Traun, nun genügt's (aber) nicht, daß des Menschen Gemüt in einem eben gegenwärtigen Zeitpunkt, da man sich Gott (gerade) verbinden will, abgeschieden sei, sondern man muß eine wohlgeübte Abgeschiedenheit haben, die (schon) vorausgeht wie (auch) nachdauert; (nur) dann kann man große Dinge von Gott empfangen und Gott in allen Dingen. Ist man aber unbereitet, so verdirbt man die Gabe und Gott mit der Gabe. Das ist auch der Grund, weshalb uns Gott nicht allzeit geben kann, wie wir's erbitten. An ihm fehlt's nicht, denn er hat's tausendmal eiliger zu geben als wir zu nehmen. Wir aber tun ihm Gewalt an und Unrecht damit, daß wir ihn an seinem natürlichen Wirken hindern durch unsere Unbereitschaft.

- 75 Der Mensch muss lernen, nichts Eigenes zu behalten und nichts zu suchen

  Der mensche sol sich in allen gâben lernen selber ûz im tragen und niht eigens behalten noch nihtes ensuochen, weder nutz noch lust noch innicheit noch süezicheit noch lôn noch himelrîche noch eigenen willen. Got gegap sich nie noch engibet sich niemer in deheinen vremden willen. Niht engibet er sich dan in sîn selbes willen. Swâ got sînen willen vindet, dâ gibet er sich în und læzet sich in den mit allem dem, daz er ist. Und ie wir mêr des unsern entwerden, ie mêr wir in disem gewærlîcher werden. Dar umbe enist im niht genuoc, daz wir ze úinem mâle ûfgeben uns selber und allez, daz wir hân und vermugen, sunder wir suln uns dicke erniuwen und alsô einigen und erledigen uns selber in allen dingen.

  Der Mensch muß lernen, bei allen Gaben sein Selbst aus sich herauszuschaffen und nichts Eigenes zu behalten und nichts zu suchen, weder Nutzen noch Lust noch Innigkeit noch Süße noch Lohn noch Himmelreich noch eigenen Willen. Gott gab sich nie noch gibt er sich je in irgendeinen fremden Willen; nur in seinen eigenen Willen gibt er sich. Wo aber Gott seinen Willen findet, da gibt er und läßt er sich in ihn hinein mit allem dem, was er ist. Und je mehr wir dem Unsern entwerden, um so wahrhaftiger werden wir in diesem. Darum ist's damit nicht genug, daß wir ein einzelnes Mal uns selbst und alles, was wir haben und vermögen, aufgeben, sondern wir müssen uns oft erneuern und uns selber so in allen Dingen einfaltig und frei machen.

- 76 Der Mensch soll sich die Tugenden um ihrer selbst willen aneignen und verinnerlichen

  Ouch ist ez sêre nütze, daz im der mensche niht lâze genüegen dar ane, daz er hât die tugende in dem gemüete als gehôrsame, armuot und ander tugende, sunder der mensche sol sich selber an den werken und an den vrühten üeben der tugende und sich dicke versuochen und begern und wellen von den liuten werden geüebet und versuochet. Wan dâ mite enist ez niht genuoc, daz man tuo diu werk der tugent oder die gehôrsame getuon müge oder armuot oder smâcheit enpfâhen müge oder daz man sich mit einer andern wîse gedêmüetigen oder gelâzen müge, sunder man sol dar nâch stân und niemer ûfhúren, biz man die tugent gewinne in irm wesene und in irm grunde. Und daz man sie habe, daz mac man an dem prüeven: als man sich ze der tugent vindet geneiget vor allen dingen, und wenne man diu werk der tugent würket âne bereitunge des willen und würket sie ûz sunder eigenen ûfsaz einer gerehten oder grôzen sache und si würket sich als mêr durch sich selber und durch die minne der tugent und umbe kein warumbe - denne hât man die tugent volkomenlîche und niht ê.

  Auch ist es sehr von Nutzen, daß der Mensch sich nicht daran genügen lasse, daß er die Tugenden, wie Gehorsam, Armut und andere Tugend, (lediglich) im Gemüte habe; vielmehr soll sich der Mensch selbst in den Werken und Früchten der Tugend üben und sich oft erproben und (überdies) begehren und wünschen, durch die Leute geübt und erprobt zu werden, (denn) damit ist es nicht genug, daß man die Werke der Tugend wirke, Gehorsam leiste, Armut oder Verachtung auf sich nehme oder sich auf andere Weise demütig oder gelassen halte; man soll vielmehr danach trachten und nimmer aufhören, bis man die Tugend in ihrem Wesen und Grunde gewinne. Und daß man sie habe, das kann man daran erkennen: wenn man sich vor allen anderen Dingen zur Tugend geneigt findet und wenn man die Werke der Tugend wirkt ohne (besondere) Bereitung des Willens und sie ohne besonderen eigenen Vorsatz zu einer gerechten und großen Sache wirkt, sie sich vielmehr um ihrer selbst willen und aus Liebe zur Tugend und um keines Warum willen wirkt, - dann hat man die Tugend vollkommen und eher nicht.

- 77 Solange lerne man sich lassen, bis man nichts Eigenes mehr behält

  Als lange lerne man sich lâzen, biz daz man niht eigens enbeheltet. Al gestürme und unvride kumet zemâle von eigenem willen, man merke ez oder enmerke ez niht. man sol sich selber und mit allem dem sînen in einem lûtern entwerdenne willen und begerennes legen in den guoten und liebesten willen gotes mit allem dem, daz man wellen und begern mac in allen dingen.

  Solange lerne man sich lassen, bis man nichts Eigenes mehr behält. Alles Gestürm und aller Unfriede kommt allemal vom Eigenwillen, ob man's merke oder nicht. Man soll sich selbst mit allem dem Seinen in lauterem Entwerden des Wollens und Begehrens in den guten und liebsten Willen Gottes legen und mit allem dem, was man wollen und begehren mag in allen Dingen.

- 78 Innerlich so ganz gelassen sein, wie wenn man Gott gegenwärtig empfindet

  Ein vrâge: sol man sich ouch gotes süezicheit williclîche erwegen? Enmac daz denne niht ouch wol komen von trâcheit und von kleiner minne ze im?
  Jâ, harte wol âne daz bekennen des underscheides. Wan, ez kome von trâcheit oder von wârer abegescheidenheit oder von gelâzenheit, sô sol man merken, ob man sich hier inne vindet, als man sô gar von innen gelâzen ist, daz man denne gote als getriuwe ist, als man in dem grústen enpfindenne wære, daz man hier inne allez daz tuo, daz man dâ tæte, und niht minner, und daz man sich als abegescheidenlîche halte von allem trôste und helfunge, als man tæte, sô man gegenwerticlîchen got enpfünde.

  Eine Frage: Soll man sich auch alles süßen Gottgefühls mit Willen entschlagen? Kann das dann nicht auch wohl aus Trägheit und geringer Liebe zu ihm herrühren?
  Ja, gewiss wohl: wenn man den Unterschied übersieht. Denn, komme es nun von Trägheit oder von wahrer Abgeschiedenheit oder Gelassenheit, so muß man darauf achten, ob, wenn man innerlich so ganz gelassen ist, man sich in diesem Zustande so erfindet, daß man dann Gott genau so treu ist, wie wenn man im stärksten Empfinden wäre, daß man auch in diesem Zustande alles das tue, was man in jenem täte und nicht weniger, und daß man sich aller Tröstung und aller Hilfe gegenüber ebenso ungebunden halte, wie man's täte, wenn man Gott gegenwärtig empfände.

- 79 Dem rechten Menschen im vollkommen guten Willen kann keine Zeit zu kurz sein

  Dem rehten menschen in dem volkomen guoten willen enmac danne kein zît ze kurz sîn. Wan, wâ der wille alsô stât, daz er genzlîchen wil allez, daz er vermac - niht aleine nû, sunder, sölte er leben tûsent jâr, er wölte tuon allez, daz er vermöhte - dúr wille bezalt als vil, als man in tûsent jâren möhte getuon mit den werken: daz hât er allez getân vor gote.

  Dem rechten Menschen in solch vollkommen guten Willen kann denn auch keine Zeit zu kurz sein. Denn, wo es um den Willen so steht, daß er vollends alles will, was er vermag - nicht nur jetzt, sondern, sollte er tausend Jahre leben, er wollte alles tun, was er vermöchte -, ein solcher Wille trägt soviel ein, wie man in tausend Jahren mit Werken leisten könnte: vor Gott hat er alles getan.

- 80 Der Mensch, der ein neues Leben oder Werk beginnen will

22.
Wie man gote volgen sol und von guoter wîse

Wie man Gott nachfolgen soll und von guter Weise

  Der mensche, der eines niuwen lebens oder werkes wil bestân, der sol gân ze sînem gote, und von dem sol er mit grôzer kraft und ganzer andâht begern, daz er im vüege daz aller beste und daz im aller liebest und wirdigest sî, und enwelle und enmeine dâ nihtes des sînen dan aleine den liebesten willen gotes und anders niht. Swaz im danne got zuovüege, daz neme er âne mittel von gote und halte ez vür sîn aller bestez und sî dar inne ganz und zemâle ze vride.

  Der Mensch, der ein neues Leben oder Werk beginnen will, der soll zu seinem Gott gehen und von ihm mit großer Kraft und mit ganzer Andacht begehren, daß er ihm das Allerbeste füge und das, was ihm am liebsten und würdigsten sei, und er wolle und erstrebe dabei nicht das Seine, sondern einzig den liebsten Willen Gottes und sonst nichts. Was immer ihm Gott dann zufügt, das nehme er unmittelbar von Gott und halte es für sein Allerbestes und sei darin ganz und völlig zufrieden.

- 81 Diese Weise hat Gott dir zugewiesen und so sei sie ihm die allerbeste

  Swie wol im nâchmâles ein ander wîse baz gevellet, sô sol er gedenken: dise wîse hât dir got zuo gegeben, und sî im diu aller beste. Des sol er gote getriuwen und sol alle guote wîse in die selbe wîse ziehen und nemen alliu dinc in dem und nâch dem, swaz künnes sie sint. Wan, swaz got guotes hât getân und geben úiner wîse, daz mac man ouch vinden in állen guoten wîsen. Wan in úiner wîse sol man nemen alle guote wîse und niht die eigenschaft der wîse. Wan der mensche muoz ie einez tuon, er enmac niht alliu dinc getuon. Ez muoz ie einez sîn, und in dem einen sol man alliu dinc nemen. Wan, daz der mensche wölte allez tuon und diz und daz und von sîner wîse lâzen und nemen eines andern wîse, diu im nû vil baz geviele, in der wârheit, daz machete grôze unstæticheit; wan dúr mensche ê volkomen würde, der ûz der werlt kæme zemâle in úinen orden, dan dúr iemer würde, der ûz úinem orden kæme in einen andern, swie heilic der ouch gewesen wære: daz ist durch die wandelunge der wîse. Der mensche neme úine guote wîse und blîbe iemer dâ bî und bringe in die alle guote wîse und ahte, daz si von gote genomen sî, und beginne niht hiute einez und morgen ein anderz und sî âne alle sorge, daz er in dem iemer ihtes versûme. Wan mit gote enmac man niht versûmen; als wênic als got ihtes versûmen mac, als wênic mac man mit gote ihtes versûmen. Dar umbe nim einez von gote, und dar în ziuch allez guot.

  Obzwar ihm auch späterhin eine andere Weise besser gefällt, so soll er doch denken: Diese Weise hat Gott dir zugewiesen, und so sei sie ihm die allerbeste. Darin soll er Gott vertrauen, und er soll alle guten Weisen in eben diese selbe Weise miteinbeziehen und alle Dinge darin und demgemäß nehmen, welcher Art sie auch sein mögen. Denn, was Gott einer Weise an Gutem angetan und mitgegeben hat, das kann man auch in allen guten Weisen finden. In einer Weise eben soll man alle guten Weisen und nicht die Sonderheit (eben) dieser Weise ergreifen. Denn der Mensch muß jeweils nur eines tun, er kann nicht alles tun. Es muß je Eines sein, und in diesem Einen muß man alle Dinge ergreifen. Denn, wenn der Mensch alles tun wollte, dies und jenes, und von seiner Weise lassen und eines anderen Weise annehmen, die ihm just gerade viel besser gefiele, fürwahr, das schüfe große Unbeständigkeit. Wie denn der Mensch eher vollkommen würde, der aus der Welt ein [s. Dist. I 14] für allemal [s. Dist. I 16] in einen Orden träte, als der je werden könnte, der aus einem Orden in einen andern überginge [s. Dist. I 24], wie heilig der auch gewesen wäre: das kommt vom Wechsel der Weise. Der Mensch ergreife eine gute Weise und bleibe immer dabei und bringe in sie alle guten Weisen ein und erachte sie als von Gott empfangen und beginne nicht heute eines und morgen ein anderes und sei ohne alle Sorge, daß er darin je irgend etwas versäume. Denn mit Gott kann man nichts versäumen; so wenig Gott etwas versäumen kann, so wenig kann man mit Gott etwas versäumen. Darum nimm Eines von Gott, und dahinein ziehe alles Gute.

- 82 Wenn zwei Weisen sich nicht vertragen, dann kommt das nicht von Gott

  Ist aber, daz ez sich niht wil vertragen, daz einez daz ander niht enlîdet, daz sî dir ein gewis zeichen, daz ez von gote niht enist. úin guot enist wider daz ander niht; wan, als unser herre sprach: 'ein ieglich rîche, daz in im selber geteilet ist, daz muoz vergân', und als er ouch sprach: 'wer mit mir niht enist, der ist wider mich, und wer mit mir niht ensamenet, der zerströuwet', alsô sî dir ein gewis zeichen: welhez guot daz ander guot oder lîhte ein minner guot niht enlîdet oder zestúret, daz daz von gote niht enist. Ez solte bringen und niht zerstúren.

  Erweist sich's aber, daß es sich nicht vertragen will, so daß eines das andere nicht zulässt, so sei dir dies ein gewisses Zeichen, daß es nicht von Gott herrührt. Ein Gutes ist nicht wider das andere, denn wie unser Herr sagte: "Ein jeglich Reich, das in sich selbst geteilt ist, das muß vergehen" (Luk. 11, 17), und wie er ebenfalls sagte: "Wer nicht mit mir ist, der ist wider mich, und wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut" (Luk. 11, 23). So sei's dir ein gewisses Zeichen: Wenn ein Gutes ein anderes oder gar ein geringeres Gutes nicht zulässt oder (gar) zerstört, daß es nicht von Gott herrührt. Es sollte (etwas) einbringen und nicht zerstören.

- 83 Die Gutheit Gottes hat es auf das Allerbeste abgesehen

  Alsô wâren kurze rede, die hie învielen: daz dâ kein zwîvel enist, der getriuwe got nimet einen ieglîchen menschen in sînem aller besten.
  Daz ist sicher wâr, und niemer ennimet er keinen menschen ligende, den er möhte alsô stânde haben vunden, wan diu guotheit gotes meinet alliu dinc im aller besten.

  So lautete eine kurze Bemerkung, die hier eingeworfen wurde: daß kein Zweifel darüber bestehe, daß der getreue Gott einen jeglichen Menschen in seinem Allerbesten nimmt.
  Das ist sicherlich wahr, und nimmer nimmt er einen Menschen liegend, den er ebenso hätte stehend finden können; denn die Gutheit Gottes hat es für alle Dinge auf das Allerbeste abgesehen.

- 84 Gott ist der Vollender der Natur, nicht ihr Zerstörer. Der Mensch soll frei sein und Herr seiner Werke, unzerstört und ungezwungen

  Dô wart gevrâget, war umbe denne got niht ennæme die liute, die er kennet, daz sie ûz der gnâde des toufes sölten vallen, daz sie stürben in ir kintheit, ê daz sie ze ir bescheidenheit kæmen, wan er von in erkennet, daz sie sölten vallen und niht wider ûfstân - daz wære ir bestez?
  Dô sprach ich: got enist niht ein zerstúrer deheines guotes, sunder er ist ein volbringer! Got enist niht ein zerstúrer der natûre, sunder er ist ein volbringer. Ouch diu gnâde enzerstúret die natûre niht, si volbringet sie. Zerstôrte nû got die natûre alsô in dem beginnenne, sô geschæhe ir gewalt und unreht; des entuot er niht. Der mensche hât einen vrîen willen, dâ mite er gekiesen mac guot und übel, und leget im got vür in übeltuonne den tôt und in woltuonne daz leben. Der mensche sol sîn vrî und ein herre aller sîner werke und unzerstúret und ungetwungen. Gnâde enzerstúret niht die natûre, si volbringet sie. Diu glôrie enzerstúret niht gnâde, si volbringet sie, wan glôrie ist volbrâhtiu gnâde. Alsô enist niht in gote, daz dehein dinc zerstúre, daz iht wesens hât, sunder er ist ein volbringer aller dinge. Alsô ensuln wir kein kleine guot in uns zerstúren noch kleine wîse durch eine grôze, sunder wir suln sie volbringen in daz aller húhste.

  Da wurde gefragt, warum dann Gott jene Menschen, von denen er weiß, daß sie aus der Taufgnade fallen werden, nicht so von hinnen nehme, daß sie in ihrer Kindheit stürben, ehe sie noch zum Gebrauch der Vernunft kämen, wo er doch von ihnen weiß, daß sie fallen und nicht wieder aufstehen werden: das wäre (doch) ihr Bestes?
  Da sagte ich: Gott ist nicht ein Zerstörer irgendeines Gutes, sondern er ist ein Vollbringer. Gott ist nicht ein Zerstörer der Natur, sondern ihr Vollender. Auch die Gnade zerstört die Natur nicht, sie vollendet sie (vielmehr). Zerstörte nun Gott die Natur derart schon im Beginn, so geschähe ihr Gewalt und Unrecht; das tut er nicht. Der Mensch hat einen freien Willen, mit dem er Gutes und Böses wählen kann, und Gott legt ihm für das Übeltun den Tod und für das Rechttun das Leben (zur Wahl) vor [vgl. aber Ex. In Sap.]. Der Mensch soll frei sein und Herr seiner Werke, unzerstört und ungezwungen. Gnade zerstört die Natur nicht, sie vollendet sie, denn Verklärung ist vollendete Gnade. Es gibt also nichts in Gott, was etwas zerstörte, das irgendwie Sein hat; vielmehr ist er ein Vollender aller Dinge. Ebenso sollen (auch) wir kein noch so kleines Gutes in uns zerstören noch eine geringe Weise um einer großen willen, sondern wir sollen sie vollenden zum Allerhöchsten.

- 85 Der Mensch soll Gott in allen Dingen suchen und finden

  Alsô wart gesprochen von einem menschen, der solte eines niuwen lebens beginnen von niuwem, und sprach ich alsô in dirre wîse: daz der mensche solte werden ein gotsuochender in allen dingen und gotvindender mensche ze aller zît und in allen steten und bî allen liuten in allen wîsen. in disem mac man alle zît âne underlâz zuonemen und wahsen und niemer ze ende komen des zuonemennes.

  So wurde von einem Menschen gesprochen, der ein neues Leben von vorn beginnen sollte, und ich sprach in dieser Weise: daß der Mensch ein Gott in allen Dingen suchender und ein Gott zu aller Zeit und an allen Stätten und bei allen Leuten in allen Weisen findender Mensch werden müsste. Darin kann man allzeit ohne Unterlass zunehmen und wachsen und nimmer an ein Ende kommen des Zunehmens.

- 86 Der Mensch soll wirken

23.
Von den innerlîchen und ûzerlîchen werken

Von den inneren und äußeren Werken

  Ein mensche wölte sich in sich selber ziehen mit allen sînen kreften, inwendic und ûzwendic, und in dem selben stât er doch alsô, daz in im kein bilde noch getwanc enist, und stât alsô âne einic werk, inwendic und ûzwendic: dâ sol man wol war nemen, ob daz sich iht ziehen welle ze im selber. Ist aber, daz sich der mensche niht wil ze einem werke ziehen und sichs niht anenemen, sô sol man sich brechen in ein werk, ez sî inwendic oder ûzwendic, ó wan an nihte ensol sich der mensche lâzen genüegen, swie guot ez schînet oder sî -, wâ er sich vindet in herticheit oder in twingunge sîn selbes, daz man mêr mac nemen, daz der mensche dâ werde geworht dan daz er würke, daz der mensche dâ lerne mitewürken mit sînem gote. Niht, daz man dem innern sül entgân oder entvallen oder vermeinen, sunder in dem und mit dem und ûz dem sol man lernen würken alsô, daz man die innicheit breche in die würklicheit und die würklicheit înleite in die innicheit und daz man alsô gewone lediclîche ze würkenne. Wan man sol daz ouge ze disem inwendigen werke kêren und dar ûz würken, ez sî lesen, beten oder ob ez gebürt - ûzwendigiu werk. Wil aber daz ûzwendic werk daz inner zerstúren, sô volge man dem innern. Möhten sie aber beidiu sîn in einem, daz wære daz beste, daz man ein mitewürken hæte mit gote.

  Gesetzt, ein Mensch wollte sich in sich selbst zurückziehen mit allen seinen Kräften, den inneren und den äußeren, und er stände in diesem Zustand doch (überdies auch noch) so da, daß es in seinem Innern weder irgendeine Vorstellung noch (ihn) irgendeinen zwingenden Antrieb (von Gott her zum Wirken) gäbe und er solchergestalt ohne jedes Wirken, inneres oder äußeres, dastände: - da sollte man (dann) gut darauf achten, ob es dabei (in diesem Zustande) nicht von selber (den Menschen) zum Wirken hindrängt. Ist es aber so, daß es den Menschen zu keinem Werk zieht und er nichts unternehmen mag, so soll man sich gewaltsam zwingen zu einem Werk, sei's ein inneres oder ein äußeres - denn an nichts soll sich der Mensch genügen lassen, wie gut es auch scheint oder sein mag -, damit, wenn er sich (ein andermal) unter hartem Druck oder Einengung seiner selbst (durch das Wirken Gottes) so befindet, daß man eher den Eindruck gewinnen kann, daß der Mensch dabei gewirkt werde, als daß er wirke, der Mensch dann mit seinem Gott mitzuwirken lerne. Nicht als ob man seinem Innern entweichen oder entfallen oder absagen solle, sondern gerade in ihm und mit ihm und aus ihm soll man so wirken lernen, daß man die Innerlichkeit ausbrechen lasse in die Wirksamkeit und die Wirksamkeit hineinleite in die Innerlichkeit und daß man sich so gewöhne, ungezwungen zu wirken. Denn man soll das Auge auf dieses innere Wirken richten und aus ihm heraus wirken, sei's Lesen, Beten oder - wenn es anfällt - äußeres Werk. Will aber das äußere Werk das innere zerstören, so folge man dem inneren. Könnten aber beide in Einem bestehen, das wäre das Beste, auf daß man ein Mitwirken mit Gott hätte.

- 87 Der Mensch soll sein Selbst vernichten. Die Demut ist vollkommen, wenn Gott selbst die Vernichtung des Selbst vollendet

  Nû vrâge: wie sol man daz mitewürken gehaben, dâ der mensche im selben und allen werken entvallen ist und - als sant Dionysius sprach: der sprichet aller schúneste von gote, der von der vülle des inwendigen rîchtuomes allermeist kan von im geswîgen - dâ sô entsinkent bilde und werk, der lop und der dank, oder swaz er gewürken möhte?
  Ein antwurt: úin werk blîbet im billîchen und eigenlîchen doch, daz ist: ein vernihten sîn selbes. Doch ist daz vernihten und verkleinen niemer sô grôz sîn selbes, got envolbringe ouch daz selbe in im selber, sô gebrichet im. Danne ist diu dêmüeticheit allerêrst genuoc volkomen, als got den menschen dêmüetiget mit dem menschen selber, und dâ aleine genüeget den menschen und ouch der tugent und niht ê.

  Nun erhebt sich die Frage: Wie soll man da noch ein Mitwirken haben, wo der Mensch doch sich selbst und allen Werken entfallen ist und - wie ja Sankt Dionysius sagt: Der spricht am allerschönsten von Gott, der vor Fülle des inneren Reichtums am tiefsten von ihm schweigen kann - wo doch alle Bilder und Werke, Lob und Dank oder was einer sonst wirken könnte, entsinken?
  Antwort: Ein Werk bleibt einem billig und recht eigentlich doch, das (aber) ist: ein Vernichten seiner selbst. Indessen mag dieses Vernichten und Verkleinern seiner selbst auch noch so groß sein, es bleibt mangelhaft, wenn Gott es nicht in einem selbst vollendet. Dann erst ist die Demut vollkommen genug, wenn Gott den Menschen durch den Menschen selbst demütigt [s. Dist. I 13]; und damit allein wird dem Menschen und auch der Tugend Genüge getan und nicht eher.

- 88 "Denn unser ganzes wesenhaftes Sein liegt in nichts anderem begründet als in einem Zunichtewerden"

  Ein vrâge: wie sol got den menschen ouch mit im selber vernihten? Ez schînet, als daz vernihten des menschen wære gotes erhúhen, wan daz êwangelium sprichet: 'wer sich nidert, der sol erhúhet werden'?
  Antwurt: jâ und nein! Er sol sich selber nidern, und daz selbe enmac niht genuoc sîn, got der entuo ez; und er sol erhúhet werden, niht daz diz nidern einez sî und daz erhúhen ein anderz; sunder diu húhste húhe der hôcheit liget in dem tiefen grunde der dêmüeticheit. Wan ie der grunt tiefer ist und niderr, ie ouch diu erhúhunge und diu húhe húher und unmæziger ist, und ie der brunne tiefer ist, ie er ouch húher ist; diu húhe und diu tiefe ist einez. Dar umbe, swer sich mêr genidern kan, ie er húher ist; und dar umbe sprach unser herre: 'wer der meiste wil sîn, der werde der minste under iu!' Wer dáz wil wesen, der sol dúz werden. Dúz wesen wirt aleine vunden in dúm werdenne. Der der minste wúrt, der úst in der wârheit der meiste; aber der der minste wórden ist, der úst iezunt der aller meiste. Und alsô wirt daz wort wâr und volbrâht des êwangelisten: 'wer sich nidert, der wirt erhúhet!' Wan allez unser wesen enliget an nihte dan in einem niht-werdenne.

  Eine Frage: Wie soll denn aber Gott den Menschen durch sich selber vernichten? Es scheint (doch), als wäre dieses Vernichten des Menschen ein Erhöhen durch Gott, denn das Evangelium sagt: "Wer sich erniedrigt, der wird erhöht werden" (Matth. 23, 12; Luk. 14, 11).
  Antwort: Ja und nein. Er soll sich selbst erniedrigen, und das eben kann nicht genugsam geschehen, Gott tue es denn; und er soll "erhöht werden", nicht (aber), als ob dies Erniedrigen eines sei und das Erhöhen ein anderes. Vielmehr liegt die höchste Höhe der Erhöhung (gerade) im tiefen Grunde der Verdemütigung [11]. Denn je tiefer der Grund ist und je niederer, um so höher und unermesslicher ist auch die Erhebung und die Höhe, und je tiefer der Brunnen ist, um so höher ist er zugleich; die Höhe und die Tiefe sind eins. Darum, je mehr sich einer erniedrigen kann, um so höher ist er. Und darum sagte unser Herr: "Wer der Größte sein will, der werde der Geringste unter euch" (Mark. 9, 34). Wer jenes sein will, der muß dieses werden. Jenes Sein ist nur zu finden in diesem Werden. Wer der Geringste wird, der ist fürwahr der Größte; wer aber der Geringste geworden ist, der ist (schon) jetzt der Allergrößte. Und so (denn) bewahrheitet und erfüllt sich das Wort des Evangelisten: "Wer sich erniedrigt, der wird erhöht". Denn unser ganzes wesenhaftes Sein liegt in nichts anderem begründet als in einem Zunichtewerden.

- 89 Kein Eigentum

  'Sie sint rîche worden in allen tugenden,' alsô stât geschriben. Entriuwen, daz enmac niemer geschehen, man enwerde ze dem êrsten arm von allen dingen. Swer alliu dinc wil nemen, der muoz ouch alliu dinc begeben. Daz ist ein glîcher kouf und ein glîch widergelt, als ich vorlanc eines sprach. Dar umbe, als got uns sich selber und alliu dinc wil ze einem vrîen eigene geben, dar umbe wil er uns alle eigenschaft gar und zemâle benemen. Jâ, in der wârheit, des enwil got deheine wîs niht, daz wir als vil eigens haben, als mir in mînen ougen möhte geligen. Wan alle die gâbe, die er uns ie gegap, noch gâbe der natûre noch gâbe der gnâde, gegap er nie deheine anders, dan er wölte, daz wir niht eigens enhæten; und dús enhât er niht gegeben noch sîner muoter noch keinem menschen noch keiner crêatûre in deheine wîs niht. Und durch daz, daz er uns lerne und uns dis gewarne, dar umbe nimet er uns dicke beidiu lîplich und geistlich guot; wan daz eigen der êre ensol niht unser sîn, sunder aleine sîn. Mêr: wir suln alliu dinc haben, als ob sie uns gelihen sîn und niht gegeben, âne alle eigenschaft, ez sî lîp oder sêle, sinne, krefte, ûzerlich guot oder êre, vriunde, mâge, hûs, hof, alliu dinc.

  "Sie sind reich geworden an allen Tugenden" (1. Kor. 1, 5), also steht geschrieben. Fürwahr, das kann nimmer geschehen, man werde denn zuvor arm an allen Dingen. Wer alle Dinge empfangen will, der muß auch alle Dinge hergeben. Das ist ein gerechter Handel und ein gleichwertiger Austausch, wie ich lange vorauf einmal sagte [s. Kap. 4]. Darum, weil Gott sich selbst und alle Dinge uns zu freiem Eigen geben will, darum will er uns alles Eigentum ganz und gar benehmen [s. Dist. II 27a]. Ja, fürwahr, Gott will durchaus nicht, daß wir auch nur so viel Eigenes besitzen, wie mir in meinen Augen liegen könnte. Denn alle die Gaben, die er uns je gegeben hat, sowohl Gaben der Natur wie Gaben der Gnade, gab er nie in anderem Willen als in dem, daß wir nichts zu eigen besitzen sollten; und derart zu eigen hat er weder seiner Mutter noch irgendeinem Menschen oder sonst einer Kreatur etwas gegeben in irgendeiner Weise. Und um uns zu belehren und uns damit zu versehen, darum nimmt er uns oft beides, leibliches und geistiges Gut. Denn der Besitz der Ehre soll nicht unser sein, sondern nur ihm. Wir vielmehr sollen alle Dinge (nur so) haben, als ob sie uns geliehen seien und nicht gegeben, ohne jeden Eigenbesitz, es sei Leib oder Seele, Sinne, Kräfte, äußeres Gut oder Ehre, Freunde, Verwandte, Haus, Hof und alle Dinge.

- 90 Gott will selbst allein und gänzlich unser Eigen sein, das ist seine größte Wonne und Lust

  Waz meinet got dâ mite, daz er disem alsô sêre lâget?
  Dâ wil er selber aleine und alzemâle unser eigen sîn. Diz wil er und diz meinet er, und disem lâget er aleine, daz er ez müge und müeze sîn. Hier ane liget sîn grústiu wunne und spil. Und ie er diz mêr und grúzlîcher mac gesîn, ie sîn wunne und vröude grúzer ist; wan ie wir aller dinge mêr eigens hân, ie wir sîn minner eigens hân, und ie wir aller dinge minner minne hân, ie wir sîn mêr hân mit allem dem, daz er geleisten mac. Dar umbe, dô unser herre von allen sæligen sachen wolte reden, dô saste er die armuot des geistes ze einem houbete ir aller und was diu êrste ze einem zeichen, daz alliu sælicheit und volkomenheit al und alzemâle ein beginnen hân in der armuot des geistes. Und in der wârheit: daz dâ ein grunt wære, dâ alliu guot ûf gebûwet möhten werden, der enwære niht âne diz.

  Was beabsichtigt aber Gott damit, daß er darauf so sehr erpicht ist?
  Nun, er will selbst allein und gänzlich unser Eigen sein. Dies will und erstrebt er, und darauf allein hat er es abgesehen, daß er es sein könne und dürfe. Hierin liegt seine größte Wonne und Lust. Und je mehr und umfassender er das sein kann, um so größer ist seine Wonne und seine Freude; denn, je mehr wir von allen Dingen zu eigen haben, um so weniger haben wir ihn zu eigen, und je weniger Liebe zu allen Dingen wir haben, um so mehr haben wir ihn mit allem, was er zu bieten vermag. Darum, als unser Herr von allen Seligkeiten reden wollte, da setzte er die Armut des Geistes zum Haupt ihrer aller, und sie war die erste zum Zeichen dafür, daß alle Seligkeit und Vollkommenheit samt und sonders ihren Anfang haben in der Armut des Geistes. Und wahrlich, wenn es einen Grund gäbe, auf dem alles Gute aufgebaut werden könnte, der würde ohne dies nicht sein.

- 91 Dafür, daß ich um seinetwillen mich meiner selbst entäußere, wird Gott ganz und gar mein Eigen sein

  Daz wir uns blôz halten der dinge, diu ûzer uns sint, dâ wider wil got ze eigene geben allez, daz in dem himel ist, und den himel mit aller sîner kraft, jâ, allez, daz ûz im ie gevlôz und alle engel und heiligen hânt, daz daz unser als eigen sî als in, jâ, mêr dan mir dehein dinc eigen sî. Wider daz, daz ich mîn selbes ûzgân durch in, dâ wider sol got mit allem dem, daz er ist und geleisten mac, alzemâle mîn eigen sîn, rehte mîn als sîn, noch minner noch mêr. Tûsentstunt sol er mêr mîn eigen sîn, dan dehein mensche ie dehein dinc gewan, daz er in der kisten hât, oder sîn selbes ie wart. Nie enwart nihtes sô eigen, als got mîn sol sîn mit allem dem, daz er vermac und ist.

  Daß wir uns frei halten von den Dingen, die außer uns sind, dafür will uns Gott zu eigen geben alles, was im Himmel ist, und den Himmel mit all seiner Kraft, ja alles, was je aus ihm ausfloss und was alle Engel und Heiligen haben, auf daß uns das so zu eigen sei wie ihnen, ja, in höherem Maße als mir irgendein Ding zu eigen ist. Dafür, daß ich um seinetwillen mich meiner selbst entäußere, dafür wird Gott mit allem, was er ist und zu bieten vermag, ganz und gar mein Eigen sein, ganz so mein sein, nicht weniger noch mehr. Tausendmal mehr wird er mein Eigen sein, als je ein Mensch ein Ding erwarb, das er in dem Kasten hat oder er je sich selbst zu eigen wurde. Nie ward etwas einem so zu eigen, wie Gott mein sein wird mit allem, was er vermag und ist.

- 92 Wer keinen Eigenbesitz hat

  Diz eigen suln wir dâ mite erarnen, daz wir hie sîn âne eigenschaft unser selbes und alles, daz er niht enist; und ie disiu armuot volkomener und lediger ist, ie diz eigen eigener ist. Und daz selbe widergelt ensol niht gemeinet werden noch niemer anegesehen werden, und daz ouge ensol sich niemer eines dar ûf gekêren, ob man iemer iht gewinnen sül oder enpfâhen sül wan aleine durch minne der tugent. Wan ie lediger, ie eigener, als der edel Paulus sprichet: 'wir suln sîn habende, als ob wir niht enhaben, und doch alliu dinc besitzen'. Der enhât niht eigenschaft, der niht enbegert noch enwil haben an im selber noch an allem dem, daz ûzer im ist, jâ, ouch an gote noch an allen dingen.

  Dieses Eigen sollen wir damit verdienen, daß wir hinieden ohne Eigenbesitz unserer selbst und alles dessen sind, was nicht Er ist. Und je vollkommener und enblößter diese Armut ist, um so mehr zu eigen ist dieses Eigentum. Auf dieses Entgelt aber darf man es nicht absehen noch je danach ausschauen, und das Auge soll sich nie auch nur einmal darauf richten, ob man je etwas gewinnen oder empfangen werde als einzig durch die Liebe zur Tugend. Denn: je ungebundener (der Besitz), um so eigener, wie der edle Paulus sagt: "Wir sollen haben, als ob wir nicht hätten, und doch alle Dinge besitzen" (2 Kor. 6, 10). Der hat keinen Eigenbesitz, der nichts begehrt noch haben will, weder an sich selbst noch an alledem, was außer ihm ist, ja, (und da) selbst weder an Gott noch an allen Dingen.

- 93 Wer am allermeisten entbehren oder verschmähen kann, der hat am allermeisten gelassen

  Wilt dû wizzen, waz ein wâr arm mensche ist?
  Dúr mensche ist wærlîche arm von geiste, der allez daz wol enbern mac, daz niht nôt enist. Dar umbe sprach der, der in der kuofen blôz saz, ze dem grôzen Alexander, der alle werlt under im hâte: 'ich bin', sprach er, 'vil ein grúzer herre dan dû bist; wan ich hân mêr versmæhet, dan dû besezzen hâst. Daz dû grôz ahtest ze besitzenne, daz ist mir ze kleine ze versmæhenne'. Der ist vil sæliger, der aller dinge mac enbern und ir niht enbedarf, dan der alliu dinc besezzen hât mit nôtdurft. Der mensche ist der beste, der des enbern kan, des er keine nôt enhât. Dar umbe, der allermeist kan enbern und versmæhen, der hât allermeist gelâzen. Ez schînet ein grôz dinc, daz ein mensche tûsent mark goldes durch got gæbe und vil mit sînem guote bûwete klûsen und klúster und alle arme spîsete; daz wære ein grôz dinc. Mêr: der wære vil sæliger, der alsô vil durch got versmæhete. Der mensche hæte ein reht himelrîche, der sich durch got künde aller dinge verwegen, swaz got gæbe oder niht engæbe.

  Willst du wissen, was ein wahrhaft armer Mensch ist?
  Der Mensch ist wahrhaft arm im Geiste, der alles das wohl entbehren kann, was nicht nötig ist. Darum sprach der, der nackt in der Tonne saß, zum großen Alexander, der die ganze Welt unter sich hatte: "Ich bin", sagte er, "ein viel größerer Herr als du bist; denn ich habe mehr verschmäht, als du in Besitz genommen hast. Was du zu besitzen für groß achtest, das ist mir zu klein, (es auch nur) zu verschmähen". Der ist viel glücklicher, der alle Dinge entbehren kann und ihrer nicht bedarf, als wer alle Dinge mit Bedürfnis (nach ihnen) im Besitz hält. Der Mensch ist der beste, der das entbehren kann, was ihm nicht not tut. Darum: wer am allermeisten entbehren und verschmähen kann, der hat am allermeisten gelassen. Es erscheint als ein groß Ding, wenn ein Mensch tausend Mark Goldes um Gottes willen hingäbe und mit seinem Gut viele Klausen und Klöster erbaute und alle Armen speiste; das wäre eine große Sache. Aber der wäre viel glücklicher daran, der ebensoviel um Gottes willen verschmähte 8. Der Mensch hätte ein rechtes Himmelreich, der um Gottes willen auf alle Dinge verzichten könnte, was immer Gott gäbe oder nicht gäbe.

- 94 Gebresten

  Sô sprichest dû: jâ, herre, enwære ichs denne niht ein sache noch ein hindernisse mit mînen gebresten?
  Hâst dû gebresten, sô bite got dicke, ob ez sîn êre sî und im behage, daz er dir sie abeneme, wan dû âne in niht envermaht. Nimet er sie abe, sô danke im; und entuot er es niht, sô lîdest dû ez durch in, mêr: niht als einen gebresten einer sünde, sunder als eine grôze üebunge und dâ dû lôn ane verdienen solt und gedult ane solt üeben. Dû solt ze vride sîn, ob er dir sîne gâbe gibet oder niht engibet.

  Nun sagst du: "Ja, Herr, wäre ich denn nicht eine (hemmende) Ursache und ein Hindernis dafür mit meinen Gebresten?"
  Hast du Gebresten, so bitte Gott immer wieder, ob es nicht seine Ehre sei und es ihm gefalle, daß er sie dir abnehme, denn ohne ihn vermagst du nichts. Nimmt er sie (dir) ab, so danke ihm; tut er's aber nicht, nun, so erträgst du's um seinetwillen, jedoch (nun) nicht (mehr) als das Gebresten einer Sünde, sondern als eine große Übung, mit der du Lohn verdienen und Geduld üben sollst. Du sollst zufrieden sein, ob er dir seine Gabe gibt oder nicht.

- 95 Was immer Gott mir gibt oder nicht gibt, ich bin immer völlig zufrieden damit

  Er gibet einem ieglîchen nâch dem, daz sîn bestez ist und im vüeget. Sol man einem einen rok snîden, man muoz in machen nâch sîner mâze; der dem einen vüegete, der envüegete dem andern zemâle niht. man mizzet einem ieglîchen nâch dem, und daz im vüeget. Alsô gibet got einem ieglîchen daz aller beste nâch dem, daz er erkennet, daz ez sîn næhstez ist. in der wârheit, der im des ganz getriuwet, der nimet und hât als vil in dem minsten als in dem aller grústen. Wölte mir got geben, daz er sant Paulô gap, ich næme ez, ob er wölte, gerne. Mêr: nû er mir ez niht wil geben - wan harte wênic liuten wil er, daz sie in disem lebene daz wizzen -, daz mir daz got niht engibet, dar umbe ist er mir als liep und sage im als grôzen dank und bin als ze ganzem vride, daz er mir ez entheltet, als daz er mir ez gibet; und ist mir dar ane genuoc und als liep, als ob er mir ez tæte, ob mir anders reht ist. in der wârheit, alsô solte mir genüegen an dem willen gotes: in allem dem, dâ got wölte würken oder geben, dâ sölte mir sô liep und sô wert sîn ze sînem willen, daz mir daz niht minner wære, dan ob er mir die gâbe gæbe und in mir daz worhte. Sô wæren alle gâbe mîn und alliu werk gotes, und alle crêatûre tuon ir bestez oder ir ergestez dar zuo, des enmügen sie mir mit nihte benemen. Waz mac ich danne klagen, wenne aller menschen gâbe mîn eigen sint? in der wârheit, alsô wol genüeget mir in dem, daz mir got tæte oder daz er mir gæbe oder niht engæbe, daz ich ez mit einem heller niht wölte vergelten, daz ich alsolches lebens wære, daz ich wizzen möhte daz beste.

  Er gibt einem jeden nach dem, was sein Bestes ist und für ihn passt. Soll man jemand einen Rock zuschneiden, so muß man ihn nach seinem Maß machen; und der dem einen passte, der passte dem andern gar nicht. Man nimmt einem jeglichen so Maß, wie's ihm passt. So auch gibt Gott einem jeglichen das Allerbeste nach dem, wie er erkennt, daß es das ihm Gemäßeste ist. Fürwahr, wer ihm darin ganz vertraut, der empfängt und besitzt im Geringsten ebensoviel wie im Allergrößten. Wollte Gott mir geben, was er Sankt Paulus gab, ich nähme es, wenn er's wünschte, gern. Da er es mir nun aber nicht geben will - denn nur bei ganz wenigen Leuten will er, daß sie in diesem Leben (schon) zu solchem Wissen (wie Paulus) gelangen - wenn mir's also Gott nicht gibt, so ist er mir darum doch ebenso lieb, und ich sage ihm ebenso großen Dank und bin ebenso völlig zufrieden darum, daß er mir's vorenthält, wie darum, daß er mir's gibt; und mir ist daran ebenso genug, und es ist mir ebenso lieb, als wenn er's mir verliehe, wenn anders es recht um mich steht. Wahrlich, so sollte es mir am Willen Gottes genügen: In allem, wo Gott wirken oder geben wollte, sollte mir sein Wille so lieb und wert sein, daß mir das nicht weniger bedeutete, als wenn er mir diese Gabe gäbe oder dies in mir wirkte. So wären alle Gaben und alle Werke Gottes mein, und mögen dann alle Kreaturen ihr Bestes oder ihr Ärgstes dazu tun, sie können's mir nicht rauben. Wie kann ich dann klagen, da aller Menschen Gaben mein eigen sind? Wahrlich, so wohl genügt's mir an dem, was Gott mir täte oder gäbe oder nicht gäbe, daß ich (auch) nicht einen einzigen Heller dafür zahlen wollte, das beste Leben führen zu können, das ich mir vorzustellen vermöchte.

- 96 Klage nicht, oder wenn, klage darüber, dass du klagst

  Nû sprichest dû: ich vürhte, ich entuo niht genuoc vlîzes dar zuo und bewar in niht, als ich möhte!
  Daz lâz dir leit sîn und lîde daz selbe mit gedult, und nim ez vür eine üebunge und bis in vride. Got der lîdet gerne smâcheit und ungemach und wil gerne enbern sînes dienstes und lobes dar umbe, daz die in in vride hân, die in meinent und in anegehúrent. Wes ensölten wir danne niht vride haben, swaz er uns gebe oder swes wir enbern? Sô ist geschriben, und sprichet unser herre, daz 'sie sint sælic, die dâ lîdent umbe gerehticheit'. in der wârheit, künde ein diep, den man iezunt hâhen solte, der ez wol verdienet hæte und hæte gestoln, und einer, der gemürdet hæte, den man von rehte solte redern: künden sie in in daz vinden: sich, dû wilt daz lîden durch die gerehticheit, wan man dir rehte tuot, sie würden âne mittel sælic. in der wârheit, swie unreht wir sîn, nemen wir von gote, swaz er uns tæte oder niht entæte, von im rehte und lîden durch die gerehticheit, sô sîn wir sælic. Dar umbe enklage nihtes, dan daz klage aleine, daz dû noch klagest und daz dich niht benüeget; daz maht dû aleine klagen, daz dû ze vil hâst. Wan dem reht wære, der næme als in darbenne als in habenne.

  Nun sagst du: "Ich fürchte, ich setze nicht genug Fleiß daran und hege ihn nicht so, wie ich könnte."
  Das laß dir leid sein, und ertrage es mit Geduld, und nimm es als eine Übung und sei zufrieden. Gott der leidet gern Schmach und Ungemach und will gern Dienst und Lob entbehren, auf daß die Frieden in sich haben, die ihn lieben und ihm angehören. Weshalb sollten denn wir nicht Frieden haben, was er uns auch gebe oder was wir auch entbehrten? Es steht geschrieben, und es spricht unser Herr, daß die selig sind, die da leiden um der Gerechtigkeit willen (Matth. 5, 10). Wahrhaftig: könnte ein Dieb, den man zu hängen im Begriff stünde und der's mit Stehlen wohl verdient hätte, oder einer, der gemordet hätte und den man mit Recht zu rädern sich anschickte, könnten die in sich zur Einsicht finden: "Sieh, du willst dies leiden um der Gerechtigkeit willen, denn dir geschieht nur recht", sie würden ohne weiteres selig [s. BgT]. Fürwahr, wie ungerecht wir sein mögen, nehmen wir von Gott, was er uns täte oder nicht täte, als von ihm aus gerecht hin und leiden um der Gerechtigkeit willen, so sind wir selig. Darum klage nicht, klage vielmehr nur darüber, daß du noch klagst [s. BgT] und kein Genügen findest; darüber allein magst du klagen, daß du(noch) zuviel hast. Denn wer rechten Sinnes wäre, der empfinde im Darben ebenso wie im Haben.

- 97 Gott muss deine Werke wirken, wenn du nur ihn im Sinne hast, ob er will oder nicht

  Nû sprichest dû: eyâ, got würket alsô grôziu dinc in vil liuten, und sie werdent alsô mit götlîchem wesene überwesent, und got würket in in und sie niht.
  Des danke got in in, und gibet er dirz, in gotes namen, sô nimz; engibet er dirz niht, sô solt dû sîn williclîchen darben, und enmeine nihtes dan in, und bis unbeworren, ob got dîniu werk würke oder ob dû sie würkest; wan got muoz sie würken, meinest dû in aleine, er welle oder enwelle.

  Nun sagst du: "Sieh doch, Gott wirkt so große Dinge in so vielen Menschen, und sie werden so mit göttlichem Sein überformt, und Gott (ist es, der) in ihnen wirkt, nicht aber sie."
  Dafür danke Gott in ihnen, und gibt er's dir, in Gottes Namen, so nimm's! Gibt er's dir nicht, so sollst du's willig entbehren; habe nur im Sinn, und sei unbesorgt darum, ob Gott deine Werke wirke oder ob du sie wirkst; denn Gott muß sie wirken, wenn du nur ihn im Sinne hast, ob er (nun) wolle oder nicht.

- 98 Lass Gott in dir wirken, wie oder wo oder in welcher Weise es ihm passt

  Enruoche ouch dich, swaz wesens oder wîse got iemanne gebe. Wære ich alsô guot und heilic, daz man mich mit den heiligen erheben müeste, sô spræchen die liute und vorschten aber, ob ez gnâde oder natûre sî, daz in im ist, und sint dâ mite beworren. An dem ist in unreht. Lâz got würken in dir, dem gip daz werk und enruoche, ob er würke mit der natûre oder ob der natûre; beide ist diu natûre und gnâde sîn. Waz gât dich daz ane, wâ mite im vüeget ze würkenne oder waz er würke in dir oder in einem andern? Er sol würken, swie oder swâ oder in swelcher wîse daz ez im vüeget.
  Ein mensche hæte gerne geleitet einen brunnen in sînen garten und sprach: 'daz mir daz wazzer würde, des enahte ich zemâle niht, waz künnes diu rinne sî, dâ durch ez mir würde, weder îsenîn oder hülzîn oder beinîn oder rostic, sî, daz mir daz wazzer würde'. Alsô ist den gar unreht, die sich dâ mite bewerrent, wâ durch got sîniu werk würke in dir, weder ez sî natûre oder gnâde. Dâ mite lâz in würken, und habe aleine vride.

  Bekümmere dich auch nicht darum, welches Wesen oder welche Weise Gott jemandem gebe. Wäre ich so gut und heilig, daß man mich unter die Heiligen erheben müsste, so redeten die Leute und forschten wiederum, ob es sich um Gnade oder Natur handele, was darin stecke, und würden darüber beunruhigt. Darin tun sie unrecht. laß Gott in dir wirken, ihm erkenne das Werk zu, und kümmere dich nicht darum, ob er mit der Natur oder übernatürlich wirke; beides ist sein: Natur wie Gnade. Was geht's dich an, womit zu wirken ihm füglich ist oder was er wirke in dir oder in einem andern? Er soll wirken, wie oder wo oder in welcher Weise es ihm passt.
  Ein Mann hätte gern einen Quell in seinen Garten geleitet und sprach: "Dafern mir nur das Wasser zuteil würde, so achtete ich gar nicht darauf, welcher Art die Rinne wäre, durch die es mir zuflösse, ob eisern, hölzern, knöchern oder rostig, wenn mir nur das Wasser zuteil würde". So machen's die ganz verkehrt, die sich darum sorgen, wodurch Gott seine Werke in dir wirke, ob es Natur sei oder Gnade. Laß ihn dabei (nur allein) wirken, und habe du nur Frieden.

- 99 Gott ist Frieden; der Unfrieden kommt von der Kreatur

  Wan als vil bist dû in gote, als vil dû bist in vride, und als vil ûz gote, als vil dû bist ûz vride. Ist iht einez in gote, daz selbe hât vride. Als vil in gote, als vil in vride. Dar ane kenne, wie vil dû in gote bist und ob ez anders ist: ob dû vride oder unvride hâst; wan, wâ dû unvride hâst, in dem múoz dir von nôt unvride sîn, wan unvride kumet von der crêatûre und niht von gote. Ouch enist nihtes in gote, daz ze vürhtenne sî; allez, daz in gote ist, daz ist aleine ze minnenne. Alsô enist nihtes in im, daz ze trûrenne sî.
  Der allen sînen willen hât und sînen wunsch, der hât vröude; daz enhât nieman, dan des wille und gotes wille alzemâle einez ist. Die einunge gebe uns got. Âmen.

  Denn so viel bist du in Gott, so viel du in Frieden bist, und so viel außer Gott, wie du außer Frieden bist. Ist etwas nur in Gott, so hat es Frieden. So viel in Gott, so viel in Frieden. Wieviel du in Gott bist, wie auch, ob dem nicht so sei, das erkenne daran: ob du Frieden oder Unfrieden hast. Denn wo du Unfrieden hast, darin mußt du notwendig Unfrieden haben, denn Unfriede kommt von der Kreatur und nicht von Gott. Auch ist nichts in Gott, das zu fürchten wäre; alles, was in Gott ist, das ist nur zu lieben. Ebenso ist nichts in ihm, über das zu trauern wäre.
  Wer seinen vollen Willen hat und seinen Wunsch, der hat Freude. Das (aber) hat niemand, als wessen Wille mit Gottes Willen völlig eins ist. Diese Einung gebe uns Gott! Amen.

Anmerkungen Quint
1 "Die Stelle zeigt, daß Eckhart sich mit seinen RdU an Ordensangehörige wendete" [S. 314, Anm. 8] (vgl. Leben - 1275).
2 "Zum Gedanken, daß nicht das Werk heiligt, sondern nur die Gesinnung und das Sein des Menschen, aus dem das Werk fließt, vgl. noch die ganze Predigt Pf. Nr. XV" (= S 105) [S. 318, Anm. 30].
3 "Theologia Deutsch ..: 'Traun, zuerst muß er seine Gedanken auf jeden einzelnen Buchstaben richten und sich den oft und fest einprägen (in sich verbilden). Späterhin, wenn er dann die Kunst beherrscht, so bedarf er der Bildvorstellung (des bildes) und der Überlegung (des anedenkennes) gar nicht mehr, und dann schreibt er unbefangen und frei (und ebenso auch), ob sich's um Fiedeln oder irgendwelche Verrichtungen handelt, die aus seinem Können geschehen sollen. Für ihn genügt es völlig zu wissen, daß er seine Kunst betätigen will; und wenn er auch nicht beständig bewußt dabei ist (âne stútez anegedenken), so vollführt er sein Tun doch, woran er auch denken mag, aus seinem Können heraus.'" [S. 324 f., Anm. 62].
4 "Der Ausdruck [die vriunde gotes] ist hier nicht im Sinne des terminus technicus gotesvriunt = 'Gottesfreund' verwendet, wie er bei Tauler häufig begegnet (..) - das Kompositum habe ich bei Eckhart (außer Pf. S. 182,4 [nicht in der krit. Edition] ..) nirgends angetroffen -, sondern im Sinne der Schrift Joh. 15,15: Iam non dicam vos servos ... Vos autem dixi amicos. In diesem Sinne verwendet es Eckhart ziemlich häufig" [S. 334, Anm. 138]. "Freunde Gottes" findet sich noch in Predigt Q 86 und der Ausdruck "Gottesfreund" in Proc. Col. I n. 151 und den Sermones in Sermo XXV n. 254.
5 Oft fälschlich mit 'Ratten' übersetzt. "In Wahrheit ist mit raten der '(Korn-)Raden' gemeint, dessen Samen zuweilen unter den Samen des guten Korns fällt und mit ihm aufgeht." [S. 337, Anm. 180]. "Durch die Giftigkeit der Samen war die Kornrade lange Zeit ein 'gefürchtetes Ackerunkraut'" [Wikipedia ].
6 "Ich vermag auch jetzt noch keine Stelle in den deutschen Werken Eckharts anzugeben, auf die sich der Rv. der Predigt 4 ['Ich sagte einst an dieser Stätte, daß Gott sogar lieber große Sünden vergibt als kleine. Und je größer sie sind, um so lieber und schneller vergibt er sie.' DW 1, S. 442] besser beziehen ließe als auf die vorliegende Stelle der RdU. Wenn Eckhart tatsächlich diese Stelle gemeint haben sollte und der Rv. verläßlich überliefert wäre, würde mit an dirre stat ausgesagt sein, daß die RdU am gleichen Ort vorgetragen worden wären wie Predigt 4" [S. 341, Anm. 210].
7 Das Kapitel läuft in eine regelrechte Kollazien-Schlußwendung aus, die noch die ursprüngliche Selbstständigkeit der einzelnen Kollazien erkennen läßt [S. 358, Anm. 345].
8 Vgl. DW 1, S. 71,1 ff.: Gæbe ein mensche tûsent mark goldes, daz man dâ mite Kirchen und klúster machte, daz wære ein grôz dinc. Nochdenne hæte der vil mê geben, der tûsent mark vür niht geahten künde; der hæte verre mê getân dan jener. (Gäbe ein Mensch tausend Mark Goldes, auf daß man dafür Kirchen und Klöster baute, das wäre eine große Sache. Dennoch hätte der viel mehr gegeben, der tausend Mark für nichts erachten könnte; der hätte bei weitem mehr getan als jener). [S. 372, Anm. 441].

Eigene
1 Da nach Quint ein "einfaches 'die rede' zu blaß und unspezifisch wirken würde" [S. 312, Anm. 1], wurden sie mal "Reden der Unterscheidung" oder "Reden der Unterweisung" genannt. Burkhard Mojsisch warf deshalb in Erfurt 2003 die Frage auf, wie sie denn nun genannt werden sollten (s. Diskussion). Daraufhin schlug Burkhard Hasebrinck vor, sie auch zur Unterscheidung von "Reden" anderer Autoren die "Erfurter Reden" zu nennen, dem ich mich anschließen möchte.
2 Zu diesem Rückverweis weiß Quint keine Verweisstelle. Freimut Löser dagegen sieht ihn in folgender Stelle aus dem von ihm so genannten "Salzburger Armutstext" (Pr. Steer 114):

3 Bzgl. des Rv. hält Quint die Stelle bei Pf. S. 330,30 ff. für möglich [S. 332 f., Anm. 128]. Die Predigt Pf. CI ist aber bisher nicht kritisch ediert.
4 Diese Stelle wird mit dem fünfzehnten Artikel der Bulle In agro dominico in Verbindung gebracht [S. 339, Anm. 188].
5 Den Begriff 'Todsünde/r' verwendet Eckhart sonst nur noch im Exoduskommentar (nn. 2, 207, 208, 225) und in den Predigten Q 5a, Q 66, S 101, S 103, S 105, also vorzugsweise in der Erfurter Zeit.
6 Angesichts von Holocaust und Hiroshima würde Eckhart diesen Satz heute wohl etwas anders formulieren.
7 Zu diesem Rv. gibt Quint leider keine Vergleichsstelle.
8 An wen richten sich diese Worte? Was das "äußere Kleid" betrifft, so sah das Eckhart einige Jahre später bzgl. der Laienbrüder wohl nicht mehr ganz so locker: s. Leben - 1306.
9 Zwei Dinge fallen ins Auge, wenn Eckhart in seinen Schriften vom Sakrament spricht: 1. Er spricht fast ausschließlich vom Sakrament der Eucharistie und 2. Es beschäftigt ihn besonders in seiner Erfurter Zeit. Der Begriff erscheint in seiner Vaterunser-Erklärung (vor 1294), der Collatio (1293), dem Sermo paschalis (1294), den Reden und der Predigt Q 6 (1305?). Im Exoduskommentar spricht er das Thema einmal und im Johanneskommentar zweimal an. Am ausführlichsten aber widmet er sich dem Sakrament in den drei Sermones zu Fronleichnam V,1, V,2 und V,3 (hier allein 38 Nennungen - mehr als in allen anderen Texten zusammen), was die Vermutung nahelegt, daß diese zu Zeiten der Reden entstanden sind.
10 Die Cherubim und Seraphim finden sich auch in Predigt Q 37.
11 Warum übersetzt Quint hier "dêmüeticheit" mit "Verdemütigung" ?

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Gehorsam stört nicht, behindert nicht und bewirkt immer das Allerbeste
Wenn der Mensch aus seinem Ich herausgeht, muß Gott hineingehen, sonst wäre er nicht Gott
"Herr, gib mir nichts, als was du willst, und tue, Herr, was und wie du willst in jeder Weise!"
Das ledige Gemüt vermag alle Dinge
Nicht die Dinge sind es, die dich hindern, sondern du verhälst dich verkehrt zu den Dingen
Der Mensch soll zuerst sich selbst lassen, dann hat er alles gelassen
Wer seinen Willen und sich selbst läßt, der hat alle Dinge wirklich gelassen
Wichtig ist nicht, was du tust, sondern was du bist
Je mehr du Gott anhaftest, desto mehr haftet Gott dir an
Der Einsiedler ist nicht deshalb bei Gott, weil er alleine lebt
Der Mensch ist allein, der einzig bei Gott ist
Man soll Gott allzeit gegenwärtig haben
Wer Gott hat und wer ihn nicht hat
Der gedachte Gott
Wer Gott hat, dem ist alles bestens
Wie man die innere Einsamkeit lernen kann
Von göttlicher Gegenwart durchdrungen
Gott im Herzen
Gott mit Verstand und Fleiß
Die rechten Werke
Du sollst Gott in allen Dingen haben
Lasse Vernunft walten
Wer seine schwache Natur besiegt, ist besser dran als der, der keine Schwäche hat
Du mußt die Neigung zur Sünde durch deinen Willen überwinden
Der Wille soll auf die Gegenwart und nicht die Zukunft gerichtet sein
Der Wille vermag alles
Wer mehr Willen hat, der hat auch mehr Liebe
Es ist besser, einem Bedürftigen zu helfen, als in verzückter Liebe zu sein
Wer etwas um Gottes willen lässt, erhält hundertmal soviel zurück
Die Freunde Gottes sind nie ohne Trost
Der gute Wille kann Gott nicht verlieren
Den ganzen Willen um Gottes willen aufgeben
Sei ohne Eigenwille
Der Mensch, der sich des Seinen ganz entäußert hat
Vorteile der Entäußerung
Gott hat den Menschen aus einem Feind zum Freund gemacht
Wenn du alle Sünden hinter dir läßt, sind dir alle alten Sünden vergeben. Gott ist ein Gott der Gegenwart
Selbst die Apostel, die Gott am liebsten sind, waren Todsünder
Zeitliche und göttliche Reue
Je schwerer die Sünde ist, desto lieber vergibt sie Gott
Über Liebe und Vertrauen in Gott
Zwei Arten von Wissen: durch Erleuchtung und Liebe. Letzteres ist besser
Ersteres könnte eine falsche Erleuchtung sein; Liebe kann nicht fehlen
Wahre Buße ist nicht äußerlicher Art, sondern völlige Hinwendung zu Gott
Bilde dich in allen Dingen in Christus ein
Gott ist nicht so sehr an den Werken als an der Gesinnung in den Werken gelegen
Flieh zu Gott, der aller Erlöser ist
Gott entfernt sich nie weiter als bis vor die Tür
Nicht alle können Gott nachfolgen. Verzweifle nicht darüber
Jeder nach seiner Weise
Ein jeder behalte seine gute Weise
Jeder soll Jesus auf seine eigene Weise nachfolgen
Du sollst Jesus in geistiger, nicht in leiblicher Weise nachfolgen
Kleider sind nicht so wichtig, auf die innere Einstellung kommts an
Das Beste: der Mensch solle sich Gott gänzlich überlassen
Sieh zu, daß du dich in all deinen Werken in Christus hineinbildest
Einzig auf Gott soll der Mensch bauen
Laß die Liebe zu Gott wachsen und gehe immer öfter zum Sakrament
Wir sollen in Gott verwandelt und völlig mit ihm vereint werden
Dein Reichtum erfülle meine Armut, deine Unermeßlichkeit meine Leere, deine Unfaßbarkeit meine Menschheit
Jesus hat alle Schuld gebüßt
Gott und die Seele sind sich so nah, dass keine Kreatur und kein Engel einen Unterschied finden können
Uns gebricht's an nichts als an einem rechten Glauben
Über die obersten und die niedersten Kräfte
Über den Empfang des Leibes unseres Herrn
Gott nachfolgen und ihm folgen, das ist Ewigkeit
Über die Beichte
Halte dein Inneres verschlossen und gegenwärtig, hüte dich vor inneren und äußeren Bildern
Außen und Äußerliches
Vernunft soll allein Gott eigen, gegenwärtig und nahe sein. Hüte dich vor den Kreaturen
Der ungeübte und der geübte Mensch
Es gibt kein Stehenbleiben. In allen Dingen Gott finden und erfassen
Zweierlei Wille
Wohlgeübte Abgeschiedenheit. Wenn man unbereitet ist
Der Mensch muss lernen, nichts Eigenes zu behalten und nichts zu suchen
Der Mensch soll sich die Tugenden um ihrer selbst willen aneignen und verinnerlichen
Solange lerne man sich lassen, bis man nichts Eigenes mehr behält
Innerlich so ganz gelassen sein, wie wenn man Gott gegenwärtig empfindet
Dem rechten Menschen im vollkommen guten Willen kann keine Zeit zu kurz sein
Der Mensch, der ein neues Leben oder Werk beginnen will
Diese Weise hat Gott dir zugewiesen und so sei sie ihm die allerbeste
Wenn zwei Weisen sich nicht vertragen, dann kommt das nicht von Gott
Die Gutheit Gottes hat es auf das Allerbeste abgesehen
Gott ist der Vollender der Natur, nicht ihr Zerstörer. Der Mensch soll frei sein und Herr seiner Werke, unzerstört und ungezwungen
Der Mensch soll Gott in allen Dingen suchen und finden
Der Mensch soll wirken
Der Mensch soll sein Selbst vernichten. Die Demut ist vollkommen, wenn Gott selbst die Vernichtung des Selbst vollendet
"Denn unser ganzes wesenhaftes Sein liegt in nichts anderem begründet als in einem Zunichtewerden"
Kein Eigentum
Gott will selbst allein und gänzlich unser Eigen sein, das ist seine größte Wonne und Lust
Dafür, daß ich um seinetwillen mich meiner selbst entäußere, wird Gott ganz und gar mein Eigen sein
Wer keinen Eigenbesitz hat
Wer am allermeisten entbehren oder verschmähen kann, der hat am allermeisten gelassen
Gebresten
Was immer Gott mir gibt oder nicht gibt, ich bin immer völlig zufrieden damit
Klage nicht, oder wenn, klage darüber, dass du klagst
Gott muss deine Werke wirken, wenn du nur ihn im Sinne hast, ob er will oder nicht
Lass Gott in dir wirken, wie oder wo oder in welcher Weise es ihm passt
Gott ist Frieden; der Unfrieden kommt von der Kreatur
Anmerkung [23.11.09]

Begriffe

  Cherub
  [hebräisch] der (Plural Cherubim), Engel, himmlischer Wächter; im Alten Testament (Ezechiel 1,5 ff.) und altorientalischen Religionen als kultisch-mythisches Mischwesen (halb Tier, halb Mensch) dargestellt. [PC-Bib] [16.11.09]

  Seraph
  [hebräisch saraph »Schlange«] der (Plural Seraphim), Altes Testament: in der Berufungsvision des Propheten Jesaja (Jesaja 6) ein himmlisches Wesen mit sechs Flügeln, Händen und einer menschlichen Stimme. Die Seraphim umgeben den Thron Jahwes und lobpreisen Gott mit dem Dreimalheilig-Ruf (Trishagion). [PC-Bib] [16.11.09]

Zum HTML-Text

1 Der mittelhochdeutsche Text stammt von der Website "Middle High German Interlinked ", einer Gemeinschaftsarbeit des 'Electronic Text Center ' der University of Virginia Library in Zusammenarbeit mit 'Digitales Mittelhochdeutsches Textarchiv ' der Universität Trier, der aus der kritischen Edition der deutschen und lateinischen Werke (hier DW 5, S. 185-309) digitalisiert wurde (s. Links).
  Die Übersetzung entspricht dem Abdruck in: Josef Quint, Meister Eckhart, Deutsche Predigten und Traktate, München 1963 [Quint, S. 53-100]. Der Text ist identisch mit dem in DW 5 abgedruckten, hat aber den Vorteil, dass hier auch die Zeilen angegeben sind. Die Zusätze Quints, ob kursiv oder in (), sind ebenfalls wiedergegeben (kursiv hier nicht als 'italic', sondern als Farbe [s. Hilfe], die Worte in Klammern eingerückt).
  Die Überschriften und die Nummerierung der Absätze finden sich nicht in den Handschriften oder den Editionen, sondern sind als Auflockerung, Strukturierung und zur Online-Referenzierung des Textes gedacht. Als zusätzliche Unterscheidung zur Edition habe ich sie als 'Lesezeichen' gekennzeichnet und farblich hervorgehoben. [29.11.09]

Edition (39)
  DW 5, Nachträge: (13)
  Nicht in DW 5: (11)

  Pfeiffer, Traktat Nr. XVII, S. 543,15-578,18.
  Ernst Diederichs (Hg.), Meister Eckhart, Reden der Unterscheidung (Kleine Texte für Vorlesungen und Übungen 117), Bonn 1913, - Neudruck 1925, 45 S.
  Quint, DW 5, S. 137-376.
  Angelika Manetzki, Die theologisch-aszetische Sammelhandschrift Mscr. 54 der Marburger Universitätsbibliothek und ihre deutschen Bestandteile, Marburg, Universität, Magisterarbeit 1987/88, S. 38-92
Übersetzungen: Büttner II, S. 3 ff.; 2.1934 S. 171 ff.; Lehmann S. 50 ff.; Schulze-Maizier ² S. 55 ff.; Quint, DW 5, S. 505-538; J. M. Clark, Meister Eckhart. Selected Treatises and Sermons translated from Latin and German with an Introduction and Notes by ... London, 1958, S. 63 ff. [19.2.12]

Beschreibung
  Der Text ist vollständig (bzw. nahezu vollständig) in 10 Hss.: B17, Eb, F2, Ka4, Ka5, M16, M17, Mar, Pr1 und Pr2 erhalten. 35 der 60 Hss. stammen aus Süddeutschland; drei sind in niederdeutscher Übertragung (Eb, Gr, N14); 18 Hss. in mittelniederländisch (durchweg fragmentarisch); eine aus Köln (Gi) und eine in thüringischem Dialekt (Ze), die gleichzeitig die älteste Hs. (1. Hälfte 14. Jh.) mit kleinen Fragm. darstellt, gefolgt von Gi und Ka1 (Mitte 14. Jh.), Z1 (1393) und Ka2 (14. Jh.). Die älteste Vollhs. ist Ka5 aus der Wende vom 14. zum 15. Jh. Die dem heutigen Text zugrundeliegenden Vollhss. stammen (außer Ka5) alle aus dem 2. Drittel des 15. Jhs., wovon F2 (die Pfeiffer als Grundlage seines Traktates Nr. XVII nahm) mit 1469 neben Mar (1461/1479) noch die älteste ist.
  Spamers Feststellung: "Bemerkenswert ist, dass keine der hss., die die schrift überliefert, andere Eckehartstücke enthält" (Überl., S. 397) stimmte für seinen Kenntnisstand (9 Hss.). Tatsächlich enthalten 23 Hss. (etwas mehr als ein Drittel) keine anderen Eckhart-Texte. [30.11.09]

Datierung
  Von 1294 bis 1298 ist Eckhart Prior des Erfurter Konvents und Vikar der Thuringia (s. Überschrift).
  1298 muss Eckhart eines der beiden Ämter aufgrund eines Generalkapitelbeschlusses abgeben, weshalb allgemein davon ausgegangen wird, daß die Reden zwischen 1294 und 1298 entstanden sind, da er ja nur zu dieser Zeit Prior und Vikar war. Dennoch muß die Abfassung des Textes nicht notwendig in diesen Zeitraum fallen. Zum einen muß die Zuweisung in den acht Hss. (die die Überschrift enthalten - s. Werk) nicht auf Eckhart selbst zurückgehen und zum anderen ist bekannt, daß er ein (oder eher mehrere) Notizbücher (Quaterne) führt, in die er seine Ideen und Gedanken notiert, wie er selbst an mehreren Stellen angibt, so in den Predigten Q 14 und Q 28:
  "Ich aber dachte gestern Abend, daß Gott enthöht werden sollte, nicht absolut, sondern vielmehr von innen, und dies besagt soviel wie 'enthöhter Gott', was mir so gut gefiel, daß ich es in mein Buch schrieb" [Q 14, DW 1, S. 485] und
  "Ich schrieb einst in mein Buch: Der gerechte Mensch dient weder Gott noch den Kreaturen, denn er ist frei; und je näher er der Gerechtigkeit ist, um so mehr ist er die Freiheit selbst, und um so mehr ist er die Freiheit" [Q 28, DW 2, S. 649].
  Es ist also vorstellbar, daß er die Fragen der "Kinder" und seine Antworten in Stichworten niederlegte, um sie einmal, wenn die Zeit es erlauben würde, in eine entsprechende Form zu bringen, vor allem, als er bei seinen Visitationen in den Konventen der Thuringia wohl häufig mit ähnlichen Fragen konfrontiert wurde. Seine "Endfassung" könnte auch in der Zeit zwischen 1298 und 1300 (und darüber hinaus) entstanden sein, auch wenn er bis 1300 nur noch eines der beiden Ämter bekleidete und nach 1300 nur noch das des Vikars oder keins von beiden, je nachdem, welches Amt er 1300 noch bekleidete. [31.1.10]