Intravit Iesus in quoddam castellum 1
(Pr. Quint 2)

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Text (mhdt. / lat. - nhdt.)
Anmerkungen
Stemma der Hss.
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Hss.-Chronologie
Bearbeitung
Beschreibung
Datierung


Papier- und Pergamenthandschrift, 14./15. Jahrhundert,
Berlin, Preußischer Kulturbesitz, Handschriftenabteilung der Staatsbibliothek,
Ms. germ. quart. 191 f. 165v.
Quelle: homo doctus - homo sanctus [Stadtmuseum, S. 40]

Intravit Jesus in quoddam castellum et mulier quaedam,
Martha nomine, excepit illum in domum suam. Lucae II.

(Luc. 10,38)

Aufbau der Predigt:

I. Juncvrouwe und wîp (virgo / mulier - Teil)
II. Die kraft in der Seele (virtus - Teil)
III. Das bürgelîn (castellum - Teil)

(nach Steer / Vogl, S. 148-151)

  (24,3) Ich hân ein wörtelîn gesprochen des êrsten in dem latîne, daz stât ge- (24,4) schriben in dem êwangeliô und sprichet alsô ze tiutsche: 'unser herre Jêsus (24,5) Kristus der gienc ûf in ein bürgelîn und wart enpfangen von einer junc- (24,6) vrouwen, diu ein wîp was'.  
  Ich habe ein Wörtlein gesprochen, zunächst auf lateinisch, das steht geschrieben im Evangelium und lautet zu deutsch also: »Unser Herr Jesus Christus ging hinauf in ein Burgstädtchen und ward empfangen von einer Jungfrau, die ein Weib war.«  
  (24,7) Eyâ, nû merket mit vlîze diz wort: ez muoz von nôt sîn, daz si ein (24,8) juncvrouwe was, der mensche, von der Jêsus wart enpfangen. Juncvrouwe (25,1) ist alsô vil gesprochen als ein mensche, der von allen vremden bilden ledic ist, (25,2) alsô ledic, als er was, dô er niht enwas. Sehet, nû möhte man vrâgen, wie der (25,3) mensche, der geborn ist und vor gegangen ist in vernünftic leben, wie er alsô (25,4) ledic müge sin aller bilde, als dô er niht enwas, und er weiz doch vil, daz (25,5) sint allez bilde; wie mac er denne ledic sîn? Nû merket daz underscheit, daz (25,6) wil ich iu bewîsen. Wære ich alsô vernünftic, daz alliu bilde vernünfticlîche (25,7) in mir stüenden, diu alle menschen ie enpfiengen und diu in gote selber sint, (25,8) wære ich der âne eigenschaft, daz ich enkeinez mit eigenschaft hæte begriffen (25,9) in tuonne noch in lâzenne, mit vor noch mit nâch, mêr: daz ich in disem (26,1) gegenwertigen nû vrî und ledic stüende nâch dem liebesten willen gotes und (26,2) den ze tuonne âne underlâz, in der wârheit sô wære ich juncvrouwe âne (26,3) hindernisse aller bilde als gewærliche, als ich was, dô ich niht enwas.   (24,7) Considerate diligenter istud verbum: mulier quedam excepit eum. Necesse fuit ut (24,8) mulier esset, de qua fuit susceptus. Mulier (25,1) dicta est que libera est ab omnibus ymaginibus, (25,2) ita liber sicut fuit quando nichil fuit. Queritur enim (25,3) qualiter homo, qui natus est et ultra progressus est in vitam intellectiuam, posset esse ita (25,4) liber et absolutus ab omnibus ymaginibus sicut fuit quando nichil fuit, quia multa scit et (25,5) omnia que scit ymagines sunt: quomodo potest esse absolutus sicut dictum est? Ad quod est respondendum et est principaliter notandum differentia quedam, (25,6) quia si essem [11r] ita intellectiuus, quod omnes ymagines intellectualiter (25,7) in me starent, que esse possunt in deo et extra deum, (25,8) et si essem liber a proprietate istarum ymaginarum ita quod aliquam ipsarum in me non accepissem (25,9) nec etiam facerem quicquam propter aliquam ipsarum nec dimitterem neque in me de ipsis quicquam haberem ante uel post, sed (26,1) liber absolutus starem ab eis penitus inmotus secundum dilectam voluntatem dei, sic illam in omnibus (26,2) inplendo sine intermissione, tunc in veritate essem mulier absque (26,3) omni ymagine, et sine omni inpedimento deum suscipiendum et essem ita liber sicut fui quando nichil fui.
  Wohlan, achtet nun aufmerksam auf dieses Wort [1]: Notwendig muß es so sein, daß sie eine »Jungfrau« war, jener Mensch, von dem Jesus empfangen ward. Jungfrau besagt soviel wie ein Mensch, der von allen fremden Bildern ledig ist, so ledig, wie er war, da er noch nicht war (1). Seht, nun könnte man fragen, wie ein Mensch, der geboren ist und fortgediehen bis in vernunftfähiges Leben, wie der so ledig sein könne von allen Bildern, wie da er noch nicht war, und dabei weiß er doch vieles, das sind alles Bilder; wie kann er dann ledig sein? Nun gebt acht auf die Unterweisung, die will ich euch dartun. Wäre ich von so umfassender Vernunft, daß alle Bilder, die sämtliche Menschen je (in sich) aufnahmen, und (zudem) die, die in Gott selbst sind, in meiner Vernunft stünden, doch so, daß ich so frei von Ich-Bindung an sie wäre, daß ich ihrer keines im Tun noch im Lassen, mit Vor noch mit Nach als mir zu eigen ergriffen hätte, daß ich vielmehr in diesem gegenwärtigen Nun frei und ledig stünde für den liebsten Willen Gottes und ihn zu erfüllen ohne Unterlaß, wahrlich, so wäre ich Jungfrau ohne Behinderung durch alle Bilder, ebenso gewiß, wie ich's war, da ich noch nicht war.   Bedenkt sorgfältig dieses Wort: eine Frau nahm ihn auf. Es war notwendig, dass sie eine Frau war, von der er aufgenommen wurde. Eine »Frau« wird die genannt, die frei von allen Bildern ist, so frei wie sie war, als sie nichts war. Es stellt sich freilich die Frage, wie ein Mensch, der geboren ist und weiter vorangekommen ist zu einem auf Erkenntnis beruhenden Leben, so frei und losgelöst von allen Bildern sein kann wie er war, als er nichts war, da er vieles weiß und alles, was er weiß Bilder sind: wie kann er losgelöst sein, so wie gesagt wurde? Darauf ist zu antworten, und zuerst ist eine Unterscheidung anzumerken: wäre ich in solchem Maße vernünftig, dass alle Bilder geistig in mir stünden, die in Gott und außerhalb Gottes sein könnten, und wäre ich frei von der Eigenschaft dieser Bilder, so sehr, dass ich weder eines von ihnen in mich aufgenommen hätte, noch etwas wegen eines von ihnen täte oder unterließe, noch etwas Vor oder Nach von ihnen in mir hätte, sondern frei und losgelöst von ihnen stünde, ganz unbewegt, dem geliebten Willen Gottes gemäß, diesen in allem ohne Unterlass erfüllend, dann wäre ich in Wahrheit »Frau« ohne jedes Bild, könnte Gott ohne jedes Hindernis aufnehmen und wäre so frei wie ich war, als ich nichts war.
  (26,4) Ich spriche aber: daz der mensche ist juncvrouwe, daz enbenimet im nihtes (26,5) niht von allen den werken, diu er ie getete; des stât er megetlich und vrî (26,6) âne alle hindernisse der obersten wârheit, als Jêsus ledic und vrî ist und (26,7) megetlich in im selber. Als die meister sprechent, daz glîch und glîch aleine (26,8) ein sache ist der einunge, her umbe sô muoz der mensche maget sîn, junc- (26,9) vrouwe, diu den megetlîchen Jêsum enpfâhen sol.   (26,4) Jnsuper talis homo est mulier sicut virgo, qui in se (26,5) nichil sentit de omnibus operibus que vmquam operatus est, sed stat liber (26,6) sine omni inpedimento summe veritati, sicut christus liber est et (26,7) potens in se ipso. Doctores dicunt: Similis cum simili (26,8) sunt causa vnionis. Sequitur quod, quicumque homo proponit (26,9) ihesum veram virginem in domum sui cordis suscipere, oportet quod Virgo sit.
  Ich sage weiter: Daß der Mensch Jungfrau ist, das benimmt ihm gar nichts von allen den Werken, die er je tat; das alles (aber) läßt ihn magdlich und frei dastehen ohne jede Behinderung an der obersten Wahrheit, so wie Jesus ledig und frei ist und magdlich in sich selbst. Wie die Meister sagen, daß nur gleich und gleich Grund für die Vereinigung ist, darum muß der Mensch Magd sein, Jungfrau, die den magdlichen Jesus empfangen soll.   Darüber hinaus ist ein solcher Mensch »Frau«, so wie eine »Jungfrau«, der in sich nichts von allen den Werken wahrnimmt, die er jemals gewirkt hat, sondern ohne jedes Hindernis frei steht für die höchste Wahrheit, so wie Christus frei und mächtig in sich selbst ist. Die Gelehrten sagen: Gleiches mit Gleichem ist die Ursache für Einheit. Daraus folgt, dass jeder Mensch, der sich vornimmt, Jesus, die wahre »Jungfrau«, in das Haus seines Herzens aufzunehmen, »Jungfrau« sein muss.
  (27,1) Nû merket und sehet mit vlîze! Daz nû der mensche iemer mê juncvrouwe (27,2) wære, sô enkæme keiniu vruht von im. Sol er vruhtbære werden, sô muoz (27,3) daz von nôt sîn, daz er ein wîp sî. Wîp ist daz edelste wort, daz man der (27,4) sêle zuo gesprechen mac, und ist vil edeler dan juncvrouwe. Daz der mensche (27,5) got enpfæhet in im, daz ist guot, und in der enpfenclichkeit ist er maget. Daz (27,6) aber got vruhtbærlich in im werde, daz is bezzer; wan vruhtbærkeit der gâbe (27,7) daz ist aleine dankbærkeit der gâbe, und dâ ist der geist ein wîp in der (27,8) widerbernden dankbærkeit , dâ er gote widergebirt Jêsum in daz veterlîche (27,9) herze.   (27,1) Considerate ergo: si homo semper Virgo (27,2) permaneret, nurnquam fructum percrearet. Si ergo debet fecundari et fructum parturire necesse (27,3) est enim fieri ex uirgine mulierem. Mulier est nobilissimum nomen, quod (27,4) anime potest inponi et multo nobilius est quam uirgo. Qui homo (27,5) deum in se suscepit, iste optimus, in quo deus suscepitur, et in ista suscepcione homo est Virgo. Sed ut (27,6) deus in eo fructificetur, istud multo melius est, quia fructualitas doni (27,7) solum modo acceptabilitas est doni. Ibi spiritus est mulier in (27,8) regenerata gratitudine et cum gratuita regeneracione, in qua deus regeneratur ihesum vnigenitum filium in corde (27,9) paterno, et ibi regeneratur illa inenarabili perpetua generacione de qua ysayas loquitur: generacionem quis enarabit?
  Nun gebt acht und seht genau zu [2]! Wenn nun der Mensch immerfort Jungfrau wäre, so käme keine Frucht von ihm. Soll er fruchtbar werden, so ist es notwendig, daß er Weib sei. »Weib« ist der edelste name, den man der Seele zulegen kann, und ist viel edler als »Jungfrau«. Daß der Mensch Gott in sich empfängt, das ist gut, und in dieser Empfänglichkeit ist er Jungfrau. Daß aber Gott fruchtbar in ihm werde, das ist besser; denn Fruchtbarwerden der Gabe, das allein ist Dankbarkeit für die Gabe, und da ist der Geist Weib in der wiedergebärenden Dankbarkeit, wo er Jesum wiedergebiert in Gottes väterliches Herz.   Bedenkt also: wenn der Mensch immer »Jungfrau« bliebe, brächte er niemals eine Frucht hervor. Soll er also fruchtbar werden und eine Frucht gebären, dann muss er notwendigerweise von der »Jungfrau« zur »Frau« werden. »Frau« ist der edelste Name, der der Seele beigelegt werden kann, und viel edler als »Jungfrau«. Der Mensch, der Gott in sich empfängt, der ist sehr gut, in dem Gott empfangen wird, und in dieser Empfängnis ist der Mensch »Jungfrau«. Aber dass Gott in ihm fruchtbar wird, das ist viel besser, denn Fruchtbarkeit der Gabe allein ist Empfänglichkeit für die Gabe. Dort ist der Geist »Frau« in der wiedergeborenen Dankbarkeit und mit der dankbaren Wiedergeburt, in der Gott sich Jesus, seinen eingeborenen Sohn, im väterlichen Herzen wiedergebiert, und dort wird er wiedergeboren in jener unaussprechlichen ewigen Geburt, von der Jesaja sagt: Wer wird seine Abkunft vollständig beschreiben?
  (27,10) Vil guoter gâben werdent enpfangen in der juncvröuwelichkeit und enwerdent (27,11) niht wider îngeborn in der wîplîchen vruhtbærkeit mit dankbærem lobe in got. (28,1) Die gâbe verderbent und werdent alle ze nihte, daz der mensche niemer sæ- (28,2) liger noch bezzer dar abe wirt. Dâ enist im sîn juncvröuwelichkeit ze nihte (28,3) nütze, wan er niht ein wîp enist zuo der juncvröuwelichkeit mit ganzer vruht- (28,4) bærkeit. Dar an lît der schade. Dar umbe hân ich gesprochen: 'Jêsus gienc (28,5) ûf in ein bürgelîn und wart enpfangen von einer juncvrouwen, diu ein wîp (28,6) was'. Daz muoz von nôt sîn, als ich iu bewîset hân.   Et est notandum, quod (27,10) multa dona suscipiuntur in virginitate, et cum (27,11) regenerantur in muliere fructualitate et fecunditate, tamen acceptabili laude in deo, (28,1) et illa dona pereunt et in nichilum rediguntur, quod de ipsis homo [11v] numquam (28,2) melioratur uel beatificatur. Et tunc eius virginitas nullius (28,3) vtilitatis est, quia non est cum virginitate cum integra fructualitate. (28,4) Et in hoc consistit periculum. Vnde ut supra: Jntrauit jhesus (28,5) in quoddam castellum et quedam mulier (Supple: existens virgo) excepit illum. Secundo. (28,6) Illud necesse est sicut prescriptum est.
  Viele gute Gaben werden empfangen in der Jungfräulichkeit, werden aber nicht in weiblicher Fruchtbarkeit mit dankbarem Lobe wieder eingeboren in Gott. Diese Gaben verderben und werden alle zunichte, so daß der Mensch nimmer seliger noch besser davon wird. Dabei ist ihm seine Jungfräulichkeit zu nichts nütze, denn er ist über seine Jungfräulichkeit hinaus nicht Weib mit voller Fruchtbarkeit. Darin liegt der Schaden. Darum habe ich gesagt: »Jesus ging hinauf in ein Burgstädtchen und ward empfangen von einer Jungfrau, die ein Weib war.« Das muß notwendig so sein, wie ich euch dargetan habe.   Es ist auch zu bemerken, dass viele Gaben in der Jungfräulichkeit empfangen werden, und wenn sie auch in der »Frau« aufgrund deren Empfänglichkeit und Fruchtbarkeit wiedergeboren werden, gleichwohl mit dankbarem Lob in Gott, gehen jene Gaben doch zugrunde und werden zunichte, weil der Mensch durch sie niemals besser oder seliger wird. Und dann bringt ihm seine Jungfräulichkeit keinen Nutzen, weil er keine Jungfräulichkeit zusammen mit unversehrter Fruchtbarkeit hat. Und darin besteht die Gefahr. Deswegen, wie ich oben gesprochen habe: "Jesus ging in ein Städtchen und eine Frau (ergänze: die eine Jungfrau war) nahm ihn auf". Lukas 2. Dies ist notwendig, wie vorher geschrieben worden ist.
  (28,7) Êlîche liute die bringent des jâres lützel mê dan éine vruht. Aber ander (28,8) êlîche liute die meine ich nû ze disem mâle: alle die mit eigenschaft gebunden (28,9) sint an gebete, an vastenne, an wachenne und aller hande ûzerlîcher üebunge (28,10) und kestigunge. Ein ieglîchiu eigenschaft eines ieglîchen werkes, daz die (29,1) vrîheit benimet, in disem gegenwertigen nû gote ze wartenne und dem aleine (29,2) ze volgenne in dem liehte, mit dem er dich anwîsende wære ze tuonne und (29,3) ze lâzenne in einem ieglîchen nû vrî und niuwe, als ob dû anders nihet enhabest (29,4) noch enwellest noch enkünnest: ein ieglîchiu eigenschaft oder vürgesetzet werk, (29,5) daz dir dise vrîheit benimet alle zît niuwe, daz heize ich nû ein jâr; wan dîn (29,6) sêle bringet dekeine vruht, si enhabe daz werk getân, daz dû mit eigenschaft (29,7) besezzen hâst, noch dû engetriuwest gote noch dir selber, dû enhabest dîn werk (29,8) volbrâht, daz dû mit eigenschaft begriffen hâst; anders sô enhâst dû dekeinen (29,9) vride. Dar umbe sô enbringest dû ouch dekeine vruht, dû enhabest dîn werk (29,10) getân. Daz setze ich vür ein jâr, und diu vruht ist nochdenne kleine, wan si (29,11) ûz eigenschaft gegangen ist nâch dem werke und niht von vrîheit. Dise heize (30,1) ich êlîche liute, wan sie an eigenschaft gebunden stânt. Dise bringent lützel (30,2) vrühte, und diu selbe ist nochdenne kleine, als ich gesprochen hân.   Est enim notandum, quod (28,7) legitimi hommes raro plus anniatim procreant quam vnum fructum. Sed quidam alij (28,8) legitimi, quos pro nunc accipimus, scilicet omnes, qui cum proprietatibus constricti (28,9) sunt, scilicet in oracionibus, in jeiunijs, in vigilijs et in omni exteriori exercicio. (28,10) Quia omnis proprietas vniuscuiuscumque opens, que (29,1) priuat hominem a libertate in isto tempore, in quo deo esset (29,2) ambulandum in seruiendum in illo lumine, in quo homo duceretur ad bonum operandum et malum (29,3) deuitandum in vnoquoque, tamquam si nichil aliud respiceret (29,4) nec aliquid alius sciret uel cognosceret. Sed operatur opus suum, scilicet oraciones et ieiunium et cetera cum illa proprietate, quod nihil alius wlt facere, quin ista prius facta sint: isti portant et generant vnum fructum annuatim, qui tam paruus est. Quia vnaqueque proprietas operatur hoc, (29,5) quod libertas nobis tollitur semper in nouo, scilicet annum. Quia (29,6) anima generat fructum nullum, quin perficiat opus, quod cum proprietate (29,7) possedit, nec tamen talis homo confidit deo nec sibi ipsi, quin perficiat (29,8) opus suum, quod cum proprietate possedit, nec etiam habet (29,9) pacem. Et ergo talis homo nullum fructum facit, nisi perficiat (29,10) opus, et istum pono pro anno, et tamen talis fructus est paruus, quia ex proprietate procedit secundum istud opus et non secundum libertatem. Et tales dicuntur (30,1) legitimi, quia stant astricti cum proprietate et paruum (30,2) fructum afferunt et eundem, quem afferunt, paruissimus est, sicut prius dictum est.
  Eheleute bringen im Jahr kaum mehr als eine Frucht hervor. Aber eine andere Art »Eheleute« habe ich nun diesmal im Sinn: alle diejenigen, die ichhaft gebunden sind an Gebet, an Fasten, an Wachen und allerhand äußerliche Übungen und Kasteiungen. Jegliche Ichgebundenheit an irgendwelches Werk, das dir die Freiheit benimmt, in diesem gegenwärtigen Nun Gott zu Gebote zu stehen und ihm allein zu folgen in dem Lichte, mit dem er dich anweisen würde zum Tun und Lassen, frei und neu in jedem Nun, als ob du anders nichts hättest noch wolltest noch könntest: - jegliche Ichgebundenheit oder jegliches vorsätzliche Werk, das dir diese allzeit neue Freiheit benimmt, das heiße ich nun ein Jahr; denn deine Seele bringt dabei keinerlei Frucht, ohne daß sie das Werk verrichtet hat, das du ichgebunden in Angriff genommen hast, und du hast auch weder zu Gott noch zu dir selbst Vertrauen, du habest denn dein Werk vollbracht, das du mit Ich-Bindung ergriffen hast; sonst hast du keinen Frieden. Darum bringst du auch keine Frucht, du habest denn dein Werk getan. Dies setze ich als ein Jahr an, und die Frucht ist dennoch klein, weil sie aus dem Werke hervorgegangen ist in Ichgebundenheit und nicht in Freiheit. Solche Menschen heiße ich »Eheleute«, weil sie in Ich-Bindung gebunden sind. Solche bringen wenig Frucht, und die ist zudem noch klein, wie ich gesagt habe [3].   Es ist nämlich zu bemerken, dass Eheleute selten mehr als jährlich eine Frucht hervorbringen. Aber es gibt andere durch Gesetz gebundene Leute, die wir jetzt betrachten, nämlich alle, die mit Eigenschaft gebunden sind, nämlich bei Gebet, beim Fasten, beim Wachen und bei jeder äußeren Übung. Denn jede Eigenschaft eines jeden Werks, die raubt dem Menschen die Freiheit zu der Zeit, in der man für Gott wandeln müsste, zum Dienen in jenem Licht, in dem der Mensch dazu geführt wird, in allem das Gute zu tun und das Böse zu meiden, als ob er auf nichts achtete und nichts anderes wüsste oder kennen würde. Aber er wirkt sein Werk, nämlich Gebet, Fasten usw. mit der Eigenschaft, dass er nichts anderes tun will, ohne dass jene Werke zuvor verrichtet sind: diese Menschen tragen und bringen jährlich eine Frucht, die sehr klein ist. Denn jede Eigenschaft bewirkt, dass uns immer aufs neue, nämlich für ein Jahr, die Freiheit genommen wird. Denn die Seele bringt keine Frucht, wenn sie nicht das Werk vollendet, das sie mit Eigenschaft besessen hat, und doch vertraut ein solcher Mensch weder Gott noch sich selbst, wenn er nicht sein Werk vollendet, das er mit Eigenschaft besessen hat, und er hat auch keinen Frieden. Und deshalb bringt ein solcher Mensch keine Frucht, wenn er nicht das Werk vollendet, und dies setze ich für ein Jahr, und dennoch ist eine solche Frucht klein, weil sie aus der Eigenschaft hervorgeht, gemäß diesem Werk und nicht gemäß der Freiheit. Und solche Menschen werden durch das Gesetz gebunden genannt, weil sie mit Eigenschaft gefesselt sind und wenig Frucht bringen, und diejenige, die sie bringen, sehr klein ist, wie zuvor gesagt wurde.
  (30,3) Ein juncvrouwe, diu ein wîp ist, diu ist vrî und ungebunden âne eigen- (30,4) schaft, diu ist gote und ir selber alle zît glîch nâhe. Diu bringet vil vrühte (30,5) und die sint grôz, minner noch mêr dan got selber ist. Dise vruht und dise (30,6) geburt machet disiu juncvrouwe, diu ein wîp ist, geborn und bringet alle tage (31,1) hundert mâl oder tûsent mâl vruht joch âne zal gebernde und vruhtbære (31,2) werdende ûz dem aller edelsten grunde; noch baz gesprochen: jâ, ûz dem (31,3) selben grunde, dâ der vater ûz gebernde ist sîn êwic wort, dar ûz wirt si (31,4) vruhtbære mitgebernde. Wan Jêsus, daz lieht und der schîn des veterlîchen (31,5) herzen - als sant Paulus sprichet, daz er ist ein êre eund ein schîn des veter- (31,6) lîchen herzen, und er durchliuhtet mit gewalte daz veterlîchen herze - dirre (31,7) Jêsus ist mit ir vereinet und si mit im, und si liuhtet und schînet mit im als (31,8) ein einic ein und als ein lûter klâr lieht in dem veterlîchen herzen.   (30,3) Sed Virgo, que mulier est, illa libera est sine omni ligatura omnis proprietatis, (30,4) illa continue deo est eque propria et illa multos fructus auffert; (30,5) et illi fructus magni sunt neque maiores neque minores sunt quam sicut deus est [12r] in sese. Et illos fructus et illam generacionem gignit et attulit ista Virgo, que mulier est, omni anno, non dico anno: in omni die (31,1) centies uel milesies verum extra omnem numerum. Potest enim omni die fructificari et fructum (31,2) generare vltra omnem numerum ex illo nobilissimo fundo, jnmo venus (31,3) eodem ortu et fundo, ex quo idem pater eternus eternaliter generat suum eternum Verbum, ex quo homo erit (31,4) fecundus cum generacione. Quia christus ihesus est illud lumen et splendor patenni (31,5) condis. Vnde paulus: ipse est gloria et honor et splendor paterni (31,6) cordis et illuminat illud cum potestate. Et sic (31,7) ihesus christus est vnicus cum ea in ipsa, vnica est cum eo tamquam (31,8) vnica vnio, et sic tunc vnum verum et clarum lumen in paterno corde.
  Eine Jungfrau, die ein Weib ist, die frei ist und ungebunden ohne Ich-Bindung, die ist Gott und sich selbst allzeit gleich nahe. Die bringt viele Früchte, und die sind groß, nicht weniger und nicht mehr als Gott selbst ist. Diese Frucht und diese Geburt bringt diese Jungfrau, die ein Weib ist, zustande, und sie bringt alle Tage hundertmal oder tausendmal Frucht, ja unzählige Male, gebärend und fruchtbar werdend aus dem alleredelsten Grunde; noch besser gesagt: fürwahr, aus demselben Grunde, daraus der Vater sein ewiges Wort gebiert, aus dem wird sie fruchtbar mitgebärend. Denn Jesus, das Licht und der Widerschein des väterlichen Herzens - wie Sankt Paulus sagt, daß er eine Ehre und ein Widerschein des väterlichen Herzens sei und mit Gewalt das väterliche Herz durchstrahle (vgl. Hebr. 1,3) -, dieser Jesus ist mit ihr vereint und sie mit ihm, und sie leuchtet und glänzt mit ihm als ein einiges Eins und als ein lauterklares Licht im väterlichen Herzen.   Aber eine »Jungfrau«, die »Frau« ist, die ist frei ohne jede Fessel aller Eigenschaft, sie ist immer Gott in gleicher Weise eigen, und sie bringt viele Früchte; und diese Früchte sind groß und sind weder größer noch kleiner als Gott in sich selbst ist. Und diese Früchte und diese Geburt gebiert und bringt diese »Jungfrau«, die »Frau« ist, jedes Jahr, ich sage nicht, in jedem Jahr: an jedem Tag hundertfach oder tausendfach, wahrhaftig, außerhalb jeder Zahl. Sie kann nämlich jeden Tag fruchtbar werden und Frucht hervorbringen oberhalb jeder Zahl aus jenem edelsten Grund, ja sogar aus dem selben Ursprung und Grund, aus dem der ewige Vater ewig sein ewiges Wort gebiert, aus dem der Mensch fruchtbar wird mit der Geburt. Denn Christus Jesus ist das Licht und der Glanz des väterlichen Herzens. Daher sagt Paulus: er ist Ruhm, Ehre und Glanz des väterlichen Herzens und erleuchtet es mit Macht. Und so ist Jesus Christus eins mit ihr in ihr, sie ist eins mit ihm so wie eine einige Einheit, und so ist dann ein wahres und helles Licht im väterlichen Herzen.
  (32,1) Ich hân ouch mê gesprochen, daz ein kraft in der sêle ist, diu berüeret (32,2) niht zît noch vleisch; si vliuzet ûz dem geiste und blîbet in dem geiste und (32,3) ist zemâle geistlich. In dirre kraft ist got alzemâle grüenende und blüejende (32,4) in aller der vröude und in aller der êre, daz er in im selber ist. Dâ ist alsô (32,5) herzenlîchiu vröude und alsô unbegrîfelîchiu grôze vröude, daz dâ nieman volle (32,6) abe gesprechen kan. Wan der êwige vater gebirt sînen êwigen sun in dirre (32,7) kraft âne underlâz, alsô daz disiu kraft mitgebernde ist der sun des vaters (32,8) und sich selber den selben sun in der einiger kraft des vaters. Hæte ein (33,1) mensche ein ganzez künicrîche oder allez daz guot von ertrîche und lieze daz (33,2) lûterlîche durch got und würde der ermesten menschen einer, der ûf ertrîche (33,3) iener lebet, und gæbe im im denne got alsô vil ze lîdenne, als er ie menschen (33,4) gegap, und lite er allez diz unz an sînen tôt und gæbe im denne got einen (33,5) blik ze einen mâle ze schouwenne, wie er in dirre kraft ist: sîn vröude würde (33,6) alsô grôz, daz alles diss lîdens und armüetes wære nochdenne ze kleine. Jâ, (33,7) engæbe im joch got her nâch niemer mê himelrîches, er hæte nochdenne (34,1) alze grôzen lôn enpfangen umbe allez, daz er ie geleit; wan got ist in dirre (34,2) kraft als in dem êwigen nû. Wære der geist alle zît mit gote vereinet in dirre (34,3) kraft, der mensche enmöhte niht alten; wan daz nû, dâ got den êrsten menschen (34,4) inne machete, und daz nû, dâ der leste mensche inne sol vergân, und daz nû, (34,5) dâ ich inne spriche, diu sint glîch in gote und enist niht dan éin nû. Nû sehet, (34,6) dirre mensche wonet in éinem liehte mit gote; dar umbe enist in im noch lîden (34,7) noch volgen sunder ein glîchiu êwicheit. Disem menschen ist in der wâhrheit (34,8) wunder abegenomen, und alliu dinc stânt weselîche in im. Dar umbe enpfæhet (35,1) er niht niuwes von künftigen dingen noch von keinem zuovalle, wan er wonet (35,2) in einem nû alle zît niuwe âne underlâz. Alsolîchiu götlîchiu hêrschaft ist in (35,3) dirre kraft.   (32,1) Memini me dixisse, quod vna virtus est in anima, que numquam tetigit (32,2) nec tempus nec carnem et fluit ex spinitu et manet in spinitu et (32,3) est tota spiritualis. Jn ista virtute deus foret torus et virescit (32,4) in omni honore et gaudio, in quo est, sicut in se ipso est, et tale (32,5) gaudium est incomprehensibile et inestimabile et indicibile, quod nullo modo (32,6) loqui potest. Quia eternus pater generat suum eternum filium in ista (32,7) virtute anime sine intermissione, ita quod talis virtus congenerat eundem dei filium dei patris (32,8) et se ipsum eundem filium in eadem potestate patnis. Nota: si (33,1) homo haberet vnum magnum et potens regnum aut haberet omnia bona tocius mundi et ista omnia relinqueret (33,2) propter deum et efficeretur pauperimus tocius mundi, (33,3) et deus daret sibi omnes passiones et perturbaciones, quas aliquis hominum vmquam (33,4) passus est, et quod iste homo ista pacienter sufferret usque in mortem suam, et tunc daret sibi deus vnum solum (33,5) aspectum, ut posset videre, qualiter deus est in ista virtute anime, eius gaudium efficeretur (33,6) ira magnum, quod obliuisceretun de pressura preterita omnium passionum eius et tribulacionem et etiam pauper tatis sue. Et si adhuc maiora passus fuisset, tali gaudio non posset comparari. Et (33,7) si deus postea regnum celorum numquam sibi daret, [12v] tamen (34,1) tantum gaudium suscepisset, quod sufficeret sibi pro omnibus, que vmquam passus fuit, quia deus est in illa (34,2) virtute anime essencialiter et eternaliter sicut in eterno nouo. Si spiritus semper esset vnicus in ista (34,3) uirtute, talis ,homo non posset senescere, quia istud nouum, in quo deus fecit primum hominem, (34,4) et istud nouum, in quo vlcimus homo deberet perme et redigi in nichilum, et istud nouum, (34,5) in quo de quo actu loquor, illi noui sunt similes in deo et nichil est nouum. Et ideo (34,6) neque est in eo passio nec aliquid, sed talis homo est in vno lumine cum deo, et ideo in eo nichil est (34,7) nisi spinitualis etennitas. Jsti homini sunt abstracta omnia (34,8) wlnera in veritate, et omnia sunt sapienter ordinato in eo. Et non accipit (35,1) aliquid nouum de rebus cognitis neque ab aliquo accidente, quia consideratur (35,2) in nouo omni tempore sine intermissione. Tale divinum donum est in (35,3) tali virtute anime, ut diximus modo.
  Ich habe auch öfter schon gesagt, daß eine Kraft in der Seele ist, die weder Zeit noch Fleisch berührt; sie fließt aus dem Geiste und bleibt im Geiste und ist ganz und gar geistig. In dieser Kraft ist Gott ganz so grünend und blühend in aller der Freude und in aller der Ehre, wie er in sich selbst ist. Da ist so herzliche Freude und so unbegreiflich große Freude, daß niemand erschöpfend davon zu künden vermag (2). Denn der ewige Vater gebiert seinen ewigen Sohn in dieser Kraft ohne Unterlaß so, daß diese Kraft den Sohn des Vaters und sich selbst als denselben Sohn in der einigen Kraft des Vaters mitgebiert. Besäße ein Mensch ein ganzes Königreich oder alles Gut der Erde und gäbe das lauterlich um Gottes willen hin und würde der ärmsten Menschen einer, der irgendwo auf Erden lebt, und gäbe ihm dann Gott soviel zu leiden, wie er je einem Menschen gab, und litte er alles dies bis an seinen Tod, und ließe ihn dann Gott einmal nur mit einem Blick schauen, wie er in dieser Kraft ist: - seine Freude würde so groß, daß es an allem diesem Leiden und an dieser Armut immer noch zu wenig gewesen wäre. Ja, selbst wenn Gott ihm nachher nimmermehr das Himmelreich gäbe, er hätte dennoch allzu großen Lohn empfangen für alles, was er je erlitt; denn Gott ist in dieser Kraft wie in dem ewigen Nun. Wäre der Geist allzeit mit Gott in dieser Kraft vereint, der Mensch könnte nicht altern; denn das Nun, darin Gott den ersten Menschen schuf, und das Nun, darin der letzte Mensch vergehen wird, und das Nun, darin ich spreche, die sind gleich in Gott und sind nichts als ein Nun. Nun seht, dieser Mensch wohnt in einem Lichte mit Gott; darum ist in ihm weder Leiden noch Zeitfolge, sondern eine gleichbleibende Ewigkeit. Diesem Menschen ist in Wahrheit alles Verwundern abgenommen, und alle Dinge stehen wesenhaft in ihm. Darum empfängt er nichts Neues von künftigen Dingen noch von irgendeinem »Zufall« [4], denn er wohnt in einem Nun [5], allzeit neu, ohne Unterlaß. Solche göttliche Hoheit ist in dieser Kraft.   Ich erinnere mich gesagt zu haben, dass eine Kraft in der Seele ist, die niemals Zeit oder Fleisch berührt hat, die aus dem Geist fließt, im Geist bleibt und ganz geistig ist. In dieser Kraft blüht Gott ganz und grünt in aller Ehre und Freude, in der er ist, so wie er in sich selber ist, und diese Freude ist unbegreiflich, unschätzbar und unaussprechlich, so dass auf keine Weise davon gesprochen werden kann. Denn der ewige Vater gebiert seinen ewigen Sohn in dieser Kraft der Seele ohne Unterlass, so dass diese Kraft den selben Sohn Gottes, Gottes des Vaters, mitgebiert und sich selbst als den selben Sohn in der selben Kraft des Vaters. Bemerke: Hätte ein Mensch ein großes und mächtiges Königreich, oder besäße er alle Güter der ganzen Welt, und gäbe die alle Gottes wegen auf und würde der ärmste Mensch auf der ganzen Welt, gäbe ihm Gott alle Leiden und Betrübnisse, die ein Mensch jemals gelitten hat, und ertrüge jener Mensch diese geduldig bis zu seinem Tod, und gäbe ihm Gott dann nur einen Blick, so dass er sehen könnte, wie Gott in dieser Kraft der Seele ist, seine Freude würde so groß, daß er den vergangenen Druck aller seiner Leiden, seine Trübsal und auch seine Armut vergäße. Und wenn er auch noch Größeres erlitten hätte, es könnte mit solcher Freude nicht verglichen werden. Und wenn auch Gott ihm danach niemals das Himmelreich gäbe, dennoch hätte er so große Freude empfangen, dass es ihm für alles, was er jemals erlitten hat, genügen würde, weil Gott in dieser Kraft der Seele wesenhaft und ewig ist, so wie im ewigen Neuen. Wäre der Geist immer eins in dieser Kraft, ein solcher Mensch könnte nicht altern, weil das Neue, in dem Gott den ersten Menschen machte, das Neue, in dem der letzte Mensch zugrundegehen und zunichte werden muss, und das Neue, in dem ich über dieses Werk spreche, all dieses Neue in Gott gleich ist, und es ist nichts Neues. Und deswegen ist in ihm weder Leiden noch irgendetwas, sondern ein solcher Mensch ist in einem Licht mit Gott, und deshalb ist in ihm nichts als geistliche Ewigkeit. Diesem Menschen sind in Wahrheit alle Wunden abgenommen und alles ist weise in ihm geordnet. Und er empfängt nichts Neues von bekannten Dingen oder irgendeinem Zufall, denn er wird angesehen als einer, der sich allzeit ohne Unterbrechung im Neuen befindet. Eine solche göttliche Gabe ist in dieser Kraft der Seele, wie wir eben gesagt haben.
  (35,4) Noch ein kraft ist, diu ist ouch unlîplich; si vliuzet ûz dem geiste und (35,5) blîbet in dem geiste und ist zemâle geistlich. In dirre kraft ist got âne under- (35,6) lâz glimmende und brinnende mit aller sîner rîcheit, mit aller sîner süezicheit (36,1) und mit aller sîner wunne. Wærlîche, in dirre kraft ist alsô grôziu vröude (36,2) und alsô grôziu, unmæzigiu wunne, daz nieman vollen dar abe gesprechen (36,3) noch geoffenbâren kan. Ich spriche aber: wære ein einic mensche, der hie inne (36,4) schouwete vernünfticlîche in der wârheit einen ougenblik die wunne und die (36,5) vröude, diu dar inne ist: allez daz er gelîden möhte und daz got von im ge- (36,6) liten wolte hân, daz wære im allez kleine und joch nihtes niht; ich spriche (36,7) noch mê: ez wære im alzemâle ein vröude und ein gemach.   (35,4) Adhuc est alia virtus in anima que est incorporalis et fluit ex spiritu et tamen (35,5) manet in spiritu et est spiritualis. Et in illa virtute est deus sine intermissione (35,6) ascendendo et flammando cum omnibus suis diviciis et suauitatibus (36,1) et cum suis gaudijs. Vene in ista virtute est ita inestimabile gaudium, (36,2) quod nullus mihi plene potest quicquid dicere nec (36,3) manifestare. Ego dico: si vnus homo (36,4) cum intellectuali visu introspiceret istam virtutem et eius gaudium, ut dictum est, tantum ad ictum oculi, (36,5) in veritate per tale gaudium et tantam dulcedinem talis homo obliuisceretur etiam si omnes passiones tocius mundi passus fuisset vel omne, quod deus vellet (36,6) cum pari, totum parum et nichil esset in estimacione tanti gaudij; (36,7) vere omnis passio esset sibi gaudium.
  Noch eine Kraft gibt es, die ist auch unleiblich; sie fließt aus dem Geiste und bleibt im Geiste und ist ganz und gar geistig. In dieser Kraft ist Gott ohne Unterlaß glimmend und brennend mit all seinem Reichtum, mit all seiner Süßigkeit und mit all seiner Wonne [6]. Wahrlich, in dieser Kraft ist so große Freude und so große, unermeßliche Wonne, daß es niemand erschöpfend auszusagen oder zu offenbaren vermag. Ich sage wiederum: Gäbe es irgendeinen Menschen, der hierin mit der Vernunft wahrheitsgemäß einen Augenblick lang die Wonne und die Freude schaute, die darin ist, - alles, was er leiden konnte und was Gott von ihm erlitten haben wollte, das wäre ihm alles geringfügig, ja ein Nichts; ich sage noch mehr: es wäre ihm vollends eine Freude und ein Gemach.   Es ist auch noch eine andere Kraft in der Seele, die unkörperlich ist und aus dem Geist fließt, und dennoch bleibt sie im Geist und ist geistig. Und in dieser Kraft ist Gott ohne Unterlass aufsteigend und brennend mit all seinem Reichtum, all seiner Süßigkeit und mit seinen Freuden. Wahrhaftig, in dieser Kraft ist so unschätzbare Freude, dass mir niemand vollkommen etwas davon sagen oder offenbaren kann. Ich sage: Würde ein Mensch mit geistigem Blick in diese Kraft und ihre Freude hineinblicken, wie gesagt wurde, nur für einen Augenblick, in der Wahrheit, durch solche Freude und so große Süßigkeit vergäße ein solcher Mensch auch, wenn er alle Leiden der ganzen Welt erlitten hätte, oder alles, das Gott von ihm gelitten haben wollte: das alles wäre zu wenig und nichts in Abwägung so großer Freude; in der Wahrheit, jedes Leiden wäre ihm Freude.
  (36,8) Wilt dû rehte wizzen, ob dîn lîden dîn sî oder gotes, daz solt dû her an (36,9) merken: lîdest dû umbe dîn selbes willen, in welher wîse daz ist, daz lîden (37,1) tuot dir wê und ist dir swære ze Tragenne. Lîdest dû aber umbe got und got (37,2) aleine, daz lîden entuot dir niht wê und ist dir ouch niht swære, wan got (37,3) treit den last. Mit guoter wârheit! Wære ein mensche, der lîden wolte durch (37,4) got und lûterlîche got aleine, und viele allez daz lîden ûf in zemâle daz alle (37,5) menschen ie geliten und daz al diu werlt hât gemeinlich, daz entæte im niht (37,6) wê noch enwære im ouch niht swære, wan got der trüege den last. Der mir (37,7) einen zentener leite ûf mînen hals und in denne ein ander trüege ûf mînen (37,8) halse, als liep leite ich hundert ûf als einen, wan ez enwære mir niht swære (38,1) noch entæte mir ouch niht wê. Kürzlîche gesprochen: swaz der mensche lîdet (38,2) durch got und got aleine, daz machet im got lîhte und süeze. Als ich sprach in (38,3) dem beginne, dâ mite wir under predige begunden: »Jêsus der gienc ûf in ein (38,4) bürgelîn und wart enpfangen von einer juncvrouwen, diu ein wîp was«. War (38,5) umbe? Daz muoste sîn von nôt, daz sie ein juncvrouwe was und ouch ein wîp. (38,6) Nû hân ich iu geseit, daz Jêsus enpfangen wart; ich enhân iu aber niht geseit, (38,7) waz daz bürgelîn sî, alsô als ich nû dar abe sprechen wil.   (36,8) Vis modo scire, vtrum passio tua sit tua an dei, et debes in hoc (36,9) considerare: quia si [13r] aliquid passus es propter te ipsum et qualitercumque illa est, (37,1) ledit te et est tibi graue sufferendum. Sed si aliquid patenis propter deum et (37,2) solum in deo, raus passio non ledit te nec etiam est tibi grauis sed leuis, quia deus (37,3) portat vnus. In venitate: si esser aliquis homo, qui uellet pati propter (37,4) deo solo, et si omnis passio (37,5) tocius mundi caderet super eum simul et semel, nichil lederet eum (37,6) nec etiam esser sibi grauis, quia deus portaret honus. Si honus centum librarum, quod (37,7) centinarius dicitur, poneretur super collum meum, et si alius in (37,8) collo meo pontaret, ita leue essen michi, si adhuc centum libre super poneret sicut vnam, quam michi non essen graue (38,1) nec etiam ego portanem. Breuiter loquendo: quicquid homo patitur (37,2) pro deo et deo solo in laudem, jstud deus facit sibi leue et dulce. Vnde (38,3) ut supra: Jntrauit ihesus (38,4) et cetera, que fuit virgo et mulier. (38,5) Et istud necesse fuit, ut esset virgo et mulier, ut dictum est. (38,6) Sed non dixi, (38,7) quod esset castellum, et de hoc castello nobis propono dicere.
  Willst du recht wissen, ob dein Leiden dein sei oder Gottes, das sollst du hieran erkennen: Leidest du um deiner selbst willen, in welcher Weise es immer sei, so tut dir dieses Leiden weh und ist dir schwer zu ertragen. Leidest du aber um Gott und um Gottes willen allein, so tut dir dieses Leiden nicht weh und ist dir auch nicht schwer, denn Gott trägt die Last. In voller Wahrheit: Gäbe es einen Menschen, der um Gott und rein nur um Gottes willen leiden wollte, und fiele auf ihn alles das Leiden miteinander, das sämtliche Menschen je erlitten und das die ganze Welt mitsammen trägt, das täte ihm nicht weh und wäre ihm auch nicht schwer, denn Gott trüge die Last. Wenn mir einer einen Zentner auf meinen Nacken legte und ihn dann ein anderer auf meinem Nacken hielte, so lüde ich mir ebenso lieb hundert auf wie einen, denn es wäre mir nicht schwer und täte mir auch nicht weh. Kurz gesagt: Was immer der Mensch um Gott und um Gottes willen allein leidet, das macht ihm Gott leicht und süß. So denn habe ich am Anfang gesagt, womit wir unsere Predigt begannen: »Jesus ging hinauf in ein Burgstädtchen und ward empfangen von einer Jungfrau, die ein Weib war«. Warum? Das mußte notwendig so sein, daß sie eine Jungfrau war und dazu ein Weib. Nun habe ich euch darüber gesprochen, daß Jesus empfangen ward; ich habe euch aber (noch) nicht gesagt, was das »Burgstädtchen« sei, so wie ich (denn) jetzt darüber sprechen will.   Willst du nun wissen, ob dein Leiden dein oder Gottes sei, musst du auch dabei überlegen: wenn du etwas um deiner selbst willen leidest, wie auch immer es sei, dann tut es dir weh und ist für dich schwer zu ertragen. Erleidest du aber etwas wegen Gott, und allein in Gott, dann tut dir ein solches Leiden nicht weh und ist für dich auch nicht schwer sondern leicht, weil Gott allein es trägt. In der Wahrheit: Wäre ein Mensch, der wegen Gott allein leiden wollte, und fiele alles Leiden der ganzen Welt zugleich und einmal auf ihn, es täte ihm nicht weh und wäre für ihn auch nicht schwer, weil Gott die Last trüge. Wenn eine Last von hundert Pfund, die Zentner genannt wird, über meinen Nacken gelegt würde, und sie ein anderer auf meinem Nacken trüge, wäre es mir so leicht, dass, wenn einer noch hundert Pfund dazu darauflegte so wie eines, mir das nicht schwer wäre und ich es auch nicht trüge. Um es kurz zu sagen: alles, was der Mensch für Gott und Gott allein zum Lob leidet, das macht Gott ihm leicht und süß. Daher, wie ich oben gesagt habe: "Jesus trat hinein" etc., "die Jungfrau und Frau war". Und das war nötig, dass sie Jungfrau und Frau war, wie gesagt wurde. Aber ich habe bisher noch nicht gesagt, was das Burgstädtchen sei, und über dieses Burgstädtchen zu sprechen habe ich mir für uns vorgenommen.
  (39,1) Ich hân underwîlen gesprochen, ez sî ein kraft in dem geiste, diu sî aleine (39,2) vrî. Underwîlen hân ich geprochen, ez sî ein huote des geistes; underwîlen (39,3) hân ich gesprochen, ez sî ein lieht des geistes; underwîlen hân ich gesprochen, (39,4) ez sî ein vünkelîn. Ich spriche aber nû: ez enist weder diz noch daz; noch- (39,5) denne ist es ein waz, daz ist hher boben diz und daz dan der himel ob der (39,6) erde. Dar umbe nenne ich ez nû in einer edelerr wîse dan ich ez ie genante, (40,1) und ez lougent der edelkeit und der wîse und ist dar enboben. Ez ist von (40,2) allen namen vrî und von allen formen blôz, ledic und vrî zemâle,als got ledic (40,3) und vrî ist in im selber. Ez ist sô gar ein und einvaltic, als got ein und ein- (40,4) valtic ist, daz man mit dekeiner wîse dar zuo geluogen mac. Diu selbe kraft, (40,5) dar abe ich gesprochen hân, dâ got inne ist blüejende und grüenende mit aller (41,1) sîner gotheit und der geist in gote, in dirre selber kraft ist der vater gebernde (41,2) sînen eingebornen sun als gewæhrlîche als in im selber, wan er wærliche (41,3) lebet in dirre kraft, und der geist gebirt mit dem vater den selben ein- (41,4) gebornen sun und sich selber den selben sun und ist der selbe sun in (41,5) disem liehte und ist diu wârheit. Möhtet ir gemerken mit mînem herzen, (41,6) ir verstüendet wol, waz ich spriche, wan ez ist wâr und dîu wârheit sprichet (41,7) ez selbe.   (39,1) Memini me dixisse, quod vna virtus sit in spiritu, que virtus sit sola (39,2) libera. Etiam dixi, quod esset costos ipsius spiritus. Etiam (39,3) dixi, quod ipsa sit lumen spiritus. Etiam dixi (39,4) ipsam esse scintillam spiritus. Sed modo dico, quod neque est hoc neque illud; atamen (39,5) est aliquod, quod est supra et transcendit hoc et illud sicut celum transcendit super (39,6) terram. Quapropter secundum quod istam virtutem accipimus nunc, tunc est in nobiliori modo, quam vmquam accepi. (40,1) Sed ipsa potest poni istam nobilitatem et est multo alcius super. Est enim (40,2) libera ab omni nomine et nuda ab omnj forma, libera et absoluta, (40,3) et est in se ipsa quod est. Est enim simplex, ut deus simplex in sua simplicitate, (40,4) quod ad eam nullo modo est accedendum. Et illa eadem virtus, (40,5) de qua loquor, est ista virtus, in qua deus floret et virescit cum omni (41,1) sua diuinitate, et spiritus in deo. [13v] In ipsa enim virtute spiritus est deus pater generans vnum (41,2) vnigenitum filium in ea essencia sicut in se ipso, quia deus in venitate (41,3) viuit in jsta virtute. Et spiritus generat conpariter jpsum eundem coeternum (41,4) filium, et est filius anime in (41,5) eodem lumine et veritate. Si possetis considerare cum meo corde, (41,6) tunc bene intelligeretis. Ego dico in veritate et verum est et veritas dicit (41,7) per se ipsam,
  { Ich habe bisweilen gesagt, es sei eine Kraft im Geiste, die sei allein frei. Bisweilen habe ich gesagt, es sei eine Hut des Geistes; bisweilen habe ich gesagt, es sei ein Licht des Geistes; bisweilen habe ich gesagt, es sei ein Fünklein. Nun aber sage ich: Es ist weder dies noch das; Trotzdem ist es ein Etwas, das ist erhabener über dies und das als der Himmel über der Erde. Darum benenne ich es nun auf eine edlere Weise, als ich es je benannte, und doch spottet es sowohl solcher Edelkeit wie der Weise und ist darüber erhaben. Es ist von allen Namen frei und aller Formen bloß, ganz ledig und frei, wie Gott ledig und frei ist in sich selbst. Es ist so völlig eins und einfaltig, wie Gott eins und einfaltig ist, so daß man mit keinerlei Weise dahinein zu lugen vermag. } [vgl. Proc. col. I n. 69; II n. 121] Jene nämliche Kraft, von der ich gesprochen habe, darin Gott blühend und grünend ist mir seiner ganzen Gottheit und der Geist in Gott, in dieser selben Kraft gebiert der Vater seinen eingeborenen Sohn so wahrhaft wie in sich selbst, denn er lebt wirklich in dieser Kraft, und der Geist gebiert mit dem Vater denselben eingeborenen Sohn und sich selbst als denselben Sohn und ist derselbe Sohn in diesem Lichte und ist die Wahrheit. Könntet ihr mir meinem Herzen erkennen, so verstündet ihr wohl, was ich sage; denn es ist wahr, und die Wahrheit sagt es selbst.   Ich erinnere mich gesagt zu haben, dass eine Kraft im Geist sei, welche Kraft allein frei sei, und ich habe gesagt, dass sie eine Behütung des Geistes sei. Ich habe auch gesagt, dass sie ein Licht des Geistes sei. Ich habe auch gesagt, sie sei ein Fünklein des Geistes. Aber nun sage ich, dass sie weder dies noch das ist; dennoch ist ein Was, das darüber ist und dies und das übersteigt, so wie der Himmel die Erde übersteigt. Deshalb, demgemäß wie wir nun diese Kraft auslegen, ist es jetzt in einer edleren Weise als ich sie jemals ausgelegt habe. Aber sie kann in diesen Adel gesetzt werden und ist noch viel höher darüber. Sie ist nämlich frei von jedem Namen und bloß aller Form, frei und losgelöst, und ist in sich selbst, was sie ist. Sie ist nämlich einfach, wie Gott einfach in seiner Einfachheit ist, so dass man auf keine Weise zu ihr gelangen kann. Und die selbe Kraft, von der ich spreche, ist jene Kraft, in der Gott blüht und grünt mit aller seiner Gottheit, und der Geist in Gott. In jener Kraft des Geistes nämlich ist Gott der Vater den einen eingeborenen Sohn gebärend in dem Sein wie in sich selbst, weil Gott in Wahrheit in dieser Kraft lebt. Und der Geist gebiert auf gleiche Weise den selben mitewigen Sohn, und ist der Sohn der Seele im selben Licht und der selben Wahrheit. Könntet ihr mit meinem Herzen bedenken, dann verstündet ihr dies gut. Ich spreche in der Wahrheit und es ist wahr und die Wahrheit sagt es durch sich selbst,
  (42,1) Sehet, nû merket! Alsô ein und einvaltic ist diz bürgelîn boben alle wîse, (42,2) dâ von ich iu sage und daz ich meine, in der sêle, daz disiu edele kraft, von (42,3) der ich gesprochen hân, niht des wirdic ist, daz si iemer ze einem einigen (42,4) mâle einen ougenblik geluoge in diz bürgelîn und ouch diu ander kraft, dâ (42,5) ich von sprach, dâ got ist inne glimmende und brinnende mit aller sîner rîcheit (42,6) und mit aller sîner wunne, diu engetar ouch niemer mê dar în geluogen; sô (43,1) rehte ein und einvaltic ist diz bürgelîn, und sô enboben alle wîse und alle (43,2) krefte ist diz einic ein, daz im niemer kraft noch wîse zuo geluogen mac noch (43,3) got selber. Mit guoter wârheit und alsô wærlîche, als daz got lebet! Got selber (43,4) luoget dâ niemer în einen ougenblik und geluogete noch nie dar în, als verre (43,5) als er sich habende ist nâch wîse und ûf eigenschaft sîner persônen. Diz ist (43,6) guot ze merkenne, wan diz einic ein ist sunder wîse und sunder eigenschaft. (43,7) Und dar umbe: sol got iemer dar în geluogen, ez muoz in kosten alle sîne (43,8) götlîche namen und sîne persônlîche eigenschaft; daz muoz er alzemâle hie (43,9) vor lâzen, sol er iemer mê dar în geluogen. Sunder als er ist einvaltic ein, (44,1) âne alle wîse und eigenschaft: dâ enist er vater noch sun noch heiliger geist (44,2) in disem sinne und ist doch ein waz, daz enist noch diz noch daz.   (42,1) quod istud castellum est ira simplex et super omnem modum, (42,2) et est illa virtus anime, de (42,3) qua locutus sum. Sed illa eadem uirtus non est ut (42,4) semel ad ictum vnius oculi vmquam inspiciat in istud castellum, nec etiam alia uirtus, de (42,5) qua superius dixi, in qua deus floret et generat cum omnibus suis diuicijs (42,6) et gaudijs, illa etiam numquam audet inspicere. Jta (43,1) simplex, vnica et alta super omnes potencias et virtutes et transcendit omnem modum, hic et istud, solum vnio et vnius sui ipsius vnio, (43,2) ad quod nulla virtus nec modus accedere potest. (43,3) Hec etiam in venitate, in qua deus viuit: deus personaliter (43,4) numquam prospiciet eam ad ictum vnius oculi nec vmquam introspexit secundum (43,5) proprietatem persone. Et istud (43,6) est saris bene intelligendum, quia istud solum vnum est sine modo et est sine proprietate, (43,7) et ideo per deum: deus numquam debet introspicere, et istud stat ipsum omne (43,8) nomen deitatis cum proprietate sue personalitatis; ista omnia (43,9) excluderentur, si vmquam debet introspicere. Sed sicut est simplex vnum (44,1) sine proprietate, sic neque est pater neque filius neque spiritus sanctus, (44,2) jn isto sensu tantum vnum est, et vbi vnum est, ibi neque est hoc neque illud.
  Seht, nun merkt auf! So eins und einfaltig ist dies »Bürglein« in der Seele, von dem ich spreche und das ich im Sinn habe, über alle Weise erhaben, daß jene edle Kraft, von der ich gesprochen habe, nicht würdig ist, daß sie je ein einziges Mal (nur) einen Augenblick in dies Bürglein hineinluge, und auch die andere Kraft, von der ich sprach, darin Gott glimmt und brennt mit all seinem Reichtum und mit all seiner Wonne, die wagt auch nimmermehr da hineinzulugen; so ganz eins und einfaltig ist dies Bürglein und so erhaben über alle Weise und alle Kräfte ist dies einige Eine, daß niemals eine Kraft oder eine Weise hineinzulugen vermag noch Gott selbst. In voller Wahrheit und so wahr Gott lebt: Gott selbst wird niemals nur einen Augenblick da hineinlugen und hat noch nie hineingelugt, soweit er in der Weise und »Eigenschaft« seiner Personen existiert. Dies ist leicht einzusehen, denn dieses einige Eine ist ohne Weise und ohne Eigenheit. Und drum: { Soll Gott je darein lugen, so muß es ihn alle seine göttlichen Namen kosten und seine Personhafte Eigenheit } [vgl. Proc. col I n. 69]; das muß er allzumal draußen lassen, soll er je darein lugen. Vielmehr, so wie er einfaltiges Eins ist, ohne alle Weise und Eigenheit, so ist er weder Vater noch Sohn noch Heiliger Geist in diesem Sinne und ist doch ein Etwas, das weder dies noch das ist.   dass jenes Burgstädtchen so einfach und über alle Weise ist, und jene Kraft der Seele ist, von der ich gesprochen habe. Aber die selbe Kraft ist nicht so beschaffen, dass sie einmal einen Augenblick lang in dieses Städtchen hineinschauen könnte, und auch nicht die andere Kraft, von der ich oben gesprochen habe, in der Gott blüht und gebiert mit all seinem Reichtum und all seinen Freuden: diese wagt ebenfalls niemals hineinzublicken. Fürwahr, es ist einfach, eins und erhaben über alles Vermögen und alle Kräfte und übersteigt jede Weise, hier und das, ist nur Einheit und Einheit seines eigenen Einen, wohin keine Kraft und keine Weise Zugang haben kann. Sogar folgendes, in der Wahrheit, in der Gott lebt: Gott blickt in personhafter Weise niemals für einen Augenblick zu ihr und schaute gemäß der Eigenschaft seiner Person niemals hinein. Und dies ist freilich gut zu verstehen, weil dieses einzige Eine ohne Weise und ohne Eigenschaft ist, und daher, bei Gott: Gott soll niemals hineinblicken, oder dies kostet ihn selbst jeden Namen der Gottheit zusammen mit der Eigenschaft seiner Person; all dies muss ausgeschlossen werden, soll er jemals hineinschauen. Aber so wie er ein Eines ist ohne Eigenschaft, so ist er weder Vater noch Sohn noch heiliger Geist. In diesem Sinn ist er nur Eines, und wo eines ist, da ist weder dies noch das.
  (44,3) Sehet, alsus als er ein ist und einvaltic, alsô kumet er in daz ein, daz (44,4) ich dâ heize ein bürgelîn in der sêle, und anders kumet er enkeine wîse dar (44,5) în; sunder alsô kumet er dar în und ist dâ inne. Mit dem teile ist diu sêle (44,6) gote glîch und anders niht. Daz ich iu geseit hân, daz ist wâr; des setze ich (44,7) iu die wârheit ze einem geziugen und mîne sêle ze einem pfande.   (44,3) Modo considerate: illo modo, quod vnus est et simplex, ita venin in id vnum, quod (44,4) dico esse castellum in anima, et non alio quouis modo. (44,5) Tunc intrat in ea et est in ea, et in illa parte est anima (44,6) deo similis, aliter non.
  Seht, { so wie er eins und einfaltig ist, so kommt er in dieses Eine, das ich da heiße ein Bürglein in der Seele, und anders kommt er auf keine Weise da hinein } [vgl. Proc. col I n. 69]; sondern nur so kommt er da hinein und ist darin. Mit dem Teile ist die Seele Gott gleich und sonst nicht. Was ich euch gesagt habe, das ist wahr; dafür setze ich euch die Wahrheit zum Zeugen und meine Seele zum Pfande [7].   Bedenkt nun: auf diese Weise, weil er einer und einfach ist, so kommt er in das Eine, von dem ich sage, dass es das Burgstädtchen in der Seele ist, und auf keine andere Weise. Dann tritt er in sie ein und ist in ihr, und in diesem Teil ist die Seele Gott gleich, anders nicht.
  Daz wir alsus sîn ein bürgelîn, in dem Jêsus ûfgange und werde enpfangen und êwiclîche in uns blîbe in der wîse, als ich gesprochen hân, des helfe und got. Âmen.  
  Daß wir so ein »Bürglein« seien, in dem Jesus aufsteige und empfangen werde und ewig in uns bleibe in der Weise, wie ich's gesagt habe, dazu helfe uns Gott. Amen.  

Anmerkungen Quint
1 Mit wie er war, da er noch nicht war ist die Existenz des Menschen als Idee in Gott gemeint. Eckehart läßt sich über diese Vorexistenz des Menschen in seiner Idee in der Predigt 32 genauerhin aus [JQ, S. 471].
2 Die Kraft, von der der Prediger in diesem Abschnitt spricht, ist die oberste Vernunft, über die Eckehart an sehr vielen Stellen handelt, insbesondere an der durch die RS inkriminierten und wiederholt von Eckehart verteidigten Stellen der Pr. 13 [S. 471].

Eigene
1, 2 Solche Aufforderungen sind typisch für Eckhart als Lehrer. Er predigt wohl vor dem Nachwuchs im Konvent.
3 Das eine Jahr, von dem Eckhart hier spricht: Könnte damit das eine Jahr gemeint sein, dass die Novizen hinter sich brachten, um aufgenommen zu werden? Ist der Anlaß dieser Predigt die Profess? Sie werden ja nun gewissermaßen "jungfräulich" in den Orden aufgenommen und haben ihr Werk noch vor sich.
4 "Zufall": In Gen. n. 289; In Joh. nn. 134, 512, 716; Prr. 3, 16b, 35, 104.
5 "Nun": (In Gen. n. 88); In Joh. nn. 293, 739; Predigten [Nr., in () Anzahl der Nennungen]: 1 (3), 2 (9), 9 (4), 10 (2), 11 (2), 15, 19, (21), 30, 35 (2), 38 (2), 43, 49, 50 (2), 54b (2), 69 (4), 76, 77, 83 und Sermo VIII (2).
  Die Häufung des 'Nun' in der vorliegenden Predigt ist einzigartig: "Wäre der Geist allzeit mit Gott in dieser Kraft vereint, der Mensch könnte nicht altern; denn das Nun, darin Gott den ersten Menschen schuf, und das Nun, darin der letzte Mensch vergehen wird, und das Nun, darin ich spreche, die sind gleich in Gott und sind nichts als ein Nun". In einem Satz vier 'Nun'. Im ganzen Johanneskommentar spricht Eckhart nur zweimal das Nun an. Und das der Mensch nicht altert, erscheint sonst nicht als dringender Wunsch Eckharts. Außer an dieser Stelle gibt es sonst nur noch zwei Äußerungen: "'Jüngling!' Alle Kräfte, die der Seele zugehören, altern nicht." (Pr. 43) oder in dem Sermon: "Denn 'nichts Neues gibt es unter der Sonne' (Pred. 1,10); zum Beispiel: die geistigen Kräfte altern nicht." (Serm. VI., n. 80).
  In einer Predigt (35) erscheint das Nun im Schlusssatz: "Daß wir zu diesem Nun kommen, dazu helfe uns Gott. Amen" (DW 2, S. 670).
6 'glimmende' [hds. B1, P1 (y4); B4, Tr (y9) - vgl. Steer/Vogl, S. 174] ('glimmt' immerhin noch in Pr. 13) und 'unlîplich' erscheinen im gesamten Oeuvre nur hier.
7 "Dafür .. setze ich meine Seele zum Pfande". Weitere Stellen: 1. Löser zu Par. an. 16 aus der Hs. Lo4: "Jch setcze myne sele czü phande" (f. 160) [Löser, mê, S. 215]; 2. Predigt S 91: "Ich setze mîne sêle ze pfande an dem jüngesten tage ze der helle ze gebenne, daz diz wâr sî, daz ich nû sprechen wil" [DW 4,1, S. 95,95 f.].

1  Der mittelhochdeutsche Text und die Anmerkungen Quints (in runden Klammern) entsprechen dem Abdruck in: "Meister Eckhart, Die deutschen und lateinischen Werke, Die deutschen Werke 1, Kohlhammer Stuttgart 1958, S. 3-20."
  Die Anmerkungen sind fortlaufend beziffert. Im Original wird auf jeder Seite neu gezählt. Hier ist nur ein Bruchteil der Anmerkungen wiedergegeben. Eigene Anmerkungen sind durch eckige Klammern gekennzeichnet.
  Der nhdt. Text ist dem Band "Meister Eckehart. Deutsche Predigten und Traktate, München, Hanser, 5.1978, S. 159-164" entnommen, die mit der Übersetzung in DW 1, S. 429-433 übereinstimmt, aber zusätzlich Zeilenangaben aufweist. Die Texteinschübe und Verweise auf Bibelstellen Quints in Klammern sind etwas (eingerückt) und die dort kursiv gesetzten Stellen werden hier in Farbe dargestellt (s. Hilfe).
  Der lateinische Text nach der Hs. Ko (s. Tab.) und die deutsche Übersetzung sind Steer/Vogl, Die bürgelîn-Predigt Meister Eckharts (s.u.) entnommen (S. 241-247, 248-253). Die Textauszeichnung habe ich beibehalten: "Fett ausgezeichnet sind Zusätze in der lateinischen Übersetzung, die im mittelhochdeutschen Text keine Entsprechung haben; gesperrt ausgedruckt werden Wörter und Passagen, die sprachlich und inhaltlich vom mittelhochdeutschen Text abweichen" (S. 241).
  Die Texteinschlüsse in geschweiften Klammern {} bezeichnen die Zitate, die von den Inquisitoren als der Häresie verdächtig angesehen und ins Lateinische übersetzt wurden.

Bearbeitung
Textausgabe: Pfeiffer, Nr. VIII, S. 42,17-47,7.
Edition: Quint, DW 1, S. 24-45.
Neuedition: Steer / Vogl, S. 219-240
Übersetzungen: Büttner II, S. 151 ff., 2.1934 S. 269 ff.; Lehmann, S. 171 ff.; Schulze-Maizier, S. 307 ff.; Quint (DW 1), S. 434-438 - (vgl. Bibliographie).
Literatur: s. Predigten.

Stemma (Steer / Vogl, S. 218)

Textbestand-Diagramm (chronologisch)
  Das Diagramm zeigt die Verteilung der Textmengen in den Hss. Die obere Zahlenreihe entspricht den Seiten 24 bis 45 der DW-Edition mit der jeweiligen Anzahl der Zeilen (addiert; in der Ed. wird auf jeder Seite neu gezählt).


Maßstab: 3 : 1 (3 Pixel = 1 Zeile)

Handschriften (chronologisch; Druck BT eingereiht; vgl. Steer/Vogl, S. 195 ff.)

Hs.DatumMundartHerkunftTextbestand
Ka1Mitte 14.alem.vermutl. Raum Straßburg, Dominikaner vollständig 1
Br114. (1361)mnld.Zonien, rooden Kl. St. Paul vollständig
N203. V. 14.elsäss.Vb. Freiburg, Klarissen 24,1 - 30,6 (1-61) 2
B414. (1391)alem.Straßburg, Dominikaner vollständig
B114. (1345?)elsäss.Hagenau, Reuerinnen 32,1 Ich - 38,2 süeze + 38,6 ich enhân - 44,7 pfande
(70-115, 119-159)
St214. (Mitte?)(alem.)-elsäss.Elsaß ? vollständig
KoAnfang 15.alem.Schönensteinbach, Dominikanerinnen? vollständig
KoAnfang 15.lat.Schönensteinbach, Dominikanerinnen? vollständig
N8um 1400 - M. 15.nürnberg.Nürnberg, Dominikanerinnen vollständig
Str31440ostschwäb.vermutl. Augsburg vollständig
S11441elsäss. (niederalem.)Lahr bei Offenburg 27,1 - 28,1 + 28,7 - 29,9 + 30,3 - 32,8 + 34,2 - 37,6
(25-35, 41-52, 58-77, 86-111)
M1415. (1447)ostschwäb.Augsburg, Benediktiner 32,8 - 34,1 (78-85)
B91. H. 15.ostalem.Buxheim, Kartause vollständig
Tr1. H. 15.moselfränk.Koblenz, Kartäuser vollständig
G1vor 1450alem.Teufen, Kapuzinerinnen 25,2 Sehet - 26,3 enwas 3
Me2um 1450bair.Melk, Benediktiner 24,4 'unser herre - 27,6 bezzer + 28,2 - 6 was' +
30,3 Ein - 31,1 + 4 - 7 + 32,1 - 6 kan + 36,3 Ich - 7 gemach +
38,6 -7 wil
(4-30, 36-39, 58-62, 65-67, 70-74, 100-104, 118-120)
Mai11450ostschwäb.Kirchheim/Ries, Zisterzienserinnen vollständig
P115. (1467/68?)(alem.)-elsäss.Straßburg, Dominikanerinnen 32,1 Ich - 38,2 süeze (70-115)
Me31440-55bair.Melk, Benediktiner 32,1 - 6 + 34,2f. + 36,3 - 7 (70-74, 86f., 100-104)
St1 4um 1470alem.-elsäss.? vollständig
B1215. (1470/73)westschwäb.Güterstein, Kartäuser 36,8 Wilt - 38,2 süeze (105-115)
Nu 5um 1470-80mnld.? vollständig
Fr4 6[um 1478-82][südalem./schwäb.][Konstanz, Dominikanerinnen] [~ 24,8 - 26,3 + 29,1 - 5 stark abweichend]
B6Ende 2. - 3. V. 15.hier: niederdt.Geldern, Schwestern vollständig
Sa 4(4. V.) 15.schwäb. / hochalem.? vollständig
Gö115.ostfränk.-nordbair.(aus einem Frauenkloster) 25,2 der - 26,5 getete (9-20)
Gaum 1500mnld.(Frauenkloster ?) vollständig
Ba31. Zehntel 16.alem.Basel, Kartäuser 25,2 der - 26,5 getete (9-20)
BT1521/22oberrhein.Basel vollständig
Em1588mnld.? 36,8 Wilt - 38,2 süeze (105-115)

1 In der Hs. mit seinen weit über hundert Pr.-Fragmenten die einzige vollständige Pr.
2 Textbestand DW, in Klammern die Zeilen der Neuediton (160 insgesamt)
3 G1 nicht in DW und der Neuedition von Steer / Vogl. Textbestand nach Quint, Überl., S. 126, Anm. 1 (Pf. 42,46-43,2)
4 Nach Inhalt und Reihenfolge der einzelnen Stücke stimmen Sa und St1 genau überein
5 Nu nicht in der Neuedition von Steer / Vogl
6 Fr4 nicht in der Neuedition von Steer / Vogl; Angaben in eckigen Klammern vgl. Angaben zur Hs.

[20.6.12]

Beschreibung
  "Die Predigt ist hsl. für Meister Eckhart bezeugt. Johannes Wenck und der unbekannte Verfasser des Traktats Von den drin fragen zitieren den vorliegenden Text. - Ruh folgt Pahncke in der von Quint zurückgewiesenen Annahme, »daß die Predigt in dieser, den Kölner Inquisitoren wie uns geläufigen Form das Produkt eines Redaktors ist, der zwei Predigten ineinander geschoben hat [, einer] ("Rahmenpredigt") [und einer] ("Binnenpredigt"), deren erste Hälfte uns nicht bekannt ist.« [Ruh, Eckhart, S. 143]. Die Annahme Ruhs und Pahnckes kann erklären, warum Eckhart im Proc. Col. die Authentizität des ihm vorgelegten Texts nicht anerkannte, ohne sich jedoch inhaltlich von der inkriminierten Stelle zu distanzieren" [Largier, S. 759]
  Die Nichtanerkennung Eckharts der ihm vorgelegten Auszüge führte zu einer intensiven Beschäftigung mit dieser Predigt und verschiedenen Erklärungsansätzen (zu denen neben dem Annahme Pahnckes auch die Überlegung Lösers zu stellen ist, es habe möglichigerweise eine Zweitfassung der Predigt gegeben), die von Steer und Vogl mit vielen Textbeispielen u.a. aus den lateinischen Sermones ausführlich diskutiert und letzten Endes verworfen werden. Eine einfache Lösung erscheint viel naheliegender. Sie fragen: "Ist die Koblenzer Textfassung [gemeint ist die lateinische Übersetzung] jene, die Meister Eckhart zurückgewiesen hat?" (S. 187 ff.) und antworten:
  "In der massiven Fehlerhaftigkeit der Koblenzer Übersetzung könnte sich jenes Exemplar spiegeln, das Eckhart wegen seines desolaten Textzustandes zurückgewiesen hat. Es müsste allerdings angenommen werden, dass man Eckhart eine lateinische Übersetzung der >Intravit Iesus<-Predigt unter die Augen gelegt hat, doch gewiss nicht das Koblenzer Exemplar, sondern eine andere frühere Abschrift vor dem Jahr 1326. Wer die lateinische Textfassung (...) mit dem Text (...) Eckharts vergleicht, wird zu keinem anderen Urteil kommen als Meister Eckhart selbst:

'Es ist zu sagen, das ich (Eckhart) in dieser Predigt ... vieles gefunden habe, was ich niemals gesagt habe. Auch ist vieles darin ohne Verstand geschrieben, dunkel, wirr und gleichsam schlaftrunken'.

  Eine vergleichende Lektüre zwischen der lateinischen Übersetzung der bürgelîn-Predigt in der Handschrift Ko und der deutschen Textfassung Eckharts, erstellt aus der Kenntnis aller bisher bekannt gewordenen Textzeugen, mag diesen Eindruck bestätigen" (S. 188f.).
  In der Responsio wird in beiden Listen auf eine Stelle dieser Predigt Bezug genommen: In der ersten Liste in n. 69 (Antwort Eckharts darauf in n. 147) und in der zweiten Liste in n. 121 (Antwort in n. 122). "Echtheit: gesichert durch RS." [DW 1, S. 22]
  Weitere Informationen und Literatur s. Predigten. [7.5.12]

Datierung
  Die Predigt ist in der vorliegenden Form von Eckhart als einzige von 16 der in der Responsio zitierten nicht authorisiert. Dort sagt er dazu u.a. auch: "Ich habe zu bemerken, daß in dieser Predigt, die mir schon vor langem einmal vorgehalten wurde, sich vieles findet, was ich niemals gesagt habe. Auch ist viel Sinnloses, Dunkles, Wirres und gleichsam Schlaftrunkenes darin, weshalb ich es ganz und gar von mir wies" (in Processus ... n. 48, Proc. Col. II, n. 122; Übersetzung nach Karrer und Ruh).
  Die fett wiedergegebene Stelle (im Zitat von Steer/Vogl oben ausgelassen) lautet im Original: "iam dudum mihi oblatum" (LW V, S. 347,3). Übersetzung von "dudum": "lange, längst, seit längerer Zeit" und in der Kombination "iam dudum": "schon längst" (ist also schon eine Zeitlang her). Kurt Ruh äußerte deshalb die Vermutung, dass Eckhart "bereits vor dem Kölner Prozeß, vielleicht schon in Straßburg, diese Predigt 'vorgehalten' wurde" [Ruh, Eckhart, S. 149]. Sollte die Predigt aus Eckharts Straßburger Zeit stammen, so müßte ihm die lateinische Übersetzung demnach bereits dort vorgelegt worden sein. Ruh hielt es sogar für "bewiesen (...), daß Eckharts Inquisitoren ihr Material vollständig und ausschließlich den Straßburger Kreisen verdankten" [Ruh, ZfdA 128, S. 44].
  Einen weiteren Hinweis liefern die ältesten 7 Textzeugen, die bis auf eine Ausnahme (die niederländische Übersetzung in Br1 - auf welchem Wege die Abschrift 'x1' in die Niederlande gelangte, sei dahingestellt) in alemannischer bzw. elsässischer Schriftsprache abgefasst sind. Tatsächlich stammen alle Handschriften, die nicht der ndl. Tradition angehören (B6, Br1, Em, Ga, Nu), einschließlich der lateinischen Übersetzung aus dem oberrheinischen und süddeutschen Raum, was den Ursprung der Hs. 'xy' in Straßburg sehr wahrscheinlich macht. Da der Beginn der Straßburger Verfolgungen auf den August 1317 datiert wird, könnte die Predigt also zwischen 1314 und 1317 am Straßburger Konvent der Dominikaner (aus Anlaß der Profess ? s. Anm. 3) an einem 15. August gehalten worden sein.